October 18, 2010

Corporate Citizenship



Reinhard Marx 2008: Das Kapital

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Das Spieglein-Spieglein-lopo des Münchner Tempelherrn
und Jesuitenzögling, Jesuitenjournalist Martin Lohmann


S. 214 f.) Familie predigen und Militärbruderschaft (Mafia) präferieren

Der enge Zusammenhang von biographischer Herkunft und Bildungschancen macht deutlich, dass Bildungspolitik und Familienpolitik nicht voneinander zu trennen sind. Bildung beginnt in der Familie und wird hier durch Erziehung grundgelegt. Deshalb muss an erster Stelle die Stärkung der Familien stehen. Die ZVK-Pastoralkonstitution Gaudium et Spes hat deutlich auf d. Kultur/Bildung/Familie-Zusammenhang hingewiesen:

"Insbesondere in der Familie, sozusagen der Mutter und Hüterin dieser Erziehung, lernen die Kinder, von Liebe umhegt, leichter die wahre Ordnung der Wirklichkeit.
Die erprobten Formen der menschlichen Kultur prägen sich gleichsam von selbst dem Geist der heranwachsenden Jugend ein."

[...] Auch Karl Marx war übrigens der Auffassung, die Familie sei der wichtigste Ort der Wertevermittlung. Insofern war für ihn die Familie aber auch eine konservative Institution, einer der tragenden Stützpfeiler der bürgerlich-kapitalistischen Gesellschaftsordnung, die er bekämpft hat. "Aufhebung der Familie" war deshalb eine der zentralen Forderungen der Marxisten und einer der Punkte, in dem die Kirche von Anfang an auf klaren Konfrontationskurs mit Kommunisten und Sozialisten gegangen ist.
Freilich hatte Marx Recht, wenn er sagte, dass es den Arbeitern unter den sozialen Bedingungen der Frühindustrialisierung ohnehin unmöglich war, ein auch nur annähernd normales Familienleben zu führen. Aber dann wird wiederum deutlich, dass mein Namensvetter eine ganz andere Lösung für die Soziale Frage anstrebte als die Kirche. Die Kirche wollte durch Sozialreformen nicht nur die Rechte der Arbeiter stärken, sondern auch die Familie stützen. Karl Marx hingegen wollte nach einer Revolution in der kommunistischen Gesellschaft nicht nur eine neue gesellschaftliche Produktionsweise etablieren, sondern auch einen neuen Menschen und völlig neue Formen des menschlichen Zusammenlebens schaffen. Es selbst blieb in diesem Punkt noch vage, einige neomarxistische "Achtundsechziger" hatten bekanntlich ihre eigene Interpretation dieser Marxschen Lehre.


Volles Menschsein und hl. Vater(-/Pater)tum


Es ist jedenfalls bemerkenswert, dass nicht nur der Marxismus, sondern auch alle totalitären Ideologien des 20. Jh.s – Kommunismus, Faschismus, Nationalsozialismus – sich gegen die Familie gewendet haben und andere Gemeinschaften, das Proletariat oder die Volksgemeinschaft, zur allein maßgeblichen Größe erklärten. Die Kirche wandte sich – wie die Geschichte gezeigt hat, völlig zurecht – von Anfang an entschieden gegen solche Verirrungen.
Für die Katho. Soziallehre ist die Familie eine naturrechtliche Institution. Sie gehört zum vollen Menschsein.



S. 217) Ohne Familie keine Freiheit

Ein Staat ist auf Zukunft hin nur lebensfähig, wenn es in ihm genügend vitale Familien gibt.
Diese Ressource an Leben kann der Staat nicht herstellen, er baut vielmehr auf ihr auf. [...]
In der Familie reifen Kinder auch zu den gefestigten Charakteren heran, auf die gerade der freiheitliche Staat und die liberale Gesellschaft angewiesen sind. Der Staatsrechtler Paul Kirchhof (SJ) hat diesen Zusammenhang in einem 2002 vor der Joseph-Höffner-Gesellschaft gehaltenen Vortrag prägnant zusammengefasst:

"Ohne Familie gibt es keine wirksame Erziehung, ohne Erziehung keine Persönlichkeit, ohne Persönlichkeit keine Freiheit."


S. 219 ff.) Rentenversicherungsinterner Familienleistungsausgleich

Die Leute, die in die Sozialversicherungssysteme einzahlen und Kinder haben, leisten einen doppelten Beitrag. Im Vergleich zu den Rentenansprüchen der Kinderlosen wird ihr zusätzlicher Beitrag – nämlich die Pflege und Erziehung der Kinder, die künftig Beitragszahler sein werden – aber nicht ausreichend berücksichtigt. Diese Leistung wird sozialisiert, während die unterschiedlichen finanziellen Beiträge dem einzelnen Beitragszahler zugeordnet, also privatisiert werden.
Das Bundesverfassungsgericht hat – federführend war dabei der damalige Verfassungsrichter Paul Kirchhof – den Gesetzgeber bereits mehrfach dazu ermahnt, diesen Missstand in unserem Sozialversicherungssystem zu beseitigen.
[...] Weil uns als Kirche die Frage der Familiengerechtigkeit ein ganz besonderes Anliegen ist, haben wir von der Kommission für gesellschaftliche und soziale Fragen der dt. Bischofskonferenz (dbk.de) ein Gutachten zu einer familiengerechten Reform der gesetzlichen Rentenversicherung in Auftrag gegeben, das von dem Ökonom Jörg Althammer (Görres-Gesellschaft) ausgearbeitet und 2006 vorgestellt wurde. Althammer kommt zu dem Fazit:

"Ein familiengerechtes System der sozialen Alterssicherung würde die Erziehungsleistung deutlich stärker berücksichtigen, als das bislang der Fall ist. Um ungerechtfertigte Ungleichbehandlungen zu vermeiden, sollte jede Geburt – unabhängig vom Zeitpunkt der Geburt, von der Höhe des Einkommens der Eltern und von der Erwerbsbiogaphie der Erziehungsperson – einen einheitlichen und unbedingten Rentenanspruch auslösen. Gemessen an dieser Anforderung erweist sich der rentenversicherungsinterne Familienleistungsausgleich als hochgradig defizitär und reformbedürftig."

S. 228) Karawanenkapitalismus



S. 232) Mit Jesusworten aus dem Lukasevangelium

In einer freiheitlichen Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung erfüllt der Unternehmer nicht nur eine unverzichtbare ökonomische Funktion. Viel mehr als das ist er zugleich Träger moralischer Verantwortung für den Erhalt und die Fortentwicklung dieser Ordnung. Über diese auch auf den Nutzen für die Unternehmen selbst abzielende Begründung der sozialen Verantwortung von Unternehmern und Managern hinaus gibt es aber auch einen anderen Aspekt, den ich mit einem Jesuswort erläutern möchte:

"Wem viel gegeben wurde, von dem wird viel zurückgefordert werden, und wem man viel anvertraut hat, von dem wird man umso mehr verlangen." (Lk 12:48)

"Nur bei Lukas steht das Trostwort für die 'kleine Herde'. Die Gemeinde der Jünger Jesu ist in der Welt eine machtlose Minderheit, damals und heute. Dennoch, die Kirche ist auf Weite und Universalität angelegt. Den Glaubenden gehört die Zukunft, das 'Reich'. Es kommt darauf an, dass sie ihre Situation in der Zeit dieser Welt begreifen. Es ist die Zeit des Wachens und Durchhaltens auf den Tag hin, an dem der Herr kommt."
V.37 Selig die Knechte, die der Herr wach findet, wenn er kommt!
V.40 Haltet auch ihr euch bereit! Denn der Menschensohn kommt zu einer Stunde, in der ihr es nicht erwartet.
V.47 Der Knecht, der den Willen seines Herrn kennt, sich aber nicht darum kümmert und nicht danach handelt, der wird viele Schläge bekommen. V.48 Wer aber, ohne den Willen des Herrn zu kennen, etwas tut, was Schläge verdient, der wird wenig Schläge bekommen. Wem viel gegeben wurde, von dem wird viel zurückgefordert werden, und wem man viel anvertraut hat, von dem wird man umso mehr verlangen.

Entzweiung um Jesu willen: V.49 Ich bin gekommen, ein Feuer zu entzünden auf Erden. Noch lieber wäre mir, es würde schon brennen! V.50 Aber ich muss mich zuvor taufen lassen [...] V.51 Meint ihr, dass ich gekommen bin, um Frieden zu bringen auf Erden? Nein, sage ich, ich bringe Zwietracht.
V.52 Denn von nun an werden fünf in einem Haus uneins sein, drei wider zwei und zwei wider drei.
V.53 Es wird sein der Vater wider den Sohn und der Sohn wider den Vater. Die Mutter wider die Tochter und die Tochter wider die Mutter.

[...] Das sind keine romantischen Utopien. Es gibt in Dtl., aber auch den anderen alten Industrienationen eine reiche Geschichte bürgerschaftlichen Engagements von Unternehmern und Unternehmen. Der Einsatz für die Gemeinschaft, in der man lebt und wirtschaftet, war für Generationen führender Persönlichkeiten des Wirtschaftslebens eine Selbstverständlichkeit. War ein Teil ihrer Lebensphilosophie.



S. 234 f.) Pionier-/Unternehmergeist versus Büro-/Technokratentum

Die allermeisten Mittelständler, die ich kenne, haben es in keiner Weise verdient, mit Leuten wie den BenQ- oder Nokia-Managern in einen Topf geworfen zu werden. Im Gegenteil! Ich möchte bei dieser Gelegenheit einmal sehr deutlich sagen: Diesen vielen Handwerkern, kleinen und mittleren Unternehmern, die mit hohem persönlichen Einsatz in einem globalisierten Wettbewerb einen täglichen Kampf um den Erfolg ihres Unternehmens führen, gebührt unser aller Dank. Sie sind es, die in unserer Gesellschaft tatsächlich "Werte schaffen", die wichtige Güter und Dienstleistungen zur Verfügung stellen, die Lehrlinge ausbilden und so jungen Menschen eine Zukunftsperspektive bieten, die mit ihrem Ideenreichtum und Wagemut die Garanten eines erfolgreichen Wirtschaftsstandorts sind und Arbeitsplätze schaffen.
Diese Leistung der Unternehmer hat mein Namensvetter übrigens nie wahrgenommen.
Karl Marx hat in seiner Theorie des Kapitals volkswirtschaftliche Prozesse beschrieben und versucht hier allgemeine Gesetzmäßigkeiten zu erkennen. Aber er hatte keinerlei Sensus dafür wahrzunehmen, dass die Wirtschaft, dass v.a. wirtscha. Fortschritt ganz wesentlich von dem Pioniergeist einzelner Unternehmer lebt, die immer wieder neue Wege gehen und damit auch ihren Mitmenschen immer wieder neue Möglichkeiten eröffnen. Ein wesentlicher Grund dafür, dass die kommu. Zentralverwaltungswirtschaft gescheitert ist, liegt darin, dass in diesem System der Unternehmergeist erstickt worden ist und die Wirtschaft Technokraten und Bürokraten überlassen wurde.
Nein, wir brauchen Unternehmer, wir brauchen unternehmerischen Geist. Völlig zurecht hat der große Ordoliberale Wilhelm Röpke einmal geschrieben (1972, Die Lehre von der Wirtschaft, S. 258):

"Die Menge sieht nur den erfolgreichen Unternehmer, weiß aber nicht nur wenig davon, was alles zu einem solchen Erfolge gehört, sondern auch davon, wie sich – immer die Konkurrenz vorausgesetzt – mit einer lautlosen Erbarmungslosigkeit fortgesetzt unter den Unternehmern ein Ausscheidungsprozess vollzieht, dem diejenigen zum Opfer fallen, die auf der Waage des Marktes gewogen und zu leicht befunden wurden. So erscheint der Unternehmer in einer auf echtem Wettbewerb beruhenden Marktwirtschaft im Grunde als ein treuhänderischer Verwalter der ihm anvertrauten Produktionsmittel. Als ein – im Vergleich zu seinen Leistungen und im Vergleich zu den Kosten einer bürokratischen Staatswirtschaft im Durchschnitt sehr billiger – Funktionär der Gesellschaft, der seine Haut wirklich zu Markte trägt, während der Politiker nur die Verantwortung vor 'Gott und der Geschichte' zu übernehmen pflegt. Ein solcher Unternehmer, der die bequemen Krücken der staatlichen Subventionen wie diejenigen des Monopols verschmäht, sollte vor jedem Angriff eines vulgären Antikapitalismus gesichert sein."

Aber auch an dieser Stelle muss ich wieder einmal sagen: Ich möchte die Berufsgruppe der bezahlten Manager keineswegs den Eigentümerunternehmern nach einem Schwarz-Weiß-Schema gegenüberstellen.



S. 237 ff.) Dunkle Stunde – tiefste Nacht – finsterstes Mittelalter

Ich bin ein Anhänger offener Märkte, auch offener Finanzmärkte, aber sie bedürfen eines Ordnungsrahmens, in dem die unterschiedlichen berechtigten Interessen berücksichtigt werden.
Was derzeit z.T. passiert, kann auf Dauer nicht gutgehen. In der Ideologie eines verabsolutierten Shareholder Value, die eben andere Interessen und Gemeinwohlbelange ausblendet, verselbständigt sich das Kapital in einer Weise, die von den arbeitenden Menschen als Bedrohung wahrgenommen wird.
Dass Karl Marx das schon in seiner aggressiven Klassenkampfrhetorik formuliert hat, sollte uns angesichts der Folgen, die das hatte, zu denken geben:

"So wächst die Macht des Kapitals, die im Kapitalisten personifizierte Verselbständigung der gesellschaftlichen Produktionsbedingungen gegenüber den wirklichen Produzenten.
Das Kapital zeigt sich immer mehr als gesellschaftliche Macht, deren Funktionär der Kapitalist ist und die in gar keinem möglichen Verhältnisse mehr zu dem steht, was die Arbeit eines einzelnen Individuums schaffen kann – aber als entfremdete, verselbständigte gesellschaftliche Macht, die als Sache und als Macht des Kapitalisten durch diese Sache, der Gesellschaft gegenübertritt." (MEW Bd. 25, S. 274)

Für Marx war damit die Stunde der kommu. Revolution gekommen, die Stunde der Vergesellschaftung des Kapitals und der Produktionsmittel. Die Geschichte hat uns jedoch auf schreckliche Weise gezeigt, wie dunkel diese Stunde war. Mit der russischen Oktoberrevolution von 1917 senkte sich für Jahrzehnte tiefste Nacht über viele Millionen Menschen. Das darf sich niemals wiederholen.
Aber gerade deswegen müssen wir uns der gegenwärtigen Tendenz zur Verabsolutierung des Kapitals und der Kapitalinteressen entgegenstellen. Die Arbeit und die arbeitenden Menschen haben Vorrang vor dem Kapital. Das heißt nicht, dass Kapitalinteressen nicht berücksichtigt werden sollen. Auch das Kapital gehört ja Menschen, und die Interessen dieser Menschen sollen und müssen natürlich in gehöriger Weise berücksichtigt werden. [...] Es gilt das Prinzip des Vorranges der Arbeit vor dem Kapital. Diese zentrale Aussage der Katho. Soziallehre ist häufig missverstanden worden. Was sie bedeutet, hat Papst Johannes Paul II. in seiner berühmten Enzyklika Laborem exercens von 1981 ausführlich erläutert.
Der Arbeit kommt der Vorrang zu, weil sie immer menschliche Arbeit ist. Geld, Kapital besitzt der Mensch als einen ihm äußerlichen Gegenstand. Die Arbeit hingegen ist nicht von dem Menschen zu trennen, der sie verrichtet, sie ist zutiefst mit ihm verbunden. Deshalb hat die menschliche Arbeit Anteil an der Würde des Menschen. [...] Der Papst bestreitet damit keineswegs die Rechte der Kapitaleigentümer, er betont lediglich, dass die Kapitalinteressen dort zurückzutreten haben, wo sie in Konflikt mit der Würde der Arbeit geraten.
Kein Profit rechtfertigt entwürdigende Arbeitsbedingungen. Das hat nichts, aber auch gar nichts mit Klassenkampfrhetorik zu tun.


S. 239 f.) Stakeholder Citizenship

Was wir nach meiner festen Überzeugung brauchen, ist eine Erweiterung des Shareholder-Ansatzes zum Stakeholder-Ansatz. Als Stakeholder werden alle sozialen Anspruchsgruppen bezeichnet, die jeweils eigene spezifische Informationsbedürfnisse und Anliegen gegenüber dem Unternehmen haben. D.h., die Manager in den großen Unternehmen haben nicht nur die Rendite der Aktionäre im Blick zu behalten, sondern auch die berechtigten Interessen der Beschäftigten, der Kunden, der ganzen Gesellschaft und auch der Umwelt. Das Kriterium für die Anerkennung von Stakeholdern ist also die ethisch begründbare Legitimität ihrer Ansprüche.
[Am I even some sort of stakeholder perhaps regarding the global catholic church corporation?]
Dass Wirtschaftsorganisationen gegenüber den verschiedensten gesellschaftlichen Gruppierungen in Verantwortung stehen, die weit über den eigenen Organisationsrahmen hinausgeht, spiegelt sich mittlerweile in der Kodifizierung von Unternehmensleitlinien und -grundsätzen wider, die nahezu von allen großen Konzernen verfasst worden sind. Die Unternehmen präsentieren sich hier im Sinne des Corporate Citizenship als sozial-ökonomische Größen, die sich der Gesellschaft als mitgestaltende Akteure verpflichtet wissen. Ihre sozialen, aber auch ökologische und kulturelle Verpflichtung bringen sie in den Beziehungen zu ihren Stakeholdern zum Ausdruck.
Allerdings haben zahlreiche Ereignisse der letzten Zeit wieder einmal deutlich gemacht, dass Papier geduldig ist [...]

Te Deum – Die Zisterzienser


Te Deum – Himmel auf Erden: Die Grundpfeiler unserer Kultur

"Das Leben des Mönches ist ein Kriegsdienst, den er Christi leistet."

pt 2) Ordo Cisterciensis – OCist & OCSO – "Zurück zur Demut"
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Die Bewegung der Zisterzienser entstand im 11. Jh. aus der bewussten Abkehr vom weltlichen Reichtum der Benediktiner und der Rückbesinnung auf die ursprüngliche Mönchsregel des Benedikt von Nursia, die eine schlichte Lebensweise zwischen Arbeit und Gebet vorschreibt.
Im ersten Kreuzzug im Jahre 1099 war Jerusalem zurückerobert worden. Die Kriegsgewinne kamen dem Adel zugute, der zu seiner Legitimation große Summen in die Klöster steckte, welche immer prächtiger wurden.
Im Gegenzug schrieben Mönche Briefe und Urkunden, fungierten als Berater in politischen Fragen und beschäftigten sich zunehmend mit weltlichen Dingen.
Zu jener Zeit verließ der Benediktiner Robert von Molesme, Abt im französischen Burgund, seine Abtei, um mit ein paar Gefährten in der abgelegenen Gegend von Cîteaux ein eigenes Kloster zu gründen.
Sie legten Moorgebiete trocken, rodeten Wälder und machten verwilderte Landstriche urbar. Das Kloster, das sie errichteten, war Zeichen eines radikalen Neubeginns. Dort wollten sie wieder maßvoll und in Demut vor der Schöpfung ein authentisches Christentum leben.

Noch heute umfließt das Wasser einer zehn Kilometer nördlich gelegenen Quelle, das die frühen Zisterzienser im 13. Jh. kanalisierten, die Klostermauern von Cîteaux. Der Legende zufolge wurde das Kloster nach der Zistel, einer Schilfrohrpflanze, benannt. Deren nachgebildete Blätter aus Stein schmücken noch heute die Kapitelle der Säulen in manchen Zisterzienserklöstern. Ein weiteres Überbleibsel der ersten Mönche von Cîteaux ist das weiße Mönchshabit. Das pompöse, pelzverbrämte Habit der Cluniazenser betrachteten sie als Zeichen des Überflusses, und da sie weder Wolle noch Tuch färbten, ergab sich daraus das charakteristische schafsweiße Zisterzienserhabit. Die starke Naturverbundenheit der Zisterzienser war Ausdruck ihrer großen Demut gegenüber der göttlichen Schöpfung. Vor diesem Hintergrund entwickelten sie im Laufe der Zeit auf dem agrartechnischen Sektor einen hohen Erfindungsgeist, und sie wurden zu wahren Meistern der Käserei und des Weinanbaus.
In Clos de Vougeot, ganz in der Nähe des Klosters, stellten die Mönche sogar ihre ersten wissenschaftlichen Versuche an, welche Rebsorten sich auf welchen Böden optimal zum Anbau eigneten, und wie man die Reben im Weingarten am besten schnitt, düngte und verarbeitete.

Doch zu Beginn lebte die kleine Gemeinschaft unter großen Entbehrungen in bitterer Armut. Viele Mönche starben, und es fehlte an Nachwuchs. Der damalige Abt Steven Harding war kurz davor aufzugeben, als eines Nachts dreißig Männer vor der Tür standen und um Einlass baten. An ihrer Spitze Bernhard de Fontaine, ein hoher Adliger aus Burgund, der schon früh beschloss, den Weg des Mönchs einzuschlagen und in Citeaux den rechten Ort für seine Gesinnung sah. Mit der tatkräftigen Hilfe von Bernhard und seinen Gefährten ging es mit der Abtei bergauf.
Bernhard hielt jegliches weltliche Treiben für trügerisch. Er war überzeugt, die Demut vor der Schöpfung könnte man nur durch reine Askese zurückgewinnen.
Dazu gehörte auch die Verweigerung des weiblichen Geschlechts.
[...]
Selbst als angesehenes Oberhaupt der Zisterzienser nächtigte er nur auf Holzpritschen oder gar auf blankem Boden. Auch die Wissenschaft, zu deren Studium ihn seine Familie zunächst zwang, nachdem sie von seinen Klosterplänen erfahren hatte, überzeugte ihn nicht:

"Trau meiner Erfahrung und du wirst in den Wäldern mehr finden als in den Büchern.
Stein und Holz werden dich lehren, was du von den Lehrern nicht zu hören bekommst."

Bereits drei Jahre nachdem Bernhard an die Türe von Cîteaux geklopft hatte, wurde er 1115 ausgeschickt, ein Tochterkloster zu gründen. Er drang mit einer Schar Mönche in einen dichten Wald vor, den sie mühevoll rodeten und schließlich in ein "Lichttal" verwandelten.
Unter eben diesem Namen Claire valle bzw. Clairvaux sollte Bernhard später in die Geschichte eingehen.
Sein Kloster wurde zu einem religiösen Zentrum, das als Mittler zwischen Königen und Fürsten wirkte, die Wahl von Bischöfen und Päpsten beeinflusste und über Glaubenslehren mitbestimmte.

Bernhards Geschichte war zunächst ein einziger Siegeszug. Wo er auftauchte, standen die Menschen Spalier.
Die Glocken läuteten. Das Volk jubelte. Hohe kirchliche Ämter verweigerte Bernhard jedoch.
Er widmete sich stattdessen seinen Vorstellungen der geistigen und religiösen Erneuerung, für die er geistliche Schriften verfasste, die ihm den Beinamen "Doctor mellifluus", honigfließender Lehrer einbrachte.
Bernhard hielt aber Wissen nicht für das allein Seligmachende, da es leicht zum toten Ballast werden kann und dann keine heilbringende Funktion mehr ausübt. Er wusste: "Glühen ist mehr als wissen." Glühen bedeutet dabei, von etwas ergriffen zu werden, berührt zu werden. Dies schaffte Bernhard durch die Askese.
Zudem wollte er eine Kirche des Dienens, nicht die des Herrschens. ("Es gibt kein Eisen und kein Gift, dass ich so sehr fürchte als die Leidenschaft zu herrschen.") Er wollte eine arme, keine reiche Kirche. ("Es ist ein Kreuz aus Holz gewesen, das die Welt erlöste, nicht eines aus Silber.") Nicht Ehrgeiz, sondern Demut. ("Wer durch die Türe eintritt und seinen Kopf erhebt, der stößt an, wer sich beugt, nimmt keinen Schaden.") Nicht Prunk, sondern Reinigung des Tempels. Schließlich: "Petrus ist auch nicht mit Edelstein geziert in Seide und Gold auf weißem Zelte von lärmendem Dienertross umgeben gewesen. Wer dies tut, folgt nicht dem Fischer von Galiläa nach."

Bernhards Predigten waren in jener Zeit, in der kaum jemand schreiben oder lesen konnte, für viele Menschen die einzige Möglichkeit große Ideen zu hören.
Dank seiner Überzeugungskraft und seines Charismas wurde die Begegnung mit ihm und seinen Worten zum Schlüsselerlebnis für den Lebensweg Tausender Gläubiger.

Bernhard war ein begnadeter Kreuzzugsprediger. Gemäß der Benediktregel – "Das Leben des Mönches ist ein Kriegsdienst, den er Christi leistet" – appellierte er gezielt an Adlige, sich seinem Kreuzzug gegen die Sarazenen anzuschließen, welche die Heilige Stadt Jerusalem in ihre Macht gebracht hatten. Dabei verfolgte er das Ziel, die europäischen Königs- und Fürstenhäuser, die sich gegenseitig in dynastischen Kriegen zerfleischten, zum friedlichen Miteinander gegen einen gemeinsamen Feind zu bewegen und den Ritterstand in den Dienst Gottes zu stellen. Bernhard gelang es, eine Massenbewegung auszulösen, die Adel und gemeines Volk ergriff und in den zweiten Kreuzzug (1147-1149) mündete. [...]

Das Kloster von Clairvaux wurde in seiner klaren Schlichtheit zu einem architektonischen Vorbild für viele weitere Klosterbauten. Von Clairvaux ausgehend, entstanden bis 1153, Bernards Todesjahr, an die 300 neue Zisterzienserklöster.
Es lag an seiner gewinnenden Persönlichkeit, seiner Beredsamkeit und der Kraft seiner asketischen Lebensweise, dass Bernhard gegen viele Widerstände sein Reformwerk in diesem Ausmaß verwirklichen konnte.
Die Askese, die den Geist des Ordens prägte, zeigte sich auch in dessen Architektur, einem rationalistischen Monumentalstil, der durchgängig auf Pomp und Prunk verzichtete. Doch trotz aller Schlichtheit verstanden die Zisterzienser etwas von der Rührung der Seele, die vor allem in Anbetracht der gewaltigen Formen ihrer Kirchen spürbar wird. Der Baustil zielt darauf ab, den Kirchenbesucher innerlich aufzuwühlen und ihn in einen Zustand der Erregung zu versetzen, den es durch Anstrengung, Askese und Seelenkraft stets aufs Neue zu erkämpfen gilt. Denn er symbolisiert das Ringen mit dem Teufel, um dann den Frieden Gottes zu finden. Charakteristisch für Zisterzienserkirchen ist der Verzicht auf Glockentürme sowie auf kirchlichen Innenschmuck. Die Glasfenster sind schlicht in Schwarz-Weiß gehalten. Die Zisterzienser führten die romanische Baukunst zum Gipfel ihrer Vollkommenheit und vermochten auch in der neu aufkommenden Gotik ihren Stil weiterzuentwickeln.

Im Jahr 1133 wurde auf Wunsch des Markgrafen von Babenberg in Heiligenkreuz in Niederösterreich ein Kloster nach dem Vorbild von Clairvaux errichtet. In dem romanisch-gotischen Kreuzgang von Heiligenkreuz verweisen Hunderte von Marmorsäulen auf die Bäume des ursprünglichen Walds von Clairvaux.
Heiligenkreuz entwickelte sich zu einem landwirtschaftlichen Modellbetrieb. [...]

Da in allen Predigen Bernhards die Gottesmutter Maria eine wichtige Rolle spielte –

"Solange sie dich an der Hand hält, kannst du nicht fallen. Unter ihrem Schutz hast du nichts zu fürchten. Führt sie dich, ermüdest du nicht. Durch ihre Gunst kommst du sicher ans Ziel"

– ist bis heute die Spiritualität der Zisterzienser stark mit der Marienverehrung verknüpft. Maria wurde zur Patronin jeder Zisterzienserkirche und die meisten Marienfeiertage gehen auf die Zisterzienser zurück.
Das Kloster Marienstatt wurde im Jahr 1198 gegründet und ist ein direktes Nachfolgekloster von Cîteaux. [...] Ursprünglich sollte dem Betrachter durch religiöse Bildmotive das Leiden Christi vor Augen geführt werden und ihn zur emotionalen Teilnahme bewegen. Dazu schienen besonders die Vesperbilder geeignet, bei denen Maria den Leichnam Jesu im Schoße hält und weint.
Erst gegen 1400 veränderte sich der Bedeutungsgehalt der Vesperbilder und wurde zum Gnadenbild Mariens.

In der Blütezeit der Zisterzienser im Hochmittelalter stellten sich hauptsächlich adlige Frauen unter den Schutz der Mutter Gottes. Viele wandten sich dort der christlichen Mystik zu, welche erst durch Bernhard einen ungeahnten Aufschwung im Mönchtum erlebte. Sie gab Bernhard Kraft, die Strenge seines asketischen Lebens zu ertragen. Die Zisterzienserinnen entwickelte daraus eine erstmals weibliche Mystik, die den adligen Frauen eine geistige Flucht vor dem männlich-materiell ausgerichteten Machtdenken bot. Das Zisterzienserkloster Helfta bei Eisleben aus dem Jahr 1248 galt damals wegen seiner gebildeten Ordensfrauen Mechthild von Magdeburg, Mechthild von Hackeborn und Gertrude von Helfta als Krone der deutschen Frauenklöster.
1542 fiel das Kloster Helfta wie viele andere Klöster auch der Reformation und der darauf folgenden Säkularisierung zum Opfer, wurde Preußische Staatsdomäne und später zu DDR-Zeiten "Volkseigenes Gut".
Nach der Wende bat man Schwester Assumpta, die damals bereits 76-jährige Äbtissin des bayerischen Zisterzienserklosters Seligenthal, ob sie nicht mit einigen Mitschwestern in Helfta einziehen könne, um den Geist des Klosters wiederzubeleben. Das ist gelungen. Nach fast 500 Jahren beschäftigt man sich heute wieder in sogenannten Mystikseminaren mit dem überlieferten Gedankengut. Schwester Assumpta steht außerdem einem Hotel, einem Altenstift und einem Kindergarten vor, schreibt Bücher und kümmert sich um die Frauenseelsorge.
Sie ist mit Recht stolz, dass sie hier Fuß gefasst hat: Der Anteil an Katholiken in den neuen Bundesländern beträgt schließlich weniger als drei Prozent.

Heute gibt es weltweit etwa 300 Zisterzienserklöster mit etwa 7000 Mönchen und Nonnen.
In Frankreich, in Citeaux, leben wieder Zisterziensermönche der strengen Observanz, die heute Trappisten heißen, in Abgeschiedenheit und wirtschaftlicher Unabhängigkeit.
In Deutschland haben sich die noch nominell bestehenden protestantisch geführten Zisterzienserklöster zur "Gemeinschaft Evangelischer Zisterzienser Erben" zusammengeschlossen.

October 13, 2010

Durchdachte Weltordnungspolitik



Reinhard Marx 2008: Das Kapital

pt 1 & pt 2 & pt 3 & pt 4 & pt 5 & pt 7 & pt 8 & pt 9


S. 180) Die Förderung der Familie als wichtigste soziale Gemeinschaft des Dialogs, des Unterhalts, des gegenseitigen Beistands und des Zusammenlebens muss als elementare Querschnittsaufgabe aller Politik anerkannt werden. Im Hinblick auf die in unserer Gesellschaft so herausragend wichtige Erwerbsarbeitssphäre bedeutet das: Nicht die Familie muss arbeitsgerecht werden, sondern die Arbeitswelt muss familiengerecht werden. Sonst droht uns eine "im Erwerbsstreben sterbende Gesellschaft", wie es der ehemalige Bundesverfassungsrichter Paul Kirchhof einmal sehr treffend formuliert hat.

S. 181) Allein in den deutschen Sozialversicherungen wurden 2006 rund 450 Milliarden Euro umgesetzt.
Rechnet man alle Sozialleistungen zusammen, dann kommt man auf ein Sozialbudget von rund 700 Milliarden Euro. Das sind knapp 100 Milliarden Euro mehr als das Bruttoinlandsprodukt, das 2006 von Indien mit seinen 1,1 Milliarden Einwohnern erwirtschaftet worden ist. Die Sozialleistungsquote in Deutschland, also das Verhältnis der Sozialausgaben zum bundesdeutschen Bruttoinlandsprodukt, betrug 2006 30,3 Prozent.

S. 182) Im Jahr 2006 haben die Deutschen nach Berechnungen des Bundes der Steuerzahler durchschnittlich 51 Prozent ihres Einkommens als Steuern und Abgaben an den Staat abgeführt, 2007 sogar rund 53 Prozent, wobei hier allerdings auch die Abgaben an die gesetzliche Sozialversicherung eingerechnet sind.
Gemessen am Bruttoinlandsprodukt betrug die Abgabenlast 2006 in Deutschland knapp 40 Prozent.

S. 183) Mein sozialethisches Denken ist von der kirchlichen Soziallehre geprägt, die seit jeher Solidarität und Subsidiarität gleichermaßen als "Baugesetze der Gesellschaft" (O. von Nell-Breuning SJ) versteht.
Das ist für mich nach wie vor ein guter, menschenfreundlicher und vernünftiger Ansatz. Einerseits werden Kreativität, Eigenverantwortung und die Freiheit der Menschen und damit auch der Markt und die Wettbewerbsordnung bejaht. Aber es werden auch solidarische gesellschaftliche Strukturen und ein starker, dem Gemeinwohl verpflichteter Staat gefordert.



S. 185 f.) Politikinstrument Armut: wie man durch die Armen alle regiert

Veränderungen beginnen in den Köpfen. Wir alle müssen dazu beitragen, mentale Blockaden überwinden zu helfen. Wir deutschen Bischöfe sprechen deshalb in unserem Impulstext Das Soziale neu denken aus dem Jahr 2003 auch von einer "Entwicklungspolitik für ein entwickeltes Land", "wohlweislich," wie Bundespräsident Horst Köhler, diesen Text aufgreifend, in seiner Antrittsrede am 1.Juli'04 vor dem Deutschen Bundestag konkretisierend gesagt hat, "Entwicklung, nicht Abriss oder Abbau, Entwicklung als Umbau."
Nach dem Prinzip der Beteiligungsgerechtigkeit muss bei der Fortentwicklung der solidarischen gesellschaftlichen Strukturen und Institutionen die Sorge um die bislang von aktiver Teilnahme Ausgeschlossenen und an den Rand Gedrängten unserer Gesellschaft im Zentrum der Aufmerksamkeit stehen. Gemäß der Option für die Armen muss gefragt werden, wie vor allem ihre Situation nachhaltig gebessert werden kann.
Und ich möchte noch einmal ganz klar sagen: Es geht dabei nicht nur um ökonomische Existenzsicherung, also die rechtliche Garantie eines sozialen Minimums. Sondern es geht darum zu erreichen, dass jeder Mensch in unserer Gesellschaft, wirklich jede und jeder Einzelne, die tatsächliche Chance erhält, in einer sozial anerkannten Rolle aktiv am dem Leben dieser Gesellschaft etwas beizutragen.
Deswegen stehe ich auch den Konzepten eines "Grundeinkommens ohne Arbeit" skeptisch gegenüber.



S. 187) Die Chefrhetoriker

Und damit dieser ethische Maßstab nicht ins Leere läuft und die bloße "Gerechtigkeitsrhetorik" durch eine "Teilhaberhetorik" ergänzt wird, haben wir deutschen Bischöfe in unserem Text "Das Soziale neu denken" einen Vorschlag gemacht: Wir fordern einen "Sozialstaats-TÜV", der die Aufgabe haben soll, die soziale Entwicklung im Land kontinuierlich zu beobachten bzw. zu bewerten und die Regierung in sozialpolitischen Fragen zu beraten. [...] Wirtschaftliche Stabilität ist unbestreitbar wichtig, soziale Stabilität aber mindestens genauso.


S. 190) Übrigens: In Deutschland war die Arbeitslosenversicherung 1927 unter der Verantwortung eines katholischen Priesters eingeführt worden: Heinrich Brauns, der von 1920-28 Reichsarbeitsminister war.


S. 193 f.) Ich bin der festen Überzeugung, dass wir auch heute einen solchen politischen Aufbruch benötigen. Wir brauchen einen New Deal, eine Neuverteilung der Karten! Wir brauchen einen neuen "Gesellschaftsvertrag".
Ganz ähnlich hat es vor kurzem der Bundesverfassungsrichter Udo Di Fabio geschrieben:
"Heute haben sich viele Proportionen verschoben, und damit stellt sich die Frage neu, was wir einander schulden und was Gegenseitigkeit unter geänderten Bedingungen wohl sein kann." ("Was schulden wir einander?" S. 32)
Denn auch heute fühlen sich viele Menschen den anonymen Kräften des globalen Marktes hilflos ausgeliefert, und es verbreitet sich die Meinung, dass es nicht mehr gerecht zugeht in Wirtschaft und Gesellschaft.



S. 194 f.) Ohne den Staat geht es nicht

Auch Deutsche-Bank-Chef Josef Ackermann verkündete, er glaube angesichts der Dimension der Krise nicht an die Selbstheilungskräfte des Marktes, und forderte die Regierungen auf zu "mutigen Schritten" zur Stabilisierung des Systems auf. Das sind ganz neue Töne, nachdem man in den letzten zehn, zwanzig Jahren jegliche Form von "Staatsinterventionismus" kritisiert und die Politik aufgefordert hatte, sich endlich aus der Wirtschaft herauszuhalten, von der sie einfach nichts verstehe.
Angesichts des unglaublichen, nahezu kollektiven Versagens der hochbezahlten Manager der Finanzindustrie, das zu der wohl größten Krise seit der großen Depression der 1930er Jahre geführt hat, wird uns jedoch abermals deutlich: Ohne den Staat geht es nicht. Ich hoffe, dass das nicht so schnell vergessen werden wird, wenn die derzeitige Krise erst einmal überwunden ist. Ich hoffe, dass v.a. auch in den USA die Einsicht reift, dass die Globalisierung der Märkte von einer durchdachten Ordnungspolitik begleitet werden muss.



S. 202 f.) Projekt Bürgerarbeit (analog zur Eingliederung von Behinderten in Arbeit)

Auch der durch die Hartz-Gesetze auf die Erwerbslosen verstärkt ausgeübte wirtschaftliche Druck und die 2007/08 boomende Konjunktur haben nichts daran ändern können, dass es weiterhin mehr als eine Million sogenannte "Langzeitarbeitslose" gibt (Stand Juli'08), also Menschen, die länger als ein Jahr ohne Beschäftigung sind.
Mehr als 600.000 der Betroffenen sind sogar bereits länger als zwei Jahre arbeitslos.
Diese frustrierenden Erfahrungen haben die Aktion Arbeit Anfang 2007 dazu veranlasst, die Initiative zu ergreifen und mit einem Diskussionspapier an Experten und Akteure des Arbeitsmarktes und der Arbeitsmarktpolitik heranzutreten. Auf dessen Grundlage fanden offene und intensive Gespräche mit Vertretern der Gewerkschaften, der Kammern, der Wissenschaft, der Politik und der Agentur für Arbeit statt.
Als eine meiner letzten Amtshandlungen als Bischof von Trier konnte ich der Öffentlichkeit Anfang 2008 noch das Ergebnis dieses Konsultations- und Dialogprozesses vorstellen: ein Positionspapier zur Arbeitsmarktpolitik.
Darin wirbt die Aktion Arbeit für eine Neubelebung des sogenannten Dritten Arbeitsmarktes. Entsprechend dem Subsidiaritätsprinzip soll dieser aber nur eine Auffangfunktion haben. [...]
Die Grundidee ist, dass es sinnvoller und v.a. auch gegenüber den Betroffenen verantwortlicher ist, Arbeit statt Arbeitslosigkeit zu subventionieren. Was die konkrete Ausgestaltung angeht, kann man von den Erfahrungen mit dem Integrations-Arbeitsmarkt für behinderte Menschen profitieren, wie er vom Sozialgesetzbuch vorgesehen ist. In diesem Bereich zeigt sich auch, dass es sehr wohl möglich ist – wenn der entsprechende politische Wille vorhanden ist – selbst Menschen mit z.T. ganz erheblichen und multiplen Leistungshemmnissen in Arbeitsabläufe zu integrieren. Umso mehr muss es doch möglich sein, auch Menschen mit weniger tiefgreifenden Leistungshemmnissen an der Arbeitsgesellschaft zu beteiligen.



S. 206) religio – religere (immer wieder lesen) oder religare (rückbinden in Frömmigkeit)

Bildung ist zunächst ein "Grundnahrungsmittel". Und das gilt gleich in mehrfacher Hinsicht. Bildung dient zunächst der individuellen Entfaltung. Von Geburt an sind wir mit der Fähigkeit begabt, zu lernen, uns weiter zu entwickeln, zu den Menschen zu werden, die wir letztlich sein wollen und die wir von Gott her sein können und sollen. [...] Aus der Bindung zu Gott, der religio, erwächst dem Menschen die Erkenntnis von Würde und Freiheit. [...] Zum Dritten dient Bildung der sozialen Entfaltung [...] Erst als vierten Punkt würde ich nennen, dass Bildung auch der ökonomischen Entfaltung des Einzelnen und der Gesellschaft dient.


S. 207) Kirche stärkster Bildungsträger der Zivilisationsgeschichte

Ich halte es hier lieber mit Wilhelm von Humboldt, der Bildung grundlegend unter dem Aspekt der Zweckfreiheit, des Selbstzwecks betrachtet hat. Humboldt und der Humanismus stehen insoweit ganz in der Tradition des jüdisch-christlichen Bildungsideals, das bereits in der Bibel deutlich erkennbar ist. Bildung dient nach diesem Verständnis nicht primär äußeren Zwecken, sondern der inneren Menschwerdung.
In der Geschichte der Menschheit war die Kirche deshalb auch der stärkste Bildungsträger.
Ich möchte an diesem christlich-humanistischen Bildungsideal festhalten.
Kinder sollen in die Schule gehen, um reife, verantwortliche Menschen zu werden und nicht um möglichst früh effiziente Funktionsträger in unserer zweckrationalen gesellschaftlichen Institutionen zu werden.



S. 208) Bildungssystem, Komplexifizierung und Georgetown

Das Beste, was Bildung leisten kann, ist Menschen in klaren Werthaltungen zu verwurzeln, sie zu beziehungsfähigen, innerlich reichen Persönlichkeiten zu bilden. Solche Persönlichkeiten können dann auch Verantwortung übernehmen und nicht bloß einen "Job" ausfüllen. [...]
Der einseitig-ökonomistische Blick auf das Thema Bildung hat v.a. einen Aspekt weitgehend aus dem öffentlichen Bewusstsein verdrängt. Bildung braucht Zeit. Der Markt hat aber keine Zeit. Der Wettbewerb ruft Beschleunigung hervor, die seit Beginn der Industrialisierung beharrlich angestiegen ist.
Durch die modernen sozialen Kommunikationsmittel und die Globalisierung haben wir inzwischen in nahezu allen Lebensbereichen ein atemberaubendes Tempo erreicht. Einem so geprägten Zeitalter der Beschleunigung kann sich auch das Bildungssystem nur schwer entziehen. [...]
Leo J. O'Donovan, damals noch Präsident der Georgetown-Universität in Washington (seit 96 im Aufsichtsrat des Walt Disney Konzerns), hat beim Bildungskongress der Kirchen im Jahr 2000 in Berlin einen sehr interessanten Vortrag zu diesem Thema gehalten.

S. 209) In der Unterbrechung der alltäglichen Geschäftigkeit liegt für den Menschen die Möglichkeit, zu sich selbst zu finden und sich in der Hinwendung zu Gott selbst zu überschreiten.



S. 210 ff.) Rational einholbares Glaubenswissen und Suche nach dem wahren Mysterium

O'Donovan 2000: Tempi – Bildung im Zeitalter der Beschleunigung)

"Eine Wirtschaft, die kurzfristig Geld verdienen muss, schafft es nicht, für all das zu sorgen, was sie langfristig braucht. Deswegen helfen die Schulen und Hochschulen dem Beschäftigungssystem dadurch, dass sie Bildungsinhalte ausweisen, die dem Gedächtnis, der kulturellen Identität und der Erinnerung dienen, die für Kontinuität sorgen. Das Sabbatparadox lehrt, dass Musik-, Kunst- und Literaturunterricht, ja dass im Spezialfall sogar Latein und Griechisch langfristig und aufs Ganze gesehen wegen ihrer übernützlichen Potenzen auch der Wirtschaft nützen. Vielleicht sogar mehr als die Einführung eines Schulfachs Wirtschaftskunde. Solche Sabbatinhalte, Sabbaträume und Sabbatzeiten brauchen wir in unseren Schulen. Sie sind Inseln der Reflexion und der Selbstentfaltung und machen den Horizont weit. Sie nützen langfristig auch dem Beschäftigungssystem. Aber sie nützen vor allem dem Leben."

Es braucht in der Schule Räume für soziales Lernen, für Persönlichkeitsbildung und für Wertevermittlung.
Dazu dient auch in besonderer Weise der Religionsunterricht, der Dimensionen des Menschseins reflektiert, die im Lehrplan sonst nicht vorkommen. Manche Gegner des Religionsunterrichts meinen, die Schule solle Wissen vermitteln, Glaube dagegen gehöre ausschließlich in die Kirche.
Hier wird aber ein Gegensatz von Wissen und Glaube, von Vernunft und Religion behauptet, der so gar nicht besteht – nicht im Alltag des schulischen Religionsunterrichts und auch ganz grundsätzlich nicht.
Schon ein oberflächlicher Blick zeigt, dass Kirche und Theologie sehr daran liegt, Glaube und Vernunft in ein wechselseitig-konstruktives Verhältnis zu stellen. Nirgendwo behauptet die Kirche, Glaube sei die bessere Alternative zu Wissen und Vernunft. Das war schon Reflexionsstand in den ersten Jahrhunderten des Christentums. Letzten Endes setzt Glaube sogar Wissen voraus. Denn auch im Glauben gibt es rational einholbares Wissen, dass allgemein zugänglich ist.

Ein wunderschöner Text zu diesem Thema ist die Enzyklika Fides et ratio von Papst Johannes Paul II. aus dem Jahr 1998. ("Das rechte Verständnis der Offenbarung der Weisheit Gottes sowie die Axiome Credo ut intellegam (Ich glaube um zu verstehen) und Intellego ut credam (Ich verstehe um zu glauben) werden erläutert, um darauf aufbauend das rechte Verhältnis von Glaube und Vernunft zu formulieren.") In ihr wird die in der Geschichte immer wieder versuchte gewaltsame Trennung von Glaube und Vernunft als ein Drama bezeichnet, das fatale Folgen hatte. Auch heute gibt es gefährliche Fundamentalismen – religiöse und anti-religiöse. Dabei können sich Glaube und Vernunft wechselseitig Hilfestellung geben, indem sie füreinander die Funktion kritisch-reinigender Prüfung übernehmen und sich gegenseitig anspornen, auf dem Weg der Wahrheitssuche voranzuschreiten.

Einen vernünftigen moralischen Glauben begründen


Benedetto Ratzinger SJ:

"Als am meisten universale und rationale religiöse Kultur hat sich der christliche Glaube erwiesen, der auch heute der Vernunft jenes Grundgefüge am moralischer Einsicht darbietet, das entweder zu einer moralischen Evidenz führt oder wenigstens einen vernünftigen moralischen Glauben begründet, ohne den eine Gesellschaft nicht bestehen kann."

Konrad Fischer: "Um dann in den bekannten Blablaismen zu climaxieren."

Letztlich geht es um die Frage, ob am Anfang der Schöpfung eine vernünftige, geistige Kraft – man könnte auch sagen, ob zu Beginn der Dinge die Vernunft bzw. das Vernünftige – steht oder nicht. Jeder denkende Mensch nimmt an, dass mathematische Gesetze vernünftig sind, viele behaupten aber gleichzeitig, das Ganze von Welt und Kosmos sei unvernünftig, nämlich sinnlos. Mathematik ist dann sozusagen eine Insel der Vernunft in einem Meer der Unvernunft. Ist das vernünftig? Christlichen Denkern ist das immer suspekt vorgekommen. Mit der Antike – etwa mit Platon und Aristoteles – waren sie der Auffassung, dass die Vernunft grenzenlos und das Grenzenlose (also Gott) vernünftig ist.
Sicherlich läßt sich die These vertreten, dass das Vernünftige ein Zufallsprodukt des Unvernünftigen ist und erst im Laufe der Geschichte hervortritt. Christliche Theologie ist aber überzeugt, dass die schöpferische Kraft der Vernunft am Anfang steht und seit Beginn der Welt wirksam ist. Dadurch dass ihr ein Primat einzuräumen ist, versteht sich das Christentum von Anfang an als vernunftgeleitete Aufklärung.
Christentum und Aufklärung, Glaube und Vernunft, passen bestens zusammen.


Te Deum – Die Benediktiner


Te Deum – Himmel auf Erden: Die Grundpfeiler unserer Kultur

"Der Gehorsam, den man den Oberen leistet, wird Gott erwiesen."

pt 1) Ordo Sancti Benedicti – OSB – "Das rechte Maß"

pt 2 Zisterzienser & pt 3 Franziskaner & pt 4 Dominikaner & pt 5 Augustiner & pt 6 Jesuiten

Benedictine Monasticism & Benedictines in Europe

Der Benediktinerorden ist der älteste existierende Mönchsorden und galt bis ins hohe Mittelalter als eigentlicher Träger der geistigen Bildung, Wegbereiter und Förderer des
gesamten kirchlichen und kulturellen Lebens in Europa.

Auf 3sat ("Mönche und Nonnen sind keine Aussteiger." Aernecke) und bei Piper/Pendo (im Guido-Knopp-Verlag):
Faszinierende Gestalten wie Bernhard von Clairvaux, Thomas von Aquin, Hildegard von Bingen, Franz von Assisi oder Ignatius von Loyola sind aus unserer abendländischen Kultur nicht mehr wegzudenken.
Und doch wissen wir nur noch wenig über diese Menschen und die Orden, denen sie angehörten oder die sie gar begründeten. Dabei sind die großen christlichen Orden nichts weniger als die Grundpfeiler unserer Kultur – es war das Mönchstum, das unser Abendland entscheidend geprägt hat.
Die großen Ordensgemeinschaften der Benediktiner, Zisterzienser, Franziskaner, Augustiner, Dominikaner und Jesuiten wirkten in Kunst, Erziehung, sämtlichen Geistes- und Naturwissenschaften sowie in der Politik.
Sie gaben Antwort auf die Frage nach dem Sinn des Lebens und wiesen den Menschen den Weg zu Gott.
Die geschichtliche Herausforderung annehmend, gewährten sie den Menschen über Jahrhunderte nicht nur spirituelle Unterstützung, sondern wirkten auch als tatkräftige Kulturträger. Auch heute noch sind die Orden von Bedeutung, selbst wenn wir in unserem Alltag davon oft wenig zu spüren meinen.
Viele der Mönche und Nonnen, die sich in unserer Zeit bewusst für ein Leben in Demut entscheiden, haben zunächst gelebt wie viele von uns. Bis etwas mit ihnen geschah, das sie ihr Leben dem "Lob Gottes" widmen ließ.

Robert Zollitsch (SJ), seit Februar '08 oberster Kirchenfürst des Landes:

"Orden und Ordensleute haben mit ihren zahlreichen Klöstern die Kulturlandschaft Deutschlands und Europas in einem heute kaum mehr bewussten Ausmaß geprägt. Bereits die Christianisierung weiter Landstriche ging von klösterlichen Zentren aus, die es schon vor der Gründung von Bistümern gab. Durch ihre Schulen und Hospize bauten die Klöster durch viele Jahrhunderte hindurch entscheidend mit an einer Zivilisation der Bildung und der Barmherzigkeit. Es waren Mönche und Nonnen, die lange bevor ein Sozialstaat dafür eintrat, Krankenhäuser und Altenheime, Schulen und Hochschulen, Einrichtungen zur Kinder-, Jugend-, und Familienhilfe errichteten und dies sowohl personell wie finanziell unterhielten.
Klöster wurden zu Zentren, in denen Theologie und Philosophie, Liturgie und Kunst, Architektur und Landwirtschaft, Heilkunde und Erziehung betrieben und gefördert wurden.
Die Impulse zu diesem enormen Kulturschaffen der Klöster kamen aus einer tiefen Glaubenserfahrung. Die großen Gründergestalten der Orden verbindet, dass sie etwas wie eine Ursprungs- oder Initialerfahrung mit Gott in Jesus Christus auf ihrem Weg gemacht haben.

Es war der Lebensweg Jesu Christi, der sie faszinierte und nicht mehr losließ und dem sie im Kontext ihrer konkreten Zeitumstände nachfolgen wollten. So verband sich die benediktinische Suche nach Gott, das dominikanische Setzen auf die Verkündung des Evangeliums, die franziskanische Liebe zum gekreuzigten Herrn oder das ignatianische 'Gott in allen Dingen finden' mit einer entschiedenen Hinwendung zum Menschen in seiner konkreten Bedürftigkeit oder Not. Liebe zu Gott und liebendes Engagement für den Menschen – beides gehörte für die Ordensgründer wie deren Brüder und Schwestern zusammen. Aus einer sehr persönlichen und im Laufe ihres Lebens wachsenden Liebe zu Gott schöpften sie die Kraft für ihren Dienst am Menschen. Und umgekehrt, die Begegnung mit Gott erfuhr – wie Papst Benedikt es in seiner Enzyklika 'Deus Caritas est' beschreibt – erst aus der Hinwendung zum Nächsten ihren Realismus und ihre Tiefe.
Wir erleben heute bei den Menschen eine neue Sehnsucht nach dem Klösterlichen. Eine wachsende Zahl von Menschen fragt nach Auszeiten in den Orden und ihren Niederlassungen. Kunst und Musik der Klöster, ihre landwirtschaftlichen Produkte, eine Ordensschule oder ein Ordenskrankenhaus erfreuen sich hoher Beliebtheit. Dahinter verbirgt sich wohl auch eine Sehnsucht nach dem Heiligen und nach einer Heilung, die den ganzen Menschen erfasst. In diesem Zusammenhang freue ich mich, dass Te Deum die sechs großen europäischen Orden in Text und Bild dokumentiert."

"Te Deum Laudamus. Gott, dich loben wir, lautet Luthers Übersetzung aus dem Lateinischen. Früher, 3.-6. Jh., wurde der Hymnus als ein Lobgesang am Ende des Gottesdienstes oder an Festtagen von der Gemeinde gesungen.
Gott, dich loben wir – ein gewagter Titel in einer Zeit, in der Wissenschaft, Forschung, Bildung und die Medien die Gesellschaft nachhaltig verändert haben, in der die tägliche weltweite Informationsflut aus Politik, Gesellschaft und Wirtschaft unser Leben bestimmt und damit für viele Menschen das 'Sein'."
Jürgen Haase (Hg.) – Katho. Fernseharbeit (Sonderpreis "Gelebte Einheit")


Im Jahre 475 besiegelten gewaltige Trecks von germanischen Stämmen das Ende des Weströmischen Reichs.
Die Besetzung Nordafrikas, der Kornkammer Roms, durch die Vandalen führte zum Zusammenbruch der Wirtschaft, zu Hungersnöten und Seuchen. Rom trieb dem Untergang entgegen und drohte, die gesamte abendländische Kultur mit in den Abgrund zu ziehen.
Benedikt von Nursia, Sohn eines römischen Landadeligen, sollte zu jener Zeit in Rom die Kunst der Rhetorik studieren. Schon bald wurde ihm klar, dass es mehr brauchen würde als schöne Reden, um die desolate Welt seiner Zeit wieder in Ordnung zu bringen. Nachdenklich zog er sich an einen einsamen Ort mit dem Namen Subiacus zurück und führte dort in einer Höhle das Leben eines Eremiten. Er kämpfte nicht nur gegen Hunger, Durst, Kälte und die Einsamkeit, sondern auch gegen verlockende Versuchungen, die sein eigentliches Vorhaben immer wieder gefährden sollten – als Eremit zu leben wie die frühen Wüstenväter, die eigentlichen Begründer des christlichen Mönchstums.
Anfang des 4. Jh., zur Zeit der stärksten Christenverfolgungen, hatten sich viele Gläubige in die Wüste geflüchtet. Hier fasteten und meditierten sie in verlassenen Gräbern oder Höhlen und versuchten, fernab von jeglicher Zivilisation eine Verbindung zu Gott herzustellen.
Der damals lebende Wüstenvater Antonius wird heute noch als "Vater der Mönche" bezeichnet. Die Höhle des Benedikt (Sacro Speco) ist im Lauf der Jahrhunderte ein imposantes Heiligtum geworden. Sie ist bis zum heutigen Tag Symbol für den Rückzug des Mönchs von der Welt, für seine Einsamkeit und völlige Hingabe an Gott. [...]

Ob Wahrheit oder Legende – was wir heute über Benedikt wissen, stammt aus der Feder von Papst Gregor dem Großen (540-604), der Benedikt als Held und positive Identifikationsfigur in seinen Schriften Dialoge benutzte, um dem damaligen Sittenverfall entgegenzuwirken.
Nach antik-christlichem Brauch schmückte er Benedikts Lebensgeschichte mit Wundern und Legenden aus.
Die Benediktregel ist der Keim für einen humanistischen Neuanfang inmitten einer Zeit des Niedergangs. Benedikt legte darin Regeln für einen vorbildlichen Umgang der Mönche untereinander sowie deren Tagesablauf fest.
"Ora et labora": Der größte Teil des Tages ist dem Gebet gewidmet oder wird mit Meditation und geistiger Lektüre verbracht. Die freien Zeiten werden als Ausgleich zum Studium und Gebet mit handwerklicher Arbeit ausgefüllt, von der die Mönche ihren Lebensunterhalt bestreiten. Damit wurde mit der im Römischen Reich üblichen Haltung, körperliche Arbeit zu verachten, gebrochen, und es etablierte sich ein neues Arbeitsethos im Abendland.
"Vernimm mein Sohn die Lehren des Meisters und öffne das Ohr deines Herzens": Benedikt appelliert mit diesem Satz an die "Herzkräfte" des Menschen und plädiert für Ordnung und Klarheit, nicht für Zwang oder Befehl. Allerdings strebt er keine starre Ordnung an, sondern eine, die sich immer wieder den neuen Gegebenheiten der Zeit anpassen soll. Diese flexible Ordnung hängt jedoch von einem weiteren Grundsatz der Regel ab, nämlich dem "rechten Maß".
"Es muss vor allem Unmäßigkeit vermieden werden und nie darf sich bei einem Mönch Übersättigung einschleichen." Die in jeglicher Hinsicht maßvolle Haltung Benedikts steht in einem so auffälligen Kontrast zur strengen Askese der Wüstenväter, dass sie als Revolution des Mönchtums gilt.
Die rühmliche Eigenschaft des Maßhaltens, die Ausgeglichenheit von Milde und Strenge sind Grundsätze der benediktinischen Regeln, die bis heute ihre Aussagekraft nicht verloren haben.

"Wir wollen uns Gottes Unterweisung niemals entziehen und in seiner Lehre in dem einen Kloster ausharren bis zum Tod." Die sogenannte "stabilitas loci", der lateinische Begriff für Beständigkeit, macht einen wichtigen innovativen Punkt der Regel aus und kann physisch und psychisch gedeutet werden.
Zum einen unterbindet Benedikt damit die Wanderschaft der Mönche von einem Kloster zum nächsten und appelliert zugleich an einen inneren, seelischen Zustand, der Charakterstärke und Entschlossenheit ausdrückt.

"Der erste Schritt zur Demut ist Gehorsam ohne Zögern.
Es ist die Haltung derer, denen die Liebe zu Christus über alles geht.
Der Gehorsam, den man den Oberen leistet, wird Gott erwiesen."

Im Eigenwillen sieht Benedikt das Verderben des Menschen, im Gehorsam den göttlichen Weg zur Demut. Durch "das richtige Maß" lässt sich für jede Zeit auch das richtige Maß an Gehorsam finden, das zur Demut führt. Der zweite Weg zur Demut ist die Stille.

"Tod und Leben stehen in der Macht der Zunge.
Reden und Lehren kommt dem Meister zu, Schweigen und Hören dem Jünger."

Schweigen heißt loslassen. Wer schweigt, hat bewussten Abstand zu seinen Gedanken, Gefühlen und Stimmungen. Schweigen ist die wahre Sprache der Demut und der Liebe. In dem Maß, in dem der Mönch selbst ein Stück Schweigen wird, trägt er das Echo der Liebe in die Welt. Benedikts liturgische Anordnungen sollen das mystische Gnadenerlebnis vermitteln. Beim gregorianischen Chorgesang, der nur mit wenigen Tönen auskommt, versetzt sich der Mönch in den Geist des Psalmisten, um die geschilderten Gemütszustände mitzuerleben.
Nach liturgischer Tradition bedeutet das Gebet Lob Gottes – die spontane Antwort auf empfangene Güte.
Durch Loben lernt man lieben, und lieben ist Hingabe.

"Nehmt euch in Acht, dass niemals Unmäßigkeit euer Herz belastet." Diese Mahnung Benedikts an die Glaubensbrüder, nicht über das rechte Maß hinauszugehen, blieb im praktischen Ordensleben oftmals ungehört. Der Grund liegt in der Verflechtung machtpolitischer Interessen des Adels und der Kirche.
Da der Adel häufig weder schreiben noch lesen konnte, brauchte er die gebildeten Mönche, um seine Macht zu legitimieren. Diese verfassten Briefe und Urkunden, fungierten als Berater in der Politik und hielten so die geistliche Aufsicht über die Bevölkerung. Für ihre Dienste wurden die Klöster reich beschenkt und immer mehr zu prunkvollen, weltlichen Einrichtungen des Adels, der meist den zweitgeborenen Sohn ins Kloster schickte. Wurde der dort Abt, konnte er aus dieser Position heraus seine Dynastie tatkräftig unterstützen.

Trotz der Empfehlung und Begeisterung Gregors des Großen fand die Benediktregel in Italien zunächst keine große Anhängerschaft. Stärker setzte sie sich in den Ländern nördlich der Alpen und im fränkischen Merowingerreich durch. Dort ging das Klosterwesen auf irische Mönche und den hl. Bonifaz (673-754, volkstümlich bonum + facere: = "der Wohltäter", genauer: "der gutes Schicksal Bringende") zurück, der große Landstriche missioniert hatte.
Immer mehr Adlige wandten sich dem neuen Glauben zu, tauschten Schwert gegen Spaten und traten in Klöster ein. Sie waren jedoch aufgrund ihrer Herkunft und Erziehung dem auf Handarbeit und Selbstversorgung ausgerichteten Leben oft nicht gewachsen, und es fehlte ihnen eine klare Richtlinie. Erst mit Hilfe der Benediktregel gelang es Karl dem Großen (768-814), diese Klöster zu festigen und zu Stützpunkten seiner Machtausbreitung zu machen ("seit dem 25. Dezember 800 Römischer Kaiser"). Karl ließ eine Abschrift des authentischen Regeltextes aus Monte Cassino fertigen, die in Aachen hinterlegt und zur offiziellen Regel für alle Klöster wurde.
Die neuen Reichsklöster wurden in der Folge zu besonderen Zentren hinsichtlich Verkehr, Wirtschaft und Kultur. Sie organisierten die erste Welle fränkischer Kolonialisierung und förderten mit der Weitergabe ihres Wissens, was Landwirtschaft und Gartenkultur betraf, erheblich die Entwicklung des Landes. Aus diesem Grund spricht man noch heute von Karls "Österreich".

Die einzigen noch erhaltenen Abschriften der Benediktregel aus dieser Zeit sind in der Bibliothek des ehemaligen Kloster St. Gallen aufbewahrt. Im 9. und 10. Jh. war die ehemalige Benediktinerabtei St. Gallen bedeutendstes Kulturzentrum des karolingischen Reichs. Der Sohn Karls des Großen, Ludwig der Fromme (813-840), vollendete das Werk seines Vaters und verfügte, dass Klöster zur Kulturklöstern werden sollten, die Schulen eröffneten, Bibliotheken und Handwerksbetriebe errichteten, Gottesdienste abhielten und Seelsorge betrieben. Auf diese Weise gab die karolingische Klosterreform dem benediktinischen Mönchtum die Möglichkeit, lange Zeit die Kultur in Europa zu prägen.
Von dem ursprünglichen benediktinischen Gedanken der Zurückgezogenheit hatten sich derartig organisierte Großklöster allerdings entfremdet. Immer mehr passte sich der Orden der Zeit und ihren Machtverhältnissen an.

Während in ganz Europa immer mehr und immer prunkvollere Klöster entstanden, setzte mit der Gründung von Cluny in Burgund im Jahre 920 eine Wende ein. Man griff wieder auf das ursprüngliche, mehr kontemplativ ausgerichtete Mönchsideal zurück, wie es Benedikt gelehrt hatte. Cluny wurde damit zum Ausgangspunkt einer der größten Klosterreformen und zum einflussreichsten religiösen Zentrum des Mittelalters. Allerdings taumelten die Cluniazenser bald von einem Extrem ins andere. So betete bald jeder von ihnen 215 Psalmen am Tag (nach Benedikt sind 37 vorgesehen). Die Arbeit wurde vernachlässigt und von Laien erledigt. Neben ihren Liturgien pflegten sie einen fast heidnischen Totenkult und entfernen sich immer mehr von der Realität, was letztlich zur Überschreitung ihrer finanziellen Möglichkeiten führte. "Das rechte Maß" war überschritten.

Der Grundriss der ersten Kirche von Cluny reproduzierte das Kreuz Jesu Christi. Hundert Jahre später entwickelte sich auf dieser Basis ein ergänzender Kirchenneubau mit riesigen Dimensionen, versehen mit einem doppelten Querhaus, einer monumentalen Höhe, einem fünfschiffigen Langhaus und acht Türmen.
Die Abtei von Cluny wurde zum Vorbild für die zahlreichen benediktinischen Kirchen des 11. und 12. Jh.s.
Der opulente mächtige Bau vertrat durch sein prachtvolles Erscheinungsbild den höchsten Machtanspruch einer kirchlichen Hierarchie, die unmittelbar nur dem Papst unterstellt war.
Im 12. Jh. begann der Niedergang Clunys, nicht zuletzt verursacht durch Bernhard von Clairvaux, der heftige Kritik am Leben des Klosters übte und später die Reformbewegung der Zisterzienser einleitete. Auch die Gründungen der Franziskaner und Dominikaner im 12. und 13. Jh., die sich in den aufstrebenden Städten niederließen, waren für das neue Bürgertum nun interessantere Ansprechpartner als die saturierten Benediktiner.
Die Reformation sorgte schließlich dafür, dass die meisten Klöster in den protestantisch gewordenen Fürstentümern aufgehoben wurden. In den verbliebenen katholischen verloren sie mit der Einführung absolutistischer Staatsformen vollständig an Macht. Wissen und die Weitergabe von Wissen verlagerte sich mehr und mehr an die Höfe und Universitäten.
In der Zeit der Gegenreformation im 17. Jh. entstand die Kunstform des Barock, die durch üppige Prachtentfaltung als Antwort auf das Leid des 30-jährigen Krieges (1618-1648) gekennzeichnet war. Die Klöster wurden erneut zu Keimzellen von Kultur und Wirtschaft, was dazu führte, dass das Benediktinertum in Süddeutschland, Österreich und der Schweiz eine Blüte erlebte wie nie zuvor seit dem Hochmittelalter.

In Frankreich versetzte die Französische Revolution und die darauf folgende Säkularisierung sämtlichen Kirchenbesitzes dem Klosterleben einen schweren Schlag. Cluny wurde bis auf die Grundmauern niedergerissen und sämtliche Besitztümer und Ländereien an das Bürgertum veräußert. Unter Napoleon (1769-1821) jedoch fand wieder eine langsame Renaissance statt, denn der Feldherr musste sich als guter Katholik zeigen, um den Papst davon zu überzeugen, ihn zum Kaiser zu krönen. Allerdings wurden im Zuge der Napoleonischen Eroberungskriege Eigentum und Ländereien der Klöster erneut dazu verwendet, die Kriegskasse aufzubessern. Diesem Beispiel folgten Deutschland, die Schweiz und Österreich, wo die Säkularisierung während des Kulturkampfes oft auch mit Gewalt vorangetrieben wurde. 1805 wurde das Benediktinerkloster in St. Gallen aufgelöst, 1807 das in Melk. In Deutschland sorgte Bismarck später während des Kulturkampfes für die Schließung von 180 Klöstern (Klostersturm). Bücher und Kunstbestände wurden verschleudert und vernichtet, wertvolle Bibliotheken dem Staat zugeführt. Intellektuelle und Politiker griffen das Mönchtum generell an. Eine solche Lebensform widerspräche der Vernunft, den Menschenrechten und der Natur.
So drangen gegen Ende des 19. Jh.s die Denkweisen der Aufklärung auch hinter viele Klostermauern und führten bei jungen Mönchen und Nonnen zu Zweifeln an der eigenen Bestimmung. Der aufgeklärte Mensch sollte nicht mehr an Vorgaben der Obrigkeiten oder konventionelle Zwänge gebunden sein, sondern sein Leben und Denken selbst bestimmen. Das Chorgebet wurde zur lästigen Pflicht, die keinen geistlichen Gewinn mehr brachte. In Österreich war es während des Josephinismus sogar als gesundheitsschädigend verboten.

Das Kloster Ettal wurde gegen Ende des 12. Jh.s von Ludwig IV. erbaut. Der primäre Beweggrund war wahrscheinlich handelspolitischer Natur: die Erschließung und Sicherung der Handelsstraße von Augsburg nach Verona. Ludwig IV. konzipierte jedoch kein gewöhnliches Kloster, sondern plante, ein "Stift mit kaiserlichen Statuten für verehelichte Ritter" daran anzuschließen. Mit dem Tod des Kaisers 1347 wurde dem Kloster jedoch ein Teil der Dotationen durch den Herzog entzogen, bald darauf wurde der Ritterkonvent aufgelöst. Der weiter bestehende Mönchskonvent erhielt 1368 die kirchliche Bestätigung. Zu Beginn des 17. Jh.s mit der Gründung des Klostergasthofs und der Brauerei gewann das Kloster zunehmend an Bedeutung, nachdem die Bergstraße von Oberau nach Ettal ausgebaut worden war. Mit der Säkularisation im 19. Jh. jedoch schien das klösterliche Leben in Ettal zu erlöschen. Teile des Gebäudes wurden abgerissen, und das Kloster wechselte vor seiner Wiederbegründung 1900 mehrmals den Besitzer. Heute gehören wieder 55 Mitglieder zum Konvent, zu deren Hauptaufgaben nach dem Gotteslob die Jugenderziehung in Schule und Internat zählt. Außerdem sorgt eine Vielzahl von Betrieben für die Grundversorgung und Erhaltung des Klosters: eine Bäckerei, ein Klosterladen, ein Buch- und Kunstverlag, eine Brauerei und Destillerie, eine Gärtnerei, Land- und Forstwirtschaft, ein Hotel, Ferienwohnungen, eine Schneiderei, Schreinerei, Schlosserei, Wäscherei sowie ein eigenes Elektrizitätswerk. Damit zählt das Kloster gleichzeitig zu den größten Arbeitgebern in der Umgebung. Aus dem ursprünglichen Bestreben nach Autarkie und Selbstversorgung, wie in der Benediktregel festgelegt, hat sich ein ausgeprägter merkantiler Sinn entwickelt, der die Benediktiner wahrscheinlich auch im nächsten Jahrhundert überleben lassen wird.

Die Erzabtei St. Ottilien in Oberbayern wurde 1884 von dem Beuroner Benediktiner Andreas Amrein gegründet, der dem Kolonialgeist jener Zeit folgend das benediktinische Leben mit der Missionstätigkeit verbinden wollte. Bis heute ist es die wichtigste Aufgabe der Missionsbenediktiner von St. Ottilien, junge Kirchen im Aufbau zu unterstützen und benediktinisches Klosterleben in überseeischen Ländern zu fördern.
Erst im Sommer 2008 unterrichtete Erzabt Jeremias Schröder sechzig chinesische Novizen, die für einige Monate in St. Ottilien lebten, um hier in das Ordensdasein eingewiesen zu werden.
Seit Beginn der Missionsarbeit schickten entsandte Benediktiner aus Süd- und Ostafrika, Korea und der Mandschurei ethnologische und zoologische Stücke an ihr Ordenshaus in Bayern. Das daraus entstandene Missionsmuseum thematisiert die Tierwelt Afrikas und des fernen Ostens, gibt Einblicke in afrikanische Stammesreligionen, Ahnenkulte und Zauberei sowie in die Bräuche des Buddhismus.

Die Abtei St. Hildegard in Bingen im Rheingau ist im byzantinisch anmutenden "Beuroner Stil" gebaut. Es ist das Nachfolgekloster der heiligen Hildegard von Bingen (1098-1179), der wohl bekanntesten Benediktinerin. Als zehntes Kind einer adligen Familie geboren, wurde sie schon mit sechs Jahren von ihren Eltern in das Kloster Disibodenberg in die Frauenklause der Benediktiner gebracht. Dort beschäftigte sie sich mit der Psyche und Anatomie des Menschen, sowie mit Kräuterkunde und entwickelte neue Behandlungsmethoden für Kranke. Mit vierzig Jahren gründete sie ihr eigenes Kloster auf dem Rupertsberg bei Bingen – für eine Frau dieser Zeit ein revolutionärer Schritt. Sie sah sich selbst als Prophetin und wurde "die Posaune Gottes" genannt. Immer mehr junge Frauen, vor allem aus dem Adel, fühlten sich von ihr angezogen und traten in den Orden ein. Einerseits strebten sie nach Bildung, andererseits wollten sie sich nicht der üblichen Heiratspolitik unterwerfen. [...]
Die Klostermedizin wurzelt in dem Leitsatz:

"Die Sorge für die Kranken muss vor und über allem stehen.
Man soll ihnen so dienen, als seien sie wirklich Christus."

Vieles, was für uns heute selbstverständlich ist wie Salbei gegen Husten oder Kamillentee bei Magenschmerzen wurde in den Klöstern des Mittelalters entdeckt. Mit den alten Rezepturen der Mönche und Nonnen wurde nicht nur das einfache Volk behandelt, sondern auch Könige und Fürsten. Ein berühmter Mönchsarzt neben Walahfried Strabo war Pater Notker von St. Gallen. Sein Hortulus beschreibt, besser besingt, in 444 lateinischen Hexametern den Aufbau eines idealen Kräutergartens sowie 24 Heilpflanzen in ihrer Gestaltung und Heilwirkung.
Man fand auch heraus, dass traditionelle Ernährungs- und Gesundheitsregeln aus den Klöstern gemeinsame Wurzeln mit der ayurvedischen Lehre und der chinesischen Medizin haben.

Anselm Grün, Benediktiner aus dem Kloster Münsterschwarzach, ist einer der erfolgreichsten zeitgenössischen, spirituellen Autoren im In- und Ausland. Sein Buch "Menschen führen – Leben wecken", in dem Führung – egal ob sie in den Händen eines Abts oder Managers eines Konzerns liegt – als spirituelle Aufgabe definiert wird, ist ein Dauerseller. Ein Hinweis aus der Benediktregel, "man verlange von den Schwachen nur so viel, dass sie sich nicht überfordert wühlen und von den Starken so viel, dass sie sich nicht unterfordert fühlen," könnte aus einem aktuellen Management-Coaching stammen.
Anselm Grün gibt heute weltweit Seminare zum Thema Führungsqualitäten auch in großen Unternehmen.
Ein anderer Weiter- bzw. Querdenker der Benediktiner ist Willigis Jäger, der gleichzeitig christlicher Mönch, Zenmeister der Sanbo-Kyodan-Linie und Mystiker ist. Unter dem damaligen Kardinal Joseph Ratzinger wurde ihm vorgeworfen, Glaubenswahrheiten persönlichen Erfahrungen untergeordnet zu haben, und man erteilte ihm nicht nur ein Rede- und Schreibverbot, sondern untersagte ihm zugleich öffentliche Auftritte. Daraufhin bat er, exklaustriert zu werden und arbeitet seitdem als spiritueller Leiter und Lehrer auf dem Benediktushof, einem Meditations- und Seminarzentrum bei Würzburg. Alle dort angebotenen Kurse verfolgen das Ziel, Kontemplation und Mystik in östlichen wie westlichen Religionen wiederzubeleben.

Alle benediktinischen Kongregationen sind heute in der benediktinischen Konförderation zusammengeschlossen, deren geistiger Mittelpunkt das Kolleg St. Anselm in Rom ist, wo der Abtprimas residiert. St. Anselm ist auch Sitz der einzigen philosophisch-theologischen Hochschule, die vom Gesamtorden der Benediktiner getragen wird. Heute gibt es im deutschsprachigen Raum 59 Männer- und 43 Frauenklöster der Benediktiner. Weltweit sind es über 40.000 Mönche und Nonnen, die zur benediktinischen Ordensfamilie gehören.

October 10, 2010

Katholisch geprägte Kommunisten



Reinhard Marx 2008: Das Kapital

pt 1 & pt 2 & pt 3 & pt 4 & pt 6 & pt 7 & pt 8 & pt 9


S. 154 ff.) Luigi Taparelli SJ und Carlo Maria Curci SJ

Wer um diese christlich-kirchliche "Gerechtigkeitstradition" weiß, den kann es eigentlich nicht verwundern, dass auch das moderne Nachdenken über soziale Gerechtigkeit im Umfeld der Kirche ihren Anfang genommen hat. Der Begriff der "sozialen Gerechtigkeit" tauchte erstmals zu Beginn der 40er Jahre des 19. Jh.s auf, und zwar bei einem der Begründer der kirchlichen Soziallehre, dem sizilianischen Jesuiten Luigi Taparelli. ("In 1850, Taparelli was granted permission by Pope Pius IX to co-found Civiltà Cattolica with Carlo Maria Curci. In particular, he attacked the tendency to separate morality from positive law, and also the 'heterodox spirit' of unconstrained freedom of conscience which destroyed the unity of society. [...] Curci harshly criticized Italian clergy for neglecting to study Scripture.")
Angesichts der damaligen umwälzenden Veränderungen in Wirtschaft und Gesellschaft war Taparelli klargeworden, dass Gerechtigkeit nicht allein eine Kategorie zur moralischen Bewertung individuellen Verhaltens, sondern auch zur Qualifizierung gesellschaftlicher Zustände und Strukturen ist. Nicht nur ein einzelner Mensch, auch eine Gesellschaft kann gerecht oder ungerecht sein. Um dieser Erkenntnis Ausdruck zu geben, kreierte Taparelli einen neuen Begriff: soziale Gerechtigkeit. ("... weil die katholisch geprägten französischen Sozialisten und Kommunisten mit den deutschen Atheisten unter Marx nicht zusammenarbeiten wollten.")

Lauf der Geschichte und Sozialismus/Solidarismus theologisch verknüpft


Sowenig die Menschen im 19. Jh. anfangs wussten, wie sie auf die sozialen Herausforderungen der Zeit, insbesondere die Arbeiterfrage, reagieren sollten, so vage blieb zunächst auch die Vorstellung Taparellis von der sozialen Gerechtigkeit. Er beschreibt sie als ein gesellschaftspolitisches Leitprinzip, das "faktisch alle Menschen gleichstellen muss in dem, was die Rechte der Menschheit im Allgemeinen betrifft – eben so, wie der Schöpfer jedem Menschen die gleiche menschliche Natur gab."
Diese Definition ist zwar wenig konkret, aber doch bemerkenswert und entspricht ganz der biblischen Tradition. Denn unverkennbar verknüpft Taparelli hier den Begriff der sozialen Gerechtigkeit mit einer von dem christlichen Schöpfungsglauben abgeleiteten Vorstellung natürlicher Menschenrechte.
Das ist deshalb so bemerkenswert, weil die Kirche im 19. Jh. in einem spannungsgeladenen Verhältnis zu dem politischen Liberalismus und dessen Menschenrechtsvorstellungen stand. Und Taparelli war nicht irgendwer, sondern einer der wichtigsten Vordenker der Katholischen Soziallehre. An der päpstlichen Universität Gregoriana in Rom war er der akademische Lehrer von Vincenzo Gioachino Pecci, dem späteren Papst Leo XIII. ("Enzyklikenpapst", "Arbeiterpapst"), der 1891 die erste Sozialenzyklika Rerum novarum veröffentlichte.
Taparellis Denken zeigt, dass das Verhältnis zwischen Kirche und Liberalismus bereits im 19. Jh. komplexer war, als manche klischeehaften Darstellungen es wahrhaben wollen.
Freilich kann man der Kirche vorwerfen, dass ihre Vorstellungen von politischen Freiheitsrechten damals noch defizitär waren, aber man muss genauso anerkennen, dass die Kirche bei der Idee sozialer Grundrechte eine Vorreiterrolle hatte. Hier hinkte stattdessen der politische Liberalismus dem Lauf der Geschichte hinterher.

Sowohl dem christlich-sozialen Denken als auch dem liberalen Denken kann man mit Blick auf das 19. Jh. also einerseits Fortschrittlichkeit, aber andererseits auch partielle Defizite vorwerfen oder besser gesagt: Inkonsequenzen. Denn die Idee politischer Freiheitsrechte und ebenso die Idee sozialer Grundrechte ergeben sich letztlich notwendigerweise, wenn man bereit ist, die politischen und sozialen Konsequenzen des christlichen Menschenbildes und der diesem christlichen Menschenbild eng verbundenen Anthropologie der Aufklärung zu ziehen.
Taparelli leitet als Theologe die Idee der Menschenwürde und der sich daraus ergebenden Menschenrechte aus dem Schöpfungsglauben und aus dem biblischen Verständnis des Menschen als Ebenbild Gottes ab. Die theologische Rede von der Heiligkeit des menschlichen Lebens ist aber auch säkularen Deutungen zugänglich. Philosophisch ergeben sich Menschenwürde und Menschenrechte gemäß der klassischen Begründung nach Immanuel Kant aus der Eigenschaft des Menschen als einem zur Selbstbestimmung seines Willens fähigen sittlichen Subjekt.
Es geht dabei sowohl der theologischen als auch der philosophischen Rede darum auszudrücken, dass das Leben jedes Menschen einen absoluten, inneren Wert hat und dass deshalb jedes Menschenschicksal absolut wesentlich ist – wesentlich sozusagen im Zusammenhang der ganzen Weltgeschichte, ja im Angesicht der Ewigkeit.



S. 158) Wettbewerb – geniales Instrument. Räuberbanden mit Gewaltmonopol

Im Bereich der Wirtschaft garantiert der Markt, sofern er funktioniert und nicht vermachtet ist, in hohem Maß ein faires Verfahren. Wer auf dem Markt seine Güter anbiete, muss sich dem Wettbewerb aussetzen, und die Konsumenten entscheiden gleichsam demokratisch, wer bei welchem Preis eine gute Leistung erbringt.
Deswegen hatte Franz Böhm, einer der Begründer der Sozialen Marktwirtschaft, durchaus Recht, als er den Wettbewerb das "großartigste und genialste Entmachtungsinstrument der Geschichte" genannt hat.
Aber der Markt ist blind gegenüber jenen Leistungen, die nicht marktförmig, gleichwohl aber für die menschliche Gemeinschaft lebenswichtig sind. [...]
Es bleibt dabei: Ohne Gerechtigkeit sind Staaten nichts anderes als Räuberbanden, wie Augustinus gesagt hat.

S. 162) Weltweit entstehen neue Sozialbewegungen, die sich das Ziel der Armutsüberwindung auf ihre Fahnen geschrieben haben. Das begrüße ich, weil die Kirche als die älteste und wahrscheinlich heute noch größte Bewegung zur Armutsbekämpfung damit Verstärkung bekommt.



S. 170) Kardinal Giraud, Bischof Ketteler und Kanzler Bismarck

1849 wurde Ketteler Propst der Sankt Hedwigskirche in Berlin. Bereits ein halbes Jahr später ernannte ihn Papst Pius IX. zum Bischof von Mainz. In dieser Position wurde Ketteler zum sozialen Gewissen nicht nur der dt. katholischen Kirche. Der erste dt. Reichskanzler Otto von Bismarck, unter dessen Regierung die ersten sozialpolitischen Gesetze erlassen wurden, insbesondere Kranken-, Unfall-, und Rentenversicherung für Arbeiter eingeführt wurden, bekannte nach Kettelers Tod: "Ohne ihn wären wir noch nicht so weit."
Durch sein Engagement und seine Schriften wirkte Ketteler auch außerhalb Deutschlands.
Für die erste päpstliche Sozialenzyklika Rerum novarum von 1891 lieferte sein Beispiel wichtige Impulse.
Ketteler ist allerdings nicht, wie manchmal behauptet wird, der erste Kirchenführer gewesen, der die Soziale Frage aufgegriffen hat. Andere haben das bereits vor ihm getan. Etwa die französischen Bischöfe Gustave de Croy, Louis de Belmas und Pierre Giraud. Kardinal Giraud schrieb bereits 1845 einen umfangreichen Hirtenbrief über Das Gesetz der Arbeit, in dem er scharf gegen die Ausbeutung der Arbeitschaft protestierte.
Aber kein Bischof des 19. Jh.s hat in der gleichen Intensität, Tiefe und Breite die Soziale Frage analysiert und politisch deren Lösung betrieben wie der Mainzer Bischof Ketteler. Deswegen ist er heute noch ein Vorbild für mich. Aber nicht nur für mich, sondern für die ganze Kirche: Papst Benedikt XVI. würdigt in seiner Enzyklika Deus caritas est von 2005 Ketteler als einen der wichtigsten Wegbereiter der kirchlichen Soziallehre.



S. 171 f.) Ketteler und Lasalle: Bruder- und (Produktions-) Genossenschaften

Anfangs, etwa in seinen Adventspredigten von 1848, war er der Meinung, dass allein die christliche Nächstenliebe und eine auf dieser fußende christliche Eigentumsauffassung wie jene, die wir schon von Basilius von Caesarea kennen, die Soziale Frage lösen könnte. Ketteler appellierte an das Gewissen der Reichen, die Arbeiter nicht auszubeuten und sie an dem wirtschaftlichen Aufschwung teilhaben zu lassen. Später erkannte er, dass moralische Appelle alleine nichts auszurichten vermögen. Er dachte deshalb auch über strukturelle, politische Lösungen für die Soziale Frage nach. Zeitweise verfolgte er die damals auch bei anderen Sozialreformern populäre Genossenschaftsidee: Die Arbeiter sollten in selbstorganisierten Produktionsgemeinschaften arbeiten und so von Opfern zu Profiteuren der neuen technischen Möglichkeiten werden.
Ketteler war derart angetan von dieser Idee genossenschaftlicher Selbsthilfe, dass er unter hohem Geldeinsatz selbst ein Experiment mit einer solchen Produktivassoziation vorbereitete. Er kontaktierte in dieser Frage mit einem anonymen Brief sogar den Sozialisten Ferdinand Lasalle, um seinen Rat und seine Meinung einzuholen. Wenn das publik geworden wäre: Ein katholischer Bischof beratschlagt sich mit einem Sozialisten – das war damals ein unerhörter Vorgang.
Schnell zeigte sich, dass das Konzept der Produktivassoziationen nicht geeignet war, die soziale Not der Arbeiterschaft zu überwinden.

Das Betreue-Monopol der Messias-Caritas


Gegen Ende der 60er Jahre des 19. Jh.s setzte sich deshalb bei Ketteler die Überzeugung durch, dass die Kirche und andere gesellschaftliche Kräfte nicht alleine in der Lage sein würden, die Soziale Frage zu lösen. Notwendig war vielmehr ein Eingreifen des Staates mit seiner Gesetzgebungsgewalt.
Auch diese Erkenntnis war damals revolutionär für einen katholischen Bischof. Bis ins 19. Jh. hinein hatte die Kirche eine Alleinzuständigkeit in karitativen Angelegenheiten. Auch angesichts der Arbeiterfrage waren weite innerkirchliche Kreise nicht bereit, dieses Monopol aufzugeben. Ketteler aber erkannte die Zeichen der Zeit und bekehrte auch viele andere Bischöfe in Dtl. und ganz Europa zu dem Programm der politischen Sozialreform. Er wurde zu einem der prominentesten Verfechter eine umfangreichen Arbeiterschutzgesetzgebung und einer staatlichen Sozialpolitik.



S. 173) Karl Marx: "Demokratische Litanei"

Mit dieser Idee der sozialen Gerechtigkeit und dem Konzept der Sozialreform stand Ketteler in krassem Widerspruch zu dem Programm seines Zeitgenossen Karl Marx.
Marx setzte nicht auf Reform, sondern auf Revolution. Die Forderung nach sozialer Gerechtigkeit gehörte für ihn zu den nutzlosen Parolen eines von ihm zutiefst verachteten "Vulgärsozialismus".
Als sich die sozialistischen Kräfte in Deutschland 1875 in Gotha zu einer einheitlichen Partei formierten und sich bei dem neuen Parteiprogramm die sozialdemokratisch-reformerischen Kräfte in vielen Punkten gegenüber den kommunistisch-revolutionären Kräften durchsetzten, spuckte Karl Marx im Londoner Exil Gift und Galle.
Die Forderung des Programms nach einer gerechten Verteilung des Arbeitsertrages bezeichnete er als "veralteten Phrasenkram", und die Parole vom "gerechten Lohn" hielt er erst recht für blanken Unsinn.
Für Karl Marx war "das System der Lohnarbeit ein System der Sklaverei [...] ob nun der Arbeiter bessere oder schlechtere Zahlung empfange". (MEW Bd. 19, S. 26)
Das Gothaer Programm mit seiner vorsichtigen Abkehr vom Revolutions- und seiner ebenso vorsichtigen Hinwendung zum Reformgedanken war für Karl Marx weder Fisch noch Fleisch.

"Zwischen der kapitalistischen und der kommunistischen Gesellschaft liegt die Periode der revolutionären Umwandlung der einen in die andere. Der entspricht auch eine politische Übergangsperiode, deren Staat nichts andres sein kann als die revolutionäre Diktatur des Proletariats. Das Programm nun hat es weder mit letzterer zu tun, noch mit dem zukünftigen Staatswesen der kommunistischen Gesellschaft. Seine politischen Forderungen enthalten nichts, außer der aller Welt bekannten demokratischen Litanei." (ebenda S. 28 f.)


S. 175) Beteiligungsgerechtigkeit erstmals in einem episko. Hirtenbrief formuliert

Angesichts der heute auf vielen gesellschaftlichen Ebenen wirksamen Mechanismen der Exklusion, des sozialen Ausschlusses, ist die erste Gerechtigkeitsforderung deshalb: Menschen dürfen bei uns nicht länger an den Rand gedrückt und herausgedrängt werden. Jeder u. jedem steht eine Chance auf Teilhabe, auf Bildung und auf Arbeit zu.
Dieses Verständnis von sozialer Gerechtigkeit als Beteiligungsgerechtigkeit (iustitia contributiva) ist tatsächlich erstmals in einem kirchlichen Dokument formuliert worden, und zwar in dem seinerzeit vielbeachteten Hirtenbrief der US-amerikanischen katho. Bischofskonferenz von 1986 über die Katho. Soziallehre und die ameri. Wirtschaft.



S. 177) Bindung und Rückbindung zwischen Einzelmensch und Menschen/Übermenschen-Staat

Bereits 1955 erstatteten der spätere Kardinal Joseph Höffner, damals noch Professor für Christliche Sozialethik in Münster, und drei andere prominente Sozialwissenschaftler im Auftrag von Bundeskanzler Konrad Adenauer ("Adenauer received the Magistral Grand Cross personally from SMOM Grand Master Prince Ludovico Chigi.") ein Gutachten zur Neuordnung der sozialen Leistungen, in dem sie ein eindeutiges Plädoyer für den Sozialstaat ablegten, aber auch eindringlich vor dem den Bürger entmündigenden Versorgungsstaat warnten. Der Versorgungsstaat entwöhne die Menschen ihrer Eigenverantwortung bzw. Eigentätigkeit und degradiere sie dadurch auf Dauer zum bloßen Objekt staatlicher Handlungen. [...]
Aber nicht nur die Eigenverantwortung und damit letztlich die Würde des Einzelnen haben Höffner und seine Kollegen in dem allumfassenden Versorgungsstaat in Gefahr gesehen (Denkschrift 1955, S. 30):

"Auch gefährdet ein solches System den Staat, da es die Menschen dazu verleitet, dem Staat lediglich mit Forderungen gegenüberzutreten, wodurch die im Solidaritätsprinzip verankerte wechselseitige Bindung und Rückbindung zwischen Einzelmensch und Staat gestört wird."