August 8, 2010

Rückbildung zur geschlossenen Christenheit



Alois Schifferle 2009: Die Pius-Bruderschaft

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S. 124) Freiheit – dieses neue Recht

In seinen Verlautbarungen unterstellt Lefebvre der Kirche, der Freimaurerei nahe zu stehen, weil sie den pluralistischen Charakter der heutigen Gesellschaft beachte und auf deren Rückbildung zu einer geschlossenen Christenheit verzichte.
In seinem Grundsatzdokument führt er die Ursachen der heutigen innerkirchlichen Krise auf die Französische Revolution zurück, deren Gedankengut von den "Feinden der Kirche", den Freimaurern einerseits und den liberalen Katholiken andererseits, aufgenommen worden sei. Vom Gedankengut der Französischen Revolution (liberté, égalité, fraternité) sieht Lefebvre in der Erklärung über die Religionsfreiheit besonders den Gedanken der Freiheit verwirklicht. Im Dekret über den Ökumenismus vermutet er den Gedanken der Brüderlichkeit und in der Lehre von der Kollegialität der Bischöfe den Gedanken der Gleichheit.
In einem Vortrag am 17.1.1973 nennt er das Konzil den Ursprung der gegenwärtigen innerkirchlichen Krise.
Er vertritt die Ansicht, die freiheitlichen Ideen hätten bis zu Pius XII. keinen Eingang in die Kirche gefunden:

"Alle Päpste, von der Revolution an bis zu Papst Pius XII., haben mit äußerster Erbitterung diese Irrtümer, Gewissensfreiheit, Redefreiheit, alle Arten von Freiheit – 'dieses neue Recht', wie es Leo XIII. (1856-1903) nannte, verworfen.
Die Gedanken der Revolution – das konnte man bis zum Konzil sagen – waren nicht in die Kirche eingedrungen oder nur sehr wenig, auf heimtückische Weise in die Seminare durch Autoren wie Teilhard de Chardin SJ (1881-1955)."


S. 125) die Göttin, die Revolte der Vernunft

Lefebvre weist auf eine Theologenversammlung hin, die im Jahre 1974 unter Teilnahme von Kardinal Suenens in Brüssel stattfand, auf der er jenen Geist der maurerischen Ideologie eindringen sah. Daraus zieht er den Schluss, durch diese Ideologie gehe der Glaube verloren. Er sagt:

"Denn die Göttin der Vernunft wurde an die Stelle Gottes gesetzt.
Der Mensch, der sich zu Gott macht – das ist die Französische Revolution."

Daraus folgert er:

"Dass dies es ist, was zur Zeit in der Kirche vor sich geht: Man zerstört den Glauben, man zerstört den Gottesbegriff, man zerstört die Autorität, weil sie eine Teilnahme an der Autorität Gottes ist. Man zerstört die persönliche Autorität, weil man mit Schrecken daran denkt, dass derjenige, der Autorität besitzt, ein Abbild Gottes sein könnte. Man ertränkt sie deshalb in der Masse.
Wir sind wirklich bei der Revolte der Vernunft gegen den Glauben angelangt."

[...] In weiteren Ausführungen am 29.8.1976 in Lille widersetzt sich Lefebvre einem Dialog freiheitlich denkender Christen. Er sieht darin eine "ehebrecherische Verbindung der Kirche mit der Revolution".
In seinen Ausführungen appelliert er an die Aufforderung des Herrn: "Gehet und lehret alle Völker und bekehret sie." Lefebvre lehnt jegliche Diskussion eines Dialogs mit Andersdenkenden ab und fordert statt dessen eine Begegnung, "um zu bekehren".



S. 126) Eine römisch-katholische Sonderkommission Freemasonry

Lefebvre, Predigt am 5.9.1976 in Besançon:

"Wir können nichts Besseres tun, als in dem fortzufahren, was unsere Eltern, unsere Großeltern, unsere Vorfahren immer getan haben, überzeugt, dass wir in der Wahrheit sind und dass die Wahrheit eines Tages siegen wird."

In einer weiteren Ansprache am 24.10.1976 in Friedrichshafen lehnt er jede Kompromissbereitschaft im Dialog mit den Freimaurern ab, was er wie folgt begründet:

"Man geht jetzt mit der Freimaurerei Kompromisse ein. Ich habe Gelegenheit gehabt, ein Mitglied der Kommission zu sehen – eine Sonderkommission hier in Deutschland – die von Rom gebildet und beauftragt worden war zu studieren, auf welche Weise die Bischöfe den Laien erlauben könnten, der Freimaurerei anzugehören. Es haben also Besprechungen stattgefunden ... Aber das geht doch über alles Vorstellbare!
Wenn man weiß, was auch die Freimaurerei ist, wenn man weiß, dass die Freimaurerei grundsätzlich gegen Unseren Herrn Jesus Christus und gegen die Herrschaft der Kirche ist, dann ist es doch nicht vorstellbar, dass es erlaubt sein soll, dass Laien Mitglieder von Freimaurerlogen sind."


S. 127) Im traditionsverbundenen Milieu intensiver Frömmigkeit

Im Milieu der schweigenden, traditionsverbundenen Mitglieder beständen aber so viel Glaubenswille und intensive Frömmigkeit, dass kirchliche Autoritäten sich heute schwer täten, wirksam gegen sie und ihre Absichten einzuschreiten.
Anhand verschiedener Beispiele wird zudem auf die Traditionen und Kräfte aufmerksam gemacht, die bei solchen Gruppierungen in ihrem Kampf gegen die Freimaurerei im Spiele seien.
Das Beispiel der "Una Voce Gruppe Maria" des Münchener Universitätsprofessors Lauth verdeutlicht die Gefahr, wonach die Übergänge zur Sektenmentalität fließend sind und Papst und Bischöfe exkommuniziert werden:

"Paul VI. und fast sämtliche Bischöfe der heutigen sich römisch-katholische Kirche nennenden Institutionen sind tote Glieder am Leibe Christi. Sie haben die Adern des sterbenden Erlösers durchschnitten und das Volk Gottes von der lebensspendenden Kraft seines Opferblutes getrennt."

Eine sich großspurig "Römisch-Katholische Europazentrale" nennende Traditionalistenvereinigung erklärt:
"Papst und Konzil bekämpfen zu müssen ist unsere notwendige Crux."



S. 151) Im Namen der Treue (zum "Geist-Verleiher")

Die Tragik für Lefebvre liegt darin, dass er sich dem Druck seiner Anhänger beugte, die auf einem harten und unausweichlichen Kurs gegenüber Rom bestanden. Aus Furcht vor einem Auseinanderbrechen seines Werkes kündet Lefebvre einseitig die unterzeichnete Vereinbarung mit Rom auf mit der Begründung, dass die Zeit für eine Einigung noch nicht reif sei und die Vereinbarungen noch nicht weit genug gehen.
Zudem habe er kein Vertrauen mehr in das moderne Rom, das den katholischen Glauben verloren habe!
Dieses Schisma Lefebvre ist nicht zu billigen, es ist zweifelsohne zu bedauern! Lefebvre und seine Anhänger vollzogen zwar diese Trennung im Namen der Treue zum überlieferten Glauben. Doch auch die KK ist zur Treue verpflichtet und darf nicht hinter die Beschlüsse des ZVK zurück! Würde sie dies tun, trüge ein solcher Schritt ebenfalls zum Glaubensverlust vieler, die die Wandlungen gemäß den Richtlinien des jüngsten Konzils vollzogen haben, bei. Denn nicht nach eigenem Recht und Gutdünken wandelt sich die Kirche, sondern Christus, ihr Herr, ruft sie dazu auf und hat ihr dazu seinen Geist verliehen, wozu es im 6. Artikel des Ökumenismusdekrets heißt: "Die Kirche wird auf dem Weg ihrer Pilgerschaft von Christus zu dieser dauernden Reform gerufen, deren sie allzeit bedarf, soweit sie menschliche und irdische Einrichtung ist."



S. 161 ff.) Kirchlicher Integralismus und christlicher Sozialismus in Personalunion

De Bonald (1754-1840) gilt als Begründer des Traditionalismus in Frankreich. Nach seiner Ansicht ist die Sprache das notwendige Kriterium für jegliche intellektuelle Tätigkeit und das Mittel für die moralische Existenz. Sein Wahlspruch lautet: "L'homme pense sa parole, avant de parler sa pensée." Darin vertrat er die Ansicht, dass

"wie kein Körper, nicht einmal unser eigener, für unser Auge existiert, bevor das Licht ihn, seine Gestalt, seine Farbe, seinen Platz, sein Verhältnis zu anderen Körpern usw. uns zeigt, so existiert auch der Geist weder für sich noch für andere, bevor er das Wort erkennt – das Wort, das ihm die intellektuelle Welt erschließt und seine eigenen Gedanken kennen lehrt.
Ohne Sprache also kein Denken und keine Erkenntnis."

Der zweite Hauptvertreter des Traditionalismus, Félicité Robert de Lamennais (1782-1854), war über zwanzig Jahre hinweg geistiger Führer des französischen Katholizismus. Er gilt sowohl als Inspirator für eine dem Papsttum ausgesprochen freundlich gesinnte Haltung, die zum kirchlichen Integralismus führte, als auch für eine progressive Gesinnung, die zum christlichen Sozialismus strebte.
1782 in der Bretagne geboren und glaubenslos aufgewachsen, wurde er nach seiner Bekehrung 1816 zum Priester geweiht. In den Jahren 1817-1823 veröffentlichte er sein Hauptwerk "Essai sur l'indifférence en matière des religion". Als Führer eines Kreises Intellektueller unterschiedlichster Prägung und Journalist gab er seit 1830 die progressive Tageszeitung "L'Avenir" heraus, die sich für das Proletariat einsetzte, europäische Freiheitsbewegungen unterstützte und mit ihren Forderungen Aufsehen und Kritik bei Kirche und Staat erregte. Wegen seiner Aussagen in der Schrift "Paroles d'un croyant" kam es zum Bruch mit der kirchlichen Hierarchie. De Lamennais wandte sich enttäuscht dem christlichen Sozialismus zu, dem er bis zu seinem Tod im Jahre 1854 treu blieb.


Der Sensus Communis


Sein besonderes Interesse galt der Relevanz der Religion für die Gesellschaft. So gab er der Gesellschaft den Vorrang vor dem Individuum und der Kollektivvernunft (sensus communis) vor der Individualvernunft.
Nach de Lamennais ist die individuelle Vernunft unfähig die Wahrheit zu finden.
Die Erkenntnis von Wahrheit in Glaubenssaussagen ist nur auf das Zeugnis einer Autorität hin möglich. Die Autorität, die er hervorhob, ist die menschliche Gesellschaft. Nur wenn alle Menschen darin übereinstimmen (sensus communis), dass ein Sachverhalt eine Wahrheit ist, kann diese als solche anerkannt werden. Die unabweisbare Autorität der gemeinsamen Übereinstimmung (la raison générale) geht auf göttliche Autorität zurück. [...]
Der Anspruch des Christentums beruht nach ihm "auf der Autorität des sensus communis [...] der jenes als Quelle seiner traditionellen Glaubensüberzeugung feststellt.
"Da der natürliche Glaube der Menschheit die einzige Quelle der Gewissheit ist, ist es dieser sensus communis, der den Anspruch der einzig wahren geoffenbarten Religion beweist, dessen Authentizität durch die drei Kriterien des Alters, der Kontinuität und der Universalität garantiert ist."
Die Ausschließlichkeit, die nur dem sensus communis ein Recht auf Autorität zubilligt, bestritt aber de Bonald, indem er nur dem führenden Ersten ein Anrecht auf Autorität einräumte.
Die Ansätze des theologischen Traditionalismus de Lamennais' begeisterten zunächst in La Chênaie bei Saint-Malo und dann in Jully den um ihn versammelten Kreis von Schülern. "H. Combolat de Coux, P.O. Gerbet, P. Guéranger, J.B.H. Lacordaire, Ch. De Montalembert, Salinis werden eifrige Verkünder des neuen Systems, das zahlreiche Seminarien erfasst und unter dem jungen Kleus eine eifrige Anhängerschaft findet, bevor es von St. Sulpice (P.D. Boyer) und den Jesuiten (J.L. Rozavery, M.A. Chastel, G. Perrone, M. Liberatore) bekämpft, von den Bischöfen zensuriert und von Gregor XVI. in der Enzyklika Singulari nos (1834) verworfen wird."
Der Bruch de Lamennais' mit dem Katholizismus beeinträchtigte die Verbreitung seiner philosophischen und theologischen Ideen nicht. Diese Ideen wurden durch Bonnettys "Annales de philosophie chrétienne" bis zur Zeit des Ersten Vatikanischen Konzils unterstützt.
Folgender Gedankengang liegt den Auffassungen von de Bonald und de Lamennais zugrunde:

"Nach traditionalistischer Auffassung gibt es eingeborene Ideen, nur habe der Geist nicht die Kraft, sich ihrer bewusst zu werden. Es bedarf dazu des Sprechens, das mit dem Denken identisch ist, diesem aber vorausgehe. So sei zur Bewusstwerdung der eingeborenen Ideen die Sprache unentbehrlich, die jedoch der Mensch niemals habe erfinden können, sondern von der angenommen werden müsse , dass sie ihn von Gott in einer 'Uroffenbarung' geschenkt worden sei.
Damit geht alle Wahrheit auf Gott zurück, die Gesellschaft ist der Träger der Wahrheit, und als Kriterium der Wahrheit kommt allein der sensus communis in Frage (Lamennais: 'Die allgemeine Übereinstimmung ist für uns das Siegel der Wahrheit – es gibt durchaus kein anderes.')"


S. 165 f.) Görres' Kampf gegen die Befreiung aus Abhängigkeit und Bevormundung

"Nachdem Chateaubriand die Nützlichkeit des Christentums dargetan hatte, wollten die Traditionalisten noch radikaler dessen Unentbehrlichkeit für die Ordnung der Erkenntnis, der Moral und der Politik aufweisen." [...]
Die "Römische Schule" mit Vertretern wie Giovanni Perrone, J.B. Franzelin, Carlo Passaglia, Clemens Schrader erhob sich gegen die rationalistischen und liberalen Tendenzen und verteidigte als eine führende Bewegung der Neuscholastik unter traditionalistischen Vorzeichen die Orthodoxie, die Autorität des Papstes und der Kurie gegenüber dem Rationalismus und Liberalismus. Sie setze sich für eine Straffung und Zentralisierung der Kirchenleitung ein und versuchte, die alte scholastische Doktrin zu erneuern. Um Ähnliches bemühte sich die "Mainzer Schule", die durch B.F.L. Liebermann, Heinrich Klee und später durch J.B. Heinrich vertreten wurde.

Durch die realen Prozesse der Aufklärung, die ihren Höhepunkt im 19. Jh. hatten und mit denen ein Wandel auf sozialer, wirtschaftlicher und theologischer Ebene einherging, begann sich der Staat von der Religion zu emanzipieren. Die Religion verlor durch die Entwicklung des Bürgertums an stabilisierendem Einfluss. Das Volk begann sich mehr und mehr von der Kirche zu distanzieren. Religion nahm immer deutlicher den Charakter einer Privatangelegenheit an. In dieser Epoche wurden wirtschaftliche und gesellschaftliche Dimensionen neu entdeckt. Eine Verwurzelung des Volkes in der Kirche wurde weniger gesucht.
Die Krisenherde dieser Entwicklung beeinträchtigten die Kirche dieser Epoche zusehends. Am deutlichsten trat dies durch eine zunehmende Traditionslosigkeit des Volkes hervor. Daher versuchte der Traditionalismus mit den bekannten Vertretern Frankreichs: de Maistre, de Bonald, de Lamennais, Englands Burke, Spaniens Donoso Cortez und Deutschlands Görres, Pilgram Jr. u.a. die politische Autorität auf die religiöse Autorität zurückzuführen, indem sie religiöse und gesellschaftliche Ordnungen miteinander zu verbinden suchten. Es sollte der Sinn dafür geweckt werden, gegen die Befreiung von Abhängigkeit und Bevormundung des Bürgers von der religiösen Grundlage her zu kämpfen.

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