October 22, 2010

Kath. Antisemitismus + militanter Untertanengeist



Daniel Goldhagen 2003: Die Katholische Kirche und der Holocaust

pt 1 & pt 3 & pt 4 & pt 5 & pt 6 & pt 7 & pt 8 & pt 9


S. 26) Moralische Prüfung des Katholizismus dringend nötig

Wenn es ein Ereignis gibt, das nach einer gemeinsamen moralischen Bewertung schreit, dann ist es der Holocaust – aus diesem Grund werden diejenigen, die das auch nur stillschweigend andeuten, von jenen angegriffen, die schon ahnen, wie verheerend die Urteile ausfallen werden. Wenn es eine Institution und eine Gruppe gibt, die sich als Gegenstand einer solchen Untersuchung eignen und diese begrüßen sollten, dann sind es die katholische Kirche und ihr Klerus. Dies vor allem wegen des Selbstverständnisses der Kirche als moralische Institution und wegen ihrer herausragenden Rolle als lautstarke und wirkungsvolle moralische Stimme im öffentlichen Diskurs. Die Kirche selbst, die Katholiken, die Opfer sowie diejenigen, denen an diesen dreien gelegen ist, sie alle brauchen dringend eine moralische Prüfung der katholischen Kirche. Das scheint auf der Hand zu liegen. Doch wenn es um den Holocaust geht, scheut man davor zurück, über die Kirche und ihre Mitglieder zu urteilen. Warum?


S. 31) Arendt's and Sartre's Historical Science Fiction

Die von Arendt und Sartre errichteten Moralgebäude, so interessant sie auch sein mögen, beruhen auf historischen Fiktionen. Sartre selbst räumte dreißig Jahre nach dem Erscheinen seines Essays "Überlegungen zur Judenfrage" ein, das Buch sei nahezu reine Erfindung.
In einem berühmt gewordenen Interview mit Bernhard-Henri Lévy gestand er, dass "die Realität des Juden fehlte" und dass er sich für diese Realität oder die jüdische Geschichte nicht interessiert habe, weil er seinerzeit geglaubt habe, dass es so etwas nicht gibt.

Lévy, der Sartres Eingeständnis seiner Unwissenheit nicht glauben mochte, wandte ein:
"Aber als du die Überlegungen geschrieben hast, hast du doch eine Dokumentation zusammengestellt?"
Sartre erwiderte einsilbig: "Nein."
Lévy fragte nach: "Was heißt nein?"
Sartres Antwort war unmissverständlich: "Nie. Ich habe die Judenfrage ohne jede Dokumentation geschrieben, ohne ein jüdisches Buch zu lesen."
Sartres Unkenntnis der Antisemiten war so groß, dass er sogar die absurde Behauptung aufstellte, in der Arbeiterschaft ließe sich kaum ein Antisemit finden. Arendt wusste wenigstens einiges über Eichmann, da sie an seinem Prozess teilgenommen hatte, aber vieles von dem, was sie über ihn schrieb, waren ihre Empfindungen, die inzwischen reichlich und unanfechtbar als Unwahrheiten entlarvt wurden.
Wie könnte jemand ernsthaft behaupten, Arendts oder Sartres Ansichten, mögen sie moralisch noch so ansprechend sein, würfen ein Licht auf die Richtigkeit einer Erklärung für das Handeln der Täter?



S. 33) Ihr seid vom Teufel und nach dessen Lust wollt ihr tun

Ein anderer, ebenso grotesker antisemitischer Vorwurf, der auf die Bibel zurückgeht, ist der, die Juden seien Kinder des Teufels. Die Ansicht, die Juden seien Kinder oder Werkzeuge des Satans, erfuhr im mittelalterlichen Europa weiteste Verbreitung und bildete zusammen mit dem Vorwurf des Christusmordes die Grundlage für viele weitere Anschuldigungen und schädliche Handlungen gegen Juden. *)
Der christlich-biblische Vorwurf, der die Juden mit dem Teufel gleichsetzte, war ein geläufiges Thema bis in die NS-Zeit hinein und wurde von den Nationalsozialisten bereitwillig aufgegriffen, z.B. in einem Kinderbuch, das das hasserfüllte Gedicht "Der Vater des Juden ist der Teufel" enthielt.
Ein anderes bekanntes NS-Kinderbuch, "Der Giftpilz", verschmolz christlichen Antisemitismus mit dem der Nationalsozialisten, wie eine der Abbildungen daraus deutlich macht.
Diese auf den ersten Blick fantastisch erscheinenden Vorwürfe haben ihre Wurzel in den Evangelien. [...]
Die Autoren der Evangelien wollten die Juden und das Judentum abwerten, um ihren Zeitgenossen einzureden, die Juden hätten den Weg zu Gott verwirkt, womit sie ihren in den Evangelien häufig wiederkehrenden christlichen Anspruch untermauerten, die Nachfolger Jesu hätten die Juden als Volk Gottes abgelöst.
Wer wie diese Autoren die Juden zu einer "Schlangenbrut" oder zu Kindern des Teufels erklärt oder behauptet, alle Juden hätten sich und ihre Nachkommen freiwillig verflucht, oder irgendeine der übrigen zahlreichen antisemitischen Verleumdungen verbreitet, die in den Evangelien und den anderen Büchern der christlichen Bibel vorkommen, kann nicht als glaubwürdiger historischer Zeuge für das gelten, was die Juden getan und was sie über Jesus gedacht haben. Er kann nicht als verlässliche historische Quelle über das Verhältnis der Juden zu Jesus gelten, weil er den Juden offensichtlich feindlich gesinnt ist und damit voreingenommen gegen sie.

*) Johannes 8:44
Joshua Trachtenberg schreibt in seiner klassischen Untersuchung "The Devil and the Jews: The Medieval Conception of the Jew and Its Relation to Modern Anti-Semitism", Philadephia 1986: "Es verwundert denn auch nicht, dass Juden der übelsten Verbrechen bezichtigt wurden, weil Satan ihr Anstifter war. Chaucer gab in seiner 'Prioresses Tale' die Schuld an der angeblichen Ermordung eines christlichen Kindes durch einen Juden letztlich 'unserem ersten Feind, der Schlange Sathanas, die im Herzen der Juden ihr Wespennest hat.' Es war allgemein bekannt, dass der Teufel und die Juden zusammenarbeiteten. Deshalb war es so einfach, die Juden von vornherein für jede erdenkliche Missetat zu verurteilen, mochte es auch noch so unsinnig sein." (S. 42 f.)



S. 37 f.) Das gesamte Schlachtfeld strategischer Ausschaltung

Historisch ist der Antisemitismus oft in den Wunsch gemündet, Juden und ihren Einfluss aus der Gesellschaft auszuschalten. Wenn ich von eliminatorischem Antisemitismus oder – vor allem für die NS-Zeit – von einer eliminatorischen Verfolgung, einem eliminatorischen Programm oder einem eliminatorischen Angriff spreche, bedeutet das nicht unbedingt Töten, denn Töten ist nur eines von zahlreichen Mitteln der Ausschaltung. Eliminatorische Maßnahmen können von unterschiedlicher Art und Schwere sein, sie reichen von der Beschneidung der ökonomischen, sozialen, kulturellen und politischen Spielräume über Ghettoisierung, Zwangskonversion (Zwangstaufe) und Ausweisung bis zur Massenvernichtung.
In den 30er Jahren bestand das eliminatorische Programm der Deutschen, das bereits voll im Gange war, nicht in massenhafter Tötung, sondern in rechtlichen Maßnahmen und sozialen Praktiken, die Juden in beruflichen und gesellschaftlichen Kontakten mit Deutschen ausschlossen. Das wiederum machte aus ihnen eine gehetzte, verelendete, sozial ausgegrenzte Gemeinschaft, mit dem Ziel, sie ganz aus Deutschland zu vertreiben.
Der allgemeine Ausdruck "eliminatorisch" sollte daher, wie ich in Hitlers willige Vollstrecker immer wieder klargemacht habe, nicht Tötung bedeuten, sondern den Wunsch oder das Bestreben ausdrücken, ein Gebiet auf diese oder jene Weise von Juden und ihrem wirklichen oder eingebildeten Einfluss frei zu machen – wobei die hauptsächliche antisemitische eliminatorische Maßnahme der Deutschen in ganz Europa allerdings ab Mitte 1941 die Massentötung war.

Christoph Türcke (mit Jesus argumentierend) zum Begriff "eliminatorisch": "Klar, jeder Antisemitismus ist in seinem konkreten kulturellen Kontext zu gewichten und längst nicht jeder erreicht den äußersten Grad.
Aber gerade deshalb taugt das Wörtchen 'eliminatorisch' einzig zur Charakterisierung eines bestimmten Grades, nicht einer bestimmten Art von Antisemitismus.
Grad ist momentaner Zustand, Art ist feste Eigenschaft. Ob Goldhagen dieser Unterschied klar ist? Jedenfalls lässt er nichts davon merken. Sein Verfahren besteht darin, den Gradbegriff, für den er reihenweise Belege hat, mit einem Artbegriff verschwimmen zu lassen, der sich durch nichts beweisen lässt. Allen, die ihm die Haltlosigkeit eines solchen Artbegriffs vorhalten, hält er das Beweismaterial seines Gradbegriffs entgegen. [...]
So springt er zwischen Grad und Art des deutschen Antisemitismus hin und her, wechselt stets die Farbe, auf der man ihn treffen will, und allein das ist es, was ihm so viel Ärger, Aufsehen und Ansehen gebracht hat – nicht die historische Faktenerhebung selbst."



S. 42) Der Cordon sanitaire zwischen Kirche und Regime

Die Annahmen von Verteidigern und etlichen Kritikern Papst Pius' XII. tragen ebenso wie ihre Irrtümer dazu bei, die eigentlichen Fragen zu verdunkeln. Zumeist geht es ausschließlich um den Papst, so als wäre der Papst die Kirche. Dabei ist Pius XII. ein zwar wichtiger aber doch nur kleiner Teil des Ganzen, und wenn man ihn in den Mittelpunkt rückt, lenkt man vom Verhalten der übrigen Kirche ab – also von seinem Vorgänger, Papst Pius XI., den nationalen Kirchen, den Bischöfen, Priestern und anderen. Die Verteidiger der Kirche, die sich nicht ausschließlich mit dem Papst befassen, picken sich das heraus, was die Kirche in ein günstiges Licht rückt, statt systematisch alle Teile der Kirche zu betrachten, auch jene, die falsch gehandelt haben. Außerdem sondern sie den Antisemitismus der Kirche durch einen künstlichen Cordon sanitaire vom Antisemitismus der Nationalsozialisten ab und erwecken dadurch den Eindruck, beides hätte nichts miteinander zu tun gehabt. Dieser Kunstgriff erlaubt es ihnen, die Kirche als moralische Institution zu rühmen und sie zugleich als politische Institution zu verteidigen, wobei sie unterschlagen, dass sie jeweils unterschiedliche Maßstäbe anlegen.


S. 50 ff.) Größter und umfassendster Angriff in einer langen Reihe vernichtender Attacken

Der extremen Langlebigkeit des Antisemitismus entsprechen seine Intensität und Wucht. Von allen in Europa verbreiteten Vorurteilen hat der Antisemitismus wohl den furchterregendsten Gehalt. Im Mittelalter war die Ansicht verbreitet, die Juden seien Diener des Teufels (Antichristen), in der Neuzeit, sie seien Untermenschen mit ungeheurer Macht, erblich darauf programmiert, die Menschheit zu vernichten (Menschheitsfeinde). Jahrhundertelang – und am verheerendsten im 20. Jh. – war der Antisemitismus eine Europa verbindende Kraft, ein gemeinsamer Hass, in dem sich sogar verfeindete Völker und Gruppen einig waren.
Der Antisemitismus hat alle anderen in Europa verbreiteten Vorurteile auch darin übertroffen, dass er eliminatorische Gewalt erzeugte, in Form von zwangsweiser Segregation, Vertreibungen und Massenmorden.
In ganz Europa haben nichtjüdische Bevölkerungen Juden – manchmal auf Jahrhunderte hinaus – vertrieben: 1016 von der Krim, 1182 aus Paris, 1290 aus England, 1306 aus Frankreich, 1348 aus der Schweiz, 1349 aus Ungarn, 1394 aus der Provence, 1422 aus Österreich, 1495 aus Litauen, 1497 aus Portugal, vom 14. bis ins 16. Jh. hinein aus weiten Teilen des Gebietes, das später Deutschland werden sollte. Spanien vertrieb – Gipfel der Niedertracht – seine Juden im Jahr 1492.

Wenn Juden sich in den genannten und anderen Teilen Europas niederlassen durften, wurden sie vielfach – auf Anforderung päpstlicher Bullen – in Ghettos abgesondert, um ihre Bewegungs- und Handlungsfreiheit und ihren Umgang mit Nichtjuden einzuschränken. Breslau richtete im Jahr 1266 ein Ghetto ein. In den folgenden 600 Jahren wurden u.a. in Städten im heutigen Österreich, in Böhmen und Mähren, Frankreich, Deutschland, Griechenland, Italien, Polen, Portugal und Spanien Ghettos errichtet, darunter in so bedeutenden Zentren und Hauptstädten wie Frankfurt (1460), Krakau (1494), Madrid (1480), Prag (1473), Rom (1555), Venedig (1516) und Wien (1570). Russland beschränkte das Wohnrecht für Juden von 1835 bis zur bolschewistischen Revolution auf sein westliches Randgebiet, den sogenannten Ansiedlungsrayon.

Zum ersten von Christen begangenen Massenmord an Juden kam es im Jahr 414, als das frisch zum Christentum bekehrte römische Alexandrien die jüdische Gemeinschaft der Stadt auslöschte. Im Ersten Kreuzzug von 1096 erreichte der Massenmord an Juden einen tragischen Höhepunkt. Im Norden Frankreichs und in Deutschland zogen die Kreuzfahrer von Gemeinde zu Gemeinde und brachten 10.000 Juden um. Das Töten ging in den folgenden Kreuzzügen weiter, und in ganz Europa kam es auch in den folgenden Jahrhunderten immer wieder zu solchen Morden. Die bedeutenderen Fälle kommen einem wie die Vorläufer des Holocaust vor: Während der Pest 1348 bis 1350 metzelten Deutsche die Juden von rund 350 Gemeinden nieder, wüteten in praktisch jeder Stadt und in jedem Dorf und machten Deutschland nahezu "judenrein". 1391 erschlugen Spanier Juden in allen Landesteilen, und in der Spätzeit der spanischen Inquisition wurden – oft durch Verbrennen auf dem Scheiterhaufen – ebenfalls viele Juden getötet.
In den Chmielnicki-Progromen ("Seine Ausbildung erhielt er in einem Jesuitenkolleg in Tschyhyryn. There is also no concrete evidence in regard to Khmelnytsky's early education. Several historians believe he received his elementary schooling from a church clerk until he was sent to one of Kiev's Orthodox fraternity schools. He continued his education in Polish at a Jesuit college, possibly in Jaroslaw, but more likely in Lviv, in the school founded by hetman Zólkiewski.") von 1648 bis 1656 brachten Ukrainer (damals Kosaken genannt) in Städten und Dörfern quer durch Polen über 100.000 Juden um "With (Fire and Sword").
Die russischen Pogrome von 1871 bis 1906 forderten zwar nur einen Bruchteil der Opfer dieser früheren Massenmorde, aber die westliche Welt war entsetzt.
Historisch betrachtet ist daher der Holocaust, begangen von antisemitischen Deutschen, die von antisemitischen Litauern, Ukrainern, Polen, Franzosen und anderen unterstützt wurden, lediglich der größte und umfassendste Angriff in einer langen Geschichte vernichtender Attacken. Er war aber nicht der letzte. Im katholischen Osteuropa wurden jüdische Überlebende unmittelbar nach dem Holocaust von ihren Nachbarn mit Feindseligkeit aufgenommen und in einigen Fällen massakriert. Am bekanntesten ist der Pogrom von Kielce, wo randalierende Polen im Juli 1946 vierzig Juden ermordeten und weitere verletzten. Wodurch wurde dieses Nachspiel zum Holocaust ausgelöst? Durch den aus dem Mittelalter stammenden christlichen Ritualmordvorwurf gegen die Juden. In den beiden ersten Nachkriegsjahren brachten Polen schätzungsweise 1500 Juden um.



S. 52 ff.) Die Hauptverantwortung

Weit länger als ein Jahrtausend animierte der Antisemitismus das gesellschaftliche, politische und kulturelle Leben der Völker im Westen, auf deren geistiger und emotionaler "Weltkarte" die Juden als Übeltäter einen herausragenden Platz einnahmen.
Ohne eine eingehende Betrachtung des Antisemitismus sowie seiner Ursachen und Folgen ist die politische und wirtschaftliche Entwicklung sowie die Sozial- und Kulturgeschichte Europas nicht zu verstehen.
Wie kommt es dann, dass dem Antisemitismus oft nur eine marginale Rolle in der Geschichte des Westens zugeschrieben wird? Selbst bei Themen, für die er von zentraler Bedeutung ist, kann er verschleiert, heruntergespielt oder ganz ausgespart werden – im 20. Jh. z.B. gilt er grundsätzlich als Eigentümlichkeit einer kleinen, krankhaften Sekte, genannt Nationalsozialisten. Die untergeordnete Bedeutung des Antisemitismus in den gleichsam als kanonisch anerkannten Darstellungen westlicher Geschichte könnte damit zusammenhängen, dass die Hauptverantwortung für die Erzeugung dieses beispiellosen westlichen Hasses beim Christentum liegt. Genauer gesagt, bei der katholischen Kirche.

Die katholische Kirche, der Antisemitismus und der Holocaust

Jahrhunderte lang hat die katholische Kirche, diese paneuropäische Institution mit welthegemonialen Bestrebungen, die zentrale geistige und moralische Lehrinstitution der europäischen Zivilisation, den Antisemitismus als integralen Bestandteil ihrer Lehre, ihrer Theologie und ihrer Liturgie in ihrem Innersten gehegt. Sie tat dies mit der göttlichen Rechtfertigung durch die christliche Bibel, dass die Juden Christusmörder und Werkzeuge des Teufels seien.
Die Kirche hat überall, wo ihre Priester predigten, Antisemitismus verbreitet und dafür gesorgt, dass es nicht bei einem kurzlebigen, territorial begrenzten und unbedeutenden Hass blieb, sondern dass sich daraus ein wirksamer und nachhaltiger religiöser Imperativ innerhalb der Christenheit entwickelte. Im mittelalterlichen Europa war der Antisemitismus nahezu universell.

Auch nach der Reformation im 16. Jh. hatte der Antisemitismus weiterhin Bestand, in der katholischen wie in der protestantischen Kirche sogar in annähernd vergleichbarer Weise. Darin waren sich selbst diese erbitterten Feinde einig. Martin Luther verkündete, die Juden seien "uns eine schwere Last, wie eine Plage, Pestilentz und eitel Unglück in unserem Lande." Das ist nur ein kleiner Auszug aus seinem "homiletischen Massaker" von 1543, "Von den Jueden und Iren Luegen", einem wüst antisemitischen Traktat, der, anknüpfend an die gerade fünfzig Jahre zurückliegende eliminatorische Kampagne der katholischen Kirche gegen die spanischen Juden, dazu aufrief, die Juden zu erniedrigen und zu unterdrücken, sie gar zu beseitigen, ihre Bücher zu zerstören und ihre Häuser und Synagogen in Brand zu stecken, "das jr und wir alle der unleidlichen, teuffelschen Last der Jueden entladen werden." (Die Wendung "homiletisches Massaker" stammt von James Carroll, "Constantine's Sword – The Church and the Jews", Boston 2001, S. 367.)

Luthers bösartiger Antisemitismus hinderte die katholische Kirche natürlich nicht daran, ihn und seine Anhänger als Ketzer und Juden zu diffamieren, und es ist nicht verwunderlich, dass die Katholiken in den Juden schließlich die Anstifter der Reformation sahen, die das sich auf nahezu ganz Europa erstreckende Monopol der Kirche auf das Christentum zerstörte. Durch die Dämonisierung der Juden wurde es vielen Katholiken auf allen Ebenen der Gesellschaft zur zweiten Natur, für jede Naturkatastrophe und jedes menschliche Unglück die Juden verantwortlich zu machen. König Philipp II. von Spanien, die treibende Kraft hinter der spanischen Inquisition und ein enger Verbündeter des Papsttums, erklärte 1556, dass "all die Häresien, die in Deutschland und Frankreich aufgetaucht sind, von Nachkommen der Juden gesät wurden, wie wir gesehen haben und in Spanien täglich neu erleben."

Antisemitismus führte zum Holocaust. Antisemitismus war ein fester Bestandteil der katholischen Kirche. Die Frage nach dem Zusammenhang zwischen dem Antisemitismus der Kirche und dem Holocaust sollte bei jeder allgemeinen Darstellung des einen wie des anderen Themas im Mittelpunkt stehen. In "Constantine's Sword", seiner außergewöhnlichen Studie über diesen Zusammenhang, bemerkt James Carroll, dass "eine Untersuchung über die Ursprünge des Holocaust in der quälenden Vergangenheit der westlichen Zivilisation notwendig zugleich eine Untersuchung über die Geschichte des Katholizismus ist." Doch viele empfinden eine solche Untersuchung, so notwendig sie auch sein mag, als bedrohlich und nicht wünschenswert. Daher rührt die verbreitete und seit langer Zeit bestehende Praxis, von den zentralen Fragen abzulenken – durch Ausflüchte, Ausweichen und Verleugnen.

Etwas Fundamentales das Aufmerksamkeit verdient


A Moral Reckoning – The Role of the Catholic Church in the Holocaust and Its Unfulfilled Duty of Repair

Daniel Goldhagen 2003: Die Katholische Kirche und der Holocaust

pt 2 Kath. Antisemitismus + militanter Untertanengeist
pt 3 Das Axiom/Theo-Mem vom jüdischen Bolschewismus

Ullrich: "Die Radikalität, mit der Goldhagen seine Thesen entfaltet, zwingt uns zum Überdenken bisheriger Sichtweisen."
Hamm-Brücher: "Wir sind in einer Renaissance des Nachdenkens – durch Goldhagen."
Habermas: "Goldhagens Untersuchungen sind genau auf die Fragen zugeschnitten, die unsere privaten wie öffentlichen Diskussionen seit einem halben Jahrhundert polarisieren."

S. 11) In "Hitlers willige Vollstrecker" habe ich ausdrücklich keine moralischen Urteile über Schuld gefällt, auch keine mögliche Sühne oder Wiedergutmachung skizziert. Aber es war natürlich klar, dass ich die eliminatorische Verfolgung und massenhafte Ermordung der Juden durch die Deutschen und ihre Helfer ebenso wie die Verfolgung und Tötung von Angehörigen anderer Opfergruppen, der Geisteskranken, der Roma und Sinti (gewöhnlich Zigeuner genannt), der Homosexuellen, der "Asozialen", der Polen, Russen und anderer, verurteile.
Als die englische Originalausgabe Ende März 1996 erschien, griffen vor allem in Deutschland diejenigen, denen es ein Gräuel war, dass darin verschleierte Tatsachen und unliebsame Wahrheiten zur Sprache kamen, das Buch und mich persönlich an, u.a. durch den frei erfundenen Vorwurf, ich würde ausdrücklich das moralische Urteil der Kollektivschuld fällen.
Diese z.T. offenkundig ehrenrührigen Angriffe deuteten darauf hin, dass hinter der großen Aufregung um das Buch etwas Fundamentales steckte. Etwas, das unsere Aufmerksamkeit verdient.
"Hitlers willige Vollstrecker" hatte ungewollt einen moralischen Aufruhr ausgelöst und war ständig von einem moralischen Subtext umgeben, der die ausgiebige schriftliche und mündliche Diskussion um das Buch teilweise entgleiten ließ. Das Ziel des Buches war, den Deutschen wieder zu ihrem Menschsein zu verhelfen, das ihnen zuvor generell abgesprochen worden war. Hatte man sie doch entmenschlichend gängig als gedankenlose, automatenähnliche Rädchen in einer Maschine dargestellt.
Ich wandte mich entschieden gegen die landläufige Ansicht und bestand darauf, die Deutschen als das zu sehen und zu behandeln, was sie waren: Individuen und moralisch handelnde Wesen.



S. 14 ff.) Jäger die nichts riskieren

In dem weiten Bereich zwischen den Kurzstatements in Talkshows und Leitartikeln und den Fachdiskursen in philosophischen und theologischen Abhandlungen wird man heutzutage kaum auf eine Untersuchung treffen, in der Fragen von Moral und Urteil ernsthaft untersucht werden. Eine langfristige, allgemein verständliche moralische Erörterung und Bewertung und erst recht ein beständiges moralisches Urteil sind nicht beliebt. Dass man auf moralisierende, schnoddrige und beiläufige Art über ruchlose oder unanständige Politiker urteilt, ist akzeptabel. Dass man über die Täter urteilt, die mit spektakulären Verbrechen an Familienmitgliedern und anderen für die tägliche Portion Pathologie sorgen, die dem persönlichen und gesellschaftlichen Leben in unserer voyeuristischen Gesellschaft Würze verleiht, ist akzeptabel. Das ist eine unterhaltsame Großwildjagd, bei der die Jäger nichts riskieren. Befriedigung und Ruhm sind ihnen sicher. [...]

Dass unsere moralische Kultur heruntergekommen ist, liegt teils an der Oberflächlichkeit unserer öffentlichen Kultur, teils daran, dass viele Angehörige der akademischen Gemeinschaft sich ihrer Verpflichtung entziehen, auf moralische Fragen überhaupt einzugehen oder in einer Weise einzugehen, die sowohl einem hohen Anspruch genügt als auch für Menschen, die keine Philosophen sind, verständlich ist. Man muss kein Kulturkonservativer sein – ich bin es nicht – um das alles zu erkennen und zu kritisieren. Unsere moralische Kultur ist auch deshalb heruntergekommen, weil die echten Schwierigkeiten im Umgang mit dem Wertepluralismus – besonders das Problem, dass man nicht den Eindruck erwecken möchte, anderen seine eigenen Werte aufzuzwingen – viele in unserer (generell zu begrüßenden) pluralistischen Welt vor dem Wagnis zurückscheuen lassen, im öffentlichen Raum ernsthaft moralisch zu diskutieren. Diejenigen, die sich nicht von religiösen Werten leiten lassen, scheinen sich oft ungern auf diesen Bereich, den Bereich der Religion par excellence, einzulassen. Sei es, weil sie ungern über Religion reden, sei es, weil sie ohne religiöse Grundierung ins Hintertreffen zu geraten glauben, haben diejenigen, die etwas zu sagen hätten, den Bereich der ernsthaften moralischen Diskussion weitgehend den Religiösen überlassen.
Anhänger der verschiedenen Religionen dagegen sind bereit, ja sogar begierig darauf, sich dieser Aufgabe anzunehmen. Einen herausragenden Part spielt dabei überall in der Welt die am stärksten zentralisierte Religion mit der größten Zahl von Gläubigen, der Katholizismus, geführt von der römisch-katholischen Kirche und ihren einzelnen nationalen Kirchen. Sie liefert förmlich das Musterbeispiel für eine andauernde moralische Erörterung, die sich an die breite interessierte Öffentlichkeit wendet. Die Kirche und ihre Geistlichen nehmen – sei es in den zahlreichen Enzykliken, Erklärungen und Briefen der Päpste, in den Entscheidungen nationaler Kirchen und ihrer Bischöfe, in den Predigten der Priester oder in den individuellen Äußerungen zahlreicher kirchlich gebundener Intellektueller – lebhaft mit moralischen Kommentaren zu einer Vielzahl von Dingen Stellung, die nicht nur von persönlichem, sondern auch von öffentlichem Interesse sind. In den 70er Jahren propagierten lateinamerikanische Bischöfe die Befreiungstheologie, ein in der Theologie begründetes moralisches Argument für eine gegen die jeweils Herrschenden gerichtete Politik zugunsten der Armen, die auf soziale Gerechtigkeit und ein Ende der Unterdrückung zielt. Sie wurden nach 1979 von dem gerade gewählten Papst Johannes Paul II. zum Schweigen gebracht, dessen Politik sich nicht mit der ihren vertrug. [...]
Das moralische Gewicht dieser und anderer Eingriffe in die öffentliche Sphäre verdankt sich der kirchlichen Tradition eines kultivierten Denkens und eines kundigen Engagements im öffentlichen Leben. Obwohl – außer bei Rebellen – die ernsthafte moralische Auseinandersetzung mit wichtigen Aspekten des öffentlichen Lebens und besonders der Politik im Westen nie sonderlich beliebt war, erlahmte das Interesse daran während des Kalten Krieges deutlich. [...] Die wohlerwogene Erörterung moralischer Fragen, Grundlage tugendhaften Handelns, muss sich ihren zentralen Platz im öffentlichen Leben wieder zurückerobern.



S. 16 ff.) Ein wirkungsvolles Denk- und Redeverbot

In der Diskussion über die NS-Zeit herrschte ein wirkungsvolles Denk- und Redeverbot über die Moral. Lange Zeit fanden, von Schlagwörtern abgesehen, praktisch keine eingehende Beschäftigung mit den relevanten moralischen Fragen und keine öffentliche Diskussion darüber statt. Westdeutschland musste rehabilitiert werden, da verschonte man es besser vom gleißenden Licht einer genauen moralischen Untersuchung. Hätte man die öffentliche Untersuchung nicht bald nach den Nürnberger Prozessen eingestellt, hätte man die Deutschen nur schwer für den Kampf gegen den Kommunismus gewinnen können, dem damals Vorrang vor allen sonstigen Erwägungen eingeräumt wurde. Man hätte den Sowjets verheerendes Propagandamaterial in die Hand gegeben, wenn man den Verbrechen nachgegangen wäre, derer sich große Teile der westlichen Bevölkerungen und ihrer Institutionen schuldig gemacht hatten, besonders in Deutschland. Außerdem hätten in Deutschland und etlichen anderen Ländern, in denen die Bevölkerung sich in bedeutendem Umfang an der Verfolgung und dem Massenmord beteiligt hatte, solche Ermittlungen das Selbstbild der Nation (zusätzlich) befleckt und dazu geführt, dass viele verurteilt worden wären, weil sie Angehörige eines Volkes verfolgt oder ermordet hatten, eben die Juden, die noch immer weithin dämonisiert und gehasst wurden. Dazu bestand wenig Neigung. Man entschied sich für den sicheren Weg, lieber nach vorn als zurückzuschauen.

Der Unwille, sich in Bezug auf die NS-Zeit und besonders den Holocaust auf eine echte öffentliche Untersuchung moralischer Fragen einzulassen, führte sogar in einem weiteren Schritt dazu, dass man die wirklich beteiligten Menschen außer Acht ließ und sich stattdessen auf die Strukturen, Kollektive und unaufhaltsame Kräfte konzentrierte. Diese Einstellung, die eine gründliche moralische Prüfung verhinderte, kam auf zwei Wegen zustande, die sich trotz ihrer scheinbaren Differenzen ergänzten.

Der erste ist der Kollektivschuld-Vorwurf, im Grunde eine Kurzformel für eine Reihe miteinander zusammenhängender Vorstellungen, denen zufolge die Schuld der Deutschen in ihrem Nationalcharakter steckt, in einer ihnen gemeinsamen, grundlegenden und unveränderlichen Eigenschaft. Deshalb betrachtete man ihre Schuld als kollektiv und generationenübergreifend.
Während des Zweiten Weltkrieges und in der unmittelbaren Nachkriegszeit hörte man solche Vorwürfe häufig. Sie waren vor Ausbruch des Kalten Krieges so etwas wie Gemeingut. Inzwischen sind solche Vorstellungen, wenngleich sie von vielen sogar in Deutschland vertreten wurden, in der öffentlichen Diskussion im Großen und Ganzen als ungerechtfertigt erkannt worden, nur ein Häuflein Hartnäckiger äußert sie noch öffentlich. Ergänzt wurde der Kollektivschuld-Vorwurf durch all jene, die besonders in Deutschland andere mit der Behauptung attackieren, sie würfen den Deutschen fälschlich eine Kollektivschuld vor. Wer sich nicht der entlastenden These anschließt, dass die gewöhnlichen Deutschen an all den Schrecken der NS-Zeit mehr oder weniger unschuldig waren, dem kann man den Vorwurf anhängen, er befürwortete die Kollektivschuld-These.

Der Kollektivschuld-Vorwurf verhindert jegliche moralische Untersuchung.
Wird diese Schuld als eine moralische Tatsache behauptet, lenkt sie die Aufmerksamkeit auf das Kollektiv, das den Einzelnen seiner Individualität, seiner Eigenschaft, ein moralisch Handelnder zu sein, und seiner individuellen moralischen Verantwortung beraubt. Wird sie als Keule benutzt, schüchtert sie jene ein, die eine gründliche moralische Prüfung wünschen mögen, die wiederum zur Feststellung einer verbreiteten, wenn auch nicht kollektiven moralischen Schuld unter Deutschen und Nichtdeutschen führen könnte.



S. 18 f.) Gezielte Mythologisierung durch (eingebettete) Intellektuelle

Der andere, die Moral abstumpfende Weg war einer Untersuchung noch abträglicher.
Wissenschaftler, die sich mit dem Tatgeschehen des Holocausts befassten, sahen sowohl empirisch als auch konzeptionell von den darin verwickelten Menschen ab. Übrig blieben ein paar übermenschliche Ungeheuer wie Adolf Hitler, Heinrich Himmler und Adolf Eichmann. Sie zogen die gesamte Aufmerksamkeit auf sich und lenkten damit von den zig Millionen Deutschen ab, die den Nationalsozialismus, Hitler und das übrige Führungspersonal bereitwillig unterstützt und begrüßt hatten. Die gewöhnlichen Deutschen, die dieses Regime und seine Verbrechen erst ermöglicht hatten, verwandelten sich nach dem Krieg von einem Tag auf den anderen in Wesen, die man terrorisiert und gezwungen hatte und die von nichts etwas gewusst hatten. "Der Terrorapparat" und "Wir haben nichts gewusst" wurden zu paradigmatischen Sprachklischees in einer mythologisierenden, moralisch neutralen öffentlichen Darstellung der jüngsten Vergangenheit. Deutsche wurden rückwirkend ihrer Eigenschaft, handelnde Wesen zu sein, entkleidet – viele Deutsche wirkten darauf willentlich hin, in bewussten Akten falscher Selbstdarstellung und Neuschöpfung. Die Deutschen wurden ihrer moralischen Verantwortung enthoben, im Voraus entlastet, denn unter moralischem Aspekt gab es nichts mehr oder kaum noch etwas zu untersuchen.

Wer Verbrechen begangen hatte, wurde sogar noch gründlicher seiner Eigenschaft, ein handelndes Wesen zu sein, beraubt. Intellektuelle, die großen Einfluss auf die Denkweise der Akademiker und der Öffentlichkeit hatten, äußerten sich in dem beschönigenden Geist der damaligen Zeit und leisteten diesen Tendenzen noch Vorschub. Am bemerkenswertesten gingen dabei die Vertreter der Totalitarismustheorie vor, vor allem Hannah Arendt, die gleichsam per Dekret die Täter ihres Antisemitismus entkleidete und sie in kleine Bürokraten verwandelte, die ihre Aufgabe erfüllten. Aus ihren Taten machte sie nichts anderes als einen Ausdruck der "Banalität des Bösen". Stanley Milgram, der an der Yale-Universität seine Experimente über Gehorsam machte, behauptete im Einklang damit, die Täter seien Robotern vergleichbar, nach Belieben steuerbar von jedem, der Autorität besitzt. Diese und andere Ansichten passten, so sehr sie sich auch in anderer Hinsicht unterscheiden mochten, haargenau zu der ständig gebetsmühlenartig vorgetragenen Vorstellung, die Täter seien, wie andere Deutsche auch, terrorisiert und gezwungen worden. Dass Arendt und Milgram keinerlei nennenswerte Forschung betrieben hatten, was die Täter anging, war für viele Akademiker wie Nichtakademiker unerheblich, und so schlossen sie sich gern den politisch willkommenen, moralisch abstumpfenden und daher für viele tröstlichen Behauptungen an. [...]

Die Holocaust- und NS-Forschung hat bis in die jüngste Zeit praktisch nichts über die zentralen Akteure, die Täter der Massenmorde, beigesteuert: wer sie waren, wie sie zu Tätern wurden, wie sie in den Mordinstitutionen lebten, welche Entscheidungen sie treffen konnten, wie sie ihre Opfer im Einzelnen behandelt haben – das war alles nahezu unbekannt.
Die Durchführung des Holocaust – das Töten und das scheinbar bodenlose persönliche Erniedrigen, Verhöhnen und Quälen der Juden – wurde irrigerweise unpersönlichen sozialpsychologischen Kräften, Befehlsstrukturen und autoritären Persönlichkeiten zugeschrieben, auf Zwang, bürokratische Denkschablonen, abstrakte Strukturen und Institutionen wie die SS, die NSDAP und den totalitären Terrorapparat zurückgeführt.
Nur erkennt man in diesen Theorien nicht wieder, was für die Täter des Holocaust wie für die Täter anderer Massenmorde auf der Hand liegt, sei es in Kambodscha, in Ruanda, der Türkei oder im früheren Jugoslawien: dass die Menschen, die die Opfer in großer Zahl umbrachten, bestimmte Ansichten über das hatten, was sie taten, und dass diese Ansichten ihre Entscheidungen, so und nicht anders zu handeln, wesentlich prägten.



S. 20 f.) Wissenschaftler die systematisch ignorieren

Es gab eine Gruppe, die sich dieser Tendenz nicht anschloss, die sich intensiv mit den Tätern befasste, sie gründlich kennen lernte und immer wieder zu dem Schluss kam, dass die Massenmörder der Juden nicht unter Zwang handelten, dass sie wussten, was sie taten, und dass sie durch Rassismus und Antisemitismus motiviert waren. Wir reden von den deutschen Richtern, die nach dem Krieg über die Massenmörder zu Gericht saßen. Wiederholt sprachen deutsche Gerichte die Täter nach den strengsten Regeln der Beweisführung schuldig, Juden getötet zu haben. Sie sprachen die Täter schuldig, aus dem "niedrigen Beweggrund" des "Rassenhasses" getötet zu haben.
Die Prozesse, die ab Ende der 50er Jahre bis in die 80er Jahre stattfanden, trafen in der deutschen Öffentlichkeit auf keine breite Unterstützung, und ihre Ergebnisse wurden nur dürftig verbreitet.
Die NS- und Holocaustforscher haben die wichtigen, ohne weiteres zugänglichen Daten, die in den Prozessen zutage gefördert wurden, praktisch ohne Ausnahme systematisch ignoriert.
Dazu gehört die bekannte, inzwischen seit über 30 Jahren ignorierte Tatsache, dass kein deutscher Täter, wenn er sich weigerte Juden zu töten, jemals getötet, in ein KZ geschickte oder auch nur schwer bestraft worden ist und dass viele der Täter eindeutig wussten, dass sie sich vom Töten befreien lassen konnten, sich aber dennoch nur wenige dafür entschieden haben, keine freiwilligen Vollstrecker zu sein.

Ebenso ignorierten jene, die sich mit dieser Zeit befassten, die eindeutigen Feststellungen, zu denen die Richter sich aufgrund der Beweiserhebung gezwungen sahen: dass die Täter bösartige Antisemiten waren, die vorsätzlich handelten, und dass der Vorsatz durchgängig darin bestand, ihre Opfer zu verhöhnen, zu schlagen, zu erniedrigen, zu quälen und zu töten. Die besagten Gelehrten brachten stattdessen jede erdenkliche Erklärung für das Verhalten der deutschen Täter vor, nur die eine nicht, dass Menschen handelnde Wesen sind, dass sie aufgrund ihres moralischen Weltverständnisses die Fähigkeiten besitzen, "Nein" zu sagen, und sich – ebenso wie viele andere – als es um die Verfolgung der Juden ging, oft dafür entschieden, "Ja" zu sagen.

In den letzten Jahren ist deutlich geworden, dass viele überkommene Vorstellungen über den Holocaust und die NS-Zeit einer umfassenden neuen Untersuchung bedürfen. Sie ist nötig geworden, weil viele dieser Vorstellungen, darunter solche, die den Status einer unangefochtenen Binsenwahrheit erlangt haben, als Mythen entlarvt worden sind. Was Deutschland angeht, ist das der Mythos vom Terror, der Mythos vom Zwang, der Mythos von der Unkenntnis über die Konzentrationslager und den Mord an den Juden. Außerhalb Deutschlands ist es der Mythos von der hilflosen, genötigten Schweiz, der Mythos von den völlig unterdrückten Völkern des von Deutschland besetzten Europa, die sich der verbrecherischen Politik der Deutschen auf jede nur erdenkliche Weise widersetzten.

Der mittlerweile verbreiteten Ablehnung des herrschenden Paradigmas vom äußeren Zwang liegt die Anerkennung der Tatsache zugrunde, dass Menschen handelnde Wesen sind und deshalb muss Schluss gemacht werden mit der karikierenden Vorstellung, die Deutsche wie Nichtdeutsche, ob als Täter oder als Zuschauer, als unwissende, gedankenlose Automaten oder als Herdenmenschen zeichnet, die, eingeschüchtert, einfach keine Wahl hatten. Diese jüngste Entwicklung ist begrüßenswert, denn allein durch die Anerkennung dieser Tatsache wird die moralische Verantwortung wiederhergestellt und eine gründliche moralische Prüfung möglich gemacht. Der Neubetrachtung des Holocaust und der NS-Zeit, die endlich in Gang kommt, liegt die zentrale Prämisse zugrunde, dass die Akteure des Geschehens auch in den Mittelpunkt der Untersuchung gerückt werden müssen und dass man sie als moralisch handelnde Wesen begreifen muss.



S. 21 f.) Zigtausende papistische Bücher

Es ist an der Zeit, auch die katholische Kirche einer solchen neuen Betrachtung zu unterziehen. Abgesehen von den mit Deutschland verbündeten Ländern war die Kirche die mächtigste Institution, die im von Deutschland besetzten und beherrschten Europa unangetastet und unabhängig blieb, mit ihren ungeheuer einflussreichen nationalen Kirchen in den einzelnen Ländern und mit Papst Pius XII. in Rom, der faktisch die moralische Stimme des Kontinents und einer bedrohten Zivilisation verkörperte. Obwohl über diese Zeit Zigtausende von Büchern geschrieben wurden, ist die Kirche bisher einer gründlichen Untersuchung entgangen.

In die öffentliche Kontroverse geriet das Verhalten Pius' XII. im Hinblick auf den Holocaust erstmals 1963 mit Rolf Hochhuths Stück Der Stellvertreter, das für viele Menschen in aller Welt ein Schock war, weil Hochhuth es wagte, das Schweigen des Papstes zu verurteilen. Über den Papst, die Kirche und die christliche Theologie vor dem Holocaust, währenddessen und danach war schon viel publiziert worden, doch offene Kritik am Verhalten des Papstes hatte es kaum gegeben. Er war sogar ausgiebig gelobt worden, auch von Juden, denen es offenbar eher um die aktuelle Politik ging, die verhindern wollten, dass noch mehr Antisemitismus geäußert wurde, und die mächtige Kirche vergebens dazu zu bewegen suchten, gegenüber Israel eine wohlwollende Haltung einzunehmen.
Hochhuths Stück, das den Papst verurteilte, löste eine Flut von Veröffentlichungen aus, darunter auch die elfbändige kirchliche Edition diplomatischer Dokumente mit Kommentar, Actes et Documents du Saint-Siège relatif à la Seconde Guerre Mondiale, bei deren Zusammenstellung man nach Hochhuths Angriff vor allem auf den Ruf des Papstes bedacht war.
Inzwischen ist über Pius XII. und den Holocaust eine kaum noch zu überschauende Fachliteratur entstanden, deren größter Teil der Aufmerksamkeit der breiten Öffentlichkeit entgangen ist.

Vor allem in den letzten Jahren ist eine große Zahl neuer Untersuchungen über Pius XII. und den Holocaust erschienen, und da die Kirche den Prozess der Seligsprechung von Pius XII. vorbereitet, der damit enden könnte, dass man ihn zum Heiligen salbt, ist die allgemeine Aufmerksamkeit erneut auf sein Verhalten gegenüber den Juden gelenkt worden. Die neuen Bücher haben zentrale Mythen über den Papst und die Kirche platzen lassen. Sie haben Entscheidendes zu unserem Verständnis verschiedener Aspekte der kirchlichen Handlungsweisen vor, während und nach dem Holocaust beigetragen.
Dank dieser Untersuchungen und besonders der Bücher von James Carroll, David Kertzer, Michael Phayer, Garry Wills und Susan Zuccotti, die bisher unbekannte Tatsachen zutage gefördert und neue Perspektiven eröffnet haben, ein breiteres und tieferes Verständnis für die Haltung der Kirche gegenüber den Juden und andere kritische Probleme der NS-Zeit und der zweiten Jahrhunderthälfte zu entwickeln. Dadurch sind wir in der Lage, relevante Aspekte des moralischen Charakters der Kirche und ihrer Geistlichkeit sowie der heutigen Positionen und Verhaltensweisen der Kirche einer kritischen Prüfung zu unterziehen.



S. 22 ff.) Zur Frömmigkeitspolitik deutscher Historiker

Dass man zögert, sich auf eine langfristig angelegte moralische Untersuchung einzulassen und moralische Urteile über das Verhalten von Menschen während des Holocaust zu fällen, hängt sicherlich auch damit zusammen, dass man sich scheut, bei mächtigen Institutionen Anstoß zu erregen und sich dadurch einen öffentlichen Tadel, mag er auch noch so unberechtigt sein, einzuhandeln. Wer über die Beteiligung gewöhnlicher Deutscher am Holocaust, über die Ausbeutung von Juden und Nichtjuden als Zwangsarbeiter durch die Deutschen, über die Existenz eines verbreiteten Antisemitismus in Deutschland während der NS-Zeit, über Schweizer Banken, die Holocaustopfern oder ihren Erben Geld gestohlen haben, über führende deutsche Historiker, die als ergebene Nationalsozialisten dem Regime bei seinen rassistischen, mörderischen Maßnahmen gedient und später einflussreiche deutsche Historiker der Nachkriegsgeneration ausgebildet haben, oder darüber, dass die katholische Kirche und Pius XII. nicht schuldlos sind, die schlichte Wahrheit sagt, wird persönlich mit dem Vorwurf überzogen, Vorurteilen anzuhängen und Unschuldige zu verfolgen. Man unterschiebt ihm Motive, die aus den Fingern gesogen sind, stellt ihn als deutschfeindlich, schweizfeindlich oder katholikenfeindlich hin. Man tadelt ihn, weil er es wagt, Urteile über andere zu fällen, rügt seine vermeintliche Anmaßung, ohne Rücksicht darauf, dass die Alternative zum Fällen von Urteilen über andere darin bestünde, Massenmörder und diejenigen, die ihnen auf vielfältige Weise halfen, sowie diejenigen, die von dem Massenmord in verbrecherischer Weise profitierten, ohne Rüge davonkommen zu lassen. Solche Vorwürfe sind indessen leicht als unaufrichtige, heuchlerische Angriffe zu durchschauen, mit denen eine genaue Prüfung des faktisch und moralisch Unhaltbaren abgewehrt werden soll, eine Prüfung, die als Bedrohung des aktuellen moralischen und politischen Ansehens, als Gefährdung wirtschaftlicher Interessen und akademischer Karrieren wahrgenommen wird.

Die Tatsachen: Viele gewöhnliche Deutsche waren in der NS-Zeit Antisemiten, haben die eliminatorische Verfolgung der Juden unterstützt und Massenmord begangen. Der deutsche Staat, deutsche Firmen und viele gewöhnliche Deutsche haben in breitem Umfang Menschen versklavt. Schweizer Banken (und Institutionen anderer Länder) haben die Opfer bestohlen und den apokalyptischen Angriff der Deutschen finanziert. Einige führende deutsche Historiker haben dem NS-Regime gedient und mit ihrer Arbeit u.a. seine Politik der Eroberung und Unterjochung anderer Länder gerechtfertigt, die, wie sie wussten, Massenmord einschloss. Und ihre Schüler, von denen einige zu den bedeutendsten Historikern des heutigen Deutschland gehören, haben es vertuscht. Die katholische Kirche hat in enormem Ausmaß Antisemitismus erzeugt und sich in vielerlei Weise falsch gegenüber den Juden verhalten.

Wenn man diese Tatsachen ausspricht und dabei anerkennt, dass es in jedem einzelnen Fall auch Ausnahmen von der Regel gegeben hat, und wenn man sagt, dass wir über Institutionen und Menschen, die verderbliche Ansichten gehegt und schwere Verbrechen und sonstige Vergehen begangen haben, urteilen sollten, ist das natürlich etwas anderes als die sich durch die Jahrhunderte ziehenden antisemitischen Vorwürfe gegen die im Grund machtlosen und verfolgten Juden, etwas anderes als die Märchen vom Streben der Juden nach Weltherrschaft, von ihrem Bestreben, das Christentum, Deutschland und alles Gute zu zerstören. Der berühmteste antisemitische Traktat der Neuzeit, die Protokolle der Weisen von Zion, war eine Fälschung.
Der Antisemitismus Hitlers und die verwandten Ansichten von Millionen deutscher und europäischer Zeitgenossen bestanden aus erkünstelten Fantasien. Wenn Neonazis, Antisemiten, ihre ideologischen Sympathisanten und De-facto-Unterstützer heute von einer internationalen jüdischen Verschwörung sprechen, ist das nur die neueste Version in dieser langen Geschichte der erfundenen Vorwürfe und des Hasses. Schon dass es nötig ist, auf den Unterschied hinzuweisen – auf der einen Seite die schlichte und reich dokumentierte Wahrheit über das, was viele Deutsche und Schweizer, die katholische Kirche und andere während der NS-Zeit getan haben, auf der anderen Seite die Lügen, die Antisemiten über Juden verbreitet haben – macht die Verzerrungen in der Diskussion über die NS-Zeit deutlich. Da verstoßen Kommentatoren aus politischen Motiven gewohnheitsmäßig gegen wissenschaftliche Maßstäbe, lenken von den Tatsachen ab und attackieren den Überbringer der schlechten Nachricht, um ihre unhaltbaren Behauptungen zu verteidigen.

October 20, 2010

Te Deum – Die Jesuiten


Te Deum – Himmel auf Erden: Die Grundpfeiler unserer Kultur

"Der Mensch muss sich selbst in die Hand bekommen und dazu ist es nötig, sich der eigenen Phantasie zu bemächtigen, die den Willen bestimmt."

pt 6) Societas Jesu – SJ – "Macht des Gehorsams"
pt 1 & pt 2 & pt 3 & pt 4 & pt 5

Ignatius von Loyola, geboren 1491 als Sohn einer baskischen Adelsfamilie, wurde standesgemäß zum höfischen Ritter ausgebildet. In Deutschland begann zu jener Zeit gerade die Reformation, während das katholische Spanien am Anfang seiner Weltherrschaft stand.
Kolumbus hatte Amerika entdeckt, und auf der iberischen Halbinsel wurden die Mauren aus dem Land vertrieben und durch die spanische Inquisition verfolgt. Allein das französische Königshaus machte immer wieder Probleme. Durch eine geschickte Heiratspolitik hatte es großen Einfluss auf der iberischen Halbinsel gewonnen und schickte verstärkt Truppen, um seine Machtstellung abzusichern. [...]

Ignatius überfielen auf dem Weg zu seiner Pilgerstätte Zweifel an seinem Vorhaben. Zum ersten Mal begegnete er damit bewusst der hohen Kunst der sogenannten Unterscheidung der Geister, der Abwägung, welche Geister von Gott kommen und welche nicht. Bis heute ist es ein zentrales Anliegen der Jesuiten und wichtigster Bestandteil ihrer Exerzitien, in besonnener Abwägung "die richtige Entscheidung zu treffen".
Nach dem Pilgeraufenthalt in Montserrat zog sich Ignatius für geraume Zeit in eine Höhle bei Manresa zurück, geißelte sich, legte sein Leib in Ketten und schlief auf bloßer Erde. In der Tradition des büßenden Pilgers des späten mittelalterlichen Spaniens stand er fürchterliche Ängste und Qualen aus.
Er hatte schwere Depressionen und war dem Selbstmord nahe.

Erst die Lektüre von Thomas von Kempens Buch "Die Nachfolge Christi" brachte die Erlösung, als er las:

"Das Streben nach Heiligkeit liegt in der inneren Reinigung, nicht in der äußeren Abtötung.
Die Seele bedarf der Läuterung, nicht der Körper der Drangsalierung."

Damit eröffnete sich ihm eine völlig neue Sicht der Sühne. Ignatius lernte, seine eigene Seele zu lesen.
Er schrieb alles auf, was er an sich selbst beobachtete,
und erarbeitete damit die erste Fassung der Ignatianischen Exerzitien, der bis heute praktizierten geistlichen Übungen der Jesuiten:

"Der Mensch muss sich selbst in die Hand bekommen und dazu ist es nötig, sich der eigenen Phantasie zu bemächtigen, die den Willen bestimmt."

Sich selbst und den Willen Gottes zu erkennen, war für Ignatius das zentrale Problem.
Nach seiner Zeit in der Einsamkeit glaubte er, er wäre berufen, nach Jerusalem zu gehen, um die Mohammedaner zu bekehren (1523-24). Aber als man ihn dort nicht haben wollte, überfielen ihn erneut Zweifel. Er beschloss zu studieren. Zuerst in Barcelona (1524-27), dann sieben Jahre in Paris an der Sorbonne (1528-35), wo er gleichgesinnte Gefährten traf und mit ihnen einen Bund schloss. Mit sechs Kommilitonen, darunter Peter Faber und Franz Xaver, leistete er in der Kapelle von St. Denise in Montmartre folgenden Schwur: "Ich gelobe Gehorsam, Armut und Keuschheit sowie die Mission in Palästina. Sollten wir binnen Jahresfrist nicht nach Jerusalem gelangen, werden wir uns dem Papst zur Verfügung stellen und alles tun, was er von uns verlangt." Da zu jener Zeit jedoch der Schiffsverkehr zwischen Venedig und dem Heiligen Land wegen politischer Auseinandersetzungen völlig eingestellt war, deuteten die Gefährten diesen Umstand als Wink Gottes und zogen 1537 nach Rom.
Kurz vor der Stadt hatte Ignatius im Kirchlein St. Pietro von La Storta eine Vision, in der Gott selbst Jesus bat, Ignatius als Knecht aufzunehmen. Jesus stimmte zu und in Ignatius entbrannte eine starke Zuneigung zum Namen Jesu. Fortan gab sich die neue Glaubensgemeinschaft den Namen "Gesellschaft Jesu". [...]

Im Auftreten der Jesuiten, das sich deutlich von dem der alten Orden unterschied, lag eine große Chance. Ignatius wollte keine monastische Lebensform, kein Mönchshabit, keine Tonsur, keine Namensänderungen. Er wollte keine Konvente, kein Chorgebet, sondern schlichte Häuser. Den benediktinischen Grundsatz der Beständigkeit "stabilitas loci" verkehrte er in sein Gegenteil, das hieß, die Mitglieder sollten von Ort zu Ort ziehen und sich an keinen bestimmten Platz binden lassen. Dafür gab es eine neue Kraft, die die Jesuiten zusammenschweißen sollte: Gehorsam. Gemäß den Exerzitien, die Ignatius aus der Selbsterkenntnis heraus verfasst und Geistliche Übungen genannt hatte, lag wahre Freiheit nicht in der äußeren Bindungslosigkeit, sondern in der Disziplin. So konnten die Ordensmitglieder ungehindert und frei durch die Lande ziehen, wurden aber zugleich durch ein festes inneres Band des Gehorsams zusammengehalten:

"Überhaupt darf ich nicht mir gehören, sondern meinem Schöpfer und dessen Stellvertreter.
Muss mich leiten und bewegen lassen wie ein Wachsklümpchen sich kneten lässt, wie ein Toter der weder Wille noch Einsicht hat."

Der Mensch erfuhr in der beginnenden Neuzeit zum ersten Mal, dass sein Leben nicht vorbestimmt war. Es war kein unausweichliches Schicksal mehr, in einen bestimmten Stand geboren zu werden. Und auch Gehorsam gegenüber dem Höhergestellten war nicht mehr selbstverständlich, sondern musste begründet werden.
Eine solch differenzierte gesellschaftliche Sichtweise jedoch eignete sich nicht für einen auf höchste Effizienz angelegten Orden, wie es die Jesuiten waren und heute immer noch sind.
Sie betrachten den Gehorsam daher als eine hilfreiche Tugend.
Als der erste Generalobere des neu gegründeten Ordens (1541) koordinierte Ignatius in enger Zusammenarbeit mit dem Papst von Rom aus den Einsatz der Jesuiten in aller Welt. In dieser Zeit verfasste er die "großen Ordensregeln", die erst nach seinem Tod 1556 fertiggestellt wurden.
Nur 15 Jahre nach ihrer Gründung zählte die Gesellschaft Jesu bereits über 1000 Mitglieder.


Eroberung der Welt – Krieg der Heilsbringer


Zu den Leitideen der Jesuiten erklärte Ignatius mitunter die Eroberung der Welt für Christus. Diese Aufgabe nahm der Orden vor allem in Asien und im neu entdeckten Südamerika wahr. Mit den spanischen Entdeckern kamen die Jesuiten im 17. Jh. nach Lateinamerika und engagierten sich hier vor allem im Bereich der Bildung.
Von 1609 bis 1767 führten sie in Paraguay Hunderttausende von Indianer in feste, selbstverwaltete Siedlungen zusammen, die unter dem Namen "Jesuiten-Reduktionen" in die Geschichte eingingen. Dieses Gesellschaftsmodell provozierte jedoch nicht nur die spanischen Eroberer, denen der Zugang zu diesen Gebieten verwehrt war, sondern auch die einheimischen Häuptlinge. Es entflammte der sogenannte Krieg der Heilsbringer, in dem viele Jesuiten umkamen und schließlich von den Spaniern aus Paraguay vertrieben wurden.
In Asien griffen die Jesuiten zu einer neuen Methode, um den christlichen Glauben zu verbreiten. Im Gegensatz zu den alten Orden, die animistischen Kulturen gegenüber oft unnachgiebig blieben, wählten sie die "Inkulturation". Dies bedeutete, dass sie sich auf die örtliche Kultur einließen, sich ihr öffneten, um dann von innen heraus in Gottes Sinne wirken zu können. Zwar hatten die Jesuiten mit dieser Erfolg, doch verurteilte sie der Papst im sogenannten Ritenstreit. Auf päpstliche Weisung hin musste der Orden daraufhin seine Missionsstationen in China schließen.

In Europa waren die Jesuiten schon früh an fast allen Fürstenhöfen Beichtväter, was ihnen einerseits viel Macht verlieh, sie andererseits auch in Machtkämpfe verstrickte. Im 18. Jh. warfen ihnen besonders die bourbonischen Königshäuser vor, sich als Agenten zu betätigen und politische Entscheidungen hochgradig beeinflusst zu haben. Zudem wehrten sich protestantisch dominierte Städte mit aller Kraft gegen die erfolgreichen Gründungen von immer mehr Jesuitenschulen und deren Einfluss auf die Konfessionswahl der Menschen. Dies alles rief Abneigung hervor, die sich zu offener Feindschaft steigerte, welche schließlich auch auf das Volk übergriff. 1767 ließ Karl III. viele Ordensmitglieder inhaftieren, und die Bourbonen zwangen Papst Clemens XIV. dazu, den Orden 1773 aufzuheben.
Diese Abkehr des Papstes vom Orden, der ursprünglich zu dessen Unterstützung gegründet worden war, traf die Jesuiten hart. Viele fanden Zuflucht in Russland und Preußen, Gebiete, in denen die nicht-katholischen Regierungen die päpstliche Autorität ohnehin nicht anerkannten. Zarin Katharina die Große und Friedrich II. machten sich die Vorteile des jesuitischen Schulsystems zunutze und ließen die Ordensbrüder als Seelsorger für die katholische Bevölkerung Polens gewähren, das zwischen den beiden Mächten aufgeteilt worden war.

1814 wurde der Orden durch Papst Pius VII. wieder zugelassen, nachdem sich die Verleumdungen gegen die Brüder als haltlos erwiesen hatten. Doch auch Bismarck waren die Jesuiten ein Dorn im Auge.
Während des Kulturkampfes, der die endgültige Trennung von Staat und Kirche verfolgte, machte er ihnen den Vorwurf eines zu "internationalen und undeutschen Geistes" und ließ von der preußischen Polizei regelmäßig alle Kollegien durchsuchen. 1872 wurden die sogenannten Jesuitengesetze erlassen, welche die Ausweisung des Ordens aus dem Deutschen Reich zur Folge hatten.
Die totalitären Regime des 20. Jh.s führten in Europa einen unerbittlichen Kampf gegen die Religion.
Die russische Revolution machte dabei den Anfang und vertrieb nicht nur die orthodoxe Kirche, sondern auch die Jesuiten aus Russland. Aber auch die Nationalsozialisten setzten den Orden massiv unter Druck.

Die engagierten und intelligenten Predigten von Pater Rupert Mayer wurden im Dritten Reich bis weit über die Grenzen Münchens hinaus bekannt. Seine klaren Worte büßte der Geistliche mit KZ-Haft und Hausarrest.
Der Jesuit Alfred Delp engagierte sich seit 1942 im Kreisauer Kreis, der sich mit einer neuen christlichen Sozialordnung beschäftigte. Wegen Kontakten zu den Hitlerattentätern vom 20. Juli 1944 wurde er in Berlin-Plötzensee hingerichtet.

Effizienz gilt als eine der höchsten Tugenden des Ordens:

"Vertraue so auf Gott, als hinge alles von deiner eigenen Anstrengung ab, und mühe dich in der Weise, als liege alles in den Händen Gottes."

Dieser Vorsatz durchzieht das Leben und Wirken der Jesuiten von alters her. Besonders in der Erziehung junger Menschen, die schon immer zum Tätigkeitsbereich der Jesuiten gehörte, kam er zum Tragen.
Die Gesellschaft Jesu bildete ihren Nachwuchs nach höchsten Ansprüchen aus, denn nur fähige und gut ausgebildete Menschen waren den Aufgaben des Ordens gewachsen. So war das Studium von Anfang an Grundvoraussetzung für jeden Jesuiten.
Das Collegium Romanum in Rom, die heutige päpstliche Hochschule Gregoriana wurde 1551 von Ignatius von Loyola selbst gegründet. Er wollte eine eigene Hochschule, denn an den großen Universitäten Europas arbeiteten Aufklärung und Reformation gegen die katholische Theologie. Kirche und Gesellschaft drohten auseinander zu fallen, und der Jesuitenorden unter Ignatius verstand sich als Antwort auf die Herausforderungen.
Die Gregoriana gilt bis heute als Kaderschmiede der katholischen Kirche. Große Köpfe wie Athanasius Kircher, Ivan Illich, Karl Lehmann, Ratzinger oder Küng haben hier studiert oder gelehrt.

Zu den einflussreichsten Theologen des 20. Jh. zählt der Jesuit Karl Rahner.
Er war maßgeblich an der Vorbereitung und Durchführung des ZVK beteiligt,
dessen Botschaft "Dialog mit der Gesellschaft, mit der modernen Welt und mit anderen Religionen" lautete. Als Schüler von Martin Heidegger versuchte er eine Synthese der theologischen Tradition mit dem Denken der Moderne, den Naturwissenschaften und dem Marxismus. Da er immer wieder öffentlich die Missstände der Gesellschaft aber auch innerhalb der katholischen Kirche kritisierte, wurde er als "Protagonist der Freiheit in der Theologie" bezeichnet. In Innsbruck legte er den Grundstock zur Sammlung seiner Manuskripte, dem Karl-Rahner-Archiv. Kardinal Lehmann promovierte über Rahner und ist Inhaber der Karl-Rahner-Plakette.


Bildungsmonopol und Volksfrömmigkeit


Wo immer die Jesuiten aktiv wurden, gründeten sie Kollegien und unterrichteten junge Menschen in humanistischer Bildung. In mehreren Ländern Europas hatten sie ein Monopol auf dem gymnasialen Sektor.
Während die früheren Klosterschulen, beispielsweise die der Benediktiner, hauptsächlich ihren eigenen Nachwuchs heranzogen, öffneten die Jesuiten ihre Schulen auch für einen weltlichen Unterricht. Dies kam vor allem der Oberschicht des immer rascher anwachsenden Bürgertums der Neuzeit sehr entgegen, die gute Schulen für ihre Kinder benötigten. Die Jesuiten zeigten ihre Offenheit auch darin, dass sie den Unterricht mit Musikstunden und Theaterspiel ergänzten, für das sie eigene Stücke schrieben. Durch diese gelang es ihnen, die Volksfrömmigkeit zu fördern und die Gläubigen wieder an die katholische Kirche zu binden.
("Der Mensch ist geschaffen dazu hin, Gott unseren Herrn zu loben.")

Auch in den modernen Wissenschaften, vor allem in der Astronomie, gehörten und gehören die Jesuiten zur Elite. Bereits 1582 wurde die erste Sternwarte des Vatikans gegründet, die von Anfang an den Jesuiten unterstand.
Es war der Jesuit Angelo Secchi, der als erster die Sterne nach ihrem Spektrum klassifizierte. Anfang des 20. Jh. zog die Specola Vaticana, nachdem durch die städtische Ausbreitung der Himmel über Rom immer heller wurde, in das 25 km von Rom entfernte Castel Gandolfo, wo sich heute der Sommersitz des Papstes befindet. Doch auch hier ist es inzwischen zu hell, so dass eine zusätzliche Sternwarte in Tuscon, Arizona, errichtet wurde.
In einen schweren Konflikt zwischen Wahrheit und Glaubensgehorsam geriet 1632 der Jesuitenpater Clavius, der als führender Mathematiker seiner Zeit die Berechnungen Galileo Galilei und das neue Weltbild des Kopernikus zwar bestätigte, aber als Gutachter im Inquisitionsverfahren gegen Galileo Galilei beziehen musste, um dem tradierten Weltbild des Vatikans Gehorsam zu leisten.

Es gab Zeiten, da verstand man unter jesuitischem Drill eine strenge religiöse Erziehung mit dem Ziel, junge Menschen in den Griff zu bekommen. "Das ist natürlich heute längst nicht mehr so", versichert Pater Johannes Siebner, Direktor der Jesuitenschule St. Blasien im Schwarzwald, einem der großen Eliteinternate Deutschlands. Das Angebot von St. Blasien ist sehr effizient und international ausgerichtet. [...]
Auch der Jesuit und Exerzitienmeister Christian Herwartz lebt in Berlin. Er hat die ursprünglichen geistlichen Übungen modernisiert und in das Berliner Großstadtleben integriert. Bei seinen "Exerzitien auf der Straße" meditiert er mit Teilnehmern z.B. vor Obdachloseneinrichtungen. Dort sollen sie erfahren, was auch Ignatius erkannt hat: Aufmerksamkeit für einen Ort, eine Situation und damit für sich selbst.

Doch nicht nur im sozialen Bereich sind die Jesuiten tätig. Im Zentrum der katholischen Kirche, in Rom, liegt die mediale Gewalt des Vatikans in den Händen der Jesuiten: Sowohl das Pressebüro des Papstes als auch Radio Vatikan, das Sprachrohr der katholischen Welt, wird von ihnen geleitet. Der Deutsche Eberhard von Gemmingen arbeitete (bis 2009) im Sender als Chefredakteur. Generaldirektor von Radio Vatikan und Pressesprecher des Papstes heute: Federico Lombardi SJ. Nachfolger von Opus-Dei-Brüderchen Joaquin Navarro-Valls, der über zehn Jahre Jopa Wojtyla als Papstsprecher diente.


Missionswissenschaftler SJ


12/06'08 Erzbischof Ludwig Schick (SJ), Vorsitzender der Kommission Weltkirche der Dt. Bischofskonferenz, erläuterte am 3. Dezember im Rahmen eines Pressegesprächs in Frankfurt am Main die Ziele des neuen Instituts für Weltkirche und Mission (IWM), das an der Philo-Theolo Hochschule St. Georgen eingerichtet wurde.

"Den deutschen Bischöfen ist nachdrücklich daran gelegen, dass die weltkirchlich-missionarische Dimension der Kirche in der Welt von heute in neuer Weise im Raum der Wissenschaften verankert wird. Deshalb haben sich die Bischöfe bereits vor mehr als zwei Jahren entschieden, ein IWM zu gründen und einen Stiftungslehrstuhl für diese Fragen einzurichten. Diese Institutsgründung erschien auch angeraten, weil die theologische Auseinandersetzung mit der Weltkirche ihren angestammten Platz an den Hochschulen in Deutschland weitgehend eingebüßt hat."

1. Am heutigen Tag – dem 3. Dezember – gedenkt die katholische Kirche des Heiligen Franz Xaver.
Er gehört zu den beeindruckendsten Gestalten des Jesuitenordens und wird als einer der großen Missionare der Kirche verehrt. Er ist zusammen mit der 'kl. Hl. Theresia von Lisieux' der Patron der Mission. Es gibt also wohl keinen geeigneteren Tag [...]

"Wenn das Evangelium unter die Menschen kommt, dann wächst das Reich Gottes, das durch Jesus Christus unwiderruflich angebrochen ist. Will die Kirche zu Beginn des dritten christlichen Jahrtausends die Zeichen der Zeit verstehen, sieht sie sich gerade angesichts der wachsenden Globalisierung nachdrücklich herausgefordert, die vielen Völker der Erde und nicht zuletzt sich selbst mit dem Evangelium vertraut zu machen."

[...] Die Missionswissenschaften als traditioneller Ort der Reflexion über die weltweite Verbreitung des Glaubens wurden im Jahre 1914 durch die Berufung von Joseph Schmidlin an die Katho-Theolo Fakultät Münster als eigenständige Disziplin grundgelegt. Sie befinden sich heute an den deutschen Hochschulen in einer mehr als schwierigen Situation. An den Katho-Theolo Fakultäten der staatlichen Universitäten gibt es nur noch das "Institut für Missionswissenschaft" in Münster (Giancarlo Collet) und den im Jahre 2004 an der Universität Würzburg auf fünf Jahre befristet eingerichteten Stiftungslehrstuhl "Missionswissenschaft und Dialog der Religionen" als institutionelle Kristallisationspunkte. An den Ordenshochschulen, die in früheren Zeiten großen Anteil an der Ausbildung der Missionare hatten, stellt sich die Lage nicht grundlegend anders dar. Es ist nicht überraschend, dass diese institutionelle Krise der Missionswissenschaften inzwischen auch zur Ausdünnung beim wissenschaftlichen Nachwuchs geführt hat. Wir finden kaum Professoren oder ausgewiesene Fachleute für Missionswissenschaft.
Die ungenügende institutionelle Präsenz weltkirchlicher Reflexion an den Hochschulen wirkt sich auch auf die Entwicklung der verschiedenen theologischen Disziplinen aus. Die Pastoraltheologie braucht z. B. die Impulse aus anderen Kulturen und Ortskirchen. Der Horizont der Fundamentaltheologie, auch der Dogmatik sowie der Spiritualität, wird weiter durch die Verbindung mit den Missionswissenschaften. [...]
5. Die Arbeit des neuen Instituts soll aber für die gesamte Arbeit der Kirche in Deutschland und ihre Bemühungen um die Entwicklung einer missionarischen Seelsorge von großem Nutzen sein.
Wegen der derzeit mangelnden wissenschaftlich-theologischen Auseinandersetzung mit der Weltkirche erhält auch die weltkirchliche Arbeit der Diözesen, der Hilfswerke, der Orden, Vereine und anderer Träger in Deutschland weniger Impulse als es zu wünschen ist. Es fehlt an hinreichender theologischer Begleitung sowie an einer Aus- und Fortbildung der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die in den verschiedenen Diensten und Institutionen der weltkirchlichen Arbeit tätig sind.

Einem Haufen Theoreme gläubig zu gehorchen



Alois Schifferle 2009: Die Pius-Bruderschaft

pt 1 & pt 2 & pt 3 & pt 4 & pt 5 & pt 6 & pt 8


S. 183 f.) Weltumspannende Katholizität

"Das Ökumenische Konzil stellt sich als eine Kundgebung wahrhaft weltumspannender Katholizität von ungewöhnlicher, weittragendster Bedeutung dar. Was geschieht, bestätigt, dass der Herr den heilbringenden Plan mit seiner heiligen Gnade unterstützt. Die Idee des Konzils ist nicht als Frucht langdauernder Erwägung gereift, sondern wie die plötzliche Blüte eines unerwarteten Frühlings."


S. 184 ff.) Gewissensbildung, HD = hl. Depositum

ZVK-Eröffnungsrede am 11. Oktober 1962, John Pope Roncalli:

"Der christliche, katholische und apostolische Geist der ganzen Welt erwartet vielmehr: Von einem unbelasteten und ruhigen Ansatze bei der Gesamtlehre der Kirche in ihrer Geschlossenheit und Klarheit, wie sie aus den Akten des Konzils von Trient und dem EVK hervorleuchtet, soll es zu einem Sprung nach vorwärts, d.h. zu einer lebendigen Durchdringung der Lehre und Förderung der Gewissensbildung kommen. Bei vollkommener Treue zur authentischen Lehre soll diese innerhalb der Formen der Forschungs- und Darstellungsweise des modernen Denkens studiert und ausgelegt werdenalles ist da an den Formen und Proportionen eines Lehramtes zu bemessen, dem ein vorwiegend pastoraler Charakter zukommt."

Als ein besonderes Anliegen stellte er in seiner Eröffnungsrede das Problem der Einheit und Wiedervereinigung der Christenheit und deren Bedeutung für die Zukunft zur Diskussion. Das Konzil als solches führte Papa Johann Roncalli auf eine persönliche Eingebung zurück. Wie er diese Eingebung verstanden hat und verstanden wissen möchte, zeigt seine Ansprache an die Beobachter-Delegierten am 13.10.1962 im Konsistoriensaal. Er verdeutlichte, dass bei Ökumenischen Konzilien die Vereinigung zwischen Christus und seiner Kirche feierlich bezeugt und das Licht der Wahrheit verbreitet wird. In dieser Hinsicht enthält seine Rede die vier folgenden Schwerpunkte:
# Hinweise zum Schutz und zur Verbreitung der Lehre
# Hinweise zur Verkündigungspraxis der christlichen Lehre in der Gegenwart
# Hinweise, wie Irrtümer abzuwehren sind und
# Hinweise hinsichtlich der Einheit der Christen und der Menschheit

1. Schutz und Verbreitung der Lehre
Die Hauptaufgabe des Konzils sah il Papa buono ("der gute Papst") John Roncalli darin,
"das heilige Überlieferungsgut (depositum) der christlichen Lehre mit wirksameren Methoden zu bewahren und zu erklären." Durch ein festes kirchliches Lehramt soll "den Irrtümern, den Notwendigkeiten und Chancen unserer Zeit" Rechnung getragen werden, indem das kirchliche Lehramt durch dieses Konzil allen Menschen auf Erden in außerordentlicher Weise vorgestellt werde.



Die Herzen vollkommener entflammen

2. Verkündigungspraxis in der Gegenwart
"Das 21. ÖkuKonz, dem eine wirksame und hoch zu bewertende Unterstützung durch erfahrene Gelehrte des Kirchenrechts, der Liturgie, des Apostolats und der Verwaltung zur Verfügung steht, will die katholische Lehre rein, unvermindert und ohne Entstellung überliefern, so wie sie trotz Schwierigkeiten und Kontroversen gleichsam ein gemeinsames Erbe der Menschheit geworden ist. Dieses Erbe ist nicht allen genehm, aber es wird allen, die guten Willens sind, als ein überreicher und kostbarer Schatz angeboten.
Doch es ist nicht unsere Aufgabe, diesen kostbaren Schatz nur zu bewahren, als ob wir uns einzig und allein für das interessieren, was alt ist, sondern wir wollen jetzt freudig und furchtlos ans Werk gehen, das unsere Zeit erfordert, und den Weg fortsetzen, den die Kirche seit zwanzig Jahrhunderten zurückgelegt hat. [...]
Heute ist es wahrhaftig nötig, dass die gesamte christliche Lehre ohne Abstrich in der heutigen Zeit von allen durch ein neues Bemühen angenommen werde. Heiter und ruhigen Gewissens müssen die überlieferten Aussagen, die aus den Akten des Tridentinums und des EVK hervorgehen, daraufhin genau geprüft und interpretiert werden. Es muss [...] diese Lehre in ihrer ganzen Fülle und Tiefe erkannt werden, um die Herzen vollkommener zu entflammen und zu durchdringen. Ja, diese sichere und beständige Lehre, der gläubig zu gehorchen ist, muss so erforscht und ausgelegt werden, wie unsere Zeit es verlangt." [...]

"Notwendig ist, dass die in sich gewisse und unveränderliche Lehre, der getreuer Gehorsam zu leisten ist, auf die Zielsetzung hin untersucht und ausgelegt werde, die unsere Zeiten (tempora nostra) verlangen. Haben die Theologen und Bischöfe und ihre Berater das zur Genüge festgestellt, so obliegt ihnen die weitere, eben schwerere Aufgabe, diese Wahrheiten so zeitnah zu formulieren, dass sie auch in die Tradition der Gesamtverkündigung eingefügt werden kann und von ihr mitgetragen wird. Eine Sache für sich nämlich ist die Hinterlage des Glaubens oder der Wahrheiten, die in unserer hochzuverehrenden Lehre enthalten sind – eine Sache für sich ist wiederum die konkrete Weise, in der eben diese Wahrheiten sprachlich formuliert werden [im selben Sinn und in derselben Sinndarlegung – Schifferle]. Der Frage nach der Art und Weise ist größtes Gewicht beizulegen. Ihr hat man sich, falls dies geboten erscheinen sollte, mit aller Geduld zu widmen, d.h. in die lehramtliche Darlegung sind solche sprachlichen Darstellungen (rationes) einzuführen, die einem in erster Linie pastoral ausgerichteten Lehramt besser entsprechen."

Seine Lehre enthält auch eine Verzichtserklärung der Kirche auf weltliche Macht. Dadurch werde die Kirche erst frei für die Herausarbeitung ihrer eigenen Sendung. Er meinte allerdings keinen Rückzug in ein "rein religiöses" Ghetto, sondern sah das Grundanliegen des Konzils darin, das Überlieferungsgut, das "depositum fidei", durch die Stimme der Kirche in wirksamer Weise zu erhalten und zu erklären.

3. Abwehr von Irrtümern
Es ist, so sagte er, "den heutigen Notwendigkeiten angemessener, die Kraft der katholischen Lehre ausgiebig zu erklären, als zu verurteilen.
Die Heilmittel der Barmherzigkeit fruchten mehr als die Waffe der Strenge."

4. Sorge um die Einheit der Christen und der Menschheit
"Genau betrachtet erstrahlt diese Einheit in einem dreifachen Licht:"
Sie leuchtet auf in der Einheit der Katholiken miteinander, in der Sehnsucht der getrennten Brüder nach Wiedervereinigung und in der Achtung der Nichtchristen vor der Kirche.



S. 188) Die Verähnlichung der irdischen mit der himmlischen Stadt

In diesem Sinne schloss der Papst seine Erörterungen über die Einheit der Christen und der Menschheit mit den Worten:

"Dieses ist die Absicht des Zweiten Vatikanischen ökumenischen Konzils: Da es die hervorragendsten Kräfte der Kirche vereint und da es sich eifrig bemüht, dass die Heilsbotschaft von den Menschen bereitwillig aufgenommen werde, bereitet und festigt es auf diese Weise den Weg zu jener Einheit des Menschengeschlechts, die das notwendige Fundament bildet für eine Verähnlichung der irdischen mit der himmlischen Stadt, 'in der die Wahrheit herrscht, deren Gesetz die Liebe, deren Existenz aber die Ewigkeit ist' (Augustinus Ep. CXXXVIII, 3)."

Zudem gilt, nach Paul VI., dass "das Amt der authentischen Interpretation des geschriebenen oder überlieferten Wortes Gottes [...] allein dem lebendigen Lehramt der Kirche anvertraut [ist] (munus [...] authentice interpretandi [...] soli vivo Ecclesiae Magisterio concreditum est), wie die Offenbarungskonstitution des Zweiten Vatikanischen Konzils im Einklang mit der Enzyklika Humani generis aus dem Jahre 1950 lehrt. Schon im Ersten Vatikanum wurde auf die Hauptfunktionen des kirchlichen Lehramtes hingewiesen, das die Offenbarung unverfälscht zu bewahren und die geschriebenen oder überlieferten Worte Gottes authentisch auszulegen hat."



S. 189) Der Mensch (die "menschliche Person") als "Hörer des Wortes"

Die Entstehungsgeschichte dieser Konstitution ist verbunden mit Fragen der Theologie wie mit Fragen des christlichen Lebens: Der Mensch als Hörer des Wortes, die Selbstkundgabe Gottes in der Geschichte, Verständnis und Verkündigung der christlichen Botschaft in der Kirche hier und heute, und anderes mehr.
Kardinal Alfredo Ottaviani legte auf der zweiten Sitzung der vorbereitenden Kommission am 10.Nov.1961 einen Entwurf vor mit dem Titel "De fontibus revelationis" (das von Ottaviani und Sebastian Tromp SJ erarbeitete Schema), in dem es nicht nur um die Verhältnisbestimmung von Schrift und Tradition ging, sondern zentral um "die Art und Weise, wie die Offenbarung autoritativ von Jesus Christus her bis zu uns übermittelt wird." Herbert Vorgrimler erinnert daran, dass schon das Konzil von Trient vor dieser Frage stand:

"Es weigerte sich zu sagen, die Offenbarung sei teils in der Schrift, teils in der Überlieferung enthalten. Was aber ist Überlieferung? Das war schon im Trienter Konzil nicht ganz klar. Erst die nachtridentinische Theologie arbeitete jene Theorie aus, wonach die Tradition gerade durch das zu bestimmen ist, was sie von der Schrift unterscheidet."


S. 190 f.) Dei Verbum: Kriterien fürs "Heutigwerden"

Eine grundsätzliche Auseinandersetzung um den ursprünglichen Text des Offenbarungsschemas gab es in der ersten Sitzungsperiode des Zweiten Vatikanischen Konzils (ZVK). Diese Auseinandersetzung, in die Papst Johannes XXIII. persönlich eingriff, gilt nach Worten von W. Kasper als einer der bedeutendsten Einschnitte in der neueren Kirchengeschichte, die "Abkehr der Kirche von den Verkrampfungen einer auf bloße Defensive und negative Verurteilungen eingestellten Mentalität und die Hinkehr zu einer neuen, zum Dialog mit den Andersdenkenden und Andersgläubigen bereiten Geistigkeit."
Konkret ging es in dieser Kontroverse nicht so sehr um inhaltliche theologische Einzelfragen, sondern mehr um "die Grundentscheidung, ob es weiterhin bei der schroff antimodernistischen, auf Ängstlichkeit beruhenden Haltung des Sichabschließens bleiben soll oder ob die Kirche vertrauensvoll den Schritt in eine neue Epoche wagen will, die erst in ihren äußeren Umrissen deutlich ist und die ebenso Chancen enthält, wie sie selbstverständlich auch Gefahren in sich birgt."
Diese Kontroverse vollzog sich dann am Problem von "Schrift und Tradition", wobei die neue Offenheit, die angestrebt wurde, eine schöpferische Rückkehr zu den Ursprüngen, zum apostolischen Zeugnis in Schrift und Tradition bedeutete und so einer falschen Weltfrömmigkeit der Kirche entgegentrat. Das Thema "Schrift und Tradition" ist nach Worten W. Kaspers "keine rein innertheologische Streitfrage, es steht vielmehr im Schnittpunkt des pastoralen Anliegens des ZVK, welches das Heutigwerden der Kirche zum Ziel hat."
Gegenüber den früheren Diskussionen um die inhaltliche Vollständigkeit der Schrift im Verhältnis zur Tradition ging es im Umfeld des ZVK um die Frage, "wie das Evangelium durch die Kirche in der Welt von heute wieder Präsenz gewinnen kann." Mit anderen Worten ging es hier

"um die Frage nach der letzten Norm in und über die Kirche. Es geht um das Problem, wie die einmal ergangene Offenbarung ein für allemal bleibende Norm der kirchlichen Verkündigung werden kann. Es geht um die Kriterien, die für das Heutigwerden des Evangeliums gelten."

Die in der 4. Sitzungsperiode publizierte dogmatische Konstitution über die göttliche Offenbarung Dei Verbum gilt als eines der ausgereiftesten und aufgeschlossensten Dokumente des ZVK.
Der endgültige Text ist in einer Sprache, die die ökumenischen wie pastoralen Anliegen berücksichtigt, abgefasst.



S. 193 ff.) Der Auftrag der Kirche und die Freiheit des Menschen

Die allgemeine Grundlegung der Religionsfreiheit durch das Konzil ist vor dem Hintergrund zu sehen, dass kein Mensch gezwungen werden kann, katholisch zu sein bzw. katholisch zu werden.
Der maßgebende Text der Erklärung über die Religionsfreiheit vom 7.Dez.1965 lautet: "Fürs erste bekennt die heilige Synode: Gott selbst hat dem Menschengeschlecht Kenntnis gegeben von dem Weg, auf dem die Menschen, ihm dienend, in Christus erlöst und selig werden können. Diese einzige wahre Religion, so glauben wir, ist verwirklicht in der katholischen, apostolischen Kirche, die von Jesus dem Herrn den Auftrag erhalten hat, sie unter allen Menschen zu verbreiten. Er sprach ja zu den Aposteln:

'Gehet hin, und lehret alle Völker, taufet sie im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes, und lehret sie alles halten, was ich euch geboten habe' (Mt. 28:19-20).

Alle Menschen sind ihrerseits verpflichtet, die Wahrheit, besonders in dem, was Gott und seine Kirche angeht, zu suchen und die erkannte Wahrheit aufzunehmen und zu bewahren.
In gleicher Weise bekennt sich das Konzil dazu, dass diese Pflichten die Menschen in ihrem Gewissen berühren und binden, und anders erhebt die Wahrheit nicht Anspruch als kraft der Wahrheit selbst, die sanft und zugleich stark den Geist durchdringt. Da nun die religiöse Freiheit, welche die Menschen zur Erfüllung der pflichtgemäßen Gottesverehrung beanspruchen, sich auf die Freiheit von Zwang in der staatlichen Gesellschaft bezieht, lässt sie die überlieferte katholische Lehre von der moralischen Pflicht der Menschen und der Gesellschaften gegenüber der wahren Religion und der einzigen Kirche Christi unangetastet.
Bei der Behandlung dieser Religionsfreiheit beabsichtigt das Heilige Konzil, zugleich die Lehre der neueren Päpste über die unverletzlichen Rechte der menschlichen Person wie auch ihre Lehre von der rechtlichen Ordnung der Gesellschaft weiterzuführen."
Hinsichtlich des Rechts der religiösen Freiheit erklärte das ZVK weiter,

"dass die menschliche Person das Recht auf religiöse Freiheit hat. Diese Freiheit besteht darin, dass alle Menschen frei sein müssen von jedem Zwang sowohl von Seiten Einzelner wie gesellschaftlicher Gruppen, wie jeglicher menschlichen Gewalt, so dass in religiösen Dingen niemand gezwungen wird, gegen sein Gewissen zu handeln, noch daran gehindert wird, privat und öffentlich, als einzelner oder in Verbindung mit anderen – innerhalb der gebührenden Grenzen – nach seinem Gewissen zu handeln. Ferner erklärt das Konzil, das Recht auf religiöse Freiheit sei in Wahrheit auf die Würde der menschlichen Person selbst gegründet, so wie sie durch das geoffenbarte Wort Gottes und durch die Vernunft selbst erkannt wird. [...] Sie sind auch dazu verpflichtet, an der erkannten Wahrheit festzuhalten und ihr ganzes Leben nach den Forderungen der Wahrheit zu ordnen. Der Mensch vermag aber dieser Verpflichtung auf die seinem eigenen Wesen entsprechende Weise nicht nachzukommen, wenn er nicht im Genuss der inneren, psychologischen Freiheit und zugleich der Freiheit von äußerem Zwang steht. Demnach ist das Recht auf religiöse Freiheit nicht in einer subjektiven Verfassung der Person, sondern in ihrem Wesen selbst begründet. So bleibt das Recht auf religiöse Freiheit auch denjenigen erhalten, die ihrer Pflicht, die Wahrheit zu suchen und daran festzuhalten, nicht nachkommen, und ihre Ausübung darf nicht gehemmt werden, wenn nur die gerechte öffentliche Ordnung gewahrt bleibt."

Der weltanschauliche Inhalt dieser Deklaration kann folgendermaßen zusammengefasst werden: [...]
Anders ausgedrückt bedeutet dieses positive Moment der Religionsfreiheit, dass dem Einzelnen die Befugnis zugestanden wird, nach eigenem Ermessen eine Religion auszusuchen. Diese Wahl wird durch die Würde der menschlichen Person naturrechtlich begründet und durch die Offenbarung nachdrücklich bestätigt.
Das ZVK überträgt diese Freiheit von Zwang in religiösen Dingen auch auf die weltlich-gesellschaftliche Ebene, wonach alle Religionsgemeinschaften absolut gleichberechtigt sein müssen und keine Religion Privilegien etwa durch den Staat genießen soll. Das Konzil stellt klar: "Weil die Menschen Personen sind, d.h. mit Vernunft und freiem Willen begabt und damit auch zu persönlicher Verantwortung erhoben, werden alle – ihrer Würde gemäß – von ihrem eigenen Wesen gedrängt und zugleich durch eine moralische Pflicht gehalten, die Wahrheit zu suchen, vor allem jene Wahrheit, welche die Religion betrifft."

Gegenüber dem Staat bedeutet dies, dass dieser hinsichtlich der Wahrheit vor Gott keine Hilfsdienstleistungen zugunsten der einen Wahrheit erbringen soll. Der Staat ist zwar wesentlich gehalten, die religiösen Bedürfnisse seiner Bürger zu schützen, jedoch nicht selektiv, sondern "gleichmäßig und gleichberechtigt für alle Religionsgemeinschaften". Wenn jene Wahrheit zu suchen ist, die die Religion betrifft, so meinte das Konzil, dass es vor Gott die römisch-katholische Religion ist, die diese Wahrheit beinhaltet und dass das Lehramt der KK eben diese einzige Wahrheit der Tradition entsprechend verkündet. Das Konzil lehnte nach Worten Krögers die Schlussfolgerung ab, "dass das, was vor Gott gültig ist – die eine Kirche, die eine Wahrheit, der eine Heilsweg – auch vom Staat zur Gänze oder so weit wie möglich anerkannt und gefördert werden müsse."

Es wird u.E. in der Erklärung über die Religionsfreiheit vom Staat positiv gefordert, dass der Heilsweg, die Wahrheit sowie das sittlich Gute auch von staatlicher Seite anerkannt und gefördert werden sollten. Andererseits sagte das Konzil in dieser Erklärung deutlich, "das Recht auf religiöse Freiheit sei in Wahrheit auf die Würde der menschlichen Person selbst gegründet, so wie sie durch das geoffenbarte Wort Gottes und durch die Vernunft selbst erkannt wird. Dieses Recht der menschlichen Person auf religiöse Freiheit muss in der rechtlichen Ordnung der Gesellschaft so anerkannt werden, dass es zum bürgerlichen Recht wird."
Eine Trennung zwischen dem, was vor Gott gilt und dem, was vor dem Staat gilt, ist hiernach falsch und nicht zulässig. Mit Worten A. Krögers:

"Der weltanschaulich neutrale, laizistische, wenngleich religionsfreundliche Staat ist nachdrücklich abzulehnen."

Te Deum – Die Augustiner


Te Deum – Himmel auf Erden: Die Grundpfeiler unserer Kultur

"Wir sind zu schwach, um mit der bloßen Vernunft die Wahrheit zu finden."

pt 5) Ordo Sancti Augustini – OSA – "Glaube und Wahrheit"
pt 1 & pt 2 & pt 3 & pt 4 & pt 6

In der Tradition des Kirchenvaters Augustinus betreiben die Augustiner "auf der ewigen Suche nach der Wahrheit" bis heute vertiefte theologische und wissenschaftliche Studien.
Neben dieser intellektuellen Tätigkeit engagieren sie sich vornehmlich in der Seelsorge und im sozialen Bereich.

Augustinus (354-430) wurde in Tagaste, einem kleinen Ort an der nordafrikanischen Küste im heutigen Algerien geboren und wuchs als Sohn einer Christin und eines armen, von den Abgaben an Rom gepeinigten Landbesitzers auf. Zu jener Zeit hatte Kaiser Konstantin II. (317-340) die Kirche zu einer Stütze des zerfallenden Römischen Reichs gemacht, indem er die damals traditionellen heidnischen Götterkulte verbot und sich zum Christentum bekannte. Augustinus fühlte sich früh als ein von Gott Getriebener, ein ewig nach der Wahrheit Suchender. In der Schule unterfordert, stürzte er sich in zahllose Liebesaffären, aus denen auch ein Kind hervorging. Spirituellen Halt suchte er bei der persischen Sekte der Manichäer. Durch ihre dualistische Lehre von Gut und Böse fühlte er sich zunächst in seinem Streben nach Wahrheit bestätigt, bis ihn wieder Zweifel plagten und ihn die Frage nach Gott weiter vorantrieb. Ein Freund seiner Eltern ermöglichte dem hochbegabten Jungen ein Studium in Karthago in Dialektik, Rhetorik und Philosophie. [...]

Erst als er von den frühen Wüstenvätern wie Antonius und den ersten Klostergründungen hörte, spürte er, auf dem richtigen Weg zu sein. Letzte Sicherheit gab ihm ein Bekehrungserlebnis: Als eine Kinderstimme im Garten eines Freundes ihm geheißen hatte, "nimm und lies," deutete er diesen Hinweis als Zeichen Gottes [...]
Im Jahr 386 ließ sich Augustinus von Erzbischof Ambrosius taufen.
Nach Aufenthalten in verschiedenen Klöstern kehrte er schließlich in seine Heimat Nordafrika, nach Hippo Regius, zurück, wo er 395 zum Bischof berufen wurde, und begann, die konkurrierenden christlichen Strömungen, den Manaichäsmus, den Donatismus und den Pelagonismus zu bekämpfen.
In Tagaste gründete er mit sechs Brüdern sein erstes Hauskloster, dem andernorts noch mehrere folgen sollten.
In Tagaste fand Augustinus nach seinem gehetzten Dasein endlich die nötige Stille, um jene Werke niederzuschreiben, die ihn zum großen Kirchenvater machten. Er verfasste insgesamt 100 Schriften, die die Grundlage seiner Lehre bildeten. Zu seinen Hauptwerken gehören die autobiografischen Bekenntnisse Confessiones und die Schriften über die Dreieinigkeit De Trinitate. Trotz seiner regen Tätigkeit als Bischof und Priester hielt Augustinus am monastischen Dasein fest und zeigte zum ersten Mal in der Mönchsgeschichte, dass ein aktives und ein kontemplatives Leben sich nicht gegenseitig ausschlossen.

Nach dem Einfall der Vandalen in Nordafrika im Jahr 428 flohen viele Mönche nach Mittel- und Norditalien, wo sie Klöster errichteten und die Regel des Augustinus verbreiteten. Sie lebten unabhängig voneinander in kleinen kontemplativen Gemeinschaften, bis Papst Innozenz IV. sie 1244 zum Orden der Augustiner-Eremiten vereinigte und ihnen eine klare Aufgabe zuteilte. Fortan sollten sie sich in den Städten des Mittelalters, wo nicht nur reiche Handelshäuser, sondern auch eine mittlere und untere Bürgerschicht entstanden war, um das Seelenheil der Menschen kümmern. Dazu hielten sie Predigten an festen Standorten ab und boten Buß- und Beichtmöglichkeiten an. Das kontemplative Leben mussten die Mönche dafür nicht aufgeben. Eines der italienischen Gründungskloster entstand in San Gimignano in der Toscana. In der Kirche befindet sich der Bilderzyklus von Benozzo Gozzoli (1420-97), der in 17 Szenen die Lebensgeschichte des hl. Augustinus erzählt. [...]

Der Schlüssel zum christlichen Denken liegt bei Augustinus in seiner Bewunderung des Mönchtums. Die Fähigkeit einfacher Menschen, sich für eine christliche Lebensverwirklichung im Kloster zu entscheiden, faszinierte ihn, der lange Zeit ein unruhiges Leben geführt hatte. Nur die Askese der Mönche überstieg für seinen Geschmack das menschliche Maß, ebenso ihre Zurückgezogenheit von der Welt. Er blieb der Welt zugewandt und engagierte sich für ein friedvolles Zusammenleben in sozialer Gemeinschaft. Nicht zuletzt deshalb bilden Liebe und Herz die Mitte seines Christenverständnisses. In der bildenden Kunst wird er oft mit einem Herz in der Hand dargestellt, gemäß seiner Überzeugung: "Das erste Ziel eures gemeinschaftlichen Lebens ist, in Eintracht zusammenzuleben und ein Herz und eine Seele in Gott zu sein." In diesem Sinne verstand Augustinus sein Kloster als eine Art Wiederkehr der christlichen Urgemeinde, wofür er seine ganze Lebenskraft und Liebe einsetzte. Als Vorbedingung für eine fruchtbare apostolische Tätigkeit des Ordens forderte er eine fundierte religiös-theologische Ausbildung der Mitglieder. Das Studium der Theologie war Grundregel innerhalb des Ordens und die vornehmste Aufgabe der Brüder.

In den Confessiones, einem der einflussreichsten autobiographischen Texte der Weltliteratur, legte Augustinus seinen philosophischen Ansatz dar, der von Platon stammende, jedoch im christlichen Sinn modifizierte Elemente enthält. Hierzu gehören insbesondere der Dualismus zwischen der höheren Welt des Seins, die nur dem Denken, und der niederen Welt des Werdens, die den Sinnen zugänglich ist.
Als christlicher Existenzialist war Augustinus stets darauf bedacht, die Wahrheitssuche in den Dienst des Seins zu stellen.
Was er im Geiste sah, wollte er in seinem Dasein verwirklichen.
Er wusste: Zu allen intellektuellen Aussagen lässt sich stets eine Gegenaussage finden, doch ein wirklich gelebtes Christentum ist jeder Diskussion enthoben. Darin sah er die innere Unerschütterlichkeit der mönchischen, aber vor allem der augustinischen Lebensführung. ("Man darf sich nicht so sehr in Tätigkeiten vergraben, dass man die sinnliche Betrachtung Gottes für überflüssig hält.")

Desweiteren entwickelte Augustinus die Lehre der Erbsünde. In seiner Interpretation des Römerbriefs 5:12 heißt es: "In ihm (Adam) haben alle gesündigt," so als wären alle in Adam enthalten gewesen. Diese augustinische Interpretation des altgriechischen Originaltextes ist philologisch fraglich und auch theologisch umstritten. Doch Augustinus glaubte, dass die Erbsünde physisch übertragen würde und argumentierte, dass nur diejenigen, die völlig unverdient die Gnade Gottes erhielten, dieser Erblast entkommen und ewiges Leben erhalten würden. Von der Minderheit wiederum, die der Hölle entginge, könnten nur wenige einer schmerzlichen Läuterung entrinnen. Augustinus war daher der bedeutendste Vertreter der Ansicht, dass man in der Hölle endlose Qualen leiden müsste, und neben Gregor dem Großen wird vor allen ihm zugeschrieben, die Lehre vom Fegefeuer systematisiert und ihr Platz in der katholischen Kirche verschafft zu haben. Augustinus war außerdem der Ansicht, dass der Mensch durch die Erbsünde "ewiges Übel" verdiene, und stritt ab, dass ein Gericht reinigenden Charakter haben könnte. Denn jemand, der vor seinem Tode Gott abgewiesen habe, würde dies auch nach dem Tod tun. ("Unser Herz ist unruhig, bis es ruhe in dir.")

Martin Luther wurde 1483 im Übergang zwischen Mittelalter und Neuzeit geboren. Er studierte seinem Vater zuliebe Rechtswissenschaften in Erfurt, trat dann jedoch gegen dessen Willen dem Orden der Augustiner-Eremiten bei. Trotz täglicher Bußübungen litt Luther große Gewissensqualen. Seine größte Sehnsucht war die nach einem gnädigen Gott, doch das Sakrament der Buße, deren Vorbedingung die aufrichtige Reue aus Liebe zu Gott, nicht Angst vor Gottes Bestrafung ist, machte ihm das Leben schwer. Denn Luther erkannte, dass er unfähig war, aus Liebe Gottes Forderungen zu erfüllen, sodass er auch an der zugesagten Vergebung zweifelte.
Um diesen inneren Konflikt zu lösen, studierte er im Augustinerkloster von Erfurt Theologie.
Ein Bibelvers aus dem Paulusbrief führte schließlich zu seiner inneren Befreiung:

"Darin wird offenbart die Gerechtigkeit, die vor Gott gilt, welche aus dem Glauben kommt und zum Glauben führt. Wie geschrieben steht: Der Gerechte wird aus dem Glauben leben."

In Gottes ewiger Gerechtigkeit sah er ein reines Gnadengeschenk, das dem Mensch nur durch den Glauben an Jesus Christus gegeben wird. Keinerlei Eigenleistung wie Buße oder Ablasszahlungen könnten dieses Geschenk erzwingen. Damit war für Luther die gesamte mittelalterliche Kirche, die sich in all ihren Formen und Inhalten als Vermittlungsanstalt zwischen der Gnade Gottes und den Menschen verstand, obsolet geworden. Mit der Änderung seines Nachnamens von Luder zu Luther – nach dem griechischen Wort eleutheros, "Befreiter", "frei" – signalisierte er äußerlich seine innere Verwandlung.
("Diese Interpretation spiegelt das tendenziell eher individualistische Glaubensverständnis der reformatorischen Konfessionen wider, die die 'sichtbare Kirche' als reine Verwaltungsinstitution einer 'inneren Kirche' der wahrhaft Gläubigen gegenüberstellen, während die römisch-katholische Lehre tendenziell eher den Gemeinschaftsaspekt betont, ausgehend von einem Kirchenverständnis, das in der hierarchischen Organisation die himmlische Gemeinschaft der Heiligen bereits zum Teil verwirklicht sieht.")

Nach Beendigung seines Studiums in Erfurt wurde Luther zum Priester geweiht und veröffentlichte später in Wittenberg 1517 seine Thesen, die die Reformation einleiteten. Luther stellte sich gegen die feudale Kirchengesellschaft in Rom, die ihren prunkvollen Lebensstil durch Abgaben des Adels sowie durch Ablassgesetze finanzierten. Ein Teil der Aristokratie griff mit Freude Luthers Ideen auf und trat zum lutherischen Protestantismus über, um so der Ausbeutung durch den Papst zu entgehen.
Heute ist Luthers ehemaliges Kloster in Wittenberg ein Museum, nachdem er es bereits nach seiner Eheschließung mit der Zisterzienserin Katharina von Bora zum Familienheim umgestaltet hatte.
Die neu entstandene Konfession konnte sich schließlich als staatlich gleichberechtigte Kirche neben der römisch-katholischen etablieren. Luthers Bibelübersetzung sowie die Einführung von Messen in landesüblicher Sprache waren Vorbild für viele europäische Länder und führten zu einer Festigung des jeweils nationalen Bewusstseins, unabhängig von Rom. Für den Orden der Augustiner sollte es jedoch nach dieser Spaltung in den kommenden Jahrhunderten noch schlimmer kommen. Konnte er am Vorabend der Reformation noch 1600 Niederlassungen in ganz Europa verzeichnen, erfuhr er durch die anschließende Säkularisation, die Französische Revolution und den Kulturkampf eine äußerst starke Dezimierung.

Besonders hart traf es die Augustiner in Großbritannien. Heinrich VIII. hatte die Gunst der Stunde genutzt und sich 1534 vom Papst losgesagt, der ihm keinen Dispens zur Aufhebung seiner Ehe erteilen wollte. Kurzerhand ernannte er sich selbst zum Oberhaupt der neuen anglikanischen Kirche Englands. Die darauffolgende Aufhebung der großen, alten Abteien, die teilweise noch aus dem 5. Jh. stammten, bedeutete eine gewaltige Finanzspritze für den König, die dazu benutzt wurde, die einflussreichen Klassen der englischen Gesellschaft an die religiöse Revolution zu binden. Der Niedergang fand seine Fortsetzung, als Heinrichs Tochter Elisabeth I. sich weigerte, den spanischen Thronfolger zu heiraten und die katholische Maria Stewart enthaupten ließ. Elisabeth erklärte die Katholiken zum Staatsfeind und startete in England, Irland und Schottland einen großangelegten Feldzug gegen die Mönche, der 1540 mit der Auflösung fast aller Klöster und damit auch Augustinerklöster endete.

Im 19. Jh. jedoch machte der Orden nochmals weltweit von sich reden.
In Österreich, wo die Habsburger k.u.k. Monarchie eine er letzten Hochburgen des Katholizismus darstellte und noch den alten Reichsgedanken aus dem Mittelalter vertrat – in den deutschen Fürstentümern und ihrer Vormacht Preußen wurde indes längst der Ruf nach Demokratie laut – lebte der Augustinermönch Gregor Mendel (1822-1884) im Kloster von Brünn. Der Orden und die Kirche ermöglichten dem jungen Hobbybiologen 1844 ein naturwissenschaftliches Studium an der Universität in Wien und ließen ihn im Klostergarten von Alt Brünn Versuche mit Erbsen durchführen.
Der Erfolg blieb nicht aus. Mendel entwickelte die nach ihm benannten Mendelschen Vererbungsgesetze: die Uniformitätsregel, die Spaltungsregel und das Gesetz der freien Kombinierbarkeit der Gene.
Heute wird Gregor Mendel auch Vater der Genetik genannt.
Etwa zur gleichen Zeit begann Darwin seine Evolutionsforschung, Alexander von Humboldt und Carl Friedrich Gauß hatten gerade ihre Werke veröffentlicht. Die Naturwissenschaften verdrängten mit ihren revolutionären Erkenntnissen die Theologie aus ihrer Königsdisziplin, den Menschen die Welt zu erklären. Ein Großteil der Gesellschaft verlor den Glauben an die Kirche. [...]

Schwester Rita Maria gehört zum Orden der Ritaschwestern, der 1911 vom Augustinerpater Hugolinus Dach gegründet wurde. Dieser erkannte, dass viele Familien in Not gerieten, wenn Mütter wegen Krankheit oder Entbindung im Krankenhaus waren. So suchte er Frauen, die in dieser Zeit den Haushalt übernahmen.
Das tun die rund 90 Ritaschwestern in Würzburg noch heute. Sie helfen zuhause aus, machen Krankenbesuche und leisten Sterbebegleitung, um überforderte Familienmitglieder zu entlasten und Trost zu spenden:

"Der Tod, den die Menschen fürchten, ist die Trennung der Seele vom Körper.
Den Tod aber, den die Menschen nicht fürchten, ist die Trennung von Gott."

[...] Im Würzburger Augustinerkloster leben heute 15 Brüder. (Kloster in Bayern) Hier ist das Provinzialat des Ordens untergebracht sowie das von Prof. Mayer gegründete Zentrum für Augustinerforschung (ZAF), zu deren Gründungsmitgliedern Kardinal Karl Lehmann und Benedetto Ratzinger gehören. Wissenschaftliches Arbeiten wird in Würzburg groß geschrieben. Seit über 17 Jahren wird hier am Augustinuslexikon gearbeitet [...] Gesprächsladen [...] Pater Jochen praktiziert in seinem Laden eine moderne Art der Stadtseelsorge, die bereits seit dem Mittelalter zum Hauptaufgabenbereich der Augustiner gehörte. Prior Peter Reinl fühlt sich mit den protestantischen Einrichtungen Würzburgs verbunden und engagiert sich besonders für ökumenische Projekte. Er glaubt, dass bedingt durch die gemeinsame Geschichte eine große Chance in der Zusammenarbeit mit den Protestanten besteht, zu denen er oft eine nähere geistige Verwandtschaft fühlt als zu anderen Orden. Pater Christoph hat es sich zur Aufgabe gemacht, Menschen direkt mit dem Leben Augustinus zu konfrontieren. Auf dem sogenannten Augustinusweg bei Würzburg führt er Pilger durch die Lebensstationen des Kirchenvaters, damit sie ihren eigenen Lebensweg erkennen. [...] Heute gibt es weltweit noch knapp 3000 Augustinermönche.