October 10, 2010

Erst theologisiert, dann säkularisiert



Reinhard Marx 2008: Das Kapital

pt 1 & pt 2 & pt 3 & pt 5 & pt 6 & pt 7 & pt 8 & pt 9


S. 130) Unsere Kultur ist eine durch und durch christlich-abendländische Kultur.
Und auch der agnostizistisch eingestellte Humanist wird nicht leugnen können, dass eine humanistischen Werte nichts anderes sich als säkularisierte Werte aus der jüdischen und christlichen Tradition.
Freilich: Die humanistische Philosophie der Aufklärung hat Wege entwickelt, um diese Werte ohne Rückgriff auf einen göttlichen Gesetzgeber zu begründen. Aber sie hat diese Werte nicht erfunden, sondern (vor-)gefunden in der christlich-abendländischen Kultur.



S. 130 f.) Gottes "ungeschuldetem Heilshandeln" die Treue halten

So steht am Anfang das Bild der einen Menschheitsfamilie vor Augen, in der alle Menschen Schwestern und Brüder sind. Das Leben wird hier verstanden als ein reines Geschenk der Liebe Gottes – wir haben darauf keinen Anspruch. Aber gerade weil unsere Würde Geschenk Gottes ist, sind wir verpflichtet, einander zu achten und das Leben jedes Menschen zu schützen. Mit der Gabe Gottes ist auch die Aufgabe für den Menschen verbunden.
In diesem Sinne ist die Gleichheit aller Menschen vor Gott Ausgangspunkt und Maßstab der Leitidee Gerechtigkeit.
Diese biblische Option für die Gerechtigkeit wurde im Lauf der Geschichte dahingehend präzisiert, dass jede Frau und jeder Mann einen Anspruch darauf hat, als Person mit einer unveräußerlichen Würde anerkannt zu werden und ein dementsprechendes menschenwürdiges Dasein zu führen. Als Ziel steht damit eine Gesellschaft vor Augen, die allen – besonders den Armen und Schwachen – ein menschenwürdiges Leben ermöglicht. [...]
Gerecht wird in der Bibel zunächst derjenige genannt, der Gott und seinem Auftrag, seinem Wort die Treue hält. Ein solcher Gerechter steht an dem Beginn der Geschichte Israels, des Gottesvolkes des Alten Testaments, er steht in gewisser Weise am Beginn der Geschichte aller, die gerecht sind vor Gott: Es ist Abraham, der erste der drei sogenannten Erzväter.



Werkzeug für die Einheit


S. 132) Gnade – Gebot, Frohbotschaft – Drohbotschaft (Himmel/Hölle, Heiler/Teufel etc. pp.)

Ein gerechtes Leben, eine moralische Lebensführung überhaupt, ist nach dem biblischen Verständnis ein wesentlicher Bestandteil der Antwort des Menschen auf das liebende Handeln Gottes. Gottes Gnade und Gottes Gebote gehören zusammen. Gut sichtbar wird das in der Einleitung zu den Zehn Geboten in Alten Testament, wo von Gott nicht primär als einem Gesetzgeber, sondern von Gott als dem Befreier seines Volkes die Rede ist:
"Ich bin Jahwe, dein Gott, der dich aus Ägypten geführt hat, aus dem Sklavenhaus." (Ex 20:2, Dtn 5:6)
An dieser Reihenfolge hat sich bis heute nichts geändert. Manche kirchenkritische Zeitgenossen behaupten zwar das Gegenteil, sie sagen, die Kirche habe die "Frohbotschaft" in eine "Drohbotschaft" verwandelt und drangsaliere die Menschen – etwa auf dem Gebiet der Sexualethik – mit lebensfremden und lustfeindlichen Ge- und Verboten. Das verkehrt aber die Verhältnisse. Die Gebote der Bibel wollen, dass das Leben des Menschen glückt.
Die Kirche ist, wie das ZVK sagt, "Sakrament, d.h. Zeichen und Werkzeug für die innigste Vereinigung mit Gott wie für die Einheit der ganzen Menschheit." (Lumen Gentium 1) Damit kann es der Kirche aber nicht gleichgültig sein, wie die Menschen miteinander und wie sie mit sich selbst umgehen.


S. 135) Die alttestamentlichen Gebote, den Armen und Fremden beizustehen, sind nach dem biblischen Selbstverständnis nicht irgendwelche nebensächlichen Zusatzvorschriften, durch deren Erfüllung sich der Fromme noch einmal besonders auszeichnen könnte.
Frömmigkeit und Gerechtigkeit, Gottes- und Nächstenliebe gehören vielmehr zusammen.
Man kann nicht fromm sein, ohne gerecht zu sein, und man kann nicht Gott lieben, ohne seinen Nächsten zu lieben. Gottes Geschenk der Befreiung und des verheißenden Landes und Gottes Gebot der Gerechtigkeit und der Solidarität stehen im Alten Testament in einem untrennbaren Zusammenhang. (Propheten: Ohne diese Ausrichtung auf die Gerechtigkeit sei aller Glaube wertlos und alle Gottesdienste überflüssig.)



S. 136 f.) Die Sakralisierung der Gerechtigkeit – etwas Revolutionäres

Diese deutliche Sozialkritik des Propheten, die sich gegen das Establishment, die Reichen und Mächtigen seiner Zeit richtet, macht zugleich deutlich, dass in der Botschaft des Alten Testaments etwas Revolutionäres steckt.
In den antiken Hochkulturen des Orients einschließlich Ägyptens waren weltliche Macht und die Sphäre des Heiligen bzw. Göttlichen in einer politischen Theologie ineinander verwoben.
Die Machthaber, der Pharao oder der König, konnten nicht als gerecht oder ungerecht qualifiziert werden, denn sie verkörperten ja selbst das göttliche Gesetz und damit die Gerechtigkeit.
Anders in Israel: Indem im Alten Testament Gott der Sphäre dieser Welt enthoben wird bzw. als Schöpfer und überirdischer Herrscher dieser Welt geglaubt wird, emanzipiert sich die Religion von der Politik. Die Politik wird gleichsam entsakralisiert. Und dadurch wird so etwas wie Sozialkritik überhaupt erst möglich. Der Begriff der Gerechtigkeit erhält so eine theologische Bedeutung, und Gott selbst wird zum Garanten der Gerechtigkeit.
Die wahren Propheten im alten Israel waren deshalb auch keine Hofbeamten mehr, die den Königen und Mächtigen nach dem Mund redeten, sondern sie fühlten sich Gott und damit einem höheren Recht, einer höheren Gerechtigkeit verpflichtet. Dadurch gerieten sie nicht selten in Konflikt mit der Macht, wurden angefeindet und verfolgt.



S. 138 f.) Inkassofonds – Experts in Debt Restructuring

Unglaublich aber wahr: Während die internationale Staatengemeinschaft sich den Kopf darüber zerbricht, wie man die Schuldenprobleme von Entwicklungsländern in den Griff bekommen kann, haben sich gewissenlose Spekulanten gerade auf Geschäfte mit diesen Schulden spezialisiert. Ihren Namen haben sich diese Spezialfonds redlich verdient: "Geierfonds" (vulture funds). Wenn ein Land nachhaltig in Zahlungsschwierigkeiten gerät, kaufen die "Geier" unter den Hedgefonds mit hohen Abschlägen auf die ursprüngliche Kreditsumme dessen Schulden auf und verklagen es dann auf Rückzahlung der vollen Beträge einschließlich Zins und Zinseszins.
Dieses Geschäft ist so simpel und lukrativ, wie es unmoralisch ist.
Erfinder dieses "Investmentmodells" ist der New Yorker Milliardär Paul Singer. Dessen Hedgefonds Elliott Associates hatte 1996 Schulden von Peru in Höhe von 20 Millionen Dollar für rund 11 Millionen gekauft und verklagte dann das Land auf Rückzahlung der vollen Summe plus Zinsen, Zinseszinsen und Anwaltshonorare.
Weil Singer damit drohte, dass er peruanische Gelder im Ausland gerichtlich pfänden bzw. einfrieren lassen werde und dass er über Klagen und politische Einflussnahme versuchen werde, die Verhandlungen mit den internationalen Institutionen über eine Neustrukturierung der Schulden Perus zu blockieren, hatte er Erfolg.
Während die Gläubigermehrheit ein Umschuldungsprogramm unterstützte, erstritt sich Elliott Associates vor Gericht 58 Millionen Dollar – nach einer ursprünglichen "Investition" von wie gesagt 11 Millionen Dollar.
Ein so lukratives "Geschäftsmodell" hat inzwischen zahlreiche Nachahmer gefunden.


S. 140) Als der BBC-Reporter Greg Palast den Gründer von Donegal, Michael Sheehan, darauf ansprach, ob er bei seinen Geschäften mit der Not der Ärmsten der Armen keine Gewissensbisse habe, antwortete Sheehan ungerührt: "Das sind nicht meine Schulden. Ich hatte lediglich die Möglichkeit zu einem Investment."



S. 142) Kanonisierte Du-Sollst-Religion: Jesus first

Auf die Frage nach dem wichtigsten aller Gebote antwortet Jesus:

"Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben mit ganzem Herzen, mit ganzer Seele und mit all deinen Gedanken. Das ist das wichtigste und erste Gebot.
Ebenso wichtig ist das zweite: Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst. An diesen beiden Geboten hängt das ganze Gesetz samt den Propheten." (Mt 22:37-40)

Das heißt ganz unmissverständlich: Die Nächstenliebe ist nicht das Sahnehäubchen auf der Festtagstorte des christlichen Lebens, also etwas, was man zur Not auch weglassen könnte.
Nein, ohne Nächstenliebe kein Christsein!



S. 144) Der endgültige Christus

Erst nach diesen Seligpreisungen der Heilszusage Gottes an die Menschen also, formuliert Jesus in den Antithesen der Bergpredigt jene Gebote, in denen er seinen Jüngern die "größere Gerechtigkeit" abverlangt. Jesus wendet sich hier gegen eine legalistische Interpretation des alttestamentlichen Gesetzes, wie sie von vielen Schriftgelehrten und Pharisäer seiner Zeit praktiziert wurde. ("Die Hauptkontrahenten von einst, die Römisch-Katholische Kirche und die Evangelisch-Lutherischen Kirchen, haben am Reformationstag 1999 ihren Streit beigelegt.") Für Jesus kommt es nicht auf den Buchstaben, sondern auf den Geist des Gesetzes an, das er im Lichte des Liebesgebotes auslegt. So zeigt er auf, was möglich ist, wenn der Mensch auf die in ihm, dem Christus, endgültig offenbar gewordene Liebe Gottes mit aller Konsequenz antwortet. Das alttestamentliche Gebot der Nächstenliebe weitet sich in der Predigt Jesu vor diesem Horizont bis hin zu dem Gebot der Feindesliebe:

"Ihr habt gehört, dass gesagt worden ist, du sollst deinen Nächsten lieben und deinen Feind hassen. Ich aber sage euch, liebt eure Feinde und betet für die, die euch verfolgen." (Mt 5:43 f.)

Natürlich steckt in diesem Gebot der Feindesliebe [...] insgesamt eine enorme Herausforderung [...] auch für mich als Bischof.

S. 147) Wie Jesus sollten wir Christen in die bisweilen düsteren Realitäten dieser Welt die frohe Botschaft von dem kommenden und in Christus schon angebrochenen Reich Gottes verkünden und in tätiger Nächstenliebe erlebbar machen. [...] Gottesliebe vollzieht sich gemäß der Botschaft Jesu in der Menschenliebe.



S. 150) Der gemarterte Messias und die Institution der Kranken- und Elendsfürsorge

Diese Praxis christlicher Nächstenliebe war in der Antike ein Missionsfaktor ersten Ranges, denn die Fürsorge für Notleidende außerhalb der eigenen Familie und des eigenen Freundeskreises war innerhalb der Welt der Spätantike keine moralische Pflicht. Natürlich gab es auch in der heidnischen Antike spontane Regungen des Mitleids gegenüber der Not anderer, aber es gab keine allgemein anerkannte Tugend der Nächstenliebe und erst recht keine Institutionen, in denen eine solche Tugend gepflegt worden wäre.
Der frühe christliche Schriftsteller Tertullian (ca. 160-220) berichtet, wie sehr die Sorge der Christen für ihre notleidenden Mitmenschen ihre heidnische Umwelt in Erstaunen versetzt hat.
Nehmen wir als Beispiel die Krankenfürsorge. Krankenhäuser gab es in der Spätantike nicht.
Es gab zwar an einzelnen Tempeln, die zu Ehren von Heilgöttern errichtet worden waren, Herbergen, in denen sich wohlhabende Leute aufnehmen und von Priesterärzten behandeln lassen konnten. Und es gab auf großen Landgütern und in römischen Heerlagern Lazarette, sogenannte Valetudinarien, für Sklaven und Soldaten. Aber diese verfolgten kein fürsorgerisches Ideal, sondern ein rein pragmatisches Interesse: Sie dienten der Erhaltung der Arbeitskraft der Sklaven beziehungsweise der Wehrtüchtigkeit. Valetudinarien zur Gesundheitsversorgung der einfachen Bevölkerung in großen Städten sind hingegen bisher nicht entdeckt worden.
Krankenhäuser zur allgemeinen Krankenbetreuung, die auch und gerade Kranken aus den armen Bevölkerungsschichten offen standen, sind erstmals in großen christlichen Gemeinden errichtet worden, früh nachweisbar etwa von Bischof Basilius von Caesarea (ca. 330-379).



S. 152 ff.) Politische Wohltätigkeit gerade in Trier

Er, der aus einer reichen Familie stammte, brauchte sein ganzes eigenes Vermögen für die Armenfürsorge auf und griff in der "Suppenküche" auch schon mal selbst zur Schöpfkelle. Er errichtete eine ganze "Sozialstadt", die sogenannte Basilias, die er einem eigenen Bischof unterstellte und in der Obdachlose, Kranke, Fremde und Aussätzige Zuflucht fanden.
Natürlich muss ich zugeben, dass nicht jeder Christenmensch und beileibe auch nicht jeder Bischof im Lauf der Kirchengeschichte einen solchen Sensus für die soziale Dimension des Evangeliums hatte, aber es gibt viele beeindruckende Zeugnisse davon, wie bereits in der Spätantike zahlreiche einzelne Christen und ganze Gemeinden sich finanziell völlig verausgabten, um Witwen und Waisen zu versorgen, Arme und Kranke zu betreuen, Sklaven und Gefangene loszukaufen und Fremde zu beherbergen. Gerade in Trier, wo es schon seit dem 3. Jh. einen Bischof gab, habe ich auf Schritt und Tritt den Atem der Geschichte des Christentums gespürt.
Und das hat mich immer wieder mit großem Respekt und Dankbarkeit erfüllt.
Es stimmt, dass die Kirche im Lauf der Geschichte vor allem im europäischen Mittelalter zu einem gewaltigen Reichtum gekommen ist. Und es stimmt auch, dass viele Bischöfe zu dieser Zeit von diesem Reichtum fürstlich gelebt haben und sich um die Sorgen und Nöte der einfachen Menschen wenig geschert haben.
Aber dennoch bleibt es wahr, dass im gesamten Mittelalter die Kirche die einzige öffentliche Institution war, die die Fürsorge für die Armen und Kranken wahrnahm und dafür auch beträchtliche Mittel aufwendete. Neben Bischofskirchen und Klöstern wurden Hospitäler und Herbergen errichtet. Ganze Ordensgemeinschaften widmeten sich der Betreuung von Armen, Waisen, Alten, Pilgern, Kranken und Aussätzigen.


Gottesfrieden als Vorläufer von Rechtsstaat und Gewaltmonopol


Die Kirche beschränkte sich aber nicht nur auf die Einrichtung und Unterhaltung solcher karitativer Einrichtungen, sondern versuchte durchaus auch strukturelle Verbesserungen für die Bedürftigen zu erreichen. So gab es erhebliche kirchliche Anstrengungen, die waffenlose einfache Bevölkerung vor Übergriffen des bewaffneten Adels zu schützen. Im Mittelalter trugen Adelige immer wieder bewaffnete Privatfehden aus.
Weil die verfehdeten Ritter einander dabei aber meist nicht gefahrlos habhaft werden konnten, drangsalierten sie vorzugsweise die wehrlosen Untertanen ihres jeweiligen Gegners, raubten deren Bauern das Vieh, vergewaltigten Frauen, mordeten und brandschatzten. Die Grenzen zwischen Fehde und Raubrittertum waren dabei fließend und für die einfachen Menschen, die unter diesen immer wiederkehrenden Ausschreitungen erheblich zu leiden hatten, ohnehin nicht erkennbar.
Zur Bekämpfung dieses Fehdewesens entwickelte sich die sogenannte kirchliche "Gottesfriedensbewegung".
Durch den Gottesfrieden sollten Kleriker, Frauen, Bauern und deren Vieh vor Übergriffen geschützt werden. Wer gegen den Gottesfrieden verstieß, musste mit empfindlichen Kirchenstrafen bis hin zur Exkommunikation rechnen. Und die Bischöfe versuchten auch, die Politik, also Kaiser und Hochadel, auf ihre Seite zu ziehen, damit diese Friedensmilizen aufstellten, um die Einhaltung des Gottesfriedens durch den niederen Adel kontrollieren zu können. Die Gottesfriedensbewegung bildete so einen entscheidenden Ausgangspunkt für die Entwicklung hin zum Gewaltmonopol des Staates, einer wesentlichen Voraussetzung des modernen Rechtsstaates.
Und Theologen und Kirchenjuristen waren es, die im 16. Jh. wesentlich beigetragen haben zur Entstehung des Völkerrechts, also einer globalen Vorstellung von Recht und Gerechtigkeit.

October 7, 2010

Die Mont Pelerin Society



Reinhard Marx 2008: Das Kapital

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S. 82 ff.) Die neoliberale Dienerin der Menschlichkeit

Die geniale und richtige Idee der Marktwirtschaft ist, dass die unterschiedlichen wirtschaftlichen Interessen der Einzelnen vielfältige Kräfte und Ressourcen freisetzen, die Ergebnisse dieses marktwirtschaftlichen Geschehens aber – durch die Verbundenheit in einer gemeinsamen Ordnung – nicht nur den einzelnen Akteuren, sondern auch dem Ganzen zugute kommen. Deshalb hat die Kirche den Wettbewerb nie abgelehnt, aber immer darauf hingewiesen, dass es sich um ein Instrument handelt, das zum Wohl aller Menschen eingesetzt werden muss, und nicht um ein regulatives Prinzip, was letztlich die Personalität des Menschen gefährden würde.
Hier hat Pius XI. in seiner berühmten Enzyklika Quadragesimo anno 1931 den entscheidenden "Grundirrtum der individualistischen Wirtschaftswissenschaft" gesehen, "aus dem all ihre Einzelirrtümer sich ableiten:

In Vergessenheit oder Verkennung der gesellschaftlichen wie der sittlichen Natur der Wirtschaft glaubte sie, die öffentliche Gewalt habe der Wirtschaft gegenüber nichts anderes zu tun, als sie frei und ungehindert sich selbst zu überlassen. Im Markte, d.h. im freien Wettbewerb, besitze diese ja ihr regulatives Prinzip in sich, durch das sie sich vollkommener selbst reguliere, als das Eingreifen irgendeines geschaffenen Geistes dies je vermöchte.
Die Wettbewerbsfreiheit – obwohl innerhalb der gehörigen Grenzen berechtigt und von zweifellosem Nutzen – kann aber unmöglich regulatives Prinzip der Wirtschaft sein."

Papst Pius XI. wollte damit sagen, dass die Marktwirtschaft kein Selbstzweck ist. Zweck an sich ist nur der Mensch mit seiner Personenwürde, der Markt aber ist ein Mittel im Dienst des Menschen.
Die großen liberalen Vordenker der marktwirtschaftlichen Erneuerung im 20. Jh. haben das übrigens genauso gesehen. Alexander Rüstow, der auf dem Walter-Lippmann-Colloquium von 1938 den Begriff des "Neoliberalismus" prägte, charakterisierte die Wirtschaft einmal als "Dienerin der Menschlichkeit".
Hier sieht man übrigens, dass "Neoliberalismus" ursprünglich etwas ganz anderes bezeichnete als das, was in der politischen Diskussion heute damit meist gemeint ist. Der Neoliberalismus wollte sich von dem alten Wirtschaftsliberalismus, dem Alt- oder Paläoliberalismus, abgrenzen und bekannte sich zu der sozialen Verantwortung der Wirtschaft und dem Primat des Gemeinwohls bzw. der Politik.
Es ist eine Schande, dass der Begriff des Neoliberalismus heute verwendet wird, um eine sich ausbreitende marktradikale kapitalistische Ideologie zu kritisieren, wo doch die ursprünglichen und eigentlichen Neoliberalen selbst diese Ideologie zeitlebens bekämpft haben.

S. 87) Nun kann man sicher sagen, dass es ziemlich leichtfertig ist, eine Immobilie zu kaufen, ohne sie gesehen zu haben. Aber die Betrogenen haben sich wohl auf die guten Namen der kreditgebenden Geldinstitute verlassen.
Und die involvierten Banken, Bausparkassen und Immobilienhändler haben dieses Vertrauen bedenkenlos ausgenutzt und ihren Informationsvorsprung gegenüber ihren Kunden ausgespielt, um sie rücksichtslos auszunehmen.

S. 88 f.) Wenn einige aber meinen, die Freiheit des Marktes dazu nutzen zu können, andere zu betrügen und zu ruinieren, dann muss der Staat das Recht haben, das zu unterbinden. Sonst diskreditieren und unterminieren diese Leute das ganze System. Wie wir eine wehrhafte Demokratie haben, die diejenigen abwehrt, die die politische Freiheit missbrauchen, brauchen wir in gewisser Weise eine "wehrhafte Soziale Marktwirtschaft", die diejenigen abwehrt, die die wirtschaftliche Freiheit missbrauchen.



S. 89 ff.) Bischof Höffners Sozioökonotheologie

Es ist mir aus mehreren Gründen ein Anliegen, an dieser Stelle noch etwas genauer auf Joseph Höffner einzugehen, der ein in mancherlei Hinsicht bemerkenswerter Mann war. Höffner, der im Westerwald in einfachen Verhältnissen aufwuchs, war eine der bedeutendsten Persönlichkeiten des kirchlichen Lebens in der alten Bundesrepublik Deutschland. [...] Nach seinem Tod wurde er von der Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem in Jerusalem mit dem Ehrentitel "Gerechter unter den Völkern" ausgezeichnet. Höffner hatte als junger Pfarrer im März 43 ein damals siebenjähriges jüdisches Mädchen in seinem Pfarrhaus in Kail, heute Landkreis Cochem-Zell in Rheinland-Pfalz, aufgenommen. Als er kurz darauf nach Trier versetzt wurde, vertraute er das Kind einer Familie in der Gemeinde an. Er sorgte aber auch dafür, dass niemand außer ihm die wahre Identität des Kindes kannte, damit die Verantwortung nur auf ihn zurückfallen konnte. Auch Höffners Schwester Helene versteckte in dem gemeinsamen Elternhaus ein jüdisches Ehepaar.

Aber Höffner war nicht nur Seelsorger, sondern auch Wissenschaftler. Von 1945-62 war er Professor – zunächst in Trier und seit 51 in Münster. Dort gründete er das Institut für Christliche Sozialwissenschaften (ICS).
Sein 62 erstmals veröffentlichtes Buch Christliche Gesellschaftslehre erfreut sich auch heute noch ungebrochener internationaler Popularität und ist eines der erfolgreichsten Lehrbücher, das jemals zur Katholischen Soziallehre verfasst worden ist. Das ist sicher auch der Tatsache zu verdanken, dass dieses Werk in einer uneitlen, schnörkellosen Sprache verfasst ist, die es nicht nur für Theologen und Sozialwissenschaftler, sondern auch für "Praktiker" aus Politik, Wirtschaft und Gesellschaft gut lesbar macht. [...] In seiner Dissertation mit dem Titel Wirtschaftsethik und Monopole im 15.u.16. Jh. hatte er herausgearbeitet, dass die mittelalterliche Theologie, insbesondere die Spätscholastik, bereits entscheidende Elemente der späteren wirtschaftsliberalen Theorie wie die freie Preisbildung auf dem Markt befürwortet hatte.
Interessanter noch als der bloße Umstand, dass Höffner zusätzlich den Doktor der Wirtschaftswissenschaften erworben hat, ist die Tatsache, bei wem er das getan hat: bei Walter Eucken ("Eucken war, wie der Historiker Bernd Martin feststellte, 'der eigentliche Widerpart Martin Heideggers.'"), dem Begründer der sogenannten "Freiburger Schule", des geistigen Zentrums der neoliberalen Wirtschaftstheorie in Deutschland.
Der Neoliberalismus im ursprünglichen Sinne stellte, wie bereits gesagt, eine entscheidende Weiterentwicklung des klassischen Wirtschaftsliberalismus in der Tradition von Adam Smith dar. [...]



S. 91 f.) Ordoliberale(r) Think Tank/PR-Panzer/Frömmigkeitsfestung/Argumenteschmiede

Es ist kein Zufall, dass der Neoliberalismus seine geistigen Wurzeln in Deutschland hat.
Walter Eucken (see Mont Pelerin Society), Wilhelm Röpke, Franz Böhm, Alexander Rüstow und ihre geistigen Mitstreiter erlebten den Niedergang der Weimarer Republik und führten diesen auch auf wirtschaftspolitische Fehler zurück. Der Weimarer Staat war zu schwach – nicht nur gegenüber politisch, sondern auch gegenüber wirtschaftlich destruktiven Kräften. Die Kartelle, die zentrale Wirtschaftszweige im Reich beherrschten, und die mächtigen Interessengruppen hatten unselige Beiträge zum Niedergang der ersten deutschen Demokratie geleistet. Sie hatten so einen besonders traurigen Beweis dafür geliefert, dass der Markt nur dann im Dienst des Gemeinwohls wirken kann, wenn eine stabile, vom Staat garantierte Rahmenordnung besteht und wenn die Moral der handelnden Personen intakt ist. Wegen der Betonung der Wichtigkeit eines solchen Ordnungsrahmens und einer entsprechenden Ordnungspolitik wurden die Neoliberalen auch Ordoliberale genannt.



S. 94) Volle menschliche Freiheit mit religiösem Mittelpunkt

In der Enzyklika Centesimus annus (1991) von Papst Johannes Paul II. ist die Diskussion der Katholischen Soziallehre mit dem Wirtschaftsliberalismus in gewisser Weise zu Ende geführt worden. [...]
Der Papst meint, eine Antwort auf diese Fragen sei kompliziert, und er äußert sich differenziert: "Wird mit 'Kapitalismus' ein Wirtschaftssystem bezeichnet, das die grundlegende und positive Rolle des Unternehmens, des Marktes, des Privateigentums und der daraus folgenden Verantwortung für die Produktionsmittel, der freien Kreativität des Menschen im Bereich der Wirtschaft anerkennt, ist die Antwort sicher positiv.
Vielleicht wäre es passender, von 'Unternehmenswirtschaft' oder 'Marktwirtschaft' oder einfach 'freier Wirtschaft' zu sprechen. Wird aber unter 'Kapitalismus' ein System verstanden, in dem die wirtschaftliche Freiheit nicht in eine feste Rechtsordnung eingebunden ist, die sie in den Dienst der vollen menschlichen Freiheit stellt und sie als eine besondere Dimension dieser Freiheit mit ihrem ethischen und religiösen Mittelpunkt ansieht, dann ist die Antwort ebenso entschieden negativ."


S. 96) Diejenigen, die nach dem Zweiten Weltkrieg häufig auch aus ihrer christlichen Überzeugung heraus in Deutschland die Soziale Marktwirtschaft etabliert haben, waren sich in dieser Zielsetzung mit der Kirche einig. Sie wollten, wie es Alfred Müller-Armack einmal formuliert hat, "das Prinzip der Freiheit auf dem Markte mit dem des sozialen Ausgleichs verbinden."



S. 111) Der Begründer der modernen empirischen Sozialforschung

Seit der Weltwirtschaftskrise wissen wir aber nicht nur, welche Folgen Massenarbeitslosigkeit für eine Gesellschaft haben kann, sondern wir wissen auch ziemlich genau, was Arbeitslosigkeit für die einzelnen Betroffenen bedeutet. Denn mit der Massenarbeitslosigkeit entstand auch die Arbeitslosigkeitsforschung.
Der bis heute äußerst lesenswerte Klassiker dieses Genres ist die 1933 von Marie Jahoda, Hans Zeisel und Paul Lazarsfeld ("Stipendiat der Rockefeller Foundation") veröffentlichte Studie "Die Arbeitslosen von Marienthal". Diese Untersuchung war der erste Versuch, mit Hilfe empirischer Forschungsmethoden die psychosozialen Folgen von Arbeitslosigkeit zu ermitteln.



S. 113 f.) Teilnahmslosigkeit

Vor der Fabrikschließung war Marienthal ein äußerst lebendiger Ort mit einem regen und bunten Vereinsleben und einer Vielzahl von politischen, kulturellen und sportlichen Veranstaltungen. [...] Nach der Fabrikschließung jedoch präsentierten sich das Dort und seine Einwohner den Forschern als eine durch und durch "müde Gemeinschaft", in der sich niemand mehr für die anderen oder die gemeinsamen Angelegenheiten interessierte, in der sich viele noch nicht einmal mehr um ihre eigenen Belange kümmerten. Sichtbarer Ausdruck dieser inneren und äußeren "Verwahrlosung" von Marienthal war beispielsweise der Park, auf dessen Pflege die Arbeiter ehedem viel Zeit und Mühen verwendet hatten. [...] Obwohl fast jeder Marienthaler mehr als genug Zeit dafür gehabt hätte, kümmerte sich niemand mehr um den Park. Die Menschen hatten einfach das Interesse verloren. Dasselbe Phänomen allgemeiner Teilnahmslosigkeit war in Marienthal an allen Ecken und Enden zu sehen. Das Vereinsleben war weitgehend zum Erliegen gekommen. Und bei der Untersuchung der Kartei der Arbeiterbücherei im Ort stellten die Forscher fest: Obwohl im Gegensatz zu der Zeit vor der Massenarbeitslosigkeit keine Leihgebühren mehr erhoben wurden und die Menschen nun viel mehr Zeit gehabt hätten, um zu lesen, waren seit der Fabrikschließung die Entleihungen um mehr als die Hälfte zurückgegangen.
Der Verlust der Kollegen und der aktive Rückzug von anderen sozialen Kontakten führten die Arbeitslosen von Marienthal in eine relative Isolation. Das Sozialleben beschränkte sich bei den meisten nur noch auf die familiären Nahbeziehungen. Und das wiederum führte in vielen Familien zu vermehrten Spannungen.



S. 121) Unterschied zwischen Marxisten und Jesuisten

Der amerikanische Ökonom Lester C. Thurow bezeichnet die wachsende Zahl der Arbeitslosen und der "working poor" in seiner Heimat mit einem bösen Wort von Karl Marx: "Lumpenproletariat".
Für das "Lumpenproletariat" seiner Zeit hatte Karl Marx übrigens nur Verachtung übrig.
Er bezeichnete es als die "passive Verfaulung der untersten Schichten" der Gesellschaft, das für die Revolution nicht zu gebrauchen war, sondern eher in der Gefahr stand, von den reaktionären Kräften gekauft zu werden. Hier liegt auch der Grund dafür, dass sich unter den Bolschewisten nicht nur "Kapitalisten" dem Generalverdacht "konterrevolutionärer Umtriebe" ausgesetzt sahen, sondern auch "Gammler", "Landstreicher" oder sonst irgendwie sozial Auffällige. Wenn es um die Ärmsten der Armen ging, hielt sich das Mitleid der Marxisten traditionell sehr in Grenzen. Eine solche Haltung kann für einen Christen nicht akzeptabel sein.
Wie die Arbeitslosen in Europa führen auch die "working poor" in den USA ein Leben am Rande der Gesellschaft. Sie haben zwar Arbeit, aber diese gibt ihnen weder das Einkommen noch die soziale Anerkennung, die man gewöhnlich mit Erwerbsarbeit verbindet.



S. 128 f.) Das Heilige Römische Reich und der Pirat

Aber die Ausrichtung auf die Gerechtigkeit hin muss bleiben, sonst hat die Politik ihren tiefsten Sinn verloren.
Denn "Gerechtigkeit ist Ziel und daher auch inneres Maß aller Politik," wie Papst Benedikt XVI. in seiner Antrittsenzyklika Deus caritas est kurz und bündig sagt.
Der Kirchenvater Augustinus hat das schon vor rund 1600 Jahren sehr schön auf den Punkt gebracht:

"Was anderes sind also Reiche, wenn ihnen Gerechtigkeit fehlt, als große Räuberbanden? Sind doch auch Räuberbanden nichts anderes als kleine Reiche. Auch das ist eine Schar von Menschen, die unter Befehl eine Anführers steht, sich durch Verabredung zu einer Gemeinschaft zusammenschließt und nach fester Übereinkunft die Beute teilt. Wenn dies üble Gebilde durch Zuzug verkommener Menschen so ins Große wächst, dass Ortschaften besetzt, Niederlassungen gegründet, Städte erobert, Völker unterworfen werden, nimmt es ohne weiteres den Namen Reich an, den ihm offenkundig nicht etwa hingeschwundene Habgier, sondern erlangte Straflosigkeit erwirbt. Treffend und wahrheitsgemäß war darum die Antwort, die einst ein aufgegriffener Seeräuber Alexander dem Großen gab. Denn als der König den Mann fragte, was ihm einfalle, dass er das Meer unsicher mache, erwiderte er mit freimütigem Trotz: 'Und was fällt dir ein, dass du das Erdreich unsicher machst? Freilich, weil ich's mit einem kleinen Fahrzeug tue, heiße ich Räuber. Du tust's mit einer großen Flotte und heißt Imperator.'" (De Civitate Dei IV, 4)

October 6, 2010

Freiheit nur bei eingewurzelter Wahrheit



Reinhard Marx 2008: Das Kapital

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S. 54 f.) Moralischer Grundwasserspiegel und zentraler Konstruktionspunkt

Der vulgärliberale Satz, dass dem Wohl des Einzelnen und dem Wohl des Ganzen schon dann hinreichend gedient sie, wenn jeder unbehelligt vom Staat seinen eigenen Vorteil verfolgen könne, stimmt schlicht und ergreifend nicht. Freiheit kann weder in technizistischer noch in ökonomistischer Verengung hinreichend begriffen werden.
Das heißt nicht, dass es keine Forschungsfreiheit oder wirtschaftliche Freiheit geben soll. Aber beide sind nicht grenzenlos. Und solche Grenzen werden eben u.a. von der Menschenwürde und dem Gemeinwohl markiert.
Und diese Orientierung am Gemeinwohl setzt einen moralischen Grundwasserspiegel bei den Akteuren voraus.
Die wirklich großen liberalen Ökonomen des 20. Jh.s haben das übrigens sehr gut gewusst.
[...] Unser verstorbener Papst sagt hier, dass der zentrale Konstruktionspunkt der kirchlichen Soziallehre das Thema der Freiheit des Menschen ist. [...]

"Die Freiheit wird dem Menschen vom Schöpfer gegeben als Gabe und Aufgabe zugleich.
Der Mensch ist nämlich dazu berufen, mit seiner Freiheit die Wahrheit über das Gute anzunehmen und zu verwirklichen. Indem er einen wahren Wert in seinem persönlichen Leben und in der Familie, im wirtschaftlichen und politischen Bereich, auf nationaler und internationaler Ebene wählt und in die Tat umsetzt, verwirklicht er seine eigene Freiheit in der Wahrheit."

[...] Manch einer mag in diesen Aussagen die traurige Anhänglichkeit an ein vormodernes Freiheits- und Wahrheitsmodell erkennen. Dabei darf aber nicht vergessen werden, dass die Begründer des Liberalismus und auch die großen Liberalen des 20. Jh.s einen ganz ähnlichen Freiheitsbegriff vertreten haben, dass sie zumindest ein hedonistisches Freiheitsverständnis entschieden abgelehnt haben.


Worauf die gesamte Zivilisation beruht


Einer der bedeutendsten liberalen Denker des letzten Jh.s, der Wirtschaftsnobelpreisträger Friedrich August von Hayek (1899-1992), hat zeitlebens vor einem "falschen Individualismus" gewarnt, der Freiheit mit Beliebigkeit verwechselt. In seinem berühmten Buch Die Verfassung der Freiheit schreibt er:

"Es ist eine Tatsache, die all die großen Vorkämpfer der Freiheit außerhalb der rationalistischen Schule nicht müde wurden zu betonen, dass Freiheit ohne tief eingewurzelte moralische Überzeugungen niemals Bestand gehabt hat und dass Zwang nur dort auf ein Mindestmaß herabgesetzt werden kann, wo zu erwarten ist, dass die Individuen sich in der Regel freiwillig nach gewissen Grundsätzen richten." (Neuausgabe Tübingen 2005, S. 83)

Hayek, der bekennender Agnostiker war, aber nie die Kirche verlassen hat und sich auch kirchlich beerdigen ließ, sah im religiösen Glauben die einzige zuverlässige Vermittlungsinstanz solcher notwendigen moralischen Überzeugungen. Es war für ihn eine der bedeutendsten Leistungen des Christentums, dass es in Verbindung mit dem römischen Rechtsdenken universelle Regeln des Zusammenlebens der Menschen hervorgebracht hat.
Er hat dem heute vorherrschenden rationalistischen Wahrheitsbegriff in der Tradition von Descartes (1596-1650) zutiefst misstraut und demgegenüber die Vernunft des Glaubens betont. Denn seiner Ansicht nach

"beruht unsere ganze Zivilisation darauf – und muss darauf beruhen – dass wir vieles glauben, von dem wir nicht wissen können, ob es im cartesischen Sinne wahr ist."
("Recht, Gesetzgebund und Freiheit" 1981, Landsberg am Lech, Band 1, S. 27)

Damit hat Hayek nicht dem religiösen Fundamentalismus das Wort geredet, sondern sich gegen die heute weithin verbreitete Darstellung gewendet, dass Glaube und Vernunft in einem Gegensatz zueinander stünden.
Glaube und Wissen, Glaube und Vernunft sind aufeinander bezogen.

S. 57) Wenn es keine Wahrheit mehr gibt und kein gemeinsames Sichbemühen um Wahrheit, sondern nur Meinungen, die nebeneinander stehen, dann ist eine Kommunikation über Letztbegründungen oder über letzte Ausrichtungen des Menschen oder über die Frage "Was ist der Mensch?" nicht möglich.
Die Frage nach dem Menschen und dem Menschenbild ist aber die zentrale Frage überhaupt.



S. 58 ff.) Christliches Blut in den Adern der Moderne

Ich bin der festen Überzeugung, dass die genuin christliche Perspektive durchaus einen Beitrag dazu leisten kann, Antworten auf diese Fragen zu finden, die heute nicht nur Christinnen und Christen, sondern sehr viele Menschen bewegen. Wenn ich diesen christlichen Standpunkt hier einbringen möchte, dann geht es mir nicht darum Gott zu beweisen, aber man kann die Frage nach dem Menschen und seiner wirklichen Freiheit m.E. nur umfassend beantworten, wenn man Gesichtspunkte mit einbezieht, die nicht nur dem naturwissenschaftlichen oder ökonomischen Paradigma gehorchen, also der Logik: Was bringt es? Funktioniert es? Kann ich es experimentell abrufen? Wirft es Gewinn ab? So lässt sich die Frage nach der Freiheit des Menschen nicht erschöpfend beantworten. Das ist für mich ein wichtiges Anliegen, das ich einbringen möchte.
Es hat nichts zu tun mit einem Rückfall vor die Aufklärung, sondern mit der Erweiterung der Perspektive über den Menschen und seine Hoffnungen, seine Möglichkeiten.
Durch diese Erweiterung der Perspektive wird auch kein "christlicher Fremdkörper" in die "säkularisierte Moderne" eingebracht, denn so säkularisiert, wie manche denken, ist die Moderne keineswegs. An der Oberfläche mag es so scheinen, mag die Bindung an die Kirchen bei vielen abnehmen, aber subkutan fließt christliches Blut durch die Adern dieser Gesellschaft.
Der in Hannover lehrende Philosoph Detlef Horster hat einmal festgestellt:

"Alle unsere grundlegenden Werte stammen aus dem Christentum."

Nehmen wir nur einmal die für uns so grundlegende Vorstellung von dem Menschen als Person mit einer unveräußerlichen Menschenwürde. Diese Idee geht wesentlich zurück auf christologische und trinitätstheologische Spekulationen spätantiker christlicher Philosophen und Theologen.
Die Vorstellung der Trinität ist im Studium für mich sehr interessant gewesen, sie hat mich fasziniert. Manche fragen: Was hat das denn mit meinem Glauben zu tun? Das ist doch eine Sache der theologischen Experten: Vater, Sohn, Heiliger Geist, Trinität, ein Gott in drei Personen – völlig verrückt! Aber das geht es um das Zentrum des christlichen Glaubens. Gott ist Einer, und als der Eine seinem Wesen nach Beziehung, Dialog.
Deswegen sagen wir ja auch: Gott ist die Liebe. Und weil Gott die Liebe ist, ist das Konstruktionsprinzip der von ihm geschaffenen Welt auch Freiheit. Man kann, meine ich, von christlicher Theologie nicht sprechen, wenn man sich diesem Zentrum nicht gedanklich und damit begrifflich genähert hat.


Person = Selbststand in Relation


Und da ist eben auch genau der Punkt im Nachdenken über die Trinität, der direkt zum Personbegriff führt, nämlich das Verhältnis von Selbststand und Relation. Dass Gott wesentlich Beziehung zwischen Vater, Sohn und Geist ist, eine Beziehung, die gleichzeitig Selbststand ist, ist Ausgangspunkt auch der christlichen Anthropologie und des Personbegriffs des Menschen, der ja Ebenbild Gottes ist, wie uns die Bibel sagt. Der Mensch ist Selbststand in Relation. Das ist die direkte Formulierung des theologischen Begriffes der Person.
Selbststand bedeutet unantastbare Würde. Niemand darf über einen anderen verfügen – der Mensch ist Zweck an sich selbst, wie es Kant sagt, nicht bloßes Mittel für fremde Zwecke. Aber auch bei Kant lebt der Mensch in Relation: er hat den Hang sich zu vergesellschaften. Selbststand und Relation – das ist die Zusammenfassung des abendländischen Personenbegriffs. Man könnte es auch ganz einfach so sagen: Ich und Du und Wir sind grundsätzlich aufeinander bezogen und ohne einander nicht verstehbar.
Das ist ja eine ganz grundlegende Erfahrung, die wir alle gemacht haben. Erst die Liebe, das Wir zweier Menschen, unserer Eltern, hat uns das Leben, uns Ich geschenkt. Und er dadurch, dass uns unsere Eltern als Du angesprochen haben, haben wir ein Bewusstsein von unserem Ich entwickeln können. Erst diese liebende Anteilnahme hat uns zu selbstbewussten Personen reifen lassen.
Und darüber hinaus: Ich bin, weil Gott mich als Schöpfer anspricht und sagt: Du sollst leben!



S. 61) Marx wie er die Aufklärung aufklärt: "nach vorne offen" – Hilfe!

Die Aufklärung beantwortet in ihrem Freiheitspathos nicht, was Inhalt der Freiheit sein soll. Deswegen kann diese Freiheit auch eine Leerformel bleiben. Und insofern muss die Freiheit gebunden werden oder neu zurückgebunden werden an letztverbindliche Normen. Ohne diese Rückbindung wird Freiheit zur nach vorne offenen Beliebigkeit, zum Spiel der Interessen und der Macht.
In gewisser Weise braucht das aufgeklärte Denken also selbst Aufklärung, braucht es weiterhin das Projekt einer Dialektik der Aufklärung, einer "aufgeklärten Aufklärung".
[...] Im Zentrum dieses Projekts einer "aufgeklärten Aufklärung" stehen der Mensch und seine Würde.
Wenn wir uns nicht darüber einigen können, dass die Würde des Menschen unantastbar ist und auch durch Mehrheitsmeinungen nicht einfach neu interpretiert werden kann, werden sich die Freiheitsgewinne möglicherweise gegen den Menschen richten.



S. 64) Der tiefste Sitz der Krankheit unserer Kultur

Röpke war ein großer Ökonom ("gilt als einer der geistigen Väter der Sozialen Marktwirtschaft"), aber er hat sich zeitlebens gegen den Ökonomismus gewendet, der das ganze menschliche Zusammenleben auf ökonomisch Verrechenbares reduzieren möchte. Das Zitat entstammt seinem Buch, das den bezeichnenden Titel Jenseits von Angebot und Nachfrage trägt. "Ich habe immer Scheu gehabt, davon zu sprechen," schreibt Röpke dort, "da ich zu denen gehöre, die ungern ihre religiösen Überzeugungen zu Markte tragen.
Um es aber bei dieser Gelegenheit mit aller Deutlichkeit zu sagen:

Der tiefste Sitz der Krankheit unserer Kultur liegt in der geistig-religiösen Krise, die sich in jedem Einzelnen vollzogen hat und nur in der Seele jedes Einzelnen auch überwunden werden kann.
Wir haben, obwohl der Mensch vor allem ein Homo religiosus ist, seit einem Jh. den immer verzweifelteren Versuch gemacht, ohne Gott auszukommen und den Menschen, seine Wissenschaft, seine Kunst, seine Technik und seinen Staat in ihrer Gottferne, ja Gottlosigkeit selbstherrlich an seine Stelle zu setzen. Man darf überzeugt sein, dass eines Tages über die meisten wie eine Sturzwelle hereinbrechen wird, was jetzt erst wenigen klar ist: Jener verzweifelte Versuch hat eine Lage geschaffen, in der der Mensch als geistig-moralisches Wesen nicht existieren kann, was so viel heißt, dass er in ihr auf die Dauer überhaupt nicht existieren kann, trotz Fernsehen, Autobahnen, Vergnügungsreisen und komfortablen Appartements. Es ist, als hätten wir den Gottesbeweisen einen neuen und überzeugenden hinzufügen wollen: den indirekten Beweis aus den praktischen Folgen der angenommenen Nichtexistenz Gottes." (Stuttgart 1979, S. 25)


S. 68) Per Personalitätsprinzip Interpretationshoheit über wahre Freiheit

Man kann sagen, dass dieses Menschenbild – man spricht auch von dem Prinzip der Personalität – der Dreh- und Angelpunkt der kirchlichen Soziallehre ist. Freiheit und Personalität gehören dabei eng zusammen, denn nur Personen können wirklich frei sein. Das Personalitätsprinzip ist in der Christlichen Sozialethik – "sprechen Katholiken mehrheitlich von Soziallehre, evangelische Christen mehrheitlich von Sozialethik" – der Ausgangspunkt bei der Suche nach der rechten und gerechten Gestaltung des Miteinanders der Menschen.
Dabei leitet die kirchliche Soziallehre nicht einfach bestimmte Normen aus dem christlichen Menschenbild ab, sondern sie fragt, was dem Menschen gemäß ist, was ihn fördert und zur wahren Freiheit führt.
Anders als manche säkulare Philosophie des 20. Jh.s hat die Kirche nie den Anspruch erhoben, eine umfassende Gesellschaftstheorie vorzulegen. Sie hat im Lauf der Geschichte mit ihrer Sozialverkündigung vielmehr in kritischer Zeitgenossenschaft immer wieder strukturelle Missachtungen der Menschenwürde angeprangert, Verletzungen der Freiheit angeklagt und Gerechtigkeit für alle Menschen eingefordert.

S. 69) An den Lehrstühlen für christliche Gesellschaftslehre, die es an den meisten theologischen Fakultäten gibt, und an anderen christlich-sozialethischen Instituten versuchen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, die sozialethische Dimension des Evangeliums auf der Höhe der heutigen sozialwissenschaftlichen Diskurse zu formulieren.


S. 70) Ein Gefüge offener Sätze

Die kirchliche Soziallehre hat bestimmte Leitideen – an der Spitze eben die Idee der Personalität, also die Idee von der Einzigartigkeit und Unaustauschbarkeit jeden einzelnen Menschen – und diese Leitideen konfrontiert sie mit der jeweiligen geschichtlichen Realität, ohne den Anspruch zu erheben, eine vollkommene Ordnung für den Menschen herstellen zu können. Es geht ihr um stetige Verbesserungen der sozialen Strukturen auf eine je gerechtere Gesellschaft hin.
Sie ist deshalb auch beschrieben worden als ein "Gefüge von offenen Sätzen".
Mit anderen Worten: Sie bietet kein Instant-Rezept zum Anrühren, sondern sie sagt, was in eine gescheite Suppe hineingehört, damit sie schmeckt. Ihr Konstruktionspunkt ist nicht ein ideales System, sondern der Mensch als Person und seine umfassend verstandene Freiheit.



S. 77 f.) Freiheit nur durch staatliche Autorität

Auch die Kirche hat in ihrer langen Geschichte hinreichend leidvolle Erfahrungen mit staatlichen Ein- und Übergriffen in ihre ureigensten Angelegenheiten sammeln können. Deshalb hegen auch die kirchliche Soziallehre und zumal der politische Katholizismus in Deutschland traditionellerweise ein gesundes Misstrauen gegenüber einem Staat, der alles und jedes bestimmen will. Das Subsidiaritätsprinzip, das den Staat in seine Schranken weist, ist sogar erstmals in einer päpstlichen Sozialenzyklika explizit formuliert worden: Quadragesimo anno (1931). Und die einschlägige Formulierung dort geht, wie wir heute wissen, auf einen Deutschen zurück, den Jesuiten Gustav Gundlach:

"Wie dasjenige, was der Einzelmensch aus eigener Initiative und mit seinen eigenen Kräften leisten kann, ihm nicht entzogen und der Gesellschaftstätigkeit zugewiesen werden darf, so verstößt es gegen die Gerechtigkeit, das, was die kleineren und untergeordneten Gemeinwesen leisten und zum guten Ende führen können, für die weitere und übergeordnetere Gemeinschaft in Anspruch zu nehmen. Jede Gesellschaftstätigkeit ist ihrem Wesen nach subsidiär – sie soll die Glieder des Sozialkörpers unterstützen, darf sie aber niemals zerschlagen oder aufsaugen."

Bei allem Verständnis, das ich aus dieser Tradition heraus als katholischer Bischof und Sozialethiker für die liberale Abneigung gegen zu viel Staatsaktivität habe, muss ich aber doch kritisch feststellen: Was im klassischen Wirtschaftsliberalismus meist nicht gesehen worden ist, was mitunter auch heute noch oder wieder zu wenig gesehen und anerkannt wird, ist die Tatsache, dass der Staat nicht nur eine potenzielle Bedrohung für die Freiheit ist, sondern dass Freiheit, auch Marktfreiheit, nur durch die staatliche Autorität gesichert werden kann.

S. 80 f.) Wenn der Staat sich in seinem Arbeitsrecht, seinem Mietrecht oder seinem Verbraucherschutzrecht schützend vor die schwächere Vertragspartei stellt, dann beschränkt er damit nicht Freiheit, sondern er eröffnet Freiheitsräume. [...] Tatsächlich ist mir kein einziges historisches Beispiel bekannt, dass eine freie Marktwirtschaft ohne ein gewisses Maß an staatlichen Eingriffen und Regulierung sich irgendwo auf der Welt als segensreich für die Armen erwiesen hätte.

1963 (Eiserner Vorhang) – Rom schwenkt um



Reinhard Marx 2008: Das Kapital
"Plädoyer für den Menschen" – Münchner Theomarxismus

pt 2 Freiheit nur bei eingewurzelter Wahrheit
pt 3 Die Mont Pelerin Society
pt 4 Erst theologisiert, dann säkularisiert
pt 5 Katholisch geprägte Kommunisten
pt 6 Durchdachte Weltordnungspolitik
pt 7 Corporate Citizenship
pt 8 Würdenträger und Menschenwürde
pt 9 "9/11" und die sieben globalen Übel des Herrn M



S. 32) Marx-Murx

Es ist schon eine merkwürdige Ironie der Geschichte, lieber Namensvetter, diejenigen, die Ihre Theorien heute noch wahr werden lassen könnten, sind nicht nur die Marxisten, sondern auch die Kapitalisten, weil sie zu vergessen drohen, dass Politik anders als Wirtschaft funktioniert und dass man Bürger und Wähler nicht wie Arbeitnehmer entlassen kann.
Ich möchte meinen Brief an Sie beschließen mit einem Satz von Oswald von Nell-Breuning, wie Sie ein Sohn der Stadt Trier und der wohl bedeutendste Vertreter der katholischen Sozialwissenschaften im 20. Jh.:

"Die katholische Soziallehre sieht in Marx ihren großen Gegner. Sie bezeugt ihm ihren Respekt" (Katholische Kirche und Marxsche Kapitalismuskritik, 1967, S. 374)

S. 33 f.) Beim Bund katholischer Unternehmer (BKU) etwa treffe ich auf Inhaber mittelständischer Familienunternehmen, die sich große Sorgen um ihre Betriebe machen. [...]
Auch bei der Katholischen Arbeitnehmer-Bewegung (KAB) begegne ich Menschen mit Sorgen.



S. 37 ff.) Ich will ehrlich sein

Als Markstein in der politischen Emanzipationsgeschichte wird die Positionierung individueller Freiheitsrechte betrachtet, wie sie erstmalig 1776 in der Virginia Bill of Rights und dann 1789 in der französischen Menschen- und Bürgerrechtserklärung erfolgte. Die Menschenrechte kann man als ein konkretes, geschichtlich gewachsenes Erbe der europäischen und der nordamerikanischen Geschichte bezeichnen.
Sie sind gerade deswegen mit unserer gemeinsamen Geschichte so eng verknüpft, weil sie, um geltendes Recht zu werden, in leidvollen Prozessen erst erkämpft und erstritten werden mussten.
Ich will ehrlich sein, und deshalb muss ich leider zugeben: Vor allem in Europa musste die Menschenrechtsidee auch gegen die Kirche durchgesetzt werden. In der Frühphase ihrer Artikulierung wurden die Menschenrechte durch die Kirche aggressiv abgelehnt. Die Rede war von einer "Selbstermächtigung des Menschen", der sich plötzlich an die Stelle Gottes setzen wolle. Von einem "Aufstand des Menschen gegen Gott" und von den "zügellosen Freiheitslehren", die nicht nur von einer genuin christlichen Ethik, sondern sogar vom Naturrecht abweichen würden (so sogar noch Papst Leo XIII. in seiner Enzyklika Immortale Dei von 1885, ein Papst, der in sozialen Fragen weitaus fortschrittlicher dachte).

So weit die Fakten, aber man muss auch nach den tieferen Gründen für diese zunächst entschiedene Ablehnung fragen. [...] Es ist dennoch unbestreitbar, dass es einige Zeit gebraucht hat, bis die Kirche als ganze Demokratie und Menschenrechte nicht mehr als Angriff auf sich selbst und ihre Sicht von Welt und Mensch sah, sondern in ihnen einen Weg erkennen konnte, auf dem sich in rechtlich-politischer Sprache ein Teil ihres eigenen Programms, eine Grundoption des Evangeliums ausdrückt. Diese Anerkennung hat mittlerweile aber längst stattgefunden. Die Enzyklika Pacem in terris von 1963 gilt als der Meilenstein, mit dem sich die kirchliche Würdigung der modernen Menschenrechte Bahn brach. Papst Johannes XXIII. war der erste, der die epochale Bedeutung der Menschenrechte als Grundlage des friedlichen Zusammenlebens zwischen den Völkern in einem offiziellen Dokument der katholischen Kirche ohne Wenn und Aber anerkannt hat.



S. 40) Dominus Domini

Auch für mich selbst ist der Zusammenhang von Freiheit und Evangelium sehr wichtig.
Deshalb habe ich mich nach meiner Ernennung zum Bischof für den Wahlspruch "Ubi spiritus Domini, ibi libertas" entschieden: "Wo der Geist des Herrn wirkt, das ist Freiheit." (Paulus, 2 Kor 3:17)
["Geist des Herrn" and "A spectre is haunting Europe – the spectre of ..." black Jesuitism]



S. 42 ff.) Bewusst verengt und "Der neuzeitliche Dualismus"

Der letztlich unüberbrückbare Gegensatz zwischen einer christlichen Ethik und dem Marxismus ergibt sich nicht aus Marx' ökonomischen Analysen, sondern aus eben diesem Menschenbild, das dem Marxismus zugrunde liegt. Oswald von Nell-Breuning [SJ] hat das einmal so formuliert: [...]
Aus Marx' Menschenbild resultiert auch seine ökonomistisch verengte Überbau-Basis-Vorstellung. Marx wollte die Welt aus einem Punkt heraus verstehen, erklären und kurieren. [...]
Mich interessiert hier nur die Tatsache, dass er nicht nur glaubte, den Staat und die bürgerliche Demokratie aus dem Kapitalismus heraus erklären zu können, sondern dass er Staat und Politik in der kommunistischen Revolution mit dem Privateigentum an den Produktionsmitteln gleich mit abschaffen wollte. Politik, so seine Vorstellung, würde in der kommunistischen Gesellschaft durch rationale Verwaltung, eine Selbstverwaltung der Arbeiter, ersetzt. Der neuzeitliche Dualismus von Staat und Gesellschaft sollte im Kommunismus aufgehoben sein.
[So wie er im Staatskatholizismus Jahrhunderte lang aufgehoben war ...] im 20. Jh. unter Berufung auf seinen Namen eine totalitäre Staatlichkeit errichtet haben, wie sie die Geschichte bis zu diesem Zeitpunkt noch nicht gesehen hatte. [Na klar!]



S. 44 ff.) Es war vielleicht auch kein geradliniger Weg

Das hat nichts mit einer späten Anbiederung der Kirche an die Moderne zu tun, sondern mit den tiefsten Wurzeln des Christentums. Ich möchte sogar behaupten, dass ohne diese christlichen Wurzeln die Moderne, die neuzeitliche Philosophie der Aufklärung, der Gedanke des autonomen Subjekts gar nicht möglich gewesen wäre.
Von der Tradition der heidnischen Antike her ist der Staat zu sehen als eine Gemeinschaft, die das Gute repräsentiert. Der Mensch kann ohne den Staat, ohne ein geordnetes Gemeinwesen nicht seine volle Entwicklung zum Guten hin finden. Die heidnische Antike konnte sich nicht vorstellen, den Menschen zu trennen von der Gemeinschaft, denn ein gelingendes Leben ohne den Staat war für sie undenkbar.
Der Staat repräsentiert das gute Leben, und im Staat und Gemeinwesen allein ist das gute Leben, das gelingende Leben, das Glück möglich. [...]
Ein Hauch von Dualismus ist durch das Christentum in diese Vorstellungswelt hineingekommen [...]
Der Staat wird in gewisser Weise entsakralisiert, wie es auch schon im Neuen Testament deutlich wird. Seine Bedeutung wird zurückgenommen, der Einzelne gewinnt an Profil.
Und es bleibt eine merkwürdige Spannung zwischen dem Einzelnen und dem Staat, dem Gemeinwesen, so dass das Politische mit dem Religiösen von der Idee her nicht in eins fallen kann.

Insofern hat das Christentum zur Freisetzung des Politischen, zur Freisetzung der Person in ihrer Eigenverantwortung vor Gott entscheidend beigetragen. In seinen Selbstgesprächen betont Augustinus: "Gott und die Seele will ich erkennen." Die Gestalt der Vernunft, mit der Augustinus dieses Selbstgespräch führt, fragt ihn daraufhin: "Ist das wirklich alles?" Seine Antwort lautet: "Das ist alles." (Augustinus 1954, S. 60 f.)
Hier liegt ein sehr starker individualistischer Zug, der im Christentum begründet ist und eine Differenz darstellt zur klassischen Vorstellung der Polis und der Einheit des Einzelnen mit diesem Gemeinwesen. Hier liegt meines Erachtens kulturgeschichtlich auch der Wurzelgrund, aus dem dann in der Neuzeit die Idee der Freiheit erwachsen ist, die Menschenrechte, die Demokratie und eben auch die Marktwirtschaft.
(Marx am 14.7.2010 in der FAZ: "Es ist vollkommen unbestreitbar, dass die für Europa entscheidende Aufklärung nicht erst im 18. Jh. stattgefunden hat sondern bereits in der Verkündung des Evangeliums besteht: in der Bergpredigt, im Vaterunser und in der Geschichte des verlorenen Sohns.")

Von Augustinus bis zu Kant war es freilich ein weiter Weg. Es war vielleicht auch kein geradliniger Weg, aber es war nach meiner Meinung ein konsequenter Weg. Das von der antiken Philosophie geprägte organische Staatsdenken des Mittelalters stand letztlich in einer zu großen Spannung zu dem biblischen Menschenbild der in verantworteter Freiheit handelnden Person, als dass es hätte überdauern können und dürfen.
Durch das Freiheits- und Autonomiepathos der Aufklärungsphilosophie wurde dieses spannungsvolle Denken des Mittelalters aufgesprengt. Notwendigerweise, wie ich eben hinzufügen würde. Und es war durchaus ein "Modernisierungsschub", den Staat zu entlasten im Bereich der Wahrheitsfragen, der Religion, der Sittlichkeit, und so den Raum der Freiheit des Subjekts immer weiter zu öffnen. Eine kulturpessimistische Sehnsucht nach dem mittelalterlichen Integralismus hilft uns nicht und ist unangemessen, wenn wir die Freiheitsgeschichte nicht als geschichtlichen Irrweg betrachten wollen. Und das kann ich nicht, das will ich nicht.

Wenn man nach den sozialen Konsequenzen des modernen Freiheitsdenkens fragt, kann man zunächst einmal sagen: Das gute und gelingende Leben wird zur Privatangelegenheit, und die Frage des Rechts, der Ordnung des Zusammenlebens der Menschen allein wird zur öffentlichen Angelegenheit. Wir haben mit der Aufklärung zum ersten Mal den Gedanken, dass man den öffentlichen vom privaten Bereich trennen muss und der Staat nicht mehr das gute Leben repräsentiert, sondern lediglich die Regeln eines geordneten Gemeinwesens bestimmt. [...]
Es ist klar, dass damit keineswegs alle Fragen beantwortet sind. Offen bleibt v.a., wie denn das Recht, also die Ordnung des Zusammenlebens der Menschen im Staat auszusehen hat und wie Recht und Moral aufeinander bezogen sind. Es gibt hier bekanntlich zwei staatsphilosophische Begründungsstränge, die einerseits auf Thomas Hobbes (1588-1679), andererseits auf Jean-Jacques Rousseau (1712-1778) zurückgehen.



S. 47 ff.) Totalitärer Leviathan und Autorität aus Wahrheit

Hobbes hatte ein pessimistisches, dezidiert antiaristotelisches Menschen- und Gesellschaftsbild. Angesichts der zu seiner Zeit tobenden Konfessionskriege braucht es seiner Meinung nach einen starken Staat, der den Einzelnen vor den Übergriffen seiner Mitbürger und der streitenden Konfessionsparteien zu schützen hat. Dargestellt ist dieser neue Denkansatz in einem berühmten Bild, dem Titelblatt von Hobbes' Schrift Leviathan. Dort steigt der Leviathan, die große Ungeheuer-Gestalt aus der Bibel, am Horizont auf in der Gestalt eines Königs, in der einen Hand das Zepter, in der anderen Hand den Bischofsstab. In dieser riesigen Gestalt sind die vielen kleinen Menschen dargestellt – der Leviathan, also das Staatswesen, ist zusammengesetzt aus den Vielen. Dieser Staat des Thomas Hobbes regiert mit Macht. In seiner berühmten Formulierung im Leviathan heißt es: "Sed authoritas non veritas facit legem." "Autorität, nicht Wahrheit schafft das Gesetz." Die Wahrheitsfrage wird also ausgeklammert.

Während bei Hobbes also dunkles Misstrauen unter den Menschen herrscht und als Ausweg die absolute Staatsgewalt propagiert wird, regiert bei Rousseau edler Bürgersinn. Der Staat soll den allgemeinen Willen (volonté générale) des Volkes repräsentieren. Individuum und Gemeinschaft rücken hier unter freiheitlichen Vorzeichen wieder eng zusammen. In der Französischen Revolution aber diente diese Idee der volonté générale den Jakobinern zur Rechtfertigung ihrer Terrorherrschaft, denn der allgemeine Wille im Sinne Rousseaus ist keineswegs der demokratisch ermittelte Mehrheitswille, sondern eine Art objektives Gesamtinteresse bzw. eher ein "gefühlter" Volkswille.

Leidvolle Erfahrungen haben so über die Jahrhunderte gezeigt, dass sowohl das Modell von Hobbes als auch dasjenige von Rousseau ihre gefährlichen Fallstricke haben. Nach ihnen Geborene haben deshalb ihre grundsätzlichen Anliegen aufgegriffen, aber versucht, die Schwachstellen der Theorien zu beseitigen. John Locke (1632-1704) etwa ergänzte Hobbes' Schutz der Bürger voreinander durch den Staat um den Schutz der Bürger vor dem Staat. Und G.W.F. Hegel (1770-1831) wollte die neuzeitlichen Zerrissenheiten wie Rousseau in der sittlichen Einheit eines vernünftigen Staates aufheben, dabei aber einen Raum privater Selbstbestimmung gewahrt sehen.

Letztlich dreht sich auch heute noch die Diskussion innerhalb der politischen Philosophie um diese beiden Begründungsstränge. Beide Varianten haben auch die staatliche Wirklichkeit in Europa und Nordamerika auf unterschiedliche Weise geprägt, letztlich allerdings stärker die angelsächsische Variante in der Tradition von Hobbes und Locke. Das hat dazu geführt, dass die Vorstellungen und auch der Diskurs über das Gute und die Wahrheit immer mehr in das Private abgedrängt wurden. Der Weg der sich beschleunigenden Moderne zeitigte so eine immer größere Erweiterung der Freiheit des Einzelnen, die nach und nach alle Lebensbereiche erfasste: Politik, Religion, Sittlichkeit, Wirtschaft, Kultur.



S. 49 f.) Totalitarismus durch Aufklärung

Mit dieser radikalen Orientierung am Subjekt korrespondiert allerdings auch eine instrumentelle Rationalität. Die Wahrnehmung der Wirklichkeit reduziert sich auf die Frage nach dem Machbaren, dem Verwertbaren.
Hier hat mich in meiner Studienzeit die Lektüre der Dialektik der Aufklärung von Max Horkheimer und T.W. Adorno sehr angesprochen, lange beschäftigt und nachhaltig geprägt. Der Titel dieses Buches, das in den Jahren 1940-44 verfasst wurde, ist Programm. Die beiden Philosophen stellen die Frage, wie die aufgeklärte Zivilisation in die Barbarei von Faschismus und Nationalsozialismus zurückfallen konnte. Und ihre verstörende These ist, dass mit dem menschenverachtenden Totalitarismus kein gleichsam von außen eingedrungener Virus die aufgeklärte Gesellschaft infiziert hat, sondern dass in dem Programm und Pathos der Aufklärung selbst der Keim zur Selbstzerstörung angelegt war. Horkheimers und Adornos Anliegen war deshalb eine Bewusstmachung und Reflexion dieser immanenten Gefahr aufgeklärten Denkens und damit eine "rettende Kritik" der Aufklärung. Dieses Projekt hat mich als junger Student fasziniert, auch wenn ich nicht jeden Gedankengang und jede Schlussfolgerung in dem Buch teilen möchte. Aber der Ausgangspunkt und der Grundgedanke Horkheimers und Adornos bewegen mich immer noch. Wo die Emanzipation des Subjekts grenzenlos wird, da mündet die Freiheit am Ende in neue Zwangszusammenhänge.
Diesen Gedanken hat auch Johannes Paul II. in beeindruckender Weise formuliert:

In einer Welt ohne Wahrheit verliert die Freiheit ihre Grundlage, und der Mensch ist der Gewalt der Leidenschaften und offenen oder verborgenen Manipulationen ausgesetzt."

Ich selbst möchte es an dieser Stelle folgendermaßen sagen: Wo es in immer geringerem Maß eine verpflichtende Orientierung an allgemeinen moralischen Überzeugungen gibt, da wird das Mögliche auch irgendwann Realität. Diese instrumentelle Rationalität drückt sich heute besonders aus in den Ambitionen mancher Gen- bzw. Biotechniker und der Ökonomisierung nahezu aller Lebensbereiche.
Dieser Entwicklung liegt ein zutiefst evolutives Weltbild zugrunde, das Freiheit, Möglichkeit und Vernunft nicht als Geschenke des Schöpfers oder als dem Menschen vorgegebene Horizonte der Verantwortung versteht, sondern als nach vorne offene Prozesse.

Institutionen geboren aus der Inquisition



Sean Martin 2008: Die Katharer – Ihre Geheimnisse und ihre Geschichte
pt 1 & pt 2


S. 119 ff.) Die Stasi/Staats-/Gewissenspolizei der KKK

Wenn die Inquisition in eine Stadt oder ein Dorf kam, sprachen ihre Mitglieder zunächst mit den örtlichen Geistlichen, um sie über ihr Vorgehen aufzuklären. Dann hielten die Inquisitoren eine Predigt in der Kirche, in der sie von allen Männern über 14 und allen Frauen über 12 ein Glaubensbekenntnis verlangten. Wer dies nicht tat, war automatisch verdächtig und wurde als erstes befragt. Die Gemeinde musste einen Eid gegen die Ketzerei schwören und dreimal pro Jahr zur Beichte gehen. Die Inquisitoren forderten dann die Anwesenden auf, über ihre Taten nachzudenken und für die darauffolgende Woche eine vertrauliche Aussage vorzubereiten, in der sie entweder ihre eigenen Sünden gestehen oder ihre Nachbarn denunzieren konnten.

Katharer, die freiwillig gestanden, wurden in anderen Gebieten angesiedelt, in denen es keine Ketzer gab, und mussten auf ihrer Kleidung zwei aufgenähte Kreuze tragen. Bekannte oder verdächtige Häretiker, die nicht freiwillig innerhalb der ersten Woche gestanden hatten, mussten vor der Inquisition erscheinen. Ketzer waren nach Ansicht der Inquisitoren die Perfecti selbst sowie alle, die ihnen Zuflucht boten, sie verehrten (d.h., das Melioramentum ausführten), Zeuge einer Häretisierung wurden (d.h. eines Consolamentum) und sie nicht denunzierten.
Die Inquisitoren brauchten mindestens zwei Zeugen, um jemanden zu verurteilen. Die Namen von Zeugen wurden jedoch nicht preisgegeben, sodass es den Leuten umso leichter fiel, jemanden anzuzeigen, der ihnen, aus welchen Gründen auch immer, nicht zu Gesicht stand.

Sobald die Inquisition die Häretiker namentlich kannte, verfolgte sie die Verdächtigen ohne Gnade. Die Inquisitoren waren befugt, ein Haus zu durchsuchen und jedes Gebäude niederzubrennen, in dem sich Ketzer versteckt hatten. Jeder, der ein Altes oder Neues Testament besaß, war verdächtig, und die Kranken und Sterbenden wurden genau beobachtet, für den Fall, dass sie "gottlose und verabscheuungswürdige Dinge" vorhatten (d.h., das Consolamentum zu empfangen).
Das Schicksal einer alten Frau veranschaulicht den Fanatismus, mit dem die Inquisitoren ihrer Arbeit nachgingen. Diese Frau, eine katharische Gläubige, wollte auf ihrem Totenbett das Consolamentum empfangen. Ihre Familie schickte nach einem Perfectus, der ihren Wunsch erfüllte und schnell wieder verschwand, bevor die Inquisitoren davon erfuhren. Doch diese hörten davon und eilten ins Haus der alten Frau, um sie zu verhören. Sie glaubte, sie spreche zu dem katharischen Bischof, Guilhabert von Castres, und beschrieb ihren Glauben in allen Einzelheiten. Das war genug. Obwohl sie nur noch wenige Stunden zu leben hatte, wurde sie in ihrem Bett aus dem Haus getragen und verbrannt.

Trotz ihrer Macht stießen die Inquisitoren auf erbitterten, teilweise auch gewaltsamen Widerstand. In Albi hatten die Assistenten des Inquisitors Arnold Catalan zu große Angst, um den Leichnam einer Frau auszugraben, die nach ihrem Tod der Ketzerei beschuldigt worden war. Aufgebracht ging Arnold selbst auf den Friedhof, begleitet von einigen Männern des Bischofs. Er tat die ersten Spatenstiche und wollte das Graben den Männern des Bischofs überlassen, doch bevor sie sich an die Arbeit machen konnten, fiel eine Menschenmenge über Arnold her und prügelte ihn fast zu Tode. Nur durch das Eingreifen einer bewaffneten Delegation des Bischofs konnten sie daran gehindert werden, den bewusstlosen Inquisitor in den Fluss Tarn zu werfen. Während Arnold in der Sicherheit der Kathedrale zu sich kam, verlangte die Menge draußen laut schreiend, dass ihm der Kopf abgeschlagen, in einen Sack gesteckt und in den Fluss geworfen werde. Daraufhin exkommunizierte Arnold die gesamte Stadt.
Zu ähnlichen Vorfällen kam es auch in anderen Städten und Dörfern.

Raymond VII. unterstützte die Inquisition anfänglich, er hatte auch kaum eine andere Wahl, doch 1235 ergab sich die Gelegenheit zurückzuschlagen. Die Beziehung zwischen dem Papsttum und dem Kaiser des Hl. Römischen Reiches Friedrich II. wurde immer angespannter. Sie war nie sehr gut gewesen: Eine von Gregors ersten Handlungen als Papst war die Exkommunikation Friedrichs gewesen, weil dieser seine Teilnahme am Kreuzzug hinausgezögert hatte. Raymond bot dem Papst an, im Languedoc für Gregor einzugreifen, wenn dieser seine Inquisitoren zu mehr Zurückhaltung anhielte. Gregor nahm das Angebot an und versuchte, die fanatischsten Vertreter der Inquisition im Languedoc im Zaum zu halten. Als die Bewohner von Toulouse sahen, dass sie an Boden gewonnen hatten, verstärkten sie ihren Widerstand. Katharer und ihre Sympathisanten wurden versteckt oder aus der Stadt geschmuggelt.
Die Lage spitzte sich zu, bis die Inquisitoren im Oktober von einer johlenden Menge, die sie mit Steinen und Exkrementen bewarfen, aus der Stadt gejagt wurden. Der Papst, der erkannte, dass er Raymond als Verbündeten brauchte, konnte wenig mehr tun, als dem Grafen einen verärgerten Brief zu schreiben. Er ernannte einen Franziskanermönch, Stephan von St. Thibéry, zum neuen Inquisitor, in der Hoffnung, dass der Ruf der Franziskaner, humaner als ihre dominikanischen Glaubensbrüder zu sein, die Spannungen etwas mildern würde. Leider erwies sich dieser Schritt als Bumerang, denn Stephan entpuppte sich als ebenso fanatisch wie die Dominikaner.

Dennoch erzielte die Inquisition einige Erfolge. Zwei Perfecti, die zum Katholizismus konvertiert waren, Raymond Gros und Wilhelm von Soler, gaben die Namen von Dutzenden Häretikern preis. Außerdem verrieten sie den Inquisitoren, dass die Perfecti verschiedene Strategien entwickelt hatten, um sich vor der Verfolgung zu retten.



S. 129) Montségur – der Erzbischof und das Autodafé

Am 2. März 1244 verkündete Pierre Roger schließlich die Kapitulation. Die Sieger zeigten sich gnädig:
Wer sich der Befragung durch die Inquisitoren stellte und der Kirche einen Treueid schwor, durfte gehen. Begangene Verbrechen wie die Morde in Avignonet waren vergeben. Die Perfecti standen vor derselben schwierigen Wahl wie ihre Brüder in Minerve und Lavaur: dem Katharismus abzuschwören oder auf dem Scheiterhaufen zu brennen. Sie bekamen zwei Wochen Zeit, um sich zu entscheiden.
Für die Perfecti gab es nichts zu überlegen. Keiner der 200 war bereit zu widerrufen.

Sie nutzten die zwei Wochen, um ihr Hab und Gut an ihre Familien und Anhänger zu verteilen. Pierre Roger erhielt 50 Wamse, die die Perfecti angefertigt hatten, die er nach seinem Gutdünken verkaufen oder verschenken sollte.
Am letzten Sonntag des Waffenstillstands baten 21 Credentes um die Erteilung des Consolamentum.
Sie wussten, dass sie damit den Tod auf den Scheiterhaufen wählten, die am Fuß des Bergs bereits errichtet wurden. Wenn es in der Geschichte des Katharismus etwas gibt, das die Macht dieses Glaubens verdeutlicht, ist es dieses Ereignis. Alle erhielten das Consolamentum.
In den frühen Morgenstunden des 16. März 1244 wurde Montségur geräumt. Pierre Roger, seine Ritter und ihre Familien wurden freigelassen und mussten zusehen, wie die Perfecti zu den Scheiterhaufen geführt wurden. Sie kamen aus den verschiedensten sozialen Schichten, und auch Frau und Tochter von Raymond de Peréille waren unter ihnen. In Anwesenheit von Hugo von Arcis (Hugues d'Arcis) und Pierre Amiel, dem Erzbischof von Narbonne, wurden die Scheiterhaufen angezündet. Bis heute wird dieser Ort das "Feld der Verbrannten" genannt.



S. 130 f.) Denunzianten in Familien – Sicard de Lunel

Als auch die letzte Hochburg des Katharismus gefallen war, blieben den Perfecti und Credentes nur noch wenige Zufluchtsorte und noch weniger Beschützer. Das musste auch ein gewisser Peter Garcias 1247 am eigenen Leib erfahren: Sein Verwandter, ein Franziskaner namens Wilhelm, lud ihn ein, um Fragen des Glaubens und der Lehre zu diskutieren. Bei diesem Gespräch empörte sich Peter über die Kirche von Rom und nannte sie eine "Hure, die Gift verabreicht." Leider war er zu vertrauensvoll: Wilhelm zog einen Vorhang zurück, hinter dem mehrere Sekretäre Peters Aussagen sorgfältig mitgeschrieben hatten. Er wurde sofort der Inquisition übergeben.
Wilhelm Garcias war nicht der einzige, der Familienmitglieder an die Inquisitoren verriet.
Ein ehemaliger Perfectus, Sicard de Lunel, denunzierte eben den eigenen Eltern noch ganze Scharen seiner früheren Glaubensbrüder und Helfer, "ob sie ihm ein Bett für die Nacht angeboten oder einen Topf Honig gegeben hatten."
Sicards Verrat wurde von der Kirche großzügig belohnt, und er erreichte ein stattliches Alter.



S. 132 f.) KKK belohnt Verräter

In den Jahren nach dem Fall von Montségur erreichte die Inquisition im Languedoc unter der Führung von Bernard de Caux und Jean de St. Pierre unvorstellbare Ausmaße. Über 5000 Protokolle sind aus dieser Zeit erhalten, die aber nur einen Bruchteil der Aufzeichnungen darstellen. Malcolm Lambert schreibt in diesem Zusammenhang, dass Bernhard, Jean und ihre Ordensbrüder versuchten, "ein vollständiges, allumfassendes Bild vom Glauben, den Praktiken und der Unterstützung des Katharismus in den Gebieten, in denen er verbreitet war," zu erstellen.

Katharer, die von den Inquisitoren befragt wurden, standen vor einem schrecklichen Dilemma, denn die Perfecti durften weder lügen noch einen Eid ablegen. Was sie auch taten, sie verstießen auf jeden Fall gegen ihre Überzeugungen. Einige entschieden sich, die Wahrheit zu sagen und belasteten dadurch andere Vollkommene, Gläubige und Sympathisanten, während andere logen und sowenig wie möglich preisgaben.
Wieder andere entschieden sich zu kollaborieren und wurden Doppelagenten. Sie lebten weiter als katharische Gläubige, beherbergten Perfecti auf der Flucht und verrieten sie dann. Das war riskant, denn es kam oft zu Vergeltungsschlägen gegen die Überläufer.
Einer von ihnen war Arnold Pradier, ein ehemaliger Perfectus, der zum Katholizismus konvertiert war und anfing, seine ehemaligen Glaubensbrüder zu denunzieren. Die Kirche brachte ihn und seine Frau in einem sicheren Haus, dem Château Narbonnais in Toulouse, unter, wo sie auf Kosten der Kirche ein gutes Leben führten.

Obwohl der Widerstand andauerte – in Castelbon wurden der Inquisitor vergiftet und die Burg angegriffen – konnten die Leute letztendlich nicht viel tun. Die Inquisition wurde zu einem Bestandteil ihres Lebens. Wer im Verdacht stand, ein falsches oder unvollständiges Zeugnis abgelegt zu haben, wurde erneut vor die Inquisitoren geschleppt und befragt, egal ab Adliger oder Bauer.
Dieses Vorgehen machte den meisten Adligen klar, dass es sinnlos war, sich der Kirche zu widersetzen.
Selbst Raymond VII begann, verdächtige Häretiker zu verfolgen und ließ im Juni 1249 80 Menschen verbrennen.



S. 140 f.) Gott-Guerilla

Währenddessen tauchte Guillaume in Tarascon auf, wo er ihre Mission vorbereitete. Während ihres Aufenthalts in der Lombardei waren die Brüder mit ihrer Familie zuhause in Kontakt geblieben, und diese hatte für ein Netzwerk von sicheren Unterkünften für die Brüder gesorgt. Im Winter und Frühjahr des Jahres 1300 lebten Guillaume und Pierre Autier zusammen mit Raymond de Saint-Papoul, einem weiteren Perfectus, in einem Taubenschlag, der einer Familie von katharischen Gläubigen gehörte. Angesichts der Macht der Inquisition mussten Pierre und Guillaume mit größter Vorsicht handeln, wenn ihre Mission auch nur eine geringe Aussicht auf Erfolg haben sollte.
Und sie war erfolgreich. Die Brüder erteilten etwa einem Dutzend anderer das Consolamentum, die ihnen halfen, die Lehre zu verbreiten. Unter ihren Anhängern war auch Aude Bourrel, die als letzte weibliche Vollkommene in die Geschichte eingehen sollte. Bernhard Marty – möglicherweise ein Verwandter des berühmten Katharerbischofs Bertrand Marty – war ein Schafhirte, der häufig als Kundschafter und Begleiter fungierte, während sein älterer Bruder Arnold einer der Autier-Perfecti werden sollte. Martin Francès aus Limoux übernahm die Aufgabe des Schatzmeisters der Gruppe. Sie erhielt Geschenke von Bertrand von Taix, einem Adligen, der sein ganzes Leben katharischer Gläubiger war und seine Glaubensbrüder im Bedarfsfall auf seinem Land wohnen ließ.

Kaum hatte die Gruppe im Frühjahr 1300 ihre Arbeit aufgenommen, geriet sie in Gefahr. Sie wurde von einem gewissen Guillaume Dejean kontaktiert, der sich als katharischer Gläubiger ausgab. Er bekundete sein Interesse, der Autier-Gruppe beizutreten, besuchte aber am folgenden Tag das Dominikanerkloster in Pamiers und bot an, die Katharer an die Inquisition zu verraten. Doch der Mönch, mit dem er sprach, war Pierre Autiers Neffe, der sofort seinem Bruder Guillaume von Dejeans Angebot erzählte. Guillaume informierte Raymond Autier, den einen Autier-Bruder, der kein Katharer war. Guillaume und Raymond war klar, dass Dejean mundtot gemacht werden musste. Er wurde auf einen Gebirgspass gelockt, wo vier Gläubige ihn zusammenschlugen. Als er auf ihr Drängen zugab, dass er vorgehabt hatte, die Autiers an die Inquisition zu verraten, warfen sie ihn in eine Schlucht.



S. 154 f.) Innozenz macht Ihro Dreifaltigkeit zum Gott der Folter

Während diese verschiedenen Bewegungen als Ventil für Menschen fungierten, die mit den traditionellen Formen der Religiosität unzufrieden waren, entstanden durch den Konflikt zwischen Papsttum und Hl. Römischen Reich Umstände, unter denen der Katharismus florieren konnte. Unter Friedrich II. (1220-1250) erreichten diese Konfrontationen ihren Höhepunkt, und die italienische Politik wurde in der Folge von zwei Fraktionen beherrscht, den papsttreuen Guelfen und den kaisertreuen Ghibellinen. Friedrich tat wenig, um die Verfolgung von Ketzern zu fördern, und auch das Papsttum, das auf Verbündete in den wichtigsten Städten der Lombardei aus war, forcierte das Thema nicht. In vielen Städten ignorierte man die Gesetze gegen Ketzerei – nicht, weil die Stadtherren Gruppen wie den Katharern oder den Waldensern besonders wohlwollend gegenüberstanden, sondern weil die Verfolgung von Häretikern der Kirche eine wichtigere Rolle eingeräumt hätte.
Die Katharer blieben unter dem Schutz der Ghibellinen weitgehend unbehelligt, und so florierte die katharische Kirche aus dem Languedoc in ihrem Exil in der Lombardei.

Der Tod von Kaiser Friedrich II. am 13. Dezember 1250 bedeutete für die kaisertreuen Ghibellinen einen schweren Rückschlag. Sein Sohn Konrad IV. setzte den Kampf gegen das Papsttum fort, doch dieses trug 1268 mit der Gefangennahme und Hinrichtung von Friedrichs Enkel Konradin, dem letzten Herrscher der Hohenstaufen, den Sieg davon. In der Folge verloren die Ghibellinen an Bedeutung, und die Katharer, die unter ihrem Schutz gestanden hatten, wurden wieder stärker von der Inquisition bedrängt. Als von den Katharern gedungene Männer den Inquisitor (und ehemaligen Katharer) Peter von Verona 1252 ermordeten, nutzte Papst Innozenz IV. diesen Vorfall geschickt für die Kirche: Peter wurde heilig gesprochen, und Innozenz genehmigte den Einsatz der Folter bei inquisitorischen Verfahren.
Als die Inquisition ihre Anstrengungen verstärkte, gingen viele Katharer in den Untergrund oder führten ein Doppelleben.


S. 166 f.) Jesus und Magda

Laut einer Hypothese war der Schatz der Katharer, der kurz vor der Kapitulation aus Montségur geschmuggelt wurde, der Gral, der dann entweder in einer Höhle in der Nähe versteckt oder den Tempelrittern übergeben wurde. (Der Sergeant von Montségur, Imbert von Salles, sagte der Inquisition jedoch, der Schatz der Katharer bestehe aus Geld und Edelsteinen.) Die Deutung des Grals als Magdalenas Schoß impliziert, dass der Heilige Gral – auf französisch san graal – eine falsche Schreibweise von sang real, heiliges Blut, ist und für die Blutlinie von Jesus und Magdalena steht. Interessanterweise besagt eine der geheimen katharischen Lehren, die nur den Perfecti vorbehalten waren, dass Magdalena die Ehefrau Jesu war. Das ist, mit Verlaub gesagt, verblüffend, da die Katharer die Ehe strikt ablehnten. Darüber hinaus war dies keine Lehre, die die Katharer von den Bogomilen übernommen hatten. Möglicherweise spiegelte die Vorstellung, dass Jesus und Magda verheiratet waren, eine Überlieferung wider, die im Languedoc verbreitet war. Doch auch das ist nur eine Vermutung.


S. 172 f.) Eine Gesellschaft von Verfolgern

Der Katharismus entstand zu einer Zeit tiefgreifender Veränderungen in Europa.
Der Historiker Robert Ian Moore behauptete sogar, dass die westliche Gesellschaft ihre Institutionen durch die Verfolgung von Häretikern im 13. Jh. entwickelte. Darüber hinaus spielte die Definition der Häresie eine wichtige Rolle für die Entstehung der Hexenverfolgungen, die im 16./17. Jh. zur Ermordung Tausender Unschuldiger führten. Es ist vielleicht das Streben der Katharer nach einem authentischen Glauben, der ihrer Geschichte bis heute Relevanz verleiht.
Ihre Behauptung, Teil einer authentischen apostolischen Tradition zu sein, die auf die Zeit Christi zurückgeht, lässt sich nicht beweisen, sondern nur ableiten. Der Anspruch der katholischen Kirche, die Nachfolgerin der Urkirche Petri zu sein, ist historisch jedoch ebenso wenig verifizierbar. Für die Katharer könnte eine der Schriftrollen vom Toten Meer sprechen, die 1991 erstmals veröffentlicht wurden, denn angeblich belegt die sogenannte Damaskusschrift den Ausschluss von Paulus aus der christlichen Gemeinschaft.

Sollte dies tatsächlich der Fall gewesen sein, wäre damit der Anspruch der katholischen Kirche hinfällig, Gottes Statthalter auf Erden zu sein, denn der Großteil des organisierten Christentums beruht auf den Lehren von Paulus und nicht auf denen Christi.
Die Kirche ist aber offensichtlich nicht der Ansicht, dass die Veröffentlichung des Textes ihre Position untergräbt, und im Mai 2000 entschuldigte sich Papst Johannes Paul II. für die Kreuzzüge. Viele Menschen fanden, dass diese Entschuldigung kein ausreichendes Versöhnungsangebot an die arabische Welt darstellte. Der Albigenserkreuzzug wurde nicht erwähnt, und es ist unwahrscheinlich, dass sich das Papsttum jemals dafür entschuldigen wird.
Mag sein, dass der wahre Schatz der Katharer ihr Bekenntnis zu Einfachheit, Gleichheit, Gewaltlosigkeit, Arbeit und Liebe ist. Da sie keine Kirchen bauten, brachten sie Gott in die Häuser der Menschen.
Für die Katharer war Spiritualität kein religiöses Gebot, sondern etwas, das jeden Augenblick des Daseins erfüllen sollte.