October 20, 2010

Te Deum – Die Augustiner


Te Deum – Himmel auf Erden: Die Grundpfeiler unserer Kultur

"Wir sind zu schwach, um mit der bloßen Vernunft die Wahrheit zu finden."

pt 5) Ordo Sancti Augustini – OSA – "Glaube und Wahrheit"
pt 1 & pt 2 & pt 3 & pt 4 & pt 6

In der Tradition des Kirchenvaters Augustinus betreiben die Augustiner "auf der ewigen Suche nach der Wahrheit" bis heute vertiefte theologische und wissenschaftliche Studien.
Neben dieser intellektuellen Tätigkeit engagieren sie sich vornehmlich in der Seelsorge und im sozialen Bereich.

Augustinus (354-430) wurde in Tagaste, einem kleinen Ort an der nordafrikanischen Küste im heutigen Algerien geboren und wuchs als Sohn einer Christin und eines armen, von den Abgaben an Rom gepeinigten Landbesitzers auf. Zu jener Zeit hatte Kaiser Konstantin II. (317-340) die Kirche zu einer Stütze des zerfallenden Römischen Reichs gemacht, indem er die damals traditionellen heidnischen Götterkulte verbot und sich zum Christentum bekannte. Augustinus fühlte sich früh als ein von Gott Getriebener, ein ewig nach der Wahrheit Suchender. In der Schule unterfordert, stürzte er sich in zahllose Liebesaffären, aus denen auch ein Kind hervorging. Spirituellen Halt suchte er bei der persischen Sekte der Manichäer. Durch ihre dualistische Lehre von Gut und Böse fühlte er sich zunächst in seinem Streben nach Wahrheit bestätigt, bis ihn wieder Zweifel plagten und ihn die Frage nach Gott weiter vorantrieb. Ein Freund seiner Eltern ermöglichte dem hochbegabten Jungen ein Studium in Karthago in Dialektik, Rhetorik und Philosophie. [...]

Erst als er von den frühen Wüstenvätern wie Antonius und den ersten Klostergründungen hörte, spürte er, auf dem richtigen Weg zu sein. Letzte Sicherheit gab ihm ein Bekehrungserlebnis: Als eine Kinderstimme im Garten eines Freundes ihm geheißen hatte, "nimm und lies," deutete er diesen Hinweis als Zeichen Gottes [...]
Im Jahr 386 ließ sich Augustinus von Erzbischof Ambrosius taufen.
Nach Aufenthalten in verschiedenen Klöstern kehrte er schließlich in seine Heimat Nordafrika, nach Hippo Regius, zurück, wo er 395 zum Bischof berufen wurde, und begann, die konkurrierenden christlichen Strömungen, den Manaichäsmus, den Donatismus und den Pelagonismus zu bekämpfen.
In Tagaste gründete er mit sechs Brüdern sein erstes Hauskloster, dem andernorts noch mehrere folgen sollten.
In Tagaste fand Augustinus nach seinem gehetzten Dasein endlich die nötige Stille, um jene Werke niederzuschreiben, die ihn zum großen Kirchenvater machten. Er verfasste insgesamt 100 Schriften, die die Grundlage seiner Lehre bildeten. Zu seinen Hauptwerken gehören die autobiografischen Bekenntnisse Confessiones und die Schriften über die Dreieinigkeit De Trinitate. Trotz seiner regen Tätigkeit als Bischof und Priester hielt Augustinus am monastischen Dasein fest und zeigte zum ersten Mal in der Mönchsgeschichte, dass ein aktives und ein kontemplatives Leben sich nicht gegenseitig ausschlossen.

Nach dem Einfall der Vandalen in Nordafrika im Jahr 428 flohen viele Mönche nach Mittel- und Norditalien, wo sie Klöster errichteten und die Regel des Augustinus verbreiteten. Sie lebten unabhängig voneinander in kleinen kontemplativen Gemeinschaften, bis Papst Innozenz IV. sie 1244 zum Orden der Augustiner-Eremiten vereinigte und ihnen eine klare Aufgabe zuteilte. Fortan sollten sie sich in den Städten des Mittelalters, wo nicht nur reiche Handelshäuser, sondern auch eine mittlere und untere Bürgerschicht entstanden war, um das Seelenheil der Menschen kümmern. Dazu hielten sie Predigten an festen Standorten ab und boten Buß- und Beichtmöglichkeiten an. Das kontemplative Leben mussten die Mönche dafür nicht aufgeben. Eines der italienischen Gründungskloster entstand in San Gimignano in der Toscana. In der Kirche befindet sich der Bilderzyklus von Benozzo Gozzoli (1420-97), der in 17 Szenen die Lebensgeschichte des hl. Augustinus erzählt. [...]

Der Schlüssel zum christlichen Denken liegt bei Augustinus in seiner Bewunderung des Mönchtums. Die Fähigkeit einfacher Menschen, sich für eine christliche Lebensverwirklichung im Kloster zu entscheiden, faszinierte ihn, der lange Zeit ein unruhiges Leben geführt hatte. Nur die Askese der Mönche überstieg für seinen Geschmack das menschliche Maß, ebenso ihre Zurückgezogenheit von der Welt. Er blieb der Welt zugewandt und engagierte sich für ein friedvolles Zusammenleben in sozialer Gemeinschaft. Nicht zuletzt deshalb bilden Liebe und Herz die Mitte seines Christenverständnisses. In der bildenden Kunst wird er oft mit einem Herz in der Hand dargestellt, gemäß seiner Überzeugung: "Das erste Ziel eures gemeinschaftlichen Lebens ist, in Eintracht zusammenzuleben und ein Herz und eine Seele in Gott zu sein." In diesem Sinne verstand Augustinus sein Kloster als eine Art Wiederkehr der christlichen Urgemeinde, wofür er seine ganze Lebenskraft und Liebe einsetzte. Als Vorbedingung für eine fruchtbare apostolische Tätigkeit des Ordens forderte er eine fundierte religiös-theologische Ausbildung der Mitglieder. Das Studium der Theologie war Grundregel innerhalb des Ordens und die vornehmste Aufgabe der Brüder.

In den Confessiones, einem der einflussreichsten autobiographischen Texte der Weltliteratur, legte Augustinus seinen philosophischen Ansatz dar, der von Platon stammende, jedoch im christlichen Sinn modifizierte Elemente enthält. Hierzu gehören insbesondere der Dualismus zwischen der höheren Welt des Seins, die nur dem Denken, und der niederen Welt des Werdens, die den Sinnen zugänglich ist.
Als christlicher Existenzialist war Augustinus stets darauf bedacht, die Wahrheitssuche in den Dienst des Seins zu stellen.
Was er im Geiste sah, wollte er in seinem Dasein verwirklichen.
Er wusste: Zu allen intellektuellen Aussagen lässt sich stets eine Gegenaussage finden, doch ein wirklich gelebtes Christentum ist jeder Diskussion enthoben. Darin sah er die innere Unerschütterlichkeit der mönchischen, aber vor allem der augustinischen Lebensführung. ("Man darf sich nicht so sehr in Tätigkeiten vergraben, dass man die sinnliche Betrachtung Gottes für überflüssig hält.")

Desweiteren entwickelte Augustinus die Lehre der Erbsünde. In seiner Interpretation des Römerbriefs 5:12 heißt es: "In ihm (Adam) haben alle gesündigt," so als wären alle in Adam enthalten gewesen. Diese augustinische Interpretation des altgriechischen Originaltextes ist philologisch fraglich und auch theologisch umstritten. Doch Augustinus glaubte, dass die Erbsünde physisch übertragen würde und argumentierte, dass nur diejenigen, die völlig unverdient die Gnade Gottes erhielten, dieser Erblast entkommen und ewiges Leben erhalten würden. Von der Minderheit wiederum, die der Hölle entginge, könnten nur wenige einer schmerzlichen Läuterung entrinnen. Augustinus war daher der bedeutendste Vertreter der Ansicht, dass man in der Hölle endlose Qualen leiden müsste, und neben Gregor dem Großen wird vor allen ihm zugeschrieben, die Lehre vom Fegefeuer systematisiert und ihr Platz in der katholischen Kirche verschafft zu haben. Augustinus war außerdem der Ansicht, dass der Mensch durch die Erbsünde "ewiges Übel" verdiene, und stritt ab, dass ein Gericht reinigenden Charakter haben könnte. Denn jemand, der vor seinem Tode Gott abgewiesen habe, würde dies auch nach dem Tod tun. ("Unser Herz ist unruhig, bis es ruhe in dir.")

Martin Luther wurde 1483 im Übergang zwischen Mittelalter und Neuzeit geboren. Er studierte seinem Vater zuliebe Rechtswissenschaften in Erfurt, trat dann jedoch gegen dessen Willen dem Orden der Augustiner-Eremiten bei. Trotz täglicher Bußübungen litt Luther große Gewissensqualen. Seine größte Sehnsucht war die nach einem gnädigen Gott, doch das Sakrament der Buße, deren Vorbedingung die aufrichtige Reue aus Liebe zu Gott, nicht Angst vor Gottes Bestrafung ist, machte ihm das Leben schwer. Denn Luther erkannte, dass er unfähig war, aus Liebe Gottes Forderungen zu erfüllen, sodass er auch an der zugesagten Vergebung zweifelte.
Um diesen inneren Konflikt zu lösen, studierte er im Augustinerkloster von Erfurt Theologie.
Ein Bibelvers aus dem Paulusbrief führte schließlich zu seiner inneren Befreiung:

"Darin wird offenbart die Gerechtigkeit, die vor Gott gilt, welche aus dem Glauben kommt und zum Glauben führt. Wie geschrieben steht: Der Gerechte wird aus dem Glauben leben."

In Gottes ewiger Gerechtigkeit sah er ein reines Gnadengeschenk, das dem Mensch nur durch den Glauben an Jesus Christus gegeben wird. Keinerlei Eigenleistung wie Buße oder Ablasszahlungen könnten dieses Geschenk erzwingen. Damit war für Luther die gesamte mittelalterliche Kirche, die sich in all ihren Formen und Inhalten als Vermittlungsanstalt zwischen der Gnade Gottes und den Menschen verstand, obsolet geworden. Mit der Änderung seines Nachnamens von Luder zu Luther – nach dem griechischen Wort eleutheros, "Befreiter", "frei" – signalisierte er äußerlich seine innere Verwandlung.
("Diese Interpretation spiegelt das tendenziell eher individualistische Glaubensverständnis der reformatorischen Konfessionen wider, die die 'sichtbare Kirche' als reine Verwaltungsinstitution einer 'inneren Kirche' der wahrhaft Gläubigen gegenüberstellen, während die römisch-katholische Lehre tendenziell eher den Gemeinschaftsaspekt betont, ausgehend von einem Kirchenverständnis, das in der hierarchischen Organisation die himmlische Gemeinschaft der Heiligen bereits zum Teil verwirklicht sieht.")

Nach Beendigung seines Studiums in Erfurt wurde Luther zum Priester geweiht und veröffentlichte später in Wittenberg 1517 seine Thesen, die die Reformation einleiteten. Luther stellte sich gegen die feudale Kirchengesellschaft in Rom, die ihren prunkvollen Lebensstil durch Abgaben des Adels sowie durch Ablassgesetze finanzierten. Ein Teil der Aristokratie griff mit Freude Luthers Ideen auf und trat zum lutherischen Protestantismus über, um so der Ausbeutung durch den Papst zu entgehen.
Heute ist Luthers ehemaliges Kloster in Wittenberg ein Museum, nachdem er es bereits nach seiner Eheschließung mit der Zisterzienserin Katharina von Bora zum Familienheim umgestaltet hatte.
Die neu entstandene Konfession konnte sich schließlich als staatlich gleichberechtigte Kirche neben der römisch-katholischen etablieren. Luthers Bibelübersetzung sowie die Einführung von Messen in landesüblicher Sprache waren Vorbild für viele europäische Länder und führten zu einer Festigung des jeweils nationalen Bewusstseins, unabhängig von Rom. Für den Orden der Augustiner sollte es jedoch nach dieser Spaltung in den kommenden Jahrhunderten noch schlimmer kommen. Konnte er am Vorabend der Reformation noch 1600 Niederlassungen in ganz Europa verzeichnen, erfuhr er durch die anschließende Säkularisation, die Französische Revolution und den Kulturkampf eine äußerst starke Dezimierung.

Besonders hart traf es die Augustiner in Großbritannien. Heinrich VIII. hatte die Gunst der Stunde genutzt und sich 1534 vom Papst losgesagt, der ihm keinen Dispens zur Aufhebung seiner Ehe erteilen wollte. Kurzerhand ernannte er sich selbst zum Oberhaupt der neuen anglikanischen Kirche Englands. Die darauffolgende Aufhebung der großen, alten Abteien, die teilweise noch aus dem 5. Jh. stammten, bedeutete eine gewaltige Finanzspritze für den König, die dazu benutzt wurde, die einflussreichen Klassen der englischen Gesellschaft an die religiöse Revolution zu binden. Der Niedergang fand seine Fortsetzung, als Heinrichs Tochter Elisabeth I. sich weigerte, den spanischen Thronfolger zu heiraten und die katholische Maria Stewart enthaupten ließ. Elisabeth erklärte die Katholiken zum Staatsfeind und startete in England, Irland und Schottland einen großangelegten Feldzug gegen die Mönche, der 1540 mit der Auflösung fast aller Klöster und damit auch Augustinerklöster endete.

Im 19. Jh. jedoch machte der Orden nochmals weltweit von sich reden.
In Österreich, wo die Habsburger k.u.k. Monarchie eine er letzten Hochburgen des Katholizismus darstellte und noch den alten Reichsgedanken aus dem Mittelalter vertrat – in den deutschen Fürstentümern und ihrer Vormacht Preußen wurde indes längst der Ruf nach Demokratie laut – lebte der Augustinermönch Gregor Mendel (1822-1884) im Kloster von Brünn. Der Orden und die Kirche ermöglichten dem jungen Hobbybiologen 1844 ein naturwissenschaftliches Studium an der Universität in Wien und ließen ihn im Klostergarten von Alt Brünn Versuche mit Erbsen durchführen.
Der Erfolg blieb nicht aus. Mendel entwickelte die nach ihm benannten Mendelschen Vererbungsgesetze: die Uniformitätsregel, die Spaltungsregel und das Gesetz der freien Kombinierbarkeit der Gene.
Heute wird Gregor Mendel auch Vater der Genetik genannt.
Etwa zur gleichen Zeit begann Darwin seine Evolutionsforschung, Alexander von Humboldt und Carl Friedrich Gauß hatten gerade ihre Werke veröffentlicht. Die Naturwissenschaften verdrängten mit ihren revolutionären Erkenntnissen die Theologie aus ihrer Königsdisziplin, den Menschen die Welt zu erklären. Ein Großteil der Gesellschaft verlor den Glauben an die Kirche. [...]

Schwester Rita Maria gehört zum Orden der Ritaschwestern, der 1911 vom Augustinerpater Hugolinus Dach gegründet wurde. Dieser erkannte, dass viele Familien in Not gerieten, wenn Mütter wegen Krankheit oder Entbindung im Krankenhaus waren. So suchte er Frauen, die in dieser Zeit den Haushalt übernahmen.
Das tun die rund 90 Ritaschwestern in Würzburg noch heute. Sie helfen zuhause aus, machen Krankenbesuche und leisten Sterbebegleitung, um überforderte Familienmitglieder zu entlasten und Trost zu spenden:

"Der Tod, den die Menschen fürchten, ist die Trennung der Seele vom Körper.
Den Tod aber, den die Menschen nicht fürchten, ist die Trennung von Gott."

[...] Im Würzburger Augustinerkloster leben heute 15 Brüder. (Kloster in Bayern) Hier ist das Provinzialat des Ordens untergebracht sowie das von Prof. Mayer gegründete Zentrum für Augustinerforschung (ZAF), zu deren Gründungsmitgliedern Kardinal Karl Lehmann und Benedetto Ratzinger gehören. Wissenschaftliches Arbeiten wird in Würzburg groß geschrieben. Seit über 17 Jahren wird hier am Augustinuslexikon gearbeitet [...] Gesprächsladen [...] Pater Jochen praktiziert in seinem Laden eine moderne Art der Stadtseelsorge, die bereits seit dem Mittelalter zum Hauptaufgabenbereich der Augustiner gehörte. Prior Peter Reinl fühlt sich mit den protestantischen Einrichtungen Würzburgs verbunden und engagiert sich besonders für ökumenische Projekte. Er glaubt, dass bedingt durch die gemeinsame Geschichte eine große Chance in der Zusammenarbeit mit den Protestanten besteht, zu denen er oft eine nähere geistige Verwandtschaft fühlt als zu anderen Orden. Pater Christoph hat es sich zur Aufgabe gemacht, Menschen direkt mit dem Leben Augustinus zu konfrontieren. Auf dem sogenannten Augustinusweg bei Würzburg führt er Pilger durch die Lebensstationen des Kirchenvaters, damit sie ihren eigenen Lebensweg erkennen. [...] Heute gibt es weltweit noch knapp 3000 Augustinermönche.

October 18, 2010

"9/11" und die sieben globalen Übel des Herrn M



Reinhard Marx 2008: Das Kapital

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Karl Marx: Das Kapital (auch als Hörbuch)


S. 278 f.) Der Schwindel um die Entwicklungshilfe

Wer in den Industriestaaten lebenswerte ländliche Regionen und Kulturlandschaften erhalten möchte und wer in den armen Ländern eine die Armutsbekämpfung wirksam befördernde ländliche Entwicklung möchte, muss den bäuerlichen Charakter der Landwirtschaft hier wie dort bewahren. Auch eine Abschaffung der staatlichen Beihilfen und Interventionen ist nicht erstrebenswert. Wir müssen aber ein neues Konzept für unsere Agrarpolitik entwickeln, das die derzeitige "Spirale" bei den Exportsubventionen durchbricht und stattdessen das ordnungspolitische Ziel verfolgt, den lokalen und regionalen Bezug der Landwirtschaft sowohl in den entwickelten als auch den unterentwickelten Ländern zu stärken.
Die Überwindung der einseitigen Exportorientierung in der Agrarpolitik ist erforderlich, um die regionalen Wirtschaftskreisläufe zu stärken und auf diese Weise in den unterentwickelten Ländern die Nahrungsmittelversorgung der Bevölkerung zu verbessern zu können und in den entwickelten Ländern die landschaftspflegerischen und ökologischen Potenziale der Landwirtschaft besser ausschöpfen zu können. [...]

Im Augenblick üben die Industrieländer Druck auf die Entwicklungsländer aus, damit sie ihre Märkte für die Produkte und Dienstleistungen öffnen, bei denen die Industrienationen Wettbewerbsvorteile haben.
Bei den Produkten und Dienstleistungen hingegen, bei denen die Entwicklungsländer die Nase vorn haben, schotten sich die reichen Länder nach wie vor sehr stark ab.
In seinem Buch von 2006 Die Chancen der Globalisierung stellt Stiglitz fest, dass trotz sogenannter "Zollpräferenzen" für Entwicklungsländer die Industrieländer durchschnittlich viermal so hohe Zölle gegen Entwicklungsländer als gegen andere Industrienationen verhängen. Und er macht die Rechnung auf:

"Die Mindereinnahmen, die die reichen Länder den armen Ländern durch Handelshemmnisse bescheren, sind dreimal höher als die gesamte Entwicklungshilfe, die sie leisten." (Münchner Ausgabe S. 109)

Auch an diesem Missverhältnis sind aber eben nicht Markt und Freihandel schuld, sondern die politische Verhinderung von Markt und Freihandel.
Hätten die Entwicklungsländer tatsächlich die Möglichkeit, auf dem Weltmarkt ihre komparativen Vorteile auszuspielen, sähe die Welt anders aus.



S. 288 f.) "All we need is the right major crisis."

Es gibt substanzielle Voraussetzungen, die notwendigerweise erfüllt sein müssen, wenn das Wohl der Weltgemeinschaft realisiert werden soll. Das Entwicklungsprogramm der Vereinten Nationen (UNDP) hat hierfür den Begriff der "globalen öffentlichen Güter" entwickelt. Es handelt sich hierbei um alle Güter, deren Nutzen über Landesgrenzen und auch Generationen hinausreicht. Dazu gehören etwa eine gesunde Umwelt, ein intaktes Weltklima, Frieden, Sicherheit, wirtschaftliche und soziale Stabilität oder kulturelles Erbe.
Von der Existenz solcher globalen öffentlichen Güter hängt die Zukunft der ganzen Menschheit ab.
Negativ gewendet müssen wir jedoch feststellen, dass diese globalen öffentlichen Güter und damit das Wohl der Weltgemeinschaft heute in vielfacher Hinsicht in Frage gestellt sind. Ethnische Konflikte und kriegerische Auseinandersetzungen nehmen zu. Globale Terrornetzwerke versetzen die ganze Welt in Angst und Schrecken. Die Verbreitung von Massenvernichtungswaffen ist immer schwerer zu kontrollieren. Internationale Finanzmarktkrisen bringen Volkswirtschaften weltweit aus dem Gleichgewicht. Ein großer Teil der Weltbevölkerung lebt in extremer Armut. Der Klimawandel bedroht die Zukunft der Menschheit.
Man könnte analog zu dem Begriff der globalen öffentlichen Güter von globalen öffentlichen Übeln sprechen, die uns alle unterschiedslos bedrohen.
Mit der Frage, wie in Zukunft die Existenz der globalen öffentlichen Güter sichergestellt werden kann und wie die globalen öffentlichen Übel wirksam bekämpft werden können, steht und fällt die Zukunft der ganzen Menschheit. Es gibt deshalb gar keine Alternative zur Zusammenarbeit von allen Nationen und Völkern unserer Erde, es gibt keine Alternative zur Globalisierung von Gerechtigkeit und Solidarität. Karl Marx hatte das schon sehr früh erkannt und deshalb bereits 1864 die Erste Internationale gegründet.
Aber für Karl Marx und seine "Jünger" war Solidarität immer bloß Klassensolidarität. Hier liegt ein entscheidender Unterschied zum Christentum. Wir Christen beziehen alle Menschen in den Solidaritätsgedanken ein, niemand wird ausgeschlossen, weil eben alle Menschen nach dem Bild Gottes geschaffen sind. Eine solche allgemeinmenschliche Solidarität gibt es in der kommu. Ideologie nicht.



S. 291 ff.) Die Zehn-Gebote-Kapitalmarkt-Wirtschaft

Gegen Ende des ersten Bandes seiner Schrift Das Kapital stellt Karl Marx die Frage, wie es zum Kapitalismus hat kommen können. Er möchte also erörtern – und daran sieht man, dass er zeitlebens Philosoph geblieben ist – wo der Anfang, die Wurzel alles Übels liegt.
An dieser Stelle wird es plötzlich theologisch, denn er kommt auf den Sündenfall zu sprechen. Aber an dieser Stelle wird es auch, wie meistens, wenn er auf religiöse Motive Bezug nimmt, sarkastisch.

"Diese ursprüngliche Akkumulation spielt in der politischen Ökonomie ungefähr dieselbe Rolle wie der Sündenfall in der Theologie. Adam biss in den Apfel, und damit kam über das Menschengeschlecht die Sünde. Ihr Ursprung wird erklärt, indem er als Anekdote der Vergangenheit erzählt wird. In einer längst verflossnen Zeit gab es auf der einen Seite eine fleißige, intelligente und vor allem sparsame Elite und auf der andren faulenzende, ihr alles und mehr verjubelnde Lumpen. [...] So kam es, dass die ersten Reichtum akkumulierten und die letztren schließlich nichts zu verkaufen hatten als ihre eigene Haut. Und von diesem Sündenfall datiert die Armut der großen Masse, die immer noch, aller Arbeit zum Trotz, nichts zu verkaufen hat als sich selbst, und der Reichtum der wenigen, der fortwährend wächst, obgleich sie längst aufgehört haben zu arbeiten. [...] In der wirklichen Geschichte spielen bekanntlich Eroberung, Unterjochung, Raubmord, kurz Gewalt die große Rolle. In der sanften politischen Ökonomie herrschte von jeher die Idylle. Recht und 'Arbeit' waren von jeher die einzigen Bereicherungsmittel, natürlich mit jedesmaliger Ausnahme von 'diesem Jahr'. In der Tat sind die Methoden der ursprünglichen Akkumulation alles andere, nur nicht idyllisch." (MEW Bd. 23, S. 741 f.)

Der Kapitalismus ist für Karl Marx in sich schlecht. Es gibt für ihn keine Rechtfertigung dieses Systems, weil es seiner Auffassung nach einen gewaltsamen Ursprung und eine gewaltsame Natur hat. Weil es notwendig dazu führen müsse, die Menschheit gewaltsam in zwei Klassen zu teilen: einerseits die Klasse der Ausbeuter und andererseits die im Lauf der Geschichte immer weiter anwachsende Klasse der Ausgebeuteten.

Wenn Marx mit dieser Analyse Recht gehabt hätte, wenn diese Analyse noch heute gegenüber unserer Marktwirtschaft stimmen würde, dann müsste auch ich als Christ für ein anderes Wirtschaftssystem eintreten – nicht für das von meinem Namensvetter erdachte, aber eben für ein anderes als das marktwirtschaftliche. Die Marktwirtschaft wäre abzulehnen, wenn sie – wie es die Moraltheologie – eine occasio proxima, eine naheliegende, sich geradezu anbietende Gelegenheit zur Sünde wäre. Also wenn jemand konkret sagen müsste, 'ich kann nur wirtschaftlichen erfolgreich sein, wenn ich die Zehn Gebote nicht einhalte,' dann würde ich auf der Seite derer stehen, die die Marktwirtschaft entschieden ablehnen. Denn dann wäre der Mensch in einem System verfangen, das ihn nicht zu seinen eigenen Möglichkeiten führt, sondern ihn seiner Würde beraubt, in Freiheit das Gute zu tun. Ein solches System wäre das, was man in der Theologie der Befreiung eine Struktur der Sünde genannt hat. Diese Voraussetzung gilt im Kleinen wie im Großen.



S. 294) Die marxistische Heilslehre

Die Tatsache, dass der Marxismus trotz aller schrecklichen Verirrungen in dem sogenannten "real existierenden Sozialismus" bis heute zahlreiche Anhänger hat, zeigt, dass viele Menschen Marx' Bewertung des Kapitalismus als in sich schlechtes System Recht zu geben scheinen. Und diese Menschen kann man keineswegs als dumm, naiv und uninformiert abtun. Lange Zeit zog der Marxismus auch im freien Teil Europas gerade viele Intellektuelle, ja einige der klügsten Köpfe ihrer jeweiligen Generation in seinen Bann.
Im Jahr 2000 hat unser heutiger Papst Benedikt XVI., der damalige Kardinal Joseph Ratzinger, dazu geschrieben:

"Im Grunde war die marxistische Heilslehre in freilich unterschiedlich instrumentierten Variationen als die einzige ethisch motivierte und zugleich dem wissenschaftlichen Weltbild gemäße Wegweisung in die Zukunft da gestanden. Deshalb hat sie auch nach dem Schock von 1989 nicht einfach abgedankt. Man braucht nur einmal zu bedenken, wie wenig von den Schrecknissen kommunistischer Gulags die Rede, wie verloren die Stimme Solschenizyns geblieben ist: Über all dieses spricht man nicht. Eine Art Scham verbietet es. Selbst Pol Pots mörderisches Regime wird nur gelegentlich im Vorbeigehen erwähnt. Aber eine Enttäuschung ist doch geblieben und eine tiefe Ratlosigkeit." (Einführung in das Christentum, Vorwort)


S. 296) Expertenwissen in die Gesellschaft hinein kommunizieren

An vielen wirtschaftswissenschaftlichen Fakultäten lernen die Studenten heute nur noch, innerhalb bestimmter Modelle komplizierte Rechnungen anzustellen, aber Grundlagenwissen wird kaum noch vermittelt, geschweige denn diskutiert. Kaum ein junger Volkswirt kennt heute noch die Bücher von Wilhelm Röpke, Walter Eucken, Alexander Rüstow oder Friedrich August von Hayek.
Das ist nicht nur ein intellektuelles Armutszeugnis, sondern auch gesellschaftspolitisch bedenklich, weil diese Leute nie gelernt haben, ihr Expertenwissen in die Gesellschaft hinein zu kommunizieren. Es geht um das Handeln von Menschen, ein Handeln unter Knappheitsbedingungen.
Ich sehe deshalb mit Sorge die Tendenz zu einer gefährlichen Entwicklung, in der sich das, was wir in Deutschland und in anderen Ländern Marktwirtschaft nennen, wieder hin zu einem primitiveren Kapitalismus verändert.
Die internationale Finanzmarktkrise im Sommer 2008 zeigt uns überdeutlich, wie schnell wir auf abschüssiges Terrain geraten, wenn auf dem Markt Moral und Ethik ausgeklammert werden und wenn man meint, auf eine staatliche Ordnungspolitik verzichten zu können, die die Marktbewegungen in gemeinwohldienlichen Bahnen hält.
Ich möchte an der Differenz zwischen Marktwirtschaft und Kapitalismus festhalten. Wenn die Kapitalrendite das einzige Orientierungsmerkmal für eine Wirtschaft wird – und das wird sie leider immer mehr – dann werden die Menschen, die dabei unter die Räder zu kommen drohen, womöglich wieder zu marxistischen Utopien Zuflucht nehmen.



S. 302 f.) Statt marxi Gesinnungsabsolutismus neofeudal-peschi Solidarfaschismus

Ähnlich der nationalstaatlichen Rahmenordnung und den noch weiter zu entwickelnden europäischen Institutionen brauchen wir heute weltweite Regelungen, wir brauchen eine Globale Soziale Marktwirtschaft.
Dazu gehören faire Welthandelsbedingungen, eine Rahmenordnung für den internationalen Finanz- und Kapitalmarkt, die Garantie von unabdingbaren Arbeitnehmerrechten und vieles mehr. [...]
Auch die Kirche will mit ihrer Verkündigung des Evangeliums, ihrer Soziallehre sowie ihrem weltweiten sozialen und karitativen Engagement diese zentrale Aufgabe des 21. Jh.s mitgestalten. Das hat Papst Johannes Paul II. gegenüber der ganzen Welt 1991 noch einmal bekräftigt, also kurz nach dem Untergang des Sowjetkommunismus:

"Allen jenen, die heute auf der Suche nach einer neuen und authentischen Theorie und Praxis der Befreiung sind, bietet die Kirche nicht nur ihre Soziallehre und überhaupt ihre Botschaft über den in Christus erlösten Menschen, sondern auch ihren konkreten Einsatz und ihre Hilfe für den Kampf gegen die Ausgrenzung und das Leiden an."

Diesem Versprechen fühle ich mich als Bischof in besonderem Maße verpflichtet. Die Katho. Soziallehre gehört zum Verkündigungsauftrag der Kirche und des Bischofs. Sie ist geistlich begründet, theologisch fundiert und vernünftig und kann so für alle Menschen guten Willens einen wesentlichen Beitrag leisten zur Verteidigung und Entfaltung der Personenwürde aller Menschen.
Wir stehen vor einer wirklich epochalen Aufgabe, die besonders Europa herausfordert. Wenn wir ihr nicht gerecht werden, dann wird uns, davon bin ich zutiefst überzeugt, Karl Marx als Wiedergänger der Geschichte begegnen.

Te Deum – Die Dominikaner


Te Deum – Himmel auf Erden: Die Grundpfeiler unserer Kultur

"Mich jammert des Volkes, denn es ist wie eine Herde, die keinen Hirten hat."

pt 4) Ordo Praedicatorum – OP – "Von der Predigt zur Wissenschaft"
pt 1 & pt 2 & pt 3 & pt 5 & pt 6

Als Predigerorden kämpften die Dominikaner leidenschaftlich und wortgewaltig gegen die Häresie.
Noch heute ist das Gespräch auf Augenhöhe wichtiger Bestandteil für diejenigen, die in der Seelsorge tätig sind.
Nachdem Papst Innozenz III. (1198-1216) seinen Machtanspruch gegenüber dem Kaiser durchsetzen konnte, kooperierte die Kirche um 1200 mehr und mehr mit der weltlichen Macht und wurde spirituell immer unglaubwürdiger. Vor allem in Südfrankreich schlossen sich zu dieser Zeit viele Menschen anderen religiösen Bewegungen an wie den Katharern, die bereits mit dem Aufbau einer Gegenkirche begonnen hatten. Spanien hingegen bildete eine geschlossene kirchliche Front – die Mauren waren aus Aragon und Kastilien vertrieben, und es herrschten wieder katholische Könige.

1170 wurde Dominikus von Guzmán in Altkastilien in den niedrigen Adelsstand geboren. Bereits früh entschied er sich für eine Priesterlaufbahn, studierte in Palencia an einer der ersten Universitäten Spaniens Theologie sowie Philosophie und trat aus tiefer religiöser Überzeugung den Augustiner-Kanonikern bei.
Die Legende besagt, dass er während einer schweren Hungersnot seine Bücher verkaufte, die damals einen hohen Wert darstellten, um die Armen vor dem drohenden Hungertod zu retten: "Was soll ich über trockenen Fellen studieren und draußen auf der Straße verhungern die Menschen?"
Als junger Priester durchquerte er auf einer Reise nach Rom an der Seite seines Bischofs Südfrankreich. Hier trafen sie auf die Katharer, was aus dem Griechischen übersetzt "die Reinen, die Vollkommenen" bedeutet. Diese lebten in radikaler Armut und Keuschheit. Sie betrachteten die Welt und vor allem die römische Kirche als Werk des Teufels. Der französische Adel unterstützte sie, da er in ihnen natürliche Verbündete gegen den papsttreuen König sah. Es gab Ortschaften, in denen bereits die Mehrzahl der Einwohner nicht mehr der römischen Kirche anhing.
Dominikus und sein Bischof traf dieser Zustand wie ein Schock:

"Mich jammert des Volkes, denn es ist wie eine Herde, die keinen Hirten hat."

Und zugleich war es der entscheidende Augenblick im Leben des Dominikus: Schlagartig wurde ihm der religiöse Notstand seines Jahrhunderts bewusst und in ihm keimte die Idee eines Predigerordens.

Nach ihrem Romaufenthalt kehrten Dominikus und sein Bischof nach Südfrankreich zurück, in der Überzeugung, die Ketzer wieder zum Christentum bekehren zu müssen. Gleich in der ersten Nacht wurden sie bei einem solchen einquartiert. Dominikus begann mit dem Mann ein Gespräch, das die ganze Nacht dauern sollte. Als der Morgen dämmerte, war der Abtrünnige für die Kirche zurückgewonnen. Diese Erfahrung war für Dominikus ein Fingerzeig des Himmels. Reden musste man mit den Leuten, und zwar unvoreingenommen von Mensch zu Mensch, ohne Arroganz. ("Ketzerische Gedanken dürfen nicht verdammt werden, sondern das Gute daraus sei für die Kirche zu verwenden.") Für ihn bestand dabei die Herausforderung darin, überzeugende Argumente zu finden, mit denen sich die Abtrünnigen bekehren ließen.
Als er eines Tages auf einem Hügel oberhalb von Prouille bei Toulouse saß und über die ganze Situation nachdachte, schlug unten im Tal ein Komet in eine Marienkapelle ein. Wieder sprach der Himmel zu ihm. Dort würde er ein Kloster für bekehrte Katharerinnen errichten, die nicht zu ihren Familien zurück konnten.
Der bald darauf einsetzende Kreuzzug gegen die Albigenser – die meisten Katharer lebten in der Stadt Albi, weshalb man sie auch Albigenser nannte – strafte allerdings Dominikus' Worte Lügen. Religiöse und weltliche Interessen begannen sich zu vermischen, und bald ging es für die französische Krone nur noch um die Unterwerfung Südfrankreichs. Den verheißungsvollen religiösen Gesprächen war damit ein jähes Ende gesetzt. Stattdessen wurden Tausende von Katharern getötet. [...]


Jakobiner nannten sich wie ihre Freunde und Gastgeber


Sein Predigerorden sollte im Gegensatz zu den damals aufkommenden Laienbewegungen, von denen viele zunächst häretische Züge trugen, bei den Klerikern selbst einen Sinneswandel hervorrufen. In Toulouse, der damals größten Stadt mitten im Ketzerland, gründete er in der Rue St. Jacob sein erstes Männerkloster – die ersten Dominikaner in Frankreich nannten sich aufgrund des Straßennamens Jakobiner.
Bevor der Bau jedoch fertiggestellt war, hielten sie ihre ersten Predigten in der Kathedrale St. Etienne. Sie predigten aber auch auf Straßen, Plätzen und Friedhöfen, schlichtweg überall, wo sie mit Menschen ins direkte Gespräch kommen konnten ... Dominican Democracy:

"The history of the Dominican Order is marked by a paradox. It provided the Catholic Church a good number of the court personnel for the Inquisition while at the same time embodying in its own internal structures a singular commitment to democratic freedoms. [...]
The friar's constitutions written between 1216 and 1221 could be rightly called a cathedral of Constitutional Law. The first Dominican constitutions were based on a true parliamentary system. Later constitutions added a balancing of legislative and executive powers."

Anders als Franziskus, der sich eher in der Nachfolge Christi selbst sah, und dessen Orden sich vor allem der Lebenshilfe und der Bußpredigt verschrieb, folgte Dominikus dem Wirken und Leben der Apostel nach. Völlige Besitzlosigkeit jedoch galt für beide Orden. Auch wenn es in der damaligen Zeit mit dem priesterlichen Ansehen unvereinbar war, den Lebensunterhalt zu erbetteln, Dominikus schreckte das nicht ab.
Er wollte damit der reichen Kirche etwas "Glaubwürdiges" entgegensetzen.
("Ohne Liebe kann die Seele nicht bestehen, weil der Mensch aus Liebe und zur Liebe geschaffen ist.")
[Der römische Messianismus – die Seifenoper unter den Religionen.]

1216 erhielt Dominikus von Papst Honorius III. den Segen für seinen Orden. Der Papst hoffte, die zukünftigen Dominikaner würden zentral und global auf die oft schludrig ausgeführte christliche Verkündigung einwirken und damit sein großes Problem der sich ausbreitenden Häresie lösen. Die Augustinusregel, die Dominikus aus seiner Zeit als Augustinerkanoniker bereits vertraut war, wurde zur offiziellen Regel des Ordens.
Dominikus nahm sich allerdings nicht die feudalen Strukturen der Kanonikerabteien seiner Zeit zum Vorbild, sondern orientierte sich an den demokratisch genossenschaftlichen Gefügen des aufstrebenden Städtewesens und der Predigerarbeit. Er gewann schnell junge Mitstreiter, die seiner Idee folgten.
Um den Argumenten der gebildeten Katharer adäquat zu begegnen, erklärte Dominikus das Studium zur Pflicht. Er sah darin die Vorbedingung für den Predigerberuf. Als erster Ordensgründer gab er damit dem Studium neben dem Gebet eine gleichgestellte Bedeutung nach dem Motto "ora et studia". Eine zentrale Rolle sollte dabei die Universität von Toulouse spielen, die 1229, acht Jahre nach dem Tod von Dominikus (1221), von Raimund VII. von Toulouse gegründet wurde. Doch nicht nur in Toulouse gewann der Orden an Bedeutung. Dominikus schickte seine Mitbrüder schon früh an bedeutende Universitäten wie Paris, Palencia und Bologna, aber auch Oxford, um dort Konvente zu gründen und Novizen unter den Studierenden anzuwerben.
In Italien entstanden neun Priorate, in Frankreich sechs und in Spanien zwei.
Die Brüder predigten in England, Skandinavien, Ungarn und Deutschland mit insgesamt 60 Konventen.
In Bologna jedoch feierte Dominikus seine größten Erfolge. Das ehemalige Dominikanerkloster steht heute noch direkt neben der Universität, die 1088 gegründet wurde und neben Salerno und Paris als die älteste Europas gilt. Auch wenn die Zahl der Universitäten unter weltlicher Führung zunahm – Kaiser Barbarossa war beispielsweise darauf angewiesen, nicht nur Mönche und Geistliche als Schriftkundige in seiner Verwaltung zu beschäftigen, um eine Gegenmacht zu Papst Clemens III. zu schaffen – die damals wichtigste Universität in Paris unterstand dem Papst, der hier für die Kirche die besten Theologen der Zeit rekrutieren konnte. Große Dominikaner wie Tom Aquinas, Al Magnus, Meister Eckart studierten und lehrten dort.

[...] Im Hochmittelalter regte sich bei den Menschen verstärkt das Verlangen nach der Erklärung des Lebens und der Welt. Und wer war da besser geeignet als die akademisch gebildeten Dominikaner?
Als Mitbegründer der Scholastik bemühten sie sich, die Erscheinungen des Lebens in ein einheitliches theologisches Glaubenssystem zu fassen. 1221 siedelten sich die ersten Dominikaner in Köln an. Ihre ursprüngliche Hauptaufgabe des Predigens verlagerte sich immer mehr auf die Theologie und Wissenschaft. So war es auch ein Dominikaner, der hier den Grundstein für die erste deutsche Universität legte.
Albert Magnus (1200-1280) war einer der imposantesten deutschen Gelehrten und gilt als der maßgebende wissenschaftliche Forscher seiner Zeit. Er absolvierte sein Noviziat in Köln, wohin er nach seinem Aufenthalt an der Pariser Universität zurückkehrte, um dort das von ihm gegründete "Studium Generale" der Dominikaner zu leiten. Daraus entwickelte sich 1388 die Kölner Universität mit den üblichen vier Fakultäten Artes (Künste), Theologie, Medizin und Jurisprudenz, eine der größten Universitäten Europas.
Albert Magnus eröffnete dem christlichen Abendland die Werke des griechischen Philosophen Aristoteles und beschäftigte sich mit der arabischen und jüdischen Kultur, die er vermittelnd vertrat. Eine weitere Vorliebe, die er hegte, galt der Zoologie und der Botanik, so dass man bei ihm von einem wahrhaft universal gebildeten Menschen sprechen konnte, der ungewöhnliche naturwissenschaftliche Kenntnisse hatte.
Seine aufgeklärte christliche Philosophie brachte ihm aber nicht nur Freunde ein: Die Kirche fürchtete damals, durch mehr Aufklärung an Macht zu verlieren. Albert Magnus starb 1280, nachdem er zuvor wegen häretischen Gedankenguts seiner Schriften angeklagt worden war. [...]

Einer seiner besten Schüler war Thomas von Aquin. Noch bei seinem Ordenseintritt ahnte niemand die Größe seines Geistes, und seine Mitbrüder nannten ihn den "stummen Ochsen", was vor allem darauf zurückzuführen war, dass er zu Beginn seiner Studienzeit noch kein Deutsch sprach. Doch Albertus Magnus sah in ihm mehr:

"Wir nennen den Bruder Thomas einen stummen Ochsen, aber das Brüllen seiner Gelehrsamkeit wird einstens durch die ganze Welt erschallen."

Thomas von Aquin, geboren 1225, strebte danach, zwei widerstreitende Weltsichten zu versöhnen: die Wahrheit der Vernunft und die Wahrheit des Glaubens. Ihm ist es zu verdanken, dass der Theologie der Charakter einer Wissenschaft zugeschrieben wurde durch die Erkenntnis, dass der Glaube an die Existenz Gottes nicht vernunftwidrig sei, sich also Glaube und Vernunft nicht widersprechen.
Trotz seiner erfolgreichen Lehrtätigkeit und seines großen Ansehens blieb Thomas von Aquin stets von einer demütigen Frömmigkeit, die sich in seinen letzten Worten vor dem Tod widerspiegelt:

"Alles, was ich geschrieben habe, erscheint mir wie Spreu, verglichen mit dem, was ich geschaut hab, was mir offenbart wurde."

Sein Leichnam wurde im Gründungskloster des Ordens in Toulouse beigesetzt.

Ein anderer großer Theologe des Dominikanerordens stammte aus Erfurt: Meister Eckart (1260-1328). Er studierte Theologie und Philosophie, und man sagte ihm nach, er wäre der Mann, vor dem Gott nie etwas verbergen würde. Tatsächlich gilt Eckart bis heute als großer Mystiker und Mitbegründer der sogenannten deutschen Mystik. Mystik ist die Erfahrung einer unmittelbaren Anwesenheit des verborgenen Gottes, die den ganzen Menschen ergreift. Eckarts Grundanliegen bestand darin, neben Wissenschaft und Vernunft der Frage nach der Seelenbedeutung des Menschen nachzugehen. Er wollte eine Interpretation finden, die die Begegnung Gottes mit der menschlichen Seele ermöglichte, die Verschmelzung mit dem Schöpfer. [...] Auch er wurde durch Ordensbrüder wegen seiner ungewöhnlichen Glaubensaussagen denunziert, woraufhin die Kirche einen Inquisitionsprozess gegen ihn eröffnete. Beinahe wäre er auf dem Scheiterhaufen gestorben.
Mit Albert Magnus und Meister Eckart standen zwei berühmte Dominikaner, welche in Tradition ihres Gründers gegen die Häresie predigten, selbst unter Verdacht der Ketzerei. So willkürlich wurden damals die Grenzen von Glaube, Vernunft und Mystik einerseits und Häresie andererseits gedeutet.

Ihren künstlerischen Ausdruck fand die dominikanische Mystik in den Fresken des Fra Angelico, vor allem im Kloster San Marco in Florenz. Fra Angelico (ca. 1400-1455), dessen eigentlicher Name Guido di Pietro lautete, war ein italienischer Dominikanermönch und bedeutender religiöser Maler am Übergang von der Gotik zur Frührenaissance. Nachdem der Orden von Fiesole in die Kirche San Marco in Florenz umgezogen war, beauftragte die Familie de Medici Fra Angelico, den Kreuzgang, den Kapitelsaal, die Korridore und Mönchszellen mit Fresken zu schmücken. Zu seinen beeindruckendsten Darstellungen gehören hier die Kreuzigung mit Madonna und Heiligen sowie die Darstellungen der Verkündigung und Transfiguration. Die Fresken von San Marco gelten als Meilenstein der Kunstgeschichte. Von Fra Angelico wird erzählt, dass er das Bild Christi nie anders als knieend gemalt habe, in Tränen aufgelöst.

Da mit der Renaissance im 15. Jh. der Dominikanerorden immer mehr an Bedeutung verlor – Universitäten und Lehrinhalte wurden zunehmend weltlicher, die Wissensvermittlung mehr und mehr von den neugegründeten Jesuiten übernommen – brauchten die Dominikaner ein neues Aufgabenfeld, welches ihnen der Papst eröffnete. Er setzte sie aufgrund ihres umfangreichen akademischen Wissens bei der staatlichen Inquisition als theologische Berater ein. Anfänglich war die Inquisition eindeutig eine Verbesserung der herrschenden Rechtspraxis, denn vorher waren Glaubensabtrünnige ohne Prozess einfach verurteilt worden. Nun sollten sie zumindest die Chance bekommen, sich zu den Vorwürfen zu äußern und zu widerrufen. Die kirchliche Instanz sollte dann entscheiden, ob jemand mit dem Teufel im Bund stand oder nicht.
1486 verfasste der Dominikaner Heinrich Kramer den berüchtigten Hexenhammer, der dafür die Kriterien festlegte. Durch die aufkommende Buchdruckerkunst fand das Werk weite Verbreitung und wurde zu einem der unheilvollsten Bücher der Geschichte. Das im Mittelalter noch gültige Gottesurteil erlaubte Folter und führte zu Absurditäten wie der Wasser- oder Feuerprobe und dem Scheiterhaufen.
Das Phänomen der Hexenverfolgung breitete sich in einer Zeit aus, in der durch das Kirchenschisma nach der Reformation eine große Glaubensunsicherheit entstanden war und die unteren Stände in gesellschaftlichen Fragen ein Mitspracherecht bekamen. Alleinlebende Frauen wie Witwen, Hebammen oder Unverheiratete genossen keinerlei Schutz, weshalb sie häufig vom Volk denunziert und zu Sündenböcken für jede Art unerklärlicher Unglücke gemacht wurden. Psychisch Kranken dichtete man mangels besseren Wissens einen Pakt mit dem Teufel an. Besonders während des 30-jährigen Krieges (1618-1648) und der sich daran anschließenden Hungersnot wurden viele vermeintliche Hexen an die Inquisitionsgerichte ausgeliefert.

Doch das neue Wirkungsfeld der Dominikaner konnte den Verfall des Ordens nicht aufhalten: Die Seuchen des 16. und 17. Jh.s konfrontierten die Menschen beständig mit dem Tod und der Frage nach dem Sinn des Lebens. Die Gläubigen erwarteten Antworten von Kirche und Orden, die diese jedoch nicht geben konnten.
Stattdessen leitete Luther die Reformation ein, Erasmus von Rotterdam trat für einen persönlichen, von Vorbildern freien Lebensstil ein, und Wilhelm von Ockham brachte den Gedanken an die Trennung von Kirche und Staat in die Diskussion. Zugleich übernahm die Wissenschaft immer mehr die Erklärung der Welt. Die Entdeckung des heliozentrischen Weltbildes durch Kopernikus war ein Schock für die Gesellschaft. Nichts war mehr so, wie es schien. Das schürte die Unsicherheit im Volk und die Unglaubwürdigkeit der Kirche.
In dieser Zeit verlor der Orden über die Hälfte seiner Klöster, sowie fast sämtliche Lehrstühle. Während der Aufklärung wurde er fast vollständig aufgehoben.

Der Orden der Dominikanerinnen von Bethanien wurde im 19. Jh. von dem französischen Gefängnisseelsorger Jean-Josef Lataste gegründet. Dieser entdeckte, als er im Frauengefängnis Exerzitien gab, dass die dort verwahrten Kindsmörderinnen – überwiegend Dienstmägde, die von ihren Herren geschwängert worden waren und aus Verzweiflung ihre Kinder umgebracht hatten – ein spirituelles Bedürfnis hatten. Da diese Frauen nach ihrer Freilassung von Kirche und Gesellschaft verstoßen wurden, bot er ihnen in seinem neuen Orden, den er entgegen vieler Widerstände auch von Seiten der Kirche aus der Taufe hob, eine reelle Möglichkeit, ein neues Leben beginnen. Bis heute ist es gängige Praxis, dass über das Vorleben der Frauen, die diesem Orden beitreten, Stillschweigen bewahrt wird. Auch dass sich die Dominikanerinnen um Menschen am Rande der Gesellschaft kümmern, hat sich nicht geändert.
Nach dem Zweiten Weltkrieg gründeten sie beispielsweise Kinderdörfer für Kriegswaisen. Erstmals wurden Kinder nicht altersmäßig getrennt in Heimen, sondern wie in einer Art Großfamilie untergebracht – eine Idee, die der spätere Gründer der SOS-Kinderdörfer Hans Gmeiner, der bei den Dominikanerinnen gelernt hatte, erfolgreich übernahm.

Schwester Jordana, bekannt aus der Samstagsabendsendung "Das Wort zum Sonntag" ist pädagogische Betreuerin in Waldniel und Bergisch Gladbach. Es geht ihr darum, Kinder, deren Eltern entweder tot oder nicht mehr in der Lage sind, sie auf ein verantwortungsvolles und wertebewusstes Leben vorzubereiten, ein Zuhause zu geben. Ihre Mitschwester Schwester Klarissa war zwölf Jahre Kinderdorfmutter und beschäftigt sich nun mit feministischer Theologie. Ihr Ziel ist es, Liturgie in Ritualen, Tanz und Gesang auszudrücken.
Jedes Jahr zur Sommersonnenwende trifft sie sich mit gleichgesinnten Frauen und begeht im Rahmen eines Schöpfungsrituals dieses ursprünglich heidnische Fest. Erstaunlich, wenn man bedenkt, dass heidnische Rituale von Frauen gerade von den männlichen Mitgliedern ihres Ordens in der Vergangenheit blutig verfolgt wurden.


Heute gibt es weltweit etwa 6000 Dominikaner und über 30.000 apostolisch-karitativ tätige Schwestern.
2008 – Johannes Bunnenberg OP wird neuer Provinzial der Teutonia-Provinz

Wolfgang Ockenfels OP)
1985 erhielt er einen Ruf auf die Professur für Christliche Sozialwissenschaften mit den Lehrgebieten Politische Ethik und Theologie, Katholische Soziallehre und Sozialethik, Wirtschaftsethik sowie Familie, Medien und Gesellschaft der Theologischen Fakultät Trier.
Ockenfels ist zudem Geistlicher Berater des Bundes Katholischer Unternehmer, Chefredakteur der Zeitschrift "Die Neue Ordnung" in Bonn und Beiratsmitglied der Akademie des deutschen Handwerks im Wasserschloss Raesfeld. Seit 1998 ist er auch Präsident der Internationalen Stiftung Humanum im schweizerischen Lugano.
("Oswald von Nell-Breuning, der Mythos, Arthur Fridolin Utz, der große Unbekannte. Auf diese plakative Formel ließe sich das Renommee der beiden Nestoren der katholischen Soziallehre reduzieren. Tatsächlich ist der Schweizer Dominikaner Utz aus Fribourg in der publizistischen Öffentlichkeit so gut wie unbekannt. Im Gegensatz zu seinem jesuitischen Pendant aus Frankfurt, von Nell-Breuning, der 1991 im Alter von 101 Jahren starb.
Nach seinem Verhältnis zu der Überfigur des berühmten Sozialwissenschaftlers befragt, sagt Utz:
'An Nell-Breuning kam praktisch niemand vorbei. Er hatte eine Monopolstellung. Das ging so weit, dass der Herder-Verlag Manuskripte zur Soziallehre zuerst Nell-Breuning zur Begutachtung vorlegte.
Ich habe mich von Anfang an gegen jede Abhängigkeit von ihm gewehrt.'")
Ockenfels ist Mitglied der Ludwig-Erhard-Stiftung. Seit 2000 ist er Kuratoriumsmitglied des Forum Deutscher Katholiken. Er steht dem Opus Dei und der Zeitung "Junge Freiheit" nahe.
Der Rheinländer wirkt in der Sendung "Christ in der Welt" des Fernsehsenders EWTN mit und hatte mehrere TV-Auftritte, u.a. bei Christiansen und Plasberg ("Hart aber Fair").

Würdenträger und Menschenwürde



Reinhard Marx 2008: Das Kapital

pt 1 & pt 2 & pt 3 & pt 4 & pt 5 & pt 6 & pt 7 & pt 9


S. 251 f.) Katho. Evolution statt kommu. Revolution (Marx 'n' Marx – beide Jesuiten)

In einem großen Artikel in der Wochenzeitung "Die Zeit" forderte Helmut Schmidt Anfang 2007: "Beaufsichtigt die neuen Großspekulanten!" Zurecht bezeichnet der Alt-Bundesstoiber es als grotesk, dass jede kleine Sparkasse und Genossenschaftsbank hierzulande von den Finanzaufsichtsbehörden überwacht wird, während die hundert- und tausendmal größeren Fonds mit Sitz in der Karibik völlig unbehelligt bleiben. Schmidt schreibt: "Genauso wie der globale See- oder Luftverkehr strikten Sicherheits- und Verkehrsregeln unterliegt, bedarf der globale Kapitalverkehr der Regulierung, damit Katastrophen vermieden werden. Das ist ein Gebot der vorsorgenden Vernunft – von Anstand und Moral ganz zu schweigen." Diesem Appell möchte ich mich nachdrücklich anschließen.
Papa Jopa II. hat einmal in einer sehr starken Formulierung gesagt, dass es einen "Missbrauch vor Gott und den Menschen" darstellt, wenn jemand sein Kapital gegen die Menschen und gegen deren Arbeit richtet (1. Mai 1991 Centesimus annus 43,3). Es ist heute die Aufgabe der internationalen politischen Gemeinschaft, im Namen der Menschenwürde und der Gerechtigkeit die damit angesprochene Sozialpflichtigkeit des Eigentums und das richtige Verhältnis zwischen Arbeit und Kapital sicherzustellen. Denn in der Tat ist es so, wie Karl Marx 1864 in den Statuten der Internationalen Arbeiterassoziation geschrieben hat,

"dass die Emanzipation der Arbeiterklasse weder eine lokale noch eine nationale, sondern eine soziale Aufgabe ist, welche alle Länder umfasst, in denen die moderne Gesellschaft besteht, und deren Lösung vom praktischen und theoretischen Zusammenwirken der fortgeschrittensten Länder abhängt." (MEW Bd. 17, S. 440)

Doch diese Emanzipation darf nicht, wie mein Namensvetter sich das vorgestellt hat, in einer Revolution, sondern muss in einer Evolution erfolgen, in der Entwicklung zu einer globalen sozialen Wirtschaftsordnung.
Wie in unserem nationalen Recht die Interessen der Stakeholder vielfach schon rechtlich geschützt sind (z.B. durch das Arbeitsrecht, Verbraucherschutzrecht, Wettbewerbsrecht etc.), müssen auch international verbindliche rechtliche Standards geschaffen werden. Eine solche rechtliche Flankierung des Stakeholder-Value-Gedankens ist auch deshalb dringend erforderlich, damit diejenigen Unternehmen, die sozial verantwortlich handeln, nicht durch die gewissenlose Schmutzkonkurrenz anderer übervorteilt werden.



S. 253 f.) The media-industrial complex of modern corporatocracies (Gottesstaatsbürokratien)

Nach der sogenannten Stamokap-Theorie, der viele Achtundsechziger anhingen, sind in unserem System die imperialistischen Bestrebungen der Politik und die kapitalistischen Interessen der Wirtschaft untrennbar ineinander verwoben. Dieser aus meiner Sicht unhaltbare Unsinn geht nicht unmittelbar auf meinen Namensvetter zurück, sondern auf einen seiner Epigonen, nämlich Wladimir Iljitsch Lenin (ebenfalls ein geheimer "Gefährte Jesu", wie auch Stalin, Napoleon, Himmler, Geißler, Castro, Clinton, Arafat etc.).
Lenin entwickelte diese Theorie aus der Erfahrung des Ersten Weltkriegs heraus. Nach seiner Auffassung hatte dieser Weltenbrand die Endphase des Kapitalismus eingeläutet, in der die Großkonzerne – das Monopolkapital – sich den Staat und das Militär unterordneten und für ihre Zwecke dienstbar machten.
Ich möchte hier darauf eingehen, weil die damit verbundene Vorstellung einer unheilvollen Verquickung politischer und wirtschaftlicher Macht immer wieder in den verschiedensten Versionen in den Medien auftaucht und sich bis weit in die sogenannten bürgerlichen Kreise hinein einer gewissen Popularität erfreut.
Eine Variante dieses Themas hat sogar einmal ein US-amerikanischer Präsident, Dwight D. Eisenhower, vorgetragen, der 1961 in seiner Abschiedsrede vor Verflechtungen zwischen Politik, Militär und Rüstungsindustrie, dem "militärisch-industriellen Komplex", gewarnt hat.

Nun ist es ganz gewiss so, dass Lobbyisten aus der Wirtschaft, auch solche aus der Rüstungsindustrie, versuchen, in ihrem Sinne Einfluss auf politische Entscheidungen zu nehmen. In Berlin, Washington und den anderen Hauptstädten der Welt gibt es weitaus mehr Lobbyisten als Abgeordnete, und ihre Hauptaufgabe besteht darin, für die Interessen derer zu trommeln, von denen sie bezahlt werden. Das ist auch nicht weiter problematisch. Das gehört zu einer Demokratie dazu.
Aber es ist eine herausragend wichtige Aufgabe der Politik, alles zu unterlassen und zu unterbinden, was auch nur den bösen Anschein erwecken könnte, dass Regierung und Parlament nicht nach den Belangen des Gemeinwohls, sondern nach den Profitinteressen bestimmter Wirtschaftsunternehmen entscheiden. Es ist wichtig, dass Manager eine hohe Moral haben und nicht nur auf das rechtlich Geschuldete schauen. Und genauso wichtig ist, dass Politiker glaubwürdig und integer sind.
"Demokratie braucht Tugenden" lautet der Titel eines Gemeinsamen Wortes des Rates der Evangelischen Kirche in Dtl. und der Dt. Bischofskonferenz 2006.



S. 261 ff.) Sklavenarbeit made in China

Wanderarbeiter sind praktisch vogelfrei im Reich der Mitte. Das hängt mit dem chinesischen Hukou-System, einer strengen Wohnsitzkontrolle, zusammen. Offiziell darf sich in China niemand ohne staatliche Erlaubnis außerhalb des Wohnbezirks, in dem er registriert ist, niederlassen.
Eine behördliche Ausnahmegenehmigung ist nicht einfach zu bekommen. Voraussetzung sind ein polizeiliches Führungszeugnis, eine Genehmigung der Heimatbehörde und ein gültiger Arbeitsvertrag. Die Behörden verlangen Gebühren für die Papiere, die schlechtbezahlten Beamten wollen zudem meist noch ein Schmiergeld. Zig Millionen verzweifelte Menschen, die vor der Not auf dem Land in die Städte fliehen, haben aber weder das nötige Geld noch einen Arbeitsvertrag, um die Genehmigungen zu bekommen. Sie sind Illegale im eigenen Land.
Die Fabrikbesitzer wissen das sehr genau, und viele von ihnen nutzen die hilflose Lage ihrer Arbeiter skrupellos aus.
In China gibt es durchaus einen staatlich festgesetzten Mindestlohn und auch andere gesetzlich geregelte Mindestarbeitsbedingungen, wer aber keine gültigen Meldepapiere hat, kann nicht einfach zu den Behörden gehen und sich beschweren, dass seine Rechte verletzt werden. Und weil die Menschen keine Arbeitsverträge bekommen, haben sie auch keine Aussicht auf Besserung ihrer Situation.
Besonders bedrückend ist das Schicksal der Kinder der Wanderarbeiter.
Da ihre Eltern sich illegal in den Städten aufhalten, ist den Kindern der Zugang zu den dortigen staatlichen Schulen in der Regel verschlossen. Die chinesischen Gesetze garantieren jedem Kind eine neunjährige Schulbildung, aber diese muss an dem behördlich zugewiesenen Wohnort wahrgenommen werden. [...] Laut einer Studie der Pekinger Renmin-Universität sehen 80 Prozent der Mütter, die als Wanderarbeiterinnen leben, ihre Kinder nur ein- bis zweimal im Jahr, 12 Prozent sogar noch seltener. [...]
Das alles passiert in einem nominell kommu. Land. Mein Namensvetter Karl und auch sein eigensinniger chine. Epigone Mao Tse-tung würden sich mit Sicherheit im Grabe umdrehen, wenn sie wüssten, was unter der Flagge des Kommunismus im heutigen China passiert. Man könnte den Eindruck gewinnen, dass die derzeitige chinesische Führung es sich zum Ziel gesetzt hat, die jeweils dunkelsten Seiten des Kommunismus und des Kapitalismus zu einer noch nie dagewesenen Synthese zu bringen.



S. 264 f.) Heiliger Zorn Jesu, Journalo-Pranger, Gerechtigkeitssiegel

"Und er sah sie der Reihe nach an, voll Zorn und Trauer über ihr verstocktes Herz." Dieses Wort über Jesus aus dem Markusevangelium kommt mir manchmal in den Sinn, wenn ich an das Unrecht in unserer Welt denke. Meinen Sie nicht, Zorn sei in jedem Fall eine Sünde. Zorn, der in blinde Wut und Hass umschlägt, der ist in der Tat eine Sünde, sogar eine der sieben Hauptsünden, aber jener Zorn, der sich nicht gegen etwas richtet, sondern die Leidenschaft für die gute Sache widerspiegelt, der nicht zerstören, sondern wachrütteln und zur Veränderung motivieren will, jener Zorn ist keine Sünde, sondern eine Tugend.
Dieser Zorn sagt uns: Schimpfen wir nicht nur, gemeinsam können wir eine Menge ausrichten und verändern.
1995 z.B. haben die Verbraucher den milliardenschweren Weltkonzern Shell in die Knie gezwungen. Aus Protest gegen die Versenkung der Ölplattform Brent Spar in der Nordsee boykottierten Autofahrer europaweit dessen Tankstellen. In Dtl. verzeichneten Shell-Tankstellen einen Einbruch der Umsätze um 30 bis 70 Prozent. Der Konzern holte die Ölplattform, die schon auf dem Weg zu ihrem Versenkungsort war, deshalb zurück an Land und demontierte sie dort.
So etwas geht auch, wenn Unternehmen zwar nicht die Natur, wohl aber die soziale Gerechtigkeit bedrohen.

Wir dürfen bei unserem Einsatz für ökologische und soziale Verantwortung nicht gegen den Markt kämpfen, sondern wir müssen uns seine Gesetze zunutze machen. Wer als Unternehmer und Arbeitgeber soziale Fairness beweist, muss von uns als Verbrauchern belohnt und vor der unlauteren Konkurrenz unsozialer Marktteilnehmer geschützt werden. Wer dagegen im internationalen Wettbewerb gegen soziale Mindeststandards verstößt, muss an den medialen Pranger gestellt und so vom Markt verdrängt werden.
In unseren Geschäften und Supermärkten gibt es immer mehr Produkte mit Bio-Siegel.
Warum gibt es eigentlich kein Gerechtigkeitssiegel, damit wir als Konsumenten nicht nur in ökologischer, sondern auch in sozialer Hinsicht Verantwortung übernehmen können?



S. 269 f.) Ältester Global Player: die römisch-solidarische Internationale

Wenn ich als Christ über die Globalisierung nachdenke [...]
Es ist deshalb, wie schon das ZVK sagt, die Aufgabe der Menschheit, "eine politische, soziale und wirtschaftliche Ordnung zu schaffen, die immer besser im Dienst des Menschen steht und die dem Einzelnen wie den Gruppen dazu hilft, die ihnen eigene Würde zu behaupten und zu entfalten." (Gaudium et Spes 9)
Christlich verstandene Solidarität ist global.
Für die aktuelle Globalisierungsdebatte folgt daraus zweierlei. Erstens: Globalisierung, wenn sie verstanden wird als das zunehmende Zusammenrücken in der Einen Welt, ist für uns Christen kein Anlass für Untergangsprophetien, sondern in gewissem Sinne Anknüpfungspunkt für die universale Grundausrichtung und Vision unseres Glaubens. Völlig zurecht hat der Soziologe Franz-Xaver Kaufmann deshalb die katho. Kirche einmal als ältesten Global Player bezeichnet, der sich immer schon als Institution mit einem weltweiten Auftrag verstanden hat.
Zweitens: Weil wir im Glauben die globale Einheit der Menschheitsfamilie niemals losgelöst denken können von den Kategorien der gleichen Würde aller und der verpflichtenden Solidarität füreinander, müssen Christen die konkreten Globalisierungsverläufe stets daran messen, ob und inwieweit sie der Würde aller Menschen und ihren elementaren Rechten gerecht werden. Unser Leitbild ist dabei, mit unserem verstorbenen Papst Johannes Paul II. gesprochen, eine Globalisierung der Solidarität, eine Globalisierung der Gerechtigkeit:
"Das Gemeinwohl der ganzen Menschheit bedeutet eine Kultur der Solidarität mit dem Ziel, der Globalisierung des Profits und des Elends eine Globalisierung der Solidarität entgegenzuhalten."



S. 271) Neue Weltordnung existiert längst

Den Kern einer solchen Weltordnungspolitik sollten die Vereinten Nationen bilden sowie die bereits bestehenden internationalen Organisationen, die z.T., aber nicht sämtlich zum System der Vereinten Nationen gehören oder mit ihm vertraglich verbunden sind. In diesem Zusammenhang sind v.a. zu nennen: die Welthandelsorganisation (WTO), die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD), der Internationale Währungsfonds (IWF), die Weltbank und die Internationale Arbeitsorganisation (ILO).
Diese Organisationen sind erforderlich, um die Globalisierung der Wirtschaft durch eine Globalisierung der Politik zu ergänzen. Sie dienen dazu, der Entwertungsspirale des Politischen angesichts einer weltweit vernetzten Ökonomie entgegenzuwirken. Blickt man auf die Realität der internationalen Organisationen, muss man aber feststellen, dass sie ihre Aufgabe, Institutionen einer solidarisch ausgerichteten Global Governance zu sein, bislang nur in Ansätzen wahrnehmen.



S. 273 ff.) Mit Schützenhilfe vom IWF zur NWO – Marx und Merkel

Zu allem Überfluss lockte die Krise Währungsspekulanten an. Einige amerikanische und europäische Hedgefonds und Investmentbanken witterten leichte Beute. Wie ein Rudel hungriger Wölfe stürzten sie sich auf Thailand. Unter Einsatz von Milliarden Dollar spekulierten sie gegen die thailändische Landeswährung, den Baht. In einem verzweifelten Abwehrkampf setzte die thailändische Zentralbank rund 30 Milliarden Dollar ein und musste sich am Ende doch geschlagen geben und den Baht abwerten.
Die Währungsspekulanten hatten binnen weniger Wochen geschätzte acht Milliarden Dollar verdient und Thailand, das die ganze Region mitriss, in den Abgrund gestoßen.
In dieser Situation machte der IWF den nächsten Fehler. Mitten in der wirtschaftlichen Katastrophe, als der thailändische Baht 52 Prozent, der südkoreanische Won 42 Prozent und die indonesische Rupie 77 Prozent ihres Wertes verloren hatten, verordnete der IWF den Regierungen der Länder eine völlig überzogene Spar- und Hochzinspolitik, die deren Volkswirtschaften noch mehr schwächte und die durch die Krise erzeugten sozialen Probleme weiter verschärfte. In Thailand verdreifachte sich die Arbeitslosenquote, in Südkorea vervierfachte sie sich und in Indonesien verzehnfachte sie sich sogar. Insbesondere in Indonesien wurde dadurch das soziale Gleichgewicht völlig aus den Angeln gehoben. Es kam zu einem Ausbruch der Gewalt: Geschäfte wurden geplündert, die seit Jahren schwelenden ethnischen Konflikte eskalierten, und terroristische Anschläge nahmen sprunghaft zu. Immerhin: Diktator Suharto musste nach 32 Jahren an der Spitze Indonesiens abtreten.

Diese kritische Bilanz der IWF-Politik im Zusammenhang mit der Asienkrise darf allerdings nicht zu falschen Schlüssen führen. Nachher ist man immer schlauer, und auch der IWF hat längst eingeräumt, dass er Fehler gemacht hat. Es muss zudem auch gesehen werden, dass der IWF Indonesien, Thailand und Südkorea mit Krediten von mehr als 100 Milliarden Dollar geholfen und sie so vor dem Staatsbankrott bewahrt hat. Auch ohne die unfreiwillige Schützenhilfe des IWF im Vorfeld des Angriffs hätten Währungsspekulanten die asiatischen Tigerstaaten mit hoher Wahrscheinlichkeit attackiert. Mit Sicherheit aber wären die wirtschaftlichen und sozialen Folgen ohne die Hilfe des IWF noch verheerender gewesen.
Gerade die Asienkrise zeigt, dass die bei vielen Globalisierungsgegnern regelrecht verhassten internationalen Organisationen nicht bekämpft, sondern gestärkt werden müssen. Ohne multilaterale Institutionen ist Global Governance nicht möglich. Der Weg der Multilateralität ist gerade im Hinblick auf das Ziel einer sozial gerechten Welthandelsordnung alternativlos. Denn bei bloß bilateralen, zwischenstaatlichen Regelungen können sich, wenn es hart auf hart kommt, immer nur die Starken durchsetzen. Wer die Interessen der Armen in der Welt verteidigen und fördern will, tut deshalb gut daran, für stärkere globale Institutionen und für bessere weltweite Regelungen einzutreten.

Ich möchte deshalb unterstreichen, was Bundesstoiber Merkel in einem Kommuniqué anlässlich ihres Gesprächs mit den Vorsitzenden der wichtigsten internationalen Organisationen am 19. Dezember 2007 gesagt hat:

"Ohne einen fairen politischen Ordnungsrahmen sind Stabilität und Nachhaltigkeit des Globalisierungsprozesses auf Dauer nicht gesichert blahblahblah WTO, ILO, OECD, IWF, Weltbank, um die grundlegenden Werte der Sozialen Marktwirtschaft blahblahblah."

[Seit wann wedelt der Schwanz denn mit dem Hund? KKK und CDU – wer ist Hund und wer ist Schwanz?
Wedelt die Union etwa mit dem Machtapparat der Kommunionisten oder doch die "Kirche" mit der "Partei"?
Beides natürlich Geheimorganisationen mit esoterischem Innenleben, die exoterisch "nach außen kommunizieren".]



S. 276 ff.) WTO CEO Legionär Lamy und 350 Milliarden Dollar

Die Armen leiden oft genug darunter, dass der globale Markt von den wohlhabenden Ländern ausgehebelt wird. Das ist etwa dann der Fall, wenn die Industrieländer die Exportwirtschaft der Entwicklungsländer durch die Errichtung von Schutzzöllen und Handelshemmnissen aller Art behindern, ihnen also Chancen verbauen.
Hier muss sich etwas ändern.
Ein beispielhafter Schritt in die richtige Richtung ist der 2001 von der EU-Kommission gefasste Beschluss, für die Importe aus den ärmsten Ländern der Welt bis 2009 alle Abgaben, Zölle und Quoten abzuschaffen. Weil am Ende eine vollständige Öffnung des europäischen Marktes für alle Produkte dieser Länder (außer Waffen) steht, hat der damalige EU-Außenhandelskommissar Pascal Lamy von der "Everything-But-Arms-Initiative" gesprochen.
Aber trotzdem bleiben erhebliche Wettbewerbsverzerrungen. Bei Agrarprodukten, einem der wenigen Felder, auf dem die Entwicklungsländer den Industrieländern ernsthafte Konkurrenz machen könnten, schlagen 50 Milliarden Euro Subventionen gewaltig zu Buche, mit denen die EU jährlich die europäische Landwirtschaft fördert.
Kritiker haben die EU-Initiative zur Förderung der armen Länder deshalb in "Everything-but-Farms-Initiative" umbenannt. Das ist aber fatal, wenn man bedenkt, dass 70 Prozent der Menschen in den Entwicklungsländern direkt oder indirekt von der Landwirtschaft abhängig sind.
("It should be remembered that Washington gave conditional support to Lamy's nomination in exchange for European support of Paul Wolfowitz as head of the World Bank." Daniel Estulin)

Natürlich plädiere ich nicht dafür, einfach hinzugehen und die Subventionen für die Landwirtschaft in Europa komplett abzuschaffen. Ich weiß sehr wohl, dass auch viele Bauern in Dtl., Österreich, Polen und den anderen Staaten der EU es nicht leicht haben und um ihre Zukunft kämpfen. Ohne staatliche Unterstützung müssten viele von ihnen aufgeben, was für unsere ländlichen Regionen in wirtschaftlicher, menschlicher, landschaftspflegerischer und kultureller Hinsicht eine Katastrophe wäre. Die Erhaltung einer lebensfähigen Landwirtschaft hat auch für die entwickelten Länder eine weit über den ökonomischen Aspekt hinausgehende Bedeutung.
Die in vielen Ländern betriebene Agrarpolitik hat allerdings in den letzten Jahrzehnten jedes vernünftige ordnungspolitische Maß verloren – zum Schaden nicht nur der armen, sondern auch der reichen Länder.
Die EU-Länder, die USA, Kanada und Japan subventionieren ihre Landwirtschaften jährlich mit rund 350 Milliarden Dollar, das ist fast eine Milliarde pro Tag. Die Industrienationen sind in einen regelrechten Subventionswettlauf eingetreten, bei dem es v.a. um Wettbewerbsvorteile auf dem Weltmarkt geht.
Nach Schätzungen von Nichtregierungsorganisationen werfen die Industrieländer ihre Agrarprodukte zu Preisen auf den Markt, die um mehr als ein Drittel unter den Produktionskosten liegen.
Da können Entwicklungsländer nicht mithalten. Aber ihnen werden nicht nur die Exportchancen für ihre Landwirtschaftsprodukte geraubt, sondern es werden v.a. auch ihre landwirtschaftlichen Binnenmärkte bedroht, die mit den hochsubventionierten Agrarprodukten aus den Industrieländern überschwemmt werden.
Das führt zu der perversen Situation, dass wir schon seit vielen Jahren die Gleichzeitigkeit von Hunger und einer weltweiten Überproduktion an Nahrungsmitteln haben.

Te Deum – Die Franziskaner


Te Deum – Himmel auf Erden: Die Grundpfeiler unserer Kultur

"Oh Herr, mach mich zum Werkzeug!"

pt 3) Ordo Fratrum Minorum OFM plus Kapuziner OFMCap & Minoriten OFMConv
sowie Klarissen & Ordo Franciscanus saecularis OFS – "Entsagung des Besitzes"

pt 1 & pt 2 & pt 4 & pt 5 & pt 6

Der Orden des heiligen Franziskus nimmt sich ganz nach dem Vorbild seines Gründers auch heute noch der Menschen an, die am Rande der Gesellschaft stehen. Wie schon Franziskus sehen die Franziskaner und Franziskanerinnen in jedem Menschen das Abbild Jesu – egal auf welcher sozialen Stufe er sich befindet.

Franziskus wurde im Jahr 1181 als Sohn eines Tuchhändlers in Assisi in der italienischen Provinz Perugia in Umbrien geboren. Europa war befallen vom Fieber und Wahn der Kreuzzüge, aus denen sich gleichzeitig ein aufstrebender Handel mit dem Orient entwickelt hatte. Italien hatte sich dabei als wichtigster Umschlagplatz etabliert. Adel, Klerus und die neuen Handelshäuser in den Städten schwelgten im Luxus, während die Landbevölkerung immer mehr verarmte. Dank seines reichen Vaters genoss Franziskus eine hohe Schulbildung und führte ein ausschweifendes Leben.
Mit 21 Jahren zog er gemeinsam mit anderen jungen Männern seiner Stadt in den Krieg gegen die Nachbarstadt Perugia, wobei Assisi unterlag. Franziskus wurde in Perugia eingekerkert und kam erst nach einem Jahr gegen Lösegeld wieder frei. Krank und innerlich erschüttert suchte er in der Einsamkeit nach dem Sinn des Lebens, bis er ein entscheidendes Bekehrungserlebnis vor dem Kreuzbild der zerfallenen Kapelle von San Damiano hatte: "Franziskus, geh und baue mein Haus wieder auf, das, wie du siehst, ganz und gar in Verfall gerät" (Mt 10:5).
Auf diese göttliche Weisung hin baute er sowohl San Damiano als auch die kleine Kapelle Portiuncula außerhalb von Assisi wieder auf. Diese Tat symbolisierte nicht nur den Wiederaufbau einer kleinen Kapelle, sondern den der gesamten Kirche des Mittelalters.

Die franziskanische Bewegung, die in ihrer Radikalität einmalig in der Geschichte des Christentums war, sah einzig in der Besitzlosigkeit die Erlösung des Menschen. Früher galt Armut als Gotteswille oder Schicksal. Zu Franziskus' Zeit wuchs zum ersten Mal das Bewusstsein für Armut als das Resultat von Bereicherung der oberen Stände. Denn durch den wirtschaftlichen Aufstieg und die Kapitalanhäufung des neuen Bürgertums in den Städten litt die Landbevölkerung Not. Diese versammelten sich in der Hoffnung auf Almosen vor den Toren der Städte. Franziskus war der Überzeugung, dass sein Platz unter diesen Gedemütigten und Leidenden wäre, da auch Christus den letzten und niedrigsten Platz unter den Menschen eingenommen hatte.
1206, auf einer Wallfahrt nach Rom, hatte er mit einem Bettler die Kleidung getauscht, um das Leben in vollkommener Armut "auszuprobieren". Nach dieser Erfahrung lebte er außerhalb der Stadtmauern von Assisi, pflegte dort die Aussätzigen und ging um Essen bettelnd von Haus zu Haus. Für wohltätige Zwecke und für seine baulichen Renovierungsarbeiten nahm Franziskus Waren und Geld aus dem Geschäft seiner Eltern. Dies führte zum Streit mit seinem Vater, der einen Prozess gegen ihn führte. In der Gerichtsverhandlung, die öffentlich auf dem Domplatz stattfand, legte Franziskus vor den Augen der Zuschauer seine ganze Kleidung ab.
Mit dieser Geste verzichtete er auf sein Erbe und sagte sich von seinem Vater los. Franziskus' Leben war fortan von den göttlichen Werten Liebe, Demut und Gehorsam geprägt. Er zog sich jedoch nicht im klassischen Sinne des Mönchtums von der Welt zurück, sondern wollte seine Erkenntnisse mit anderen Menschen teilen:

"Der Herr sagte mir, dass ich ein Tor sein solle in dieser Welt.
Er wolle uns keinen anderen Weg als den Weg seiner Weisheit führen."


Die Stütze der Kirche und: die klassenlose Gesell(en)-/Bruderschaft


1209 ging Franziskus mit seinen ersten zwölf Gefährten nach Rom, um die Bestätigung seiner Ordensgemeinschaft zu erbitten. Die Legende erzählt, dass Papst Innozenz III. zuvor im Traum gesehen hatte, dass der heilige Franziskus zur Stütze der Kirche werden würde. Der Papst gab vielleicht deshalb Franziskus' Anliegen statt, nicht zuletzt aber weil er sah, dass er den Armutsbewegungen seiner Zeit, die oft in offene Häresie ausarteten, etwas aus den eigenen Reihen entgegensetzen musste. Nachdem der Papst den Orden mündlich bestätigt hatte, zogen Franziskus und seine Gefährten predigend durch Städte und Dörfer, um die Menschen zu Buße und Umkehr aufzurufen. Sie nannten sich fortan Minoriten.
Innerhalb dieser Bruderschaft gab es keine Klassenunterschiede. Adlig zu sein spielte erstmalig keine Rolle mehr. Franziskus sah vielmehr die Gegensätze in der Gesellschaft, den Reichtum und die Verschwendung auf der einen und die Not auf der anderen Seite. Er beschloss, gegen diese Ungerechtigkeiten anzugehen und für die Armen und Kranken zu sorgen. So wurde er zum Vorbild für die individuelle Nächstenliebe der Christenmenschen seiner Zeit und setzte den Grundstein für das humanistische und soziale Engagement der Kirche in späteren Jahrhunderten.

Ungefähr zur gleichen Zeit entstand ein den Franziskanern nahestehender Frauenorden, der durch die heilige Klara gegründet wurde.
Klara (ital. Chiara) wurde 1193/94 als älteste Tochter einer der reichsten adligen Familien Assisis geboren. Eines Tages hörte sie Franziskus während eines Gottesdienstes im Dom predigen und war fasziniert.
In Begleitung einer Freundin traf sich Klara einige Male mit ihm und einem weiteren Bruder zu heimlichen Gesprächen und beschloss daraufhin, ebenfalls die Ordensgelübde abzulegen. Sie weihte den Bischof der Stadt in ihr Vorhaben ein, und als Zeichen seiner Zustimmung überreichte er ihr am Palmsonntag, dem 18. März 1212, im Dom eine Palme. In der folgenden Nacht verließ die 18-jährige Klara heimlich das Elternhaus. In der Portiunculakapelle unweit der Stadt wurde sie von Franziskus und seinen Brüdern erwartet. Zum Zeichen der Aufnahme in die Gemeinschaft schnitt er ihr Haar ab und kleidete sie in ein Bußgewand. Klara ließ sich in San Damiano nieder und gründete dort ein Frauenkloster.
Später schlossen sich auch ihre Schwestern und ihre Mutter der neu entstandenen Gemeinschaft an.
In Anlehnung an den Ort nannten sie sich "Arme Frauen von San Damiano" oder einfach Damianitinnen. Die Bezeichnung "Klarissen" bürgerte sich erst nach dem Tod Klaras ein.
Die Ordensregel, die Klara für ihre Gemeinschaft 1247 schrieb, war die erste von einer Frau verfasste.
Von Klara werden zahlreiche Wunder, vor allem Heilungen, berichtet. Sie selbst empfing während einer langen Krankheit die Wundmale Christi. ("1224/25 – Beginn von Klaras schwerer Krankheit, die sich bis zu ihrem Tode hinzieht. Zur selben Zeit empfängt Franziskus die Wundmale Christi.")
Zwei Jahre nach ihrem Tod wurde sie durch Papst Alexander IV. am 15. August 1255 heiliggesprochen.

Franziskus' Predigten wurden immer wieder mit Musik verglichen. Um Gott zu preisen, nutzte er Töne der Natur und der Tiere, die seiner Überzeugung nach dem göttlichen Überschwang näher kamen als die nüchterne Begriffssprache der Theologen. Als Geschöpfe einunddesselben Gottes nahm Franziskus Sonne, Mond und Sterne, Pflanzen und Tiere mit in diesen Klang- und Lebensraum der Geschwisterlichkeit auf:

"Wir dürfen niemals wünschen, über andere stehen zu kommen, sondern müssen aus Liebe zu Gott wie Diener, jeder menschlichen Kreatur unterworfen sein."

Noch heute kennt man den Sonnengesang des Franziskus, eine Lobpreisung auf die Schöpfung, die Franziskus kurz vor seinem Tod in Damiano gedichtet hatte und die seine Brüder in der Stunde seines Todes für ihn sangen.
Gelehrsamkeit, Geist und Macht waren nicht die Attribute des Franziskus. Dieser erkannte vielmehr, dass auch in der Einfachheit Weisheit liegen kann und nicht ausschließlich dem Geist der Wissenschaft entspringen muss:

"Jene, die keine hohen wissenschaftlichen Erkenntnisse haben, sollen auch nicht danach trachten sie zu erlangen, sondern ihr ganzes Streben soll sein, den Geist des Herrn zu besitzen."

In der Zeit des zweiten Kreuzzuges, als die christlichen Orden zusammen mit den Fürsten und Mächtigen ihrer Zeit durch Gewalt zu missionieren suchten und neue Territorien für sich entdeckten, setzte sich Franziskus persönlich für den Frieden ein:

"Oh Herr, mach mich zum Werkzeug dieses Friedens!
Wo Hass ist, lass mich Liebe säen, wo Unrecht, Verzeihung, wo Zweifel, Glaube, wo Verzweiflung, Hoffnung, wo Finsternis, Licht und wo Trauer, Freude."

1219 reiste er nach Palästina und schloss sich dort dem Kreuzfahrerheer an, das auf dem Weg nach Ägypten war. Er besuchte den damaligen Sultan Al Kamil und versuchte, ihn friedlich vom Christentum zu überzeugen, was jedoch nicht gelang. Nach seiner Rückkehr aus dem Orient stellte Franziskus innerhalb des Ordens große Veränderungen fest. Viele weigerten sich inzwischen, die strenge Forderung der Armut und Besitzlosigkeit zu erfüllen. Außerdem forderten sie, dass es feste Ordensregeln geben und sich ihr Leben nicht wie zuvor allein nach dem Evangelium richten sollte. [...]

An der Spitze des Ordens stand nun Elias von Cortona, ein ehemals enger Vertrauter Franziskus' und späterer Anführer der Gegenbewegung. Von Cortona war von den mächtigen Zisterzienser- und Benediktinerabteien seiner Zeit beeindruckt und wünschte sich für die Franziskaner einen ähnlich imposanten Auftritt.
Ab 1228 betätigte er sich deshalb als Bauherr der gigantischen Basilika in Assisi, einem Bau, dem Franziskus niemals zugestimmt hätte und in den seine sterblichen Überreste nach der Fertigstellung überführt wurden.
Das angeschlossene Sacro Convento galt fortan als das Mutterkloster und als geistliches Zentrum des Ordens.
Der gesamte Kirchenkomplex von Assisi ist eine sogenannte Doppelkirche mit Oberkirche und Unterkirche, in die das Kloster integriert ist. Im 15. Jh. unter Papst Sixtus IV. wurde das Kloster stark vergrößert und häufig als Sommerresidenz der damaligen Päpste genutzt. Einem theologischen Institut, in dem Studierende aller Ordenszweige der Franziskaner ausgebildet werden, genehmigte der Vatikan 1971 den Einzug.

Nach dem Tode Franziskus' spaltete sich der Orden in die Spiritualen, die versuchten, weiterhin nach den urfranziskanischen Prinzipien zu leben, und die Konventualen, die weniger radikal waren und sich der Wissenschaft verbunden fühlten. Zwischen beiden kam es immer wieder zu schweren Auseinandersetzungen, in denen sich die Konventualen schließlich durchsetzten. Widerstrebende Spirituale verurteilte man zu ewigem Kerker, sie wurden exkommuniziert und etliche fanden den Tod auf dem Scheiterhaufen.
Im Jahre 1430 kam es zu einer erneuten Abspaltung der "schwarzen" Franziskaner. Sie schworen nun im Gegensatz zu den "braunen" Franziskanern der völligen Besitzlosigkeit ab. Hinzu kam, dass aus der Armutsbewegung des Mittelalters noch viele weitere kleine religiöse Lebensgemeinschaften hervorgingen, wie die Beginen, die jedoch aufgrund ihrer Nähe zu Ketzern später verboten wurden.
Die meisten dieser Gemeinschaften schlossen sich, um dem Verbot zu entgehen, der franziskanischen Regel an, weil diese ihrem Selbstverständnis am ehesten entsprach. [...]

Auch Bruder Benno Maria Kehl "ist" – "Ich werde weiterhin mit meiner ganzen Kraft im Weinberg des Herrn arbeiten" – eine Art Franziskus der Moderne und in der Schweiz schon beinahe ein kleiner Medienstar. Er arbeitet in Zürich als Streetworker in der Drogenszene, besucht regelmäßig Gefangene in verschiedenen Vollzugsanstalten. In seinem Kloster auf der Insel Werd bei Stein am Rhein unterrichtet er "esoterische Praktiken" wie das Laufen über glühende Kohlen, den Gebrauch der Schwitzhütte (Indianersauna), das Delfingebet (Aquabalancing) und dynamisches Beten (Vaterunser mit gymnastischen Übungen).
Er raucht gerne mal ein "franziskanisches Friedenspfeifchen", schreibt erfolgreiche Bücher und hat ein eigenes, kleines TV-Studio, mit dem er für das Lokalfernsehen Beiträge produziert.

Weltweit zählen die Franziskaner heute etwa 150.000 Mitglieder und bilden damit den zweitgrößten Orden nach den Benediktinern.