November 17, 2010

Mystici Corporis – Urknall für Katholikenglasnost



Daniel Goldhagen 2003: Die Katholische Kirche und der Holocaust

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S. 122 ff.) Im Interpretationslabyrinth einer kampfbereiten spirituell-politischen Weltinstitution

Die Verteidiger der Kirche behaupten, sie habe sich mit Ausbruch des ZWK umzingelt und in ihrer Existenz bedroht gefühlt. Sogar jemand, der nicht gerade zu den Verteidigern der Kirche zählt, kann mit einem gewissen Verständnis in diesem Sinne schreiben:

"Nie schien der Ausdruck 'Festung Kirche' treffender. Viele Vertreter des Vatikans wurden unter diesen Umständen noch argwöhnischer, furchtsamer und unbeweglicher als sonst. Ihr Handeln, jetzt nur noch auf Abwehr beschränkt, war ausschließlich auf die eigene Klientel ausgerichtet. Es blieb wenig Spielraum, sich um die Armut oder Unterdrückung von Nicht-Katholiken zu kümmern, die in ihren Menschenrechten verletzt, aber per definitionem Feinde der Kirche waren." (Zuccotti, UHVW, S. 24)

Vielleicht hätte die Kirche sich mehr um das Geschehen draußen kümmern sollen, sagen ihre Verteidiger, aber ihre Reaktion ist sowohl verständlich als auch letztlich gerechtfertigt angesichts der realen Gefahr, die ihr von Seiten des Nationalsozialismus drohte, der, wie sie zu Recht sagen, zutiefst antichristlich war. Allerdings kaschierten die Nationalsozialisten ihre Feindschaft so gut, dass die meisten Deutschen und selbst dt. Geistliche das nicht begriffen. Wenn sie sich wirklich durch den Nationalsozialismus tödlich bedroht geglaubt hätten, hätten die dt. katho. Bischöfe und der Papst sich dann gewünscht, dass Dtl. die Sowjetunion besiegte, was den Nationalsozialismus unermesslich gestärkt und seine Herrschaft über Europa gefestigt hätte? Wie groß kann die Angst der Kirchenführung vor dem Nationalsozialismus tatsächlich gewesen sein?

Man verlangt von uns Verständnis für diese kampfbereite politische Institution, die über einen unabhängigen, souveränen Staat, Vatikanstadt, mit einem absoluten Herrscher, dem Papst, verfügte und diplomatische Beziehungen zu anderen Staaten unterhielt. Doch warum sollten wir die Lage der Kirche im Angesicht der Deutschen so grundlegend anders beurteilen als die aller anderen Länder und Völker, und warum sollten die schwierigen Umstände, vor denen alle in Europa standen (und die sich für viele weit schrecklicher gestalteten als für die Kirche), das Tun und Lassen nur dieser politischen Institution und ihrer politischen Führer so ohne weiteres entschuldigen oder in einem milderen Lichte erscheinen lassen?
Viele Menschen in ganz Europa wurden sich politisch und ideologisch mit den Deutschen einig und unterstützten sie in mindestens einigen ihrer wichtigen politischen Ziele, auch wenn sie behaupteten, damit nur ihr Volk schützen und einen Schein von Unabhängigkeit für ihr Land wahren zu wollen. Zu ihnen zählen Quisling in Norwegen sowie Marschall Pétain und Pierre Laval in Vichy, und man bezeichnet sie vielfach als Kollaborateure und ihre Regime als Kollaborationsregime. Nimmt man sie als Bezugsrahmen für die Bewertung, könnte man zu dem Schluss kommen, dass auch Pius XII. als Kollaborateur der Nationalsozialisten einzustufen ist, selbst wenn man die allzu schroffe Einschätzung, er sei "Hitlers Papst" *) gewesen, nicht teilt.

kreuz.net-"Christus vincit") Die Gedanken von Mary Ball-Martinez ("Die Unterminierung der Katholischen Kirche") sind in der Tat ungewöhnlich und man muss das Buch mehrmals lesen, um alles zu verstehen!
Aus der betreffenden Passage über "Mystici Corporis" (S. 16-17): "Es war lange vor dem Konzil, dass ein neuer Geist in der Kirche geboren wurde [...] Jesuiten-Theologen verweisen auf den 29. Juni 1943 als den Tag des 'Urknalls' [...] Virgilio Rotondi SJ sagte mit Nachdruck: Alle ehrenhaften Menschen [...] anerkennen, dass die Revolution mit der Veröffentlichung der Enzyklika Mystici Corporis von Papst Pius XII. stattfand. Damals war es, dass das Fundament für 'die neue Zeit' gelegt wurde, aus der das ZVK auftauchen würde.
Der Jesuit Avery Dulles erklärt die Natur der Explosion: Bis zum Juni 1943 war das juridische und gesellschaftliche Modell der Kirche unangefochten, aber dann wurde es plötzlich durch das Konzept des Mystischen Leibes ersetzt.
Die Bezeichnung war nicht neu. Sie war siebzig Jahre zuvor von den Vätern des EVK vorgelegt worden. Sie hatten sie zurückgewiesen mit der Begründung, sie sei 'verwirrend, doppeldeutig, vage und unangemessen biologisch' [...]
Die Bischöfe von 1870 unterbreiteten ihr Urteil über die Natur der Kirche mit klaren Worten:

Wir lehren und erklären, dass die Kirche alle Merkmale einer echten Gesellschaft besitzt [...]
Die Kirche ist nicht Bestandteil oder Mitglied irgendeiner anderen Gesellschaft. Sie ist so in sich selbst vollendet, dass sie sich von allen anderen Gesellschaften unterscheidet und weit über ihnen steht."

Analytische Exaktheit und moralische Redlichkeit verlangen, dass man über diesen Vergleich nachdenkt. Wenn im Zusammenhang mit Pius XII. und der katholischen Kirche (bzw. ihren nationalen Kirchen, Bischöfen etc.) nicht oft von Kollaboration zu hören ist, ist das ein Symptom für das Versagen von Autoren und Kommentatoren in unseren christlichen Gesellschaften, offen und ehrlich über dieses herausragendste christliche Oberhaupt und diese Institution zu sprechen. Dieses Versagen wird umso eklatanter, wenn man nach Frankreich blickt, auf das Land, dem wir den Begriff des "Kollaborateurs" verdanken: Monsignore Beaussart, der als Vertreter des Pariser Kardinals Emmanuel Suhard Verbindungsmann der Versammlung der Kardinäle und Erzbischöfe bei den Deutschen war, erklärte im November 1941, dass "Zusammenarbeit (Kollaboration) der einzige vernünftige Kurs für Frankreich und die Kirche ist". (Philippe Burrin, "France Under the Germans", S. 221) Charles de Gaulle wünschte nach dem Krieg mindestens siebenundzwanzig Bischöfe ihres Amtes enthoben zu sehen, weil sie mit Vichy kollaboriert hatten, und Frankreich erklärte die Kollaboration zu einem strafrechtlichen Delikt, dessen Kriterien sicherlich auf die katholische Kirche und viele ihrer Geistlichen inner- und außerhalb Frankreichs zutreffen würden.

Schließlich war die katholische Kirche die erste internationale politische Institution, die ein wichtiges Abkommen mit Hitler unterzeichnete und verkündete, und sie tat es, um ihre weltliche Macht aufrechtzuerhalten. Indem sie sich selbst als moralische Institution darstellte, verlieh sie seinem Regime de facto moralische Legitimität. Indem sie dem Regime bereitwillig ihre Kirchenbücher zur Verfügung stellte, leistete sie Beihilfe zur Verfolgung der dt. Juden. Zusammen mit dem Regime prangerte sie die Juden an und schaute dann so gut wie schweigend zu, als die Deutschen und ihre Helfer Völkermord begingen. Sie gestattete ihren dt. Geistlichen, den Soldaten in diesem apokalyptischen, mit Massenmord einhergehenden Krieg Beistand zu leisten. In der Slowakei verbündeten sich führende Geistliche zum Zwecke des Völkermords mit den Deutschen. In Kroatien begingen Geistliche selbst in nennenswerter Zahl Massenmord. Während das Vichy-Regime vorgeblich Frankreich schützte, schützte die Kirche ihr materielles und geistliches Herrschaftsgebiet, nämlich sich selbst.


S. 126-131) Die Konsequenz der Machtübernahme des Jesuitismus in Rom
Wenn die Verteidiger der Kirche meinen, dass bloße Vermutungen wie diese als Maßstab ausreichen, um Millionen von Menschen mit Recht dem Tod preiszugeben, dann sollten sie es offen sagen. Sie sollten ferner angeben, wie eine akzeptable moralische Abwägung ausgesehen hätte: Wieviele jüdische Menschenleben hätte die Kirche opfern dürfen, um wieviel Macht zu bewahren (die Gefahr der Machteinbuße war hypothetisch) oder um wieviele ihrer dt. Katholiken davon abzuhalten, den Schoß der Kirche zu verlassen? (Auch diese Gefahr war nur hypothetisch.) Wie hoch würden die Verteidiger der Kirche gehen? Würden sie sagen, dass die Kirche berechtigt war, beim Massenmord an acht, zehn, fünfzehn Millionen, beim Massenmord am gesamten jüdischen Volk ruhig zuzusehen? Wo ist die Grenze? Solange jemand, der das Verhalten des Papstes und der Kirche während des Holocaust verteidigt, solche Fragen nicht beantwortet, hat er sich nicht ehrlich bemüht, auf die eigentlichen Probleme einzugehen.
Aber selbst wenn die Verteidiger der Kirche bereit wären, eine solche Abwägung zu skizzieren, wäre das Problem noch nicht geklärt. Um behaupten zu können, dass die Untätigkeit der Kirche nichts mit der Identität der Opfer, oder anders gesagt, nichts mit den Ansichten der Kirchenführer über die Juden zu tun hatte und dass die Kirche berechtigt war, sich so vorsichtig zu verhalten, wie sie es getan hat, müssten die Verteidiger auch folgendes vertreten können: dass, gesetzt den Fall, die Nationalsozialisten hätten sich vorgenommen, elf Millionen Katholiken in Dtl. oder Italien oder auch elf Millionen Protestanten in Dtl. systematisch auszurotten (die auf der Wannseekonferenz vorgesehene Zahl der zur Ausrottung bestimmten Juden), und zwar einzig und allein deshalb, weil die Opfer katholisch oder christlich waren, und gesetzt den Fall, die Deutschen hätten die Massenvernichtung fast vier Jahre lang betrieben, bis sechs Millionen christliche Märtyrer vernichtet gewesen wären – dass die Kirche in diesem Fall dieselbe moralische Abwägung getroffen und ebenso wenig getan hätte, um diesen Opfern zu helfen, wie sie getan hat, um den Juden zu helfen. Sie müssten darlegen können, dass Pius XII. niemals ausdrücklich und öffentlich gegen den Massenmord protestiert hätte, dass die Bischöfe etwa der dt. katho. Kirche stumm geblieben wären und dass der Papst und die Kirche das Regime weiterhin legitimiert und auf vielerlei Weise unterstützt hätten, so wie sie es getan haben, auch dadurch, dass sie sich an das Konkordat hielten.
[...] Sollten die Verteidiger der Kirche aber zu genau dieser Behauptung nicht bereit sein, wäre dies das faktische Eingeständnis, dass die Kirche sich in ihrer Reaktion auf den Holocaust nicht auf vertretbare moralische Grundsätze stützte und dass es tatsächlich der Antisemitismus war, der ihre Reaktion nachteilig beeinflusste. Tut es der Legitimität der Kirche etwa weniger Abbruch, wenn die Opfer ihrer ungerechten Handlungen und Unterlassungen Juden waren? [...]

Wenn es einen Menschen oder eine Institution gibt, an die man den höchsten moralischen Maßstab anlegen darf, dann ist dieser Mensch der Papst, und die entsprechende Institution ist die katholische Kirche. Man kann überdies mit gutem Grund vorbringen, dass der Papst, die Kirche und die nationalen Kirchen – speziell die dt. Bischöfe und Priester, deren Land die Vernichtung in Gang setzte, organisierte und vorantrieb – stärker als andere Menschen und Institutionen verpflichtet waren, die Juden zu schützen. Die Kirche und die nationalen Kirchen hatten sich in hohem Maße schuldig gemacht, denn sie hatten die Ansichten verbreitet, die viele Deutsche, Polen, Franzosen und andere dazu brachten, einen eliminatorischen Angriff auf die Juden zu unterstützen. Aber man braucht gar nicht zu den starken Argumenten zu greifen, die für eine höhere Verantwortung der Kirche und ihrer Oberhäupter zur Rettung der Juden sprechen. Man kann ganz normale, von vielen Menschen geteilte moralische Maßstäbe an sie anlegen. Und man kann sogar einstweilen vom Prinzip absehen und sich damit begnügen, das Verhalten der Kirche und ihrer Führung auf praktischer Ebene mit dem der Dänen zu vergleichen. Die Dänen sind energisch und lautstark für ihre jüdischen Landsleute eingetreten und haben gegenüber der dt. Besatzung darauf bestanden, dass die dänischen Juden nicht diskriminiert oder gedemütigt werden, dass sie ungehindert arbeiten und mit allen anderen Dänen verkehren und in ihren Synagogen ungestört ihre Religion ausüben dürfen. Die Deutschen haben das akzeptiert. Und als die Deutschen – erst nach jahrelanger Besatzung – darangingen, die dänischen Juden in den Tod zu deportieren, haben die Dänen, ermutigt von der Dänisch-Lutherischen Staatskirche, nahezu alle gerettet und sie mit Schiffen nach Schweden in Sicherheit gebracht. Das war ein praktisches Beispiel dafür, was man tun konnte. Wer vom Papst, der Kirche und den nationalen katholischen Kirchen eine wirkliche Anstrengung zur Rettung der Juden erwartet, erwartet von ihnen folglich nicht mehr als von anderen, die tatsächlich eine solche Anstrengung unternommen haben. Er lässt nur nicht die heuchlerischen Ausreden gelten, mit denen sie zu begründen suchen, warum sie als Einzelne und als Institution so viel weniger Gutes und so viel mehr Schlechtes getan haben als andere.

Welchen moralischen Maßstab soll man nun anwenden? Die Lehren der Kirche selbst, zu denen der Universalismus des Christentums gehört? Einen Kant'schen Universalismus? Einen liberalen Utilitarismus? Ganz gleich, welchen dieser Maßstäbe man anlegt – am Ende steht ein vernichtendes Urteil über das Schweigen und die relative Untätigkeit des Papstes und der Kirche. Das Urteil ist ebenfalls klar, wenn wir uns auf die Lehre stützen, welche die Kirche selbst aus dem fünften Gebot ableitet: "Das sittliche Gesetz verbietet, jemanden ohne schwerwiegenden Grund einer tödlichen Gefahr auszusetzen, ebenso wie die Weigerung, einem Menschen in Lebensgefahr zu Hilfe zu kommen." Das wohl berühmteste Gleichnis der christlichen Bibel, das vom barmherzigen Samariter – das die angebliche Überlegenheit der christlichen gegenüber der jüdischen Moral verkündet – unterstreicht eindrucksvoll diese christliche Pflicht, Menschen in Not zu helfen. Ließe sich zur Verteidigung der Kirche vielleicht ihr Status als politische Institution anführen, für die die Wahrung und Förderung ihrer Macht höchste Priorität hat? Das hieße doch, der Kirche mit einem Schlag ihre Legitimation als moralische Institution zu entziehen – eine solche Position käme fast einem Eingeständnis der Kollaboration gleich. Man könnte jeden dieser Bewertungsmaßstäbe (oder auch andere) anlegen, doch die Verteidiger des Papstes verschmähen sie alle (oder legen sie, soweit es um die politische Rechtfertigung geht, zumindest nicht offen an), weil in jedem Fall am Ende eine Verurteilung der Kirche stünde.

Letztlich versuchen die Verteidiger der Kirche deren Versagen mit der schon erwähnten Mischung zu rechtfertigen: Der selektive, bizarre moralische Konsequentialismus einer politischen Institution wird damit bemäntelt, dass man die Kirche so darstellt, als sei sie eine moralische Institution gewesen. Die Verteidiger stellen ungewisse, hypothetische Konsequenzen so dar, als seien sie beinahe Gewissheiten oder Tatsachen gewesen. Diese "Tatsachen" benutzen sie dann als Rechtfertigung dafür, dass die Kirche nicht das getan hat, was unbestreitbar rechtens und moralisch geboten gewesen wäre. Die Absichten der Kirche, so das Argument ihrer Verteidiger, seien untadelig gewesen, doch habe sie nicht mehr tun können, um den Juden zu helfen (und damit der moralischen Verantwortung entsagt), weil sie sich um ihr eigenes, angeblich bedrohtes Überleben kümmern musste (die dürftige Hypothese des Konsequentialismus), und in ihrer Sorge um die Juden (hier wird fälschlich behauptet, die Kirche habe sich von moralischen Überlegungen leiten lassen) habe sie erkannt, dass die einzige Möglichkeit, ihnen zu helfen, darin bestanden habe, ihnen nicht zu helfen (ein bizarrer, noch bedürftigerer Konsequentialismus).
Dass Katholiken im Einklang mit theologischen oder moralischen Prinzipien einen solchen Konsequentialismus rechtfertigen, ist schwer vorstellbar. Besonders da die Kirche in ihrer Lehre einen solchen Grundsatz und eine derartige Praxis ausdrücklich verwirft:

"Es ist nicht erlaubt, etwas Schlechtes zu tun, damit etwas Gutes daraus entsteht."

Die Kirche und ihre Verteidiger bedienen sich bei der Erörterung des Holocaust so lange eines solchen moralischen Konsequentialismus, wie er sich einschmuggeln lässt, ohne dass die vielen Menschen, die geneigt sind, zunächst einmal die moralische Legitimität und den guten Willen der Kirche anzuerkennen, etwas davon merken. Man würde sich jedoch schwer tun, ihn offen einzugestehen. Zudem ist der moralische Konsequentialismus eine offenkundige Heuchelei, denn niemand kann glauben, dass die Kirche ihn konsequent angewendet hätte, wenn es um eine erklärte Massenvernichtung von Katholiken – nur weil sie Katholiken waren – gegangen wäre.

In Wirklichkeit hat die katholische Kirche nicht als moralische sondern als politische Institution gehandelt. Wir sollten das begreifen. Wir sollten die Folgen dessen akzeptieren, darunter auch die, dass die Vorstellung, man dürfe die Lehre und die Handlungen der katholischen Kirche nicht kritisieren, Unsinn ist. Außenstehende sind berechtigt, an der Kirche Kritik zu üben wie an anderen politischen Institutionen auch. Die Kirche verfügt über einen Staat, riesige materielle Besitzungen, einen regelrechten diplomatischen Dienst, sie schließt Abkommen über Zusammenarbeit und hat mehr als eine Milliarde Anhänger. Ihre Lehre ist wie die Ideologie eines Staates politisch, und sie hat Folgen für Menschen, die keine Katholiken sind. Analog zu einem aggressiven Nationalismus predigte die Kirche in ihrer langen Geschichte einen auf Eroberung ausgerichteten Imperialismus der Seele sowie Verachtung für und Hass auf andere, besonders Juden. Andere Institutionen, Staaten eingeschlossen, die eines oder mehrere dieser Merkmale aufweisen, werden von Nicht-Mitgliedern mit Recht dazu aufgefordert, sich zu ändern. Warum sollte die katholische Kirche Immunität genießen? Alles, was die Kirche tut und was politische Folgen oder Implikationen für Nicht-Katholiken hat, sollte von Außenstehenden wie von Katholiken einer kritischen, das heißt fairen Prüfung und Bewertung unterzogen werden, und notfalls sollten sie Veränderungen fordern.
Die Ablenkungsstrategien – Reinwaschung Pius' XII., taktischer Wechsel zu vorteilhaften Themen, der Eiertanz um den Antisemitismus und das Verschleiern der Tatsache, dass die Kirche eine politische Institution war und als solche bewertet werden sollte – funktionieren nicht mehr. [...] Kaum etwas vermag die Kirche, Pius XII. und zahlreiche Bischöfe und Priester von ihren vielen unleugbar schädlichen Handlungen und Unterlassungen und letztlich von ihrer drückenden moralischen Verantwortung für den von den Deutschen und ihren Helfern begangenen Mord an den Juden zu entlasten.

November 2, 2010

Sein Blut komme über uns und unsere Kinder



Daniel Goldhagen 2003: Die Katholische Kirche und der Holocaust

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S. 113-122) Faschistisch-sozialistisches SS-Regime trifft uralten Wunsch
christlicher Glaubenshüter

Dass ein solcher Antisemitismus in Civiltà cattolica in Erscheinung trat, war von ungeheurer Bedeutung. Es war innerhalb und außerhalb der Kirche bekannt, dass Civiltà cattolica die Auffassung des Heiligen Stuhls wiedergab. Pius IX. hatte das Blatt, das von einer Gruppe von Jesuiten unter der Leitung eines vom Papst ernannten Direktors gemacht wurde, im Jahr 1850 gegründet, und zwar zu dem Zweck, die Ansichten des Papstes darzustellen. Daraus erwuchs der Zeitschrift zwangsläufig großer Einfluss auf die Geistlichkeit und letztlich auch auf die katholischen Laien.
Seine herausragende autoritative Stellung rührte daher, dass es der direkten Aufsicht des vatikanischen Staatssekretärs – das war in den 30er Jahren Pacelli – und des Papstes – das war während der NS-Zeit zunächst Pius XI. und anschließend Pacelli, nunmehr Pius XII. – unterstand. Jede Ausgabe von Civiltà cattolica wurde vor Erscheinen vom Staatssekretär und oft auch vom Papst persönlich daraufhin geprüft, ob sie die Lehren der Kirche sowie die Ansichten und Interessen des Papstes korrekt darstellte. Wenn Civiltà cattolica einen schädlichen und aufwieglerischen Antisemitismus vertrat, von dem wir hier nur eine Auswahl zeigen, dann geschah das folglich mit dem Wissen und der Billigung Pacellis. Er war offenbar der Ansicht, dass die antisemitischen Anschuldigungen und Hetzreden die Ansichten der Kirche korrekt wiedergaben, und er glaubte offensichtlich, dass ihre Veröffentlichung den Interessen der Kirche dienlich sei. Andernfalls wären sie nicht veröffentlicht worden. Hätte ein Diener Gottes, der diesen Antisemitismus, solche herabsetzenden und kränkenden Ansichten nicht teilte, deren Veröffentlichung in einem der wichtigsten Organe seiner Religion wiederholt gutgeheißen? (Kertzer S. 180 f.) [...]

Wie groß muss der Antisemitismus der Kirche gewesen sein, wie teuflisch und gespenstisch muss ihr Bild von den Juden gewesen sein, dass ein namhaftes Mitglied der Kirche eine solche Idee schon 1937 ausdrücklich erörtern konnte und die einflussreichste vatikanische Zeitschrift sich mit Erlaubnis Pacellis entschied, das abzudrucken.
In den Vorstellungen der Kirche waren die Juden schlimmer als die schlimmsten Verbrecher.
Ließ sich angesichts der offiziellen kirchlichen Billigung der Todesstrafe aus der Feindschaft der Kirche gegen die Juden, aus den großen Verbrechen, derer sie die Juden für schuldig hielt, nicht ableiten, dass sie die Todesstrafe für angemessen hielt? Civiltà cattolica selbst räumte das ein. Ein solch tödliches Vorgehen gelte dann nicht als Mord, sondern als gerechte Hinrichtung – selbst wenn die Kirche eigentlich die Position vertrat, dass man die Juden am Leben lassen, aber strengen Einschränkungen und Benachteiligungen unterwerfen solle, als warnendes Beispiel für andere, die daran denken mochten, Jesus nicht als ihren Erlöser anzuerkennen.
Nur deshalb propagierte oder akzeptierte die Kirche diese Folgerung nicht offiziell als Handlungsanleitung.
Es war ein eher formales Hindernis.

Als der Entwurf der Enzyklika bei Pater Rosa einging, hatte er gerade seinen eigenen Artikel über die Frage publiziert, wie mit den Juden zu verfahren sei. Zwei Wochen zuvor hatte Italien mit dem ersten antisemitischen Dekret vom September 1938 die Ausweisung ausländischer Juden verfügt. In seinem Artikel nahm er zwar zustimmend Bezug auf eine 1890 in Civiltà cattolica erschienene Artikelserie, in der die jüdischen Ausnahmen von der jüdischen Regel verteidigt wurden: "Nicht alle Juden sind Diebe, Hetzer, Betrüger, Wucherer, Freimaurer, Schwindler und Verderber der Moral. Überall gibt es eine gewisse Zahl von ihnen, die sich an den üblen Handlungen der anderen nicht beteiligt." (Sogar für Hitler hatte es einen guten Juden gegeben. Er war Antisemit gewesen und hatte Selbstmord begangen. Siehe Henry Picker, "Hitlers Tischgespräche im Führerhauptquartier 1941-42", Bonn 1951, S. 346.) Aber lt. Enrico Rosa SJ zeigte die Erfahrung, dass der Polemiker im Jahr 1890 auch mit seiner Feststellung Recht hatte, die bürgerliche Gleichstellung der Juden habe

"die Folge gehabt, dass Judentum und Freimaurerei sich zusammentaten, um die katholische Kirche zu verfolgen und die jüdische Rasse über Christen zu stellen, sowohl hinsichtlich heimlicher Macht wie hinsichtlich sichtbaren Reichtums."

Die Ansichten Rosas kamen fast offiziellen Erklärungen der Kirche gleich, und in der ganzen katholischen Welt wurden sie auch als solche aufgefasst, wie der Nachruf auf ihn in der Zeitschrift der Jesuiten deutlich macht:

"Es ist nicht übertrieben zu sagen, dass Enrico Rosa dreißig Jahre lang als Interpret und unerschrockener Verfechter der Direktiven des Heiligen Stuhls an der Spitze des italienischen katholischen Journalismus stand." (Kertzer S. 358)

Selbst die antirassistische Enzyklika, diese von Pius XII. verworfene Verteidigung der Juden, fordert, die "eigentliche Grundlage der gesellschaftlichen Sonderstellung der Juden gegenüber der übrigen Menschheit" zu verstehen, nämlich die Religion, was dem Verfasser Gelegenheit gibt, bösartige antisemitische Vorstellungen vorzutragen. Die Enzyklika beschwört das Bild von Christusmördern – "die Tat, mit der das jüdische Volk seinen Erlöser und König tötete" – die "den göttlichen Fluch auf ihre eigenen Häupter herabbeschworen [...] wie es scheint, dazu verurteilt [...] ewig über die Erde zu irren", und getroffen vom "Zorn Gottes [...] weil es [Israel] das Evangelium zurückgewiesen hat." Sie warnt vor "den spirituellen Gefahren [...] denen der Kontakt mit den Juden die Seelen aussetzen kann," und – ganz im antisemitischen Jargon der Zeit – davor, dass Juden "revolutionäre Bewegungen [...] unterstützen [...] die auf nichts anderes abzielen, als die gesellschaftliche Ordnung umzustürzen und den Seelen die Kenntnis, den Respekt und die Liebe Gottes zu entreißen." (Passelecq und Suchecky S. 265-270)

Das war es, was Juden von ihren "Freunden" innerhalb der Kirche erhoffen konnten: eine Verurteilung von Gewalt und rassistischer Verfolgung, die im nächsten Atemzug von dem anscheinend nicht zu unterdrückenden, uralten Wunsch kirchlicher Oberhäupter untergraben wird, deutlich zu machen, dass die Juden tatsächlich von Übel seien. Damit aber wird das weltanschauliche Fundament des eliminatorischen Angriffs auf die Juden faktisch bestätigt.

Die nationalen Kirchen (Polens, der Slowakei, Frankreichs und anderer Länder) waren nicht besser und zum Teil noch schlimmer. Überall in Europa und besonders in Dtl. verbreiteten katholische Publikationen vor und während der NS-Zeit und auch dann noch, als der Massenmord an den Juden im Gange war, antisemitisches Gift, das von dem der Nationalsozialisten oft nicht zu unterscheiden war.
In Dtl. rechtfertigten sie die Entfernung der jüdischen "Fremdkörper" aus dem Land häufig mit rassistischen Begründungen. Antisemitische Aktionen waren den dt. katho. Publikationen zufolge "gerechtfertigte Notwehr, [um] schädliche Eigenarten und Einflüsse der jüdischen Rasse zu verhindern."
(Zitiert in Bernd Nellessen, "Die schweigende Kirche: Katholiken und Judenverfolgung",
in: Ursula Büttner, "Die Deutschen und die Judenverfolgung im Dritten Reich", Hamburg 1992, S. 265)
Erzbischof Conrad Gröber veröffentlichte im März 1941 einen antisemitischen Hirtenbrief, in dem er den Juden vorwarf, am Tod Jesu schuld zu sein, und gab unter Berufung auf das Matthäus-Evangelium zu verstehen, dass die damaligen Ausschaltungsmaßnahmen der Deutschen gerechtfertigt seien:

"Über Jerusalem gellt indessen der wahnsinnige, aber wahre Selbstfluch der Juden: 'Sein Blut komme über uns und unsere Kinder!' Der Fluch hat sich furchtbar erfüllt. Bis auf den heute laufenden Tag." (Lewy, "Die katholische Kirche und das dritte Reich", S. 322)

Warum wurde dieser dt. Bischof nicht von den anderen dt. Bischöfen zurechtgewiesen?
Warum nicht von Pius XII.?
Das wird vielleicht verständlicher, wenn wir berücksichtigen, was der antisemitische Pius XII. der Civiltà cattolica alles zu veröffentlichen erlaubte und dass er es für nötig erachtete, im Juni 1943, auf dem Höhepunkt des Massenmords, in seiner Enzyklika Mystici corporis den Gottesmord-Vorwurf erneut heraufzubeschwören und das "alte Gesetz" als "todbringend" anzufechten.

Wir sollten uns vielleicht überlegen, wie sich die antisemitischen Lehren der Kirche auf die Bereitschaft gewöhnlicher Deutscher, Polen etc. ausgewirkt haben mag, die gewaltsame Ausschaltung der Juden zu unterstützen. Stellen wir uns einen Menschen vor, der an die dämonisierenden Vorstellungen glaubte, die Juden seien Christusmörder, Werkzeuge des Teufels, sie bedrohten das dt., litauische oder slowakische Volk, sie seien für den Bolschewismus verantwortlich, sie verursachten Wirtschaftskrisen wie die Weltwirtschaftskrise der 30er Jahre, sie unterminierten die Moral und dergleichen mehr. Was würde dieser Mensch tun, wenn führende Politiker sagten: Wir müssen diese bösen Menschen ausschalten, die Ihnen, Ihrer Familie und Ihren Landsleuten so viel Leid zufügen. Würde er sich dem Vorhaben, diejenigen loszuwerden, von denen er so etwas glaubt, widersetzen, nur weil er möglicherweise auch glaubt, die Ursache ihrer Frevelhaftigkeit sei ihre Religion (was die Kirche in jenen Jahren eindeutig nicht in den Vordergrund stellte), zumal wenn er wüsste, dass eine Massenbekehrung nicht einmal eine entfernte Möglichkeit war? Und würde ihm auffallen, dass die Kirche ihn zwar zusammen mit anderen auf die extreme Gefahr aufmerksam gemacht haben mag, die von den teuflischen Juden ausgeht, dass aber nicht die Kirche, sondern die Regierung praktische Lösungen für politische Probleme – und so wurde die bedrohliche "Judenfrage" in ganz Europa letztlich verstanden – erarbeitet und verwirklicht?

Die kirchlichen Autoren waren überraschend unfähig, eine praktikable nichteliminatorische politische Lösung für das vermeintlich weltgeschichtliche "Judenproblem" vorzuschlagen, das sie doch immer wieder als so schwerwiegend dargestellt hatten. Wohl deshalb waren ihre Anhänger und sogar die Geistlichen selbst so empfänglich für die praktischen, teils sogar "endgültigen" eliminatorischen Maßnahmen der Deutschen: Die dt. katho. Kirche beliebte aktiv mit der Regierung zusammenzuarbeiten, um die eliminatorischen Rassengesetze durchzusetzen, slowakische und kroatische Geistliche gaben sich zum Massenmord her.


Was war los mit den Moralaposteln?


Diskutiert man die Rolle der katholischen Kirche bei der Vernichtung der europäischen Judenheit, trifft man oft auf eine dritte Ablenkungsstrategie: Mal wird die Kirche als moralische, mal als politische Institution präsentiert, aber ohne dass man auf ihren politischen Charakter oder auf die veränderte Diskussionsgrundlage eingeht.
Legitimiert wird die Kirche als eine moralische Institution, doch bei der Verteidigung ihrer Fehler beruft man sich auf die realen oder erfundenen Zwänge, mit denen sie als politische Institution konfrontiert war. [...]
Will die katholische Kirche ihrem Sonderstatus als universale moralische Institution gerecht werden – den sie ausdrücklich beansprucht, schließlich bedeutet katholisch allumfassend – muss sie sich wirklich in erster Linie um die Seelen und den sittlichen Lebenswandel kümmern und ihr Augenmerk auf das Wohl aller Menschen richten. [...] Wenn wir die Selbstdarstellung der Kirche ernst nehmen und sie nicht als politische, sondern als moralische Institution und ihre Führer nicht als politische, sondern als moralische Akteure beurteilen, dann müssen wir uns einigen beunruhigenden Problemen stellen.
Was war los mit dieser moralischen Institution und ihren moralischen Führern, dass sie nicht erkannten, dass der Nationalsozialismus von unübertroffenem Übel war? Schon 1933 präsentierte Hitler als Blaupause für die Veränderung der Welt eine rassistische, tödliche Auffassung von der menschlichen Natur, die für Geistliche in der Nachfolge Jesu ein Gräuel sein musste. Hitler predigte einen glühenden Hass auf die Juden und forderte schon 1920, praktisch vom Beginn seiner Politikerlaufbahn an, ausdrücklich ihre Ausschaltung.
Bereits damals machte er deutlich, dass die von ihm bevorzugte Form der Ausschaltung die Ausrottung war.

"Es beseelt uns die unerbittliche Entschlossenheit," erklärte er, "das Übel [die Juden] an der Wurzel zu packen und mit Stumpf und Stiel auszurotten [...] Um unser Ziel zu erreichen, muss uns jedes Mittel recht sein, selbst wenn wir uns mit dem Teufel verbinden müssten." (Hitler, "Sämtliche Aufzeichnungen 1905-24", hgg.v. E. Jäckel, A. Kuhn, Stuttgart 1980, S. 119 f.)

Er verherrlichte den Krieg. Er war auf die Eroberung anderer Länder aus. 1939, gar nicht zu reden von 1941, praktizierte Hitler unbestreitbar das, was er stolz und unablässig gepredigt hatte. Katholiken sollten so gut wie alle anderen wissen, dass man mit dem Teufel – oder mit dem, der ihm auf weltlicher Seite am nächsten kommt – keinen Pakt eingeht. Doch genau das tat die Kirche mit ihrem Konkordat, und sie, Pius XII. und die dt. nationale Kirche hielten sich trotz des ungeheuren Massenmords der Deutschen während des ganzen Krieges daran.

Warum lenkten diese moralische Institution und ihre moralischen Führer nicht wenigstens einen Hauch des Zorns, mit dem sie in diesen Jahren die unschuldigen und harmlosen Juden überschütteten, gegen Hitler und die Nationalsozialisten? Warum sprachen diese moralische Institution und ihre moralischen Führer trotz des unter seiner Ägide verübten Massenmords relativ maßvoll über den Nationalsozialismus, während sie die Sowjetunion mit den gehässigsten Beschimpfungen attackierten? Während die Kirche 1937 in der Enzyklika Mit brennender Sorge am Nationalsozialismus selbst nur behutsam Kritik übte (dabei aber einige gegen die Religion gerichtete Maßnahmen in Dtl. lauthals verurteilte), war die aus demselben Jahr stammende antikommunistische Enzyklika Divini Redemptoris Pius' XI. im Vergleich dazu ein donnerndes, kompromissloses Verdammungsurteil: Der Kommunismus zerstört das Christentum und die Christen "mit einem Hass, einer Barbarei und einer Grausamkeit, wie man sie in unserm Jahrhundert vorher nicht für möglich gehalten hätte."
Er ist eine "satanische Geißel", eine "falsche Erlösungsidee" und die "verheerende Seuche, die das Mark der menschlichen Gesellschaft auffrisst und sie völlig zersetzt."
Er erzeugt "Gehässigkeit und Zerstörungswut" und glaubt, dass alle, "die sich diesen systematisch geübten Gewalttätigkeiten widersetzen, als Feinde des Menschengeschlechtes vernichtet werden müssen." (Siehe auch Zuccotti S. 23.)
Warum – und diese Frage zielt auf Pius XII. selbst – war der vatikanische Staatssekretär Pacelli in den 30er Jahren so emsig bemüht, die von Kirchenvertretern geäußerte Kritik am Nationalsozialismus oder an Deutschland abzumildern? (Passelecq und Suchecky S. 131 f.)

Welche Prinzipien galten, als diese moralische Institution aus Eigennutz, nämlich um ihrer Macht willen, die Moral aufs Spiel setzte? Nehmen wir zum Beispiel die 30er Jahre, als die Nationalsozialisten die Juden einem massiven, gewalttätigen, eliminatorischen Angriff aussetzten, Konzentrationslager schufen (in die sie anfangs Kommunisten und Sozialisten sperrten, die sowohl das Regime als auch die Kirche bekämpften) und die Folter zur gängigen Praxis des Regimes machten. Von einer Existenzgefährdung der Kirche konnte nicht im Entferntesten die Rede sein, und doch blieb sie stumm, ja in manchen Gegenden gewährte sie dem Regime sogar stillschweigende oder tätige Unterstützung.

In der Diskussion der moralischen Versäumnisse der Kirche geht nicht nur ihre Pflicht gegenüber den Opfern, sondern auch, ja, ihre Pflicht gegenüber den Tätern unter. Ihre vorrangige Verantwortung gilt ja nach ihrem eigenen Selbstverständnis nicht dem Leib, sondern der Seele. Warum hat sie es dann völlig versäumt, sich um die Seelen der Massenmörder und all derer, die Juden verfolgten, zu kümmern? Warum hat sie sie nicht gewarnt, sie darüber aufgeklärt, dass die Todsünden, die sie begingen, ihr Seelenheil gefährdeten? (Katechismus §§ 1852-61)
Es machte dieser moralischen Institution nichts aus, ihre Herde in jenen Jahren vor allen möglichen geringeren Gefahren und lässlichen Sünden zu warnen, einschließlich der vermeintlichen Gefährdung christlicher Seelen durch eine herbeifantasierte jüdische Unterwanderung.
Warum wies diese moralische Institution nicht mit lauter Stimme, mehr noch, mit Pauken und Trompeten auf die Gefahr der Verdammnis hin, in die sich die willigen Vollstrecker stürzten, um einige von ihnen von der Sünde abzuhalten oder, wenn sie schon gesündigt hatten, damit sie sich um tätige Wiedergutmachung bemühten, zunächst, indem sie sich weigerten zu morden (was das NS-Regime ihnen erlaubte), und dann, indem sie den Juden in jeder erdenklichen Weise halfen? Warum predigte diese moralische Institution den Katholiken nicht mit aller Eindringlichkeit: Ihr sollt Juden nicht hassen. Ihr sollt sie nicht verfolgen. Ihr sollt nicht Massenmord begehen. Ihr sollt euch mit all eurer Kraft den Mördern widersetzen.

Eine Beurteilung der katholischen Kirche als moralische Institution muss vor allem berücksichtigen, dass die Kirche de facto Hitler diente – denn nicht zu entscheiden ist auch eine Entscheidung – dem Menschen, der dem Antichristen auf Erden am ehesten entsprach, und dass sie stillschweigend und gelegentlich auch tätig Beihilfe zum Massenmord leistete.
Es gab rechtschaffene Menschen in der Kirche.
Es gab Bischöfe, Priester, Nonnen und Laien, die Protest erhoben und halfen, Juden zu verstecken.
Sie werden in der israelischen Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem als "Gerechte unter den Völkern" geehrt. Viele von ihnen, so etwa einige Mitglieder der überwiegend katholischen polnischen Organisation Zegota, wurden (auch wenn sie gleichzeitig Antisemiten waren) durch ihre religiöse Überzeugung dazu veranlasst, Juden zu retten. Aber sie handelten aus eigener Verantwortung, in deutlichem Gegensatz zur offiziellen Linie der Kirche.
Es fällt schwer, die Kirche jener Jahre als moralische Institution zu verteidigen, zumindest was den Nationalsozialismus und den Holocaust angeht. Ihre Verteidiger versuchen es denn auch kaum. Sie suchen ihre Zuflucht stattdessen darin, die Kirche als politische Institution zu verteidigen. Sie sagen, die Kirche habe diplomatische Rücksichten nehmen müssen, sie habe im Krieg neutral bleiben müssen, weil sie sich sonst selbst gefährdet hätte, sie sei überzeugt gewesen, den Kampf gegen den Kommunismus unterstützen zu müssen.
(Siehe Rychlak, HWAP, und Blet, PZWK. Selbst einige Kritiker der Kirche übernehmen diese Argumentation. Siehe Zuccotti, UHVW, S. 167 f., 313-316.) Wie steht die Kirche also da, wenn wir bei ihrer Beurteilung den Maßstab anlegen, der ihrem wahren politischen Charakter entspricht?

Tatsächlich ist die Kirche fast von Anfang an eine politische Institution gewesen, die um diesseitige Macht mindestens ebenso sehr wetteiferte, wie sie sich um jenseitige Dinge kümmerte. Im 19. Jh. vollzog die Kirche eine verhängnisvolle politische Wendung: Sie verwarf Liberalismus, Demokratie und Kapitalismus und damit die Moderne schlechthin.
In einer der bedeutendsten Enzykliken ihrer Geschichte, der Enzyklika Quanta cura von Papst Pius IX., erklärte die Kirche 1864 ausdrücklich die Vorstellung, "[d]er römische Papst kann und muss sich mit dem Fortschritt, dem Liberalismus und der modernen Zivilisation versöhnen und vergleichen," zur "Irrlehre". (Kertzer S. 170)
Es lag nahe, dass die Kirche in ihrem Kampf gegen die Moderne reflexartig zum Antisemitismus griff.
Die Juden waren in ihren Augen für die Moderne verantwortlich, ihnen lastete sie die verhassten politischen, gesellschaftlichen, wirtschaftlichen und kulturellen Veränderungen an, welche die Kirche und ihren Einfluss auf ihre Gläubigen bedrohten. So heißt es in der Enzyklika:

"Durch sie [die Sekten] gewinnt des Satans Synagoge, die ihre Heerscharen gegen die Kirche Christi um sich schart, ihre Kraft."

Diese Enzyklika, schreibt Kertzer, sollte "das kirchliche Selbstverständnis für die folgenden Jahrzehnte prägen", insbesondere ihre Berufung auf "Satans Synagoge" – so wird das jüdische Gotteshaus in der christlichen Bibel genannt – als Quelle des Übels Moderne.
(S. 169 f. In der amerikanischen Einheitsübersetzung heißt es mittlerweile "Versammlung des Satans".
Die dt. Einheitsübersetzung spricht weiterhin von "Satans Synagoge".)

Sich an alle Menschen wendend, die an umkämpften Institutionen, Gebräuchen und Traditionen festhalten wollten, versuchte die Kirche das enorme Reservoir des europäischen Antisemitismus für ihre politische Schlacht gegen die Moderne zu mobilisieren. Und so griff sie Juden unbarmherzig an. Die politische Taktik, die zumal der echten Überzeugung der Kirchenmänner entsprach, war klar. Wenn man die Moderne mit den Juden gleichsetzen konnte, war die Schlacht schon halb gewonnen.
Die Kirche bediente sich einer alltäglichen, altehrwürdigen, gesamteuropäischen politischen Strategie, die ebenso der Überzeugung wie dem zweckgerichteten Kalkül entsprang: Institutionen dadurch anzugreifen, dass man sie mit Juden gleichsetzte. Den größten Erfolg hatte sie damit natürlich in Dtl., wo rassistische Antisemiten die Juden zum zentralen Symbol für jede vermeintliche Fehlentwicklung in Deutschland und in der Moderne gemacht hatten.
(Die Rolle der Kirche bei der Entstehung des antimodernen, antidemokratischen kulturellen und politischen Klimas, das zum Aufstieg des Nationalsozialismus, des Faschismus und anderer antidemokratischer, antimoderner Institutionen im 20. Jh. führte, wird – auch jenseits von Antisemitismus und Holocaust – vielfach unterschätzt und müsste bei einer umfassenden Beurteilung der Kirche ebenfalls thematisiert werden.)

November 1, 2010

Identische Hasspropaganda der Civiltà Cattolica



Daniel Goldhagen 2003: Die Katholische Kirche und der Holocaust

pt 1 & pt 2 & pt 3 & pt 4 & pt 5 & pt 6 & pt 7 & pt 9


S. 105-113) Das Deutschland-Konkordat

In den 30er Jahren, als Hitlers Stellung noch ungefestigt und die Kirche unbestreitbar nicht in Gefahr war, bewerkstelligte Pacelli, damals vatikanischer Staatssekretär, die Legitimierung der NS-Diktatur seitens des Katholizismus durch ein Abkommen, das schon erwähnte Konkordat, das die deutsche NS-Führung der Loyalität der deutschen Kirche versicherte (auf Geheiß der Kirche Pius' XI. und Pacellis legten die katholischen Bischöfe einen Treueid auf den NS-Staat ab) und der Kirche jede politische Betätigung untersagte. Das Konkordat gestand dem Regime praktisch das Recht zu, seine unverhüllt militaristischen, imperialistischen und rassistischen Ziele zu verfolgen, ohne von der Kirche Kritik oder Widerstand gewärtigen zu müssen. Pacelli stimmte sogar einem späteren "geheimen Zusatz" zum Konkordat zu, der letztlich die kirchliche Billigung der dt. Wiederbewaffnung bedeutete, die nach dem Versailler Vertrag noch immer verboten war. (Ernst Helmreich, "The German Churches Under Hitler", S. 249)
Hitlers wesentliches, zentrales, laut ausposauntes, wenn auch im Detail noch unbestimmtes Vorhaben zur Ausschaltung der Juden war der katholischen Kirche wohlbekannt. [...]
Mit dem Konkordat erreichte die katholische Kirche, dass ihr in Dtl., wo ihre Zeitungen und Organisationen seitens des Regimes unter Druck gerieten, religiöse und kulturelle Immunität zugestanden wurde.
Pacellis politisches Geschäft mit Hitler wäre vielleicht weniger zu tadeln, hätte die Kirche es schweren Herzens geschlossen, erfüllt von äußerstem Abscheu vor dem in Dtl. herrschenden eliminatorischen Antisemitismus und fest entschlossen, ihn wo immer möglich zu bekämpfen. Doch das war nicht der Fall. In einer der dt. Regierung zum Zeitpunkt der Ratifikation des Konkordats übermittelten Note, die die Ansichten der obersten Würdenträger der dt. katho. Kirche widerspiegelte, bekundete Pacelli die Absicht der Kirche, den Deutschen im Hinblick auf die Juden freie Hand zu lassen, es sei denn, es handelte sich um Katholiken, die als Juden geboren waren.
"Es liege dem Hl. Stuhl fern, sich in innerdeutsche staatliche Verhältnisse einmischen zu wollen," hatte Eugen Klee, der Vertreter der dt. Regierung, Pacelli diktiert, um die Nichteinmischung der Kirche in die Judenpolitik der Deutschen unmissverständlich zu formulieren.

Im Vatikan wie in Dtl. selbst verbreitete die katholische Kirche weiterhin Antisemitismus, und sie stand den eliminatorischen Impulsen der Deutschen, von einigen Ausnahmen abgesehen, nach wie vor sehr wohlwollend gegenüber – auch wenn einige Geistliche sich an der Gewalt stießen, die sich zum Beispiel in der "Kristallnacht" vom 9. auf den 10. November 1938 Bahn brach, dem umfassenden Angriff auf die jüdische Gemeinschaft und ihr Eigentum, der den Völkermord bereits ankündigte. Anders ist das Versäumnis der katholischen Kirche, ihrer Päpste Pius XI. und Pius XII. sowie ihrer jeweiligen Bischöfe, gegen die entmenschlichenden, dem Wesen nach eliminatorischen antisemitischen Gesetze Widerspruch einzulegen, die Dtl., Italien und etliche weitere Länder in den 30er und 40er Jahren erließen, nicht zu erklären.
Es gibt keinen Anhaltspunkt dafür, dass sich hinter kirchlichen Äußerungen der Billigung oder kirchlichem Stillschweigen zu diesen Maßnahmen eigentlich eine innere Opposition verborgen hätte, entsprungen der Überzeugung, dass die Juden unschuldig seien. Lägen in den kirchlichen Archiven Beweise für eine solche Opposition, würde die Kirche, so verzweifelt bemüht, Pius XII. und sich selbst reinzuwaschen, wohl kaum darauf beharren, sie der Öffentlichkeit vorzuenthalten.

Der kirchliche Antisemitismus bot dem modernen europäischen Antisemitismus, der sich von ihm abgezweigt hatte, gleichsam als Stamm unaufhörlich Nahrung. Das ist eine unbestreitbare Tatsache. Schon ein nur flüchtiger Blick auf das, was die Kirche seit der zweiten Hälfte des 19. Jh.s bis in die NS-Zeit über die Juden predigte, zeigt, dass die Behauptung, zwischen dem "Antijudaismus" der Kirche und ihrem Ableger, dem europäischen "Antisemitismus", bestünde eine unüberbrückbare Kluft, unhaltbar ist. Diejenigen, die diese Kluft als Faktum hinstellen, tun nicht das Mindeste, um sie zu beweisen. Weder erörtern sie ernsthaft das Wesen des Antisemitismus und seiner Spielarten, noch vergleichen sie die beiden Arten von Antisemitismus anhand klarer Bewertungsmaßstäbe, um über das Verhältnis zwischen ihnen Klarheit zu gewinnen. Auch gehen sie nicht auf den tatsächlichen historischen Zusammenhang zwischen dem kirchlichen Antisemitismus und dem modernen europäischen Antisemitismus ein.
Dass ein solcher Zusammenhang nicht inexistent ist, wie Papst Johannes Paul II. und andere Apologeten uns glauben machen wollen, steht jedenfalls fest. (Siehe "Hitlers willige Vollstrecker", S. 45-105, bes. S. 90 ff.)

Hitlers Sprache war vertraut


Walter Zwi-Bacharach, "Anti-Jewish Prejudices in German Catholic Sermons", Lewiston, N.Y., 1993, kommt zu dem Schluss:

"Die judenfeindlichen Äußerungen in katho. Kirchen und die aufwieglerischen Aussagen in der katechetischen Literatur wurden den Kirchengängern mit Nachdruck und Überzeugung als göttliches Edikt präsentiert. Und da sie als absolute, dem göttlichen Willen entsprungene Aussagen galten, wurden sie von der Allgemeinheit als unanfechtbare Wahrheiten aufgenommen.
Als die Nationalsozialisten an die Macht kamen, wiesen sie dem Judenhass eine zentrale Rolle in ihrer Ideologie zu. Der Antisemitismus der Nationalsozialisten aktivierte die schon vorhandene christliche Judenfeindschaft und sprach Katholiken wie Protestanten in einer vertrauten, gemeinsamen Sprache an."

Bacharachs Untersuchung zeigt, dass "das katholischchristliche Vorurteil die Juden von der übrigen Menschheit absonderte und die Seelen von Millionen Deutschen vergiftete." Dies, sagt er, "erleichterte Hitlers Plan, wie er Anhänger gewinnen wollte, denn seine Sprache war vertraut" (S. 138 f.).

Doch selbst wenn sie die verschiedenen Antisemitismen, so wie sie sie darzustellen belieben, auf angemessene Weise miteinander verglichen, kämen sie damit nicht weit, denn die Unterscheidung zwischen Antijudaismus und Antisemitismus beruht auf einer Fiktion, einer beschönigten Darstellung des so genannten Antijudaismus der Kirche. Der Antisemitismus der Kirche war jedenfalls seit dem Ende des 19. Jh.s und bis in die NS-Zeit weitaus "moderner" und stand dem Antisemitismus der Nationalsozialisten in Lehre und Praxis weitaus näher, als man zugegeben hat. David Kertzer schreibt der katholischen Kirche sogar die Verantwortung für die Entstehung des modernen Antisemitismus zu, der in Deutschland und anderen Ländern schließlich die Oberhand gewann, und nennt sie "einen seiner wichtigsten Architekten".
(Kertzer, " Die Päpste gegen die Juden", S. 16. Kertzer bringt eine Fülle von Belegen für den "modernen" Charakter des kirchlichen Antisemitismus.)

Die Civiltà Cattolica der Gefährten Jesu


Kertzer konzentriert sich weniger auf die unterschiedlichen Grundlagen – formal, religiös für den kirchlichen Antisemitismus und rassistisch für den modernen europäischen Antisemitismus – als vielmehr auf die großen Ähnlichkeiten in Inhalt und Dämonologie dieser verwandten, auf Vorurteilen beruhenden Ideologien.
Selbst bei katho. Autoren ließ sich plötzlich die Tendenz beobachten, die Juden als Rasse zu definieren.
Die von Jesuiten geführte, 14-tägig erscheinende Civiltà cattolica, die offizielle, maßgebende und bedeutendste vatikanische Publikation, erklärte 1880:

"Oh, wie sehr täuschen sich jene, die meinen, das Judentum sei nur eine Religion, wie Katholizismus, Paganismus und Protestantismus, und nicht vielmehr eine Rasse, ein Volk und eine Nation!" (S. 184)

Noch emphatischer schrieb Civiltà cattolica im Jahr 1897:

"Der Jude bleibt immer und überall unveränderlich ein Jude. Seine Nationalität gründet nicht in dem Boden, auf dem er geboren ist, noch in der Sprache, die er spricht, sondern in seinem Samen."

Die antisemitische Dämonologie der Kirche war eindeutig modern, unabhängig davon, ob bestimmte Geistliche formal an der religiösen Erklärung der vermeintlichen Frevelhaftigkeit der Juden festhielten oder ob sie die neue rassistische Erklärung verbreiteten. "Als Ende des 19. Jh.s die modernen antisemitischen Bewegungen entstanden," bemerkt Kertzer, "gehörte die katholische Kirche, die ständig vor einer wachsenden jüdischen Gefahr warnte, zu den bedeutenden Akteuren." (S. 12)
Bezeichnend dafür ist ein Artikel in Civiltà cattolica aus dem Jahr 1893 mit dem Titel "Die jüdische Moral":

"'Die jüdische Nation [...] arbeitet nicht, sondern wächst und gedeiht im Glanze des Wohlstands und Fleißes der Nationen, die ihnen Zuflucht geben.' Sie sei 'ein riesiger Krake, der mit seinen übergroßen Tentakeln alles ergreift. Sein Bauch sind die Banken [...] und die Saugnäpfe sind überall: in Verträgen und Monopolen, in Kreditvereinen und Banken, in Postdiensten und Telegrafengesellschaften, in Schifffahrt und Eisenbahn, in Stadtsäckeln und Staatsfinanzen.'
Die jüdische Nation verkörpere 'das Königreich des Kapitals', 'die Aristokratie des Goldes' und regiere unangefochten." (Kertzer S. 194 f.)

Oft waren die kirchlichen Anschuldigungen gegen Juden im Grunde nicht von denen der rassistischen Antisemiten zu unterscheiden. *) Selbst die unterschlagene Enzyklika Pius' XI, die sich gegen den Rassismus wandte, steckt voller moderner antisemitischer Vorwürfe, die man als milde nationalsozialistisch bezeichnen könnte.

*) Kertzer bemerkt: "Die Kirche griff die Juden nicht nur als Feinde der Kirche an, sondern auch als Feinde der Nation. Sie betrachtete sie nicht nur als Bedrohung der christlichen Religion, sondern auch als Gefahr für die christlichen Völker. Indem er diese neue Kategorie einführt, bringt er [Pater de Rosa (Ex-Pater Peter de Rosa)] das ganze sorgfältig konstruierte Theoriegebäude vom Unterschied zwischen Antijudaismus und Antisemitismus zum Einsturz." (Die Päpste gegen die Juden S. 15)
Nach Kertzers Untersuchung sollte Schluss sein mit der Vorstellung, die Kirche könne sich von jeglicher Verantwortung für den modernen europäischen Antisemitismus dadurch freisprechen, dass sie sich auf diese irreführende Unterscheidung zwischen "Antijudaismus" und Antisemitismus versteift.

Das ist nicht erstaunlich, war Pius XI. doch seit langem ein engagierter Antisemit. 1918 – unmittelbar nach Ende des Ersten Weltkrieges (EWK) und weniger als vier Jahre, bevor Achille Ratti als Pius XI. das päpstliche Amt übernahm – hatte Papst Benedikt XV. ihn als seinen Vertreter nach Polen geschickt. Dort sollte er ich für die Juden einsetzen, die sich heftigen Verfolgungen durch katholische Polen ausgesetzt sahen. Es war sogar zu Pogromen gekommen. Kertzer kommt zu dem Schluss:

"[Ratti] unternahm alles, um Aktionen des Vatikans zu Gunsten der Juden zu torpedieren und eine Intervention des Heiligen Stuhls zu verhindern [...] Ratti [hatte] begonnen [...] eigene Berichte über die Lage der Juden in Polen nach Rom zu senden, in denen er keineswegs vor deren Verfolgern warnte, sondern stattdessen versuchte, den Vatikan auf die Gefahren aufmerksam zu machen, die sie selbst in seinen Augen darstellten."

Warum hat er die Anweisung seines Papstes nicht befolgt? Wegen seines Antisemitismus.
Nicht nur schrieb Ratti nach Rom, dass die Juden in den polnischen Großstädten "sich durch kleine Geschäfte, die Schmuggel, Betrug und Wucher umfassen, ernähren," in seinem Bericht erklärte er außerdem:

"Eine der übelsten und stärksten Kräfte, die man hier antrifft, vielleicht die übelste und stärkste überhaupt, sind die Juden." (S. 331 ff.)

Wie sein Nachfolger Pius XII. folgte er der Dämonologie des modernen Antisemitismus, die den Bolschewismus mit Juden gleichsetzte, als er in seinem Bericht an den Vatikan behauptete, dass "die Hauptkraft [des Bolschewismus] in Polen die Juden sind". (S. 345)

1932 gestand er sogar gegenüber Mussolini seine tiefe Abneigung gegen Juden ein, eine Abneigung, die er zumindest die längste Zeit seines Pontifikats nicht ablegte. Die Verfolgung der Kirche in aller Welt, meinte Pius XI., sei u.a. auch auf "die Abneigung des Judaismus gegen das Christentum" zurückzuführen, und anders als die italienischen Juden seien v.a. die Juden Mittel- und Osteuropas eine Gefahr für die christliche Gesellschaft, wie er angeblich aus eigener Anschauung in Warschau erfahren hatte: "Als ich in Warschau war [...] sah ich, dass die [bolschewistischen] Kommissare [...] allesamt Juden waren." (S. 349) Wenn Pius XI. und Pius XII. mit solchen Ansichten und speziell der ihnen gemeinsamen falschen Gleichsetzung der Juden mit dem Kommunismus – und der ebenso falschen Annahme, alle kommunistischen Führer seien Juden – die Kirche führten, nimmt es nicht wunder, dass Mussolini und Hitler überzeugt waren, die Kirche werde ihnen bezüglich der Juden nicht in den Arm fallen. (Verwunderlich ist vielmehr, dass die Kirche Pius XI. ebenso wie Pius XII. in "Wir erinnern" als einen reinen Anti-Antisemiten präsentiert.) [...]

Weil er dem antisemitischen Establishment des Vatikans und wohl auch Pacelli selbst misstraute – vor dem er seine Absicht verbarg – wandte er sich an einen Außenstehenden, einen amerikanischen Jesuiten namens John LaFarge, der die Jesuitenzeitschrift America herausgab und ein antirassistisches Buch geschrieben hatte, das sich gegen die Rassentrennung in den amerikanischen Südstaaten wandte. LaFarge informierte den General der Gesellschaft Jesu, Wladimir Ledochowski, der bei früheren Enzykliken eng mit dem Papst zusammengearbeitet hatte, vor dem der Papst diesen neuen Schritt jedoch wegen dessen Ansichten über die Juden geheim halten wollte.
Als LaFarge Ledochowski schließlich seinen Entwurf schickte, legte der ihn listigerweise einem anderen Priester zur Beurteilung vor: Enrico Rosa, dem vormaligen langjährigen Chefredakteur und notorisch antisemitischen Polemiker der autoritativen vatikanischen Zeitschrift Civiltà cattolica. (Zur Auftragsvergabe und zum Schicksal der Enzyklika siehe Passelecq und Suchecky, "Die unterschlagene Enzyklika", S. 61-123.)

In "Civiltà cattolica" scheint die Grenze zwischen dem kirchlichen "Antijudaismus" und dem "gewöhnlichen" Antisemitismus der damaligen Zeit "sehr fließend" gewesen zu sein. Eine Stichprobe aus in den 20er und 30er Jahren in Civiltà cattolica erschienenen, hasserfüllten Angriffen auf die Juden mag genügen, um zu zeigen, dass sie sich von denen der Nationalsozialisten in nichts unterschieden. 1922 hieß es z.B.: "Die Welt ist krank [...] Überall werden Völker von unerklärlichen Krämpfen geschüttelt [...]" Wer ist daran schuld? "Die Synagoge." "Jüdische Eindringlinge" steckten hinter Russland und der Kommunistischen Internationale, der größten Gefahr für die Weltordnung. 1936 – die Nürnberger Gesetze waren erlassen, und die Juden in Deutschland standen seit Jahren unter Beschuss – griff Civiltà cattolica auf gängige antisemitische Floskeln der NS-Propaganda zurück und warf den Juden vor, sie seien "einzig und allein mit den Eigenschaften von Parasiten und Zerstörern versehen" und zögen im Kapitalismus wie im Kommunismus die Fäden, um durch einen Zangenangriff die Weltherrschaft an sich zu reißen. 1938 erinnerte sie an "die anhaltenden Verfolgungen der Christen, insbesondere der katholischen Kirche, durch die Juden und an ihre Allianz mit den Freimaurern, den Sozialisten und anderen antichristlichen Parteien."

Ein Jahr zuvor verbreitete dieses Sprachrohr des Vatikans es als

"eine offensichtliche Tatsache, dass die Juden auf Grund ihres Herrschaftsgeistes und ihrer revolutionären Übermacht ein störendes Element sind. Das Judentum ist [...] ein Fremdkörper, ein Entzündungsherd, der Reaktionen jenes Organismus hervorruft, den er befallen hat."

Anschließend erörterte die Zeitschrift ohne eindeutige Tendenz verschiedene Formen der "Eliminierung", als funktional gleichwertig. Sie gab damit zu erkennen, dass die einzelnen Lösungen grundsätzlich ihrer Einschätzung der Frevelhaftigkeit der Juden und der von ihnen ausgehenden Gefahr für die christliche Gesellschaft entsprachen. Zusätzlich zur "Absonderung" (die sie nicht als "Eliminierung" einstufte) diskutierte Civiltà cattolica die "Vertreibung" der Juden. Außerdem schlug sie eine noch extremere Lösung der vermeintlichen Judenfrage vor, in eigenen Worten: "drastisch feindselig" durch "Vernichtung". Diese autoritative vatikanische Zeitschrift machte also im Jahr 1937 – nach den Nürnberger Gesetzen, als die Deutschen die Juden fester in die Zange nahmen – unmissverständlich klar, dass ihr Antisemitismus (auch wenn sie den Begriff ablehnte) auf Ausschaltung zielte, und obendrein erörterte sie die Vernichtung der Juden als eine tatsächlich denkbare Möglichkeit.

Typisch jesuitisch


Diese maßgebliche Zeitschrift des Vatikans verrät uns, wie schrecklich die dämonischen Vorstellungen der Kirche von den Juden waren – so schrecklich, dass dieses Kirchenorgan es logisch fand, eliminatorische Lösungen zu wählen, so schrecklich, dass Vertreibung und Massenvernichtung sich als selbstverständliche Folgerungen aus ihrer Vorstellung von den Juden ergaben. Sie ging davon aus, dass ihre Leser (Geistliche, Redakteure katholischer Zeitungen und Zeitschriften auf der ganzen Welt) auch ohne umständliche Erläuterung verstanden, warum man die Vernichtung der Juden als notwendig betrachtete und sie als geeignete Lösung erachten konnte – und warum die vatikanische Zeitschrift, die den Ansichten des Papstes und seines Staatssekretärs entsprechen musste, sie als solche präsentierte, auch wenn sie am Ende solche Lösungen als unchristlich verwarf. Stattdessen rief sie ihre Leser auf, den Juden gegenüber christliche Nächstenliebe zu beweisen, in der Hoffnung, dass diese sich besserten.
Nun hatten Civiltà cattolica und die Kirche jedoch die Juden seit Jahrzehnten beharrlich als unverbesserliche Gefahr für das Wohl der Welt dargestellt. Warum hätte ein Katholik, der die Juden für so gefährlich hielt, in diesen Worten christlicher Nächstenliebe ein wirksames Rezept sehen sollen? Warum hätte er sich für etwas anderes als eine der eliminatorischen Lösungen entscheiden sollen?

Die Verwandtschaft zwischen dem Antisemitismus der katholischen Kirche und dem modernen Antisemitismus, ja sogar dem Antisemitismus der Nationalsozialisten blieb auch von den Antisemiten übelster Prägung nicht unbemerkt. Das NS-Blatt Der Stürmer und Il Regime fascista, die Zeitung der italienischen Faschisten, lobten Civiltà cattolica als antisemitisches Vorbild. Il Regime fascista meinte 1938, alle Länder, auch Italien und Dtl., hätten "von den Patres der Gesellschaft Jesu noch viel zu lernen".

October 31, 2010

Mörderische Logik christlicher Vorstellungswelten



Daniel Goldhagen 2003: Die Katholische Kirche und der Holocaust

pt 1 & pt 2 & pt 3 & pt 4 & pt 5 & pt 6 & pt 8 & pt 9


S. 96-105) "Ihr habt den Teufel zum Vater" + Vom mörderischen Blut des "Erlösers" ...

Vertieft man sich in die geschichtliche Entwicklung und Natur des kirchlichen Antisemitismus, stößt man irgendwann auf das Saatbeet, aus dem die Vorstellungen erwuchsen, welche die Täter des Holocaust erfüllten.
Eine entsprechende Darstellung kann man um vier Hauptthemen gruppieren.
(Siehe Goldhagen, "Hitlers willige Vollstrecker", S. 45-105, zu einer ausführlichen Darstellung dieser Fragen. Meisterhaft und originell schildert die Entwicklung des christlichen Antisemitismus und dessen Fortsetzung nach der Reformation in Form des katho. Antisemitismus Carroll in Constantine's Sword.)

Erstens: Die christliche Vorstellung, das Judentum sei überholt, oft auch "Substitutionstheorie" genannt, hielt daran fest, mit der Erfüllung der jüdischen Messiasprophezeiung durch Jesus habe eine neue, eine christliche Ära begonnen, die die des nunmehr anachronistisch gewordenen Judentums ablöste. So wie das Judentum zum Christentum geworden war, sollten die Juden zu Christen werden. Weil die Weigerung der Juden, der christlichen Forderung nach Aufgabe ihres Judentums nachzukommen, die christlichen Behauptungen unausgesprochen, aber grundlegend herausforderte, und weil diese Herausforderung von dem einstmals auserwählten Volk Gottes kam, wurde die Herabsetzung der Juden für das Christentum zu einer zentralen Angelegenheit.
Wenn die Juden, das Volk Gottes, die Göttlichkeit Jesu und seiner Kirche ablehnten, war entweder Jesus nicht göttlich und die Kirche im Irrtum, oder das Volk war von Gottes Pfad abgekommen.
So lässt das Johannes-Evangelium Jesus zu den Juden sagen:

"Wer aus Gott ist, hört die Worte Gottes.
Ihr hört sie deshalb nicht, weil ihr nicht aus Gott seid." (Joh 8:47)

Wenn nicht aus Gott, woher dann?
Johannes zufolge erkennt Jesus die wahre Identität und Natur der Juden und spricht:

"Ihr habt den Teufel zum Vater, und ihr wollt das tun, wonach es euren Vater verlangt. Er war ein Mörder von Anfang an. Und er steht nicht in der Wahrheit, denn es ist keine Wahrheit in ihm."
(Joh 8:44-46)

Dass die Juden zu jedem Frevel fähig seien, auch dem, dem Teufel zu dienen, diese Ansicht verbreitete sich im Mittelalter über ganz Europa.
Dieses angebliche Bündnis mit dem Teufel begründete man mit der Ausgangslüge, die Juden hätten Jesus ermordet, und alle Juden, tituliert als "Christusmörder", seien bis in alle Ewigkeit für dieses Verbrechen verantwortlich.
Carroll schreibt (S. 59), historisch habe das Christentum zwar lebende Juden als ein negatives Anderes benötigt, gegen das man die wahren christlichen Behauptungen geltend machen konnte, aber

"Ersetzung implizierte die Beseitigung des Ersetzten.
Diese Auffassung sollte zur Judenmission und zu Vertreibungen führen, und letztlich sollte sie mit dem versuchten Völkermord auf ihren perversen Kern reduziert werden."

Zweitens: Der christliche Antisemitismus ist vollkommen unabhängig davon, wie Juden wirklich sind.

"Die uralte so genannte 'Judenfrage' war ein Problem der Christen und wird es bleiben, Ausgeburt einer ignoranten christlichen Fantasie." (Carroll S. 250)

Es ist eine offensichtlich falsche Behauptung, dass Vorurteile von denen ausgelöst werden, die man hasst oder für hassenswert hält, seien es Juden, Schwarze, Schwule oder Frauen – in diesem Fall eben Juden.
(Eine solche Behauptung ist ihrerseits ein typischer Ausdruck des Vorurteils, das sie zu erklären vorgibt.)
Für den Antisemitismus und andere Vorurteile sind deren Träger verantwortlich sowie die Gesellschaften und Kulturen, die ihnen diese Vorurteile beibringen.
Die meisten Antisemiten haben, solange man zurückblickt, nie einen Juden kennen gelernt (man denke an all die europäischen Gebiete, aus denen die Juden vor Jahrhunderten vertrieben wurden, der Antisemitismus sich aber dennoch bis in diese Zeit gehalten hat), und doch haben sie lebhafte, oft dämonische Vorstellungen von Juden, die ihnen aus der Vorstellungswelt ihrer Kultur und Religion vermittelt wurden.
Die Antisemiten sind auf wirkliche Juden nicht angewiesen, um zu Vorurteilen über sie zu kommen.

Drittens: Kennzeichen des Antisemitismus ist ein direkter, wenn auch verwickelter Zusammenhang zwischen Überzeugungen und Taten. Aus dem grundlegenden christlichen Dogma der Substitutionstheorie entwickelten sich, durch den Ausgangsvorwurf des Christusmords mit einem unerschöpflichen Vorrat an emotionalem Treibstoff versorgt, im Laufe der Jahrhunderte verschiedene Spielarten des Antisemitismus, die zwar miteinander verwandt waren, jedoch in den Einzelheiten ihrer Dämonologie oft voneinander abwichen.
Und in Abhängigkeit von der jeweils herrschenden christlichen Lehre und den gesellschaftlichen und politischen Umständen entstanden daraus unterschiedliche Eliminationsstrategien. Das christliche Credo der Ablösung des Judentums war im Hinblick auf das Handeln multipotent, d.h., je nach den Umständen konnten unterschiedliche Programme zur Ausschaltung der Juden daraus abgeleitet werden, weil es für die christliche "Judenfrage" mehrere denkbare Ausschaltungslösungen gab: Vertreibungen, Pogrome, Zwangstaufen, Ghettoisierung und umfassende mörderische Angriffe. Einen direkten Zusammenhang zwischen antisemitischen Überzeugungen und antisemitischen Taten gibt es sicherlich nicht, weil daran auch andere gesellschaftliche, kulturelle und speziell politische Faktoren beteiligt sind, doch legen bestimmte Ansichten über Juden, wenn sie von politischen Führern aktiviert und kanalisiert werden, ihren Trägern sicherlich bestimmte Handlungsweisen nahe.
Was den Antisemitismus betrifft, genügte es oft, bei Führern und gemeinem Volk den Wunsch zu wecken, die unter ihnen lebenden Juden loszuwerden, bisweilen mit tödlicher Gewalt.

Auch sollte klar sein, dass der Antisemitismus allein kein Programm des systematischen Massenmords hervorbringt. Diejenigen, die leugnen wollen, dass der kirchliche Antisemitismus oder der Antisemitismus der gewöhnlichen Deutschen einen nennenswerten oder überhaupt einen ursächlichen Anteil hatten am Zustandekommen des Holocaust, behaupten, dass, wenn die eine oder andere Spielart des Antisemitismus für das Zustandekommen des Holocaust entscheidend gewesen wäre, der Holocaust oder etwas Ähnliches längst vorher oder in anderen antisemitischen Ländern hätte eintreten müssen. Das ist eine offenkundig falsche Argumentation. Sie vernachlässigt die erwiesene Tatsache, dass für die Verwirklichung eines umfassenden Massenmordprogramms zwei Faktoren notwendig sind, von denen jedoch keiner für sich allein hinreichend ist: eine politische Führung, die den Massenmord in die Wege leitet und organisiert, und Menschen, die bereit sind, diese Entscheidungen umzusetzen.
Ist der eine Faktor (eine stark antisemitische Bevölkerung) gegeben, nicht aber der andere (weil die politische Führung es aus welchem Grund auch immer ablehnt, sich auf eine systematische Ausrottungspolitik einzulassen), kommt ein umfassendes Massenmordprogramm nicht zu Stande. In der Neuzeit sind diese beiden Faktoren nur in Deutschland und dann in einigen seiner Satellitenstaaten zusammengetroffen.

Vorstellungen, römisch-universal kodifiziert


Das vierte wichtige Merkmal des Antisemitismus ist demnach die Neigung der Antisemiten zur Gewalt gegen Juden, ja sogar zum Massenmord. Die Kirche nahm eine Haltung ein, die für die Juden in physischer und sozialer Hinsicht und für sie selbst in lehrmäßiger und moralischer Hinsicht katastrophal war. Sie empfahl, die Juden nicht anzugreifen, und zwar auf der Grundlage einer auf Augustinus zurückgehenden Vorstellung, die erstmals unter Papst Gregor I. in verschiedenen Proklamationen kodifiziert wurde, darunter Sicut Judaeis aus dem Jahr 598: Danach sollten die Juden zwar nicht vernichtet werden, sondern rechtlichen Schutz erhalten, allerdings mussten sie erhebliche Einschränkungen und Benachteiligungen erdulden, wie es jenen geziemt, die die Kirche ablehnen.
Derselben Kirche fiel es jedoch immer wieder schwer zu verhindern, dass die von ihr selbst unter ihren Anhängern erzeugte Woge des Zorns gegen die Juden die schwachen Dämme ihrer förmlichen Gewaltverbote sprengte.

"Tausend Jahre lang," schreibt Carroll, "sollte das zwanghaft wiederkehrende Muster dieser Ambivalenz bei Bischöfen und Päpsten auftauchen, die Juden in Schutz nahmen, aber vor ausdrücklich christlichen Pöbelhaufen, die Juden auf Grund dessen, was Bischöfe und Päpste über die Juden gelehrt hatten, umbringen wollten."

Die schwachen Hemmimpulse der Bischöfe und Päpste "mussten versagen", sobald "Juden auch nur daran zu denken wagten, sich wirtschaftlich oder kulturell oder in beiderlei Hinsicht zu entfalten," (Carroll S. 219, 248 und Trachtenberg, "The Devil and the Jews", S. 7) oder wenn Christen die Schuld an Naturkatastrophen und gesellschaftlichen Missständen aus unerfindlichen Gründen den dämonisierten Juden anlasteten. Ein solcher, bereits erwähnter Fall ereignete sich Mitte des 14 Jh.s zur Zeit der Pest, als Christen vor allem in dt. Territorien die Juden von rund 350 Gemeinden, darunter so bedeutende Zentren wie Mainz, Trier und Köln, ausrotteten. Diese mörderische Logik, dass Päpste und Bischöfe Katholiken davon abhalten mussten, das zu befolgen, was Päpste und Bischöfe ihnen eingeschärft hatten, war auch in den 30er und 40er Jahren des 20. Jh.s wirksam. Der Papst und die meisten Bischöfe schauten zu, als die Deutschen und ihre örtlichen Helfer von denen viele den auf die Kirche zurückgehenden Antisemitismus verinnerlicht hatten – die Juden aus einem katho. Land nach dem anderen, aber auch aus nichtkatho. Ländern deportierten und ermordeten. Diesmal machten sie nicht einmal den Versuch, sie in Schutz zu nehmen.

Wie Carroll zeigt, steht für all das das allerheiligste und das zentrale Symbol des Christentums, das Kreuz. Das Christentum entwickelte sich aus einer Religion, die das Leben Jesu feierte, in eine Religion, die auf seinen Tod fixiert ist, mit allen Konsequenzen (eine zufällige Wendung, welche die katholische Kirche und andere christliche Kirchen umkehren könnten).
Die verheerendste Konsequenz war die christliche Fixierung auf das Volk, das angeblich die Kreuzigung veranlasste, wodurch das Kreuz gleichzeitig zu einer Waffe gegen die "Christusmörder" wurde. Die Ursache dieser uralten, aus christlicher Ignoranz geborenen "Judenfrage" ist, wie Carroll bemerkt (S. 250),

"so offenkundig, dass wir sie als solche kaum wahrzunehmen vermögen, und dabei war sie die ganze Zeit da. Ein fehlgeleiteter Kult des Kreuzes ist in dieser Geschichte allgegenwärtig, von der Milvischen Brücke [wo Konstantin 312 in der Nacht vor einer siegreichen Schlacht um die Oberherrschaft im Römischen Reich ein Kreuz am Himmel sah und daraufhin dem Christentum den Weg zur Staatsreligion ebnete] bis Auschwitz."

Die Kreuzzüge waren Kriege des Kreuzes, die Jerusalem der Herrschaft der Muslime entreißen sollten, doch die ersten Opfer des Ersten Kreuzzugs im Jahr 1096 waren – vollkommen logisch – Juden, die Juden von Mainz.
Ein jüdischer Chronist fängt die vernichtende Logik des Antisemitismus ein:

"Und sie sprachen einer zum anderen: 'Sehet, wir ziehen nach einem fernen Lande, ziehen dahin, um mit den Königen des Landes Krieg zu führen, wir wagen unser Leben, um all jene Nationen, die nicht an den Gekreuzigten glauben, zu töten und zu zertrümmern – um wie viel mehr verdienen es die Juden, die ihn umgebracht und gehängt haben!' So wiegelten sie alle Enden und Ecken gegen uns auf, beschlossen und sprachen: 'Entweder müssen die Juden sich zu unserem Glauben bekehren oder sie werden vertilgt sammt Kind und Säugling!' Sie setzten ein Zeichen des Kreuzes an ihre Kleider, die Fürsten sowohl wie das Landvolk."
(Zitiert nach Adolf Neubauer und Moritz Stern, "Hebräische Berichte über die Judenverfolgungen während der Kreuzzüge", Berlin 1892, S. 169. Siehe auch Carroll S. 237.)

Die Entwicklung des Kreuzes zu einem antisemitischen Symbol und einer antisemitischen Waffe lässt sich vom christianisierten Römischen Reich Konstantins über die mittelalterlichen Kreuzzüge bis in die jüngste Zeit verfolgen, und sie gipfelt darin, dass einige Katholiken letzthin versucht haben, Auschwitz durch Ansiedlung eines Nonnenklosters und Aufstellung eines riesigen Kreuzes "zu entjuden".
Seit Konstantin das Christentum zur Staatsreligion des Römischen Reiches machte, also fast zwei Jahrtausende lang, stand das Kreuz für die Ermordung Jesu, und unausgesprochen verwies es auf die Juden als seine angeblichen Mörder. "Auf mannigfaltige Weise," schreibt Carroll, "war das Kreuz selbst in diese Kampagne einbezogen worden [...] und nun sollte jedes Kreuz in der westlichen Christenheit zu einer unfehlbaren Verkündigung eben dieser Lehre werden." (S. 277, siehe auch S. 191, 196 und 202.)

Angesichts der zahlreichen historischen Fälschungen und Verleumdungen über Juden in der christlichen Bibel (siehe Teil III), wenn es um Juden geht, einschließlich der expliziten, falschen und unmoralischen Behauptung, alle jüdischen Zeitgenossen Jesu und ihre Nachkommen seien für seinen Tod verantwortlich, ist es nur allzu wahrscheinlich, dass viele Christen weiterhin Juden für den Tod Jesu verantwortlich machen werden. Das Matthäus-Evangelium erfindet eine Szene, in der das ganze jüdische Volk die Kreuzigung Jesu verlangt und schreit "Ans Kreuz mit ihm!", die Schuld bereitwillig auf sich nimmt und wegen dieser Schuld bereitwillig einen Fluch über seine eigenen Nachkommen ausspricht:
"Da rief das ganze Volk
[nachdem Pilatus erklärt hatte, am Blut dieses Menschen unschuldig zu sein]:
Sein Blut komme über uns und unsere Kinder!" (Matthäus 27:15-26)
Hier ist der paradigmatische Vorwurf der Kollektivschuld allen Juden bis in alle Ewigkeit als unauslöschlicher Stempel aufgedrückt, obwohl das jüdische Volk Jesus nicht getötet hat und in keinem Sinne für seinen Tod verantwortlich war. Es waren die Römer, die die Entscheidung trafen, ihn zu töten, und die ihn auf typisch römische Art durch Kreuzigung hinrichteten.

Es ist angesichts dieser unbestreitbaren Tatsachen die Frage gestellt worden, warum sich die katholische Kirche und andere christliche Kirchen, wenn sie in dem Drama um den Tod Jesu die Rolle eines kollektiven Bösewichts zu besetzen hatten, nicht auf die Römer und deren Nachkommen – die heutigen Italiener – konzentriert haben. Doch Rom war zu der Zeit, als die Evangelien verfasst wurden, die Supermacht der westlichen Welt, und Italien sollte zur Basis für die katholische Kirche werden und die meisten ihrer Würdenträger liefern, während die Juden das schwache und verwundbare Volk waren und das schwache und verwundbare Volk geblieben sind, dessen Tradition sie sich anzueignen suchten und von dessen Gott sie sagten, er sei nun ihr und ausschließlich ihr Gott. Die katholische Kirche hat zwar 1965 endlich erklärt, es sei falsch, die Juden von heute für den Tod Jesu verantwortlich zu machen, und seitdem den expliziten Antisemitismus großenteils aus ihrer Lehre, ihrer Theologie und ihrer Liturgie entfernt, doch das Kreuz, das zentrale und höchst beziehungsreiche Symbol des Katholizismus, wird zusammen mit dem aus der Bibel abgeleiteten antisemitischen Schmähwort "Christusmörder", wie Caroll argumentiert, wohl auch künftig Antipathie gegen Juden hervorrufen.

Diese kurze Analyse des Antisemitismus der katho. Kirche kann nicht die ausführliche Darstellung ersetzen, die es in zahlreichen Versionen gibt. (Carrolls Darstellung in Constantine's Sword ist flüssig, voller eindrucksvoller Erkenntnisse, treffender persönlicher Reflexionen und besticht durch Präzision und Klarheit. Als weitere Beispiele siehe Malcolm Hay, "Europe and the Jews – The Pressure of Christendom Over 1900 Years", William Nicholls, "Christian Antisemitism – A History of Hate", Northvale, N.J., 1995 und James Parkes, "Antisemitismus", München 1964.) Ich will sie hier nicht noch wiederholen, so sehr sie es auch verdient, in christlichen Kulturen immer wieder erzählt zu werden. Nur so viel: Der ehemals gesamteuropäische Antisemitismus, den ein Gelehrter beschreibt als einen "Hass, der so unermesslich und abgrundtief, so intensiv ist, dass man vergeblich um Verständnis ringt," und in dessen Gefolge es zu zahlreichen Angriffen mit dem Ziel der Ausschaltung kam, bis hin zu Gewalttaten, die an Völkermord grenzten, dieser Antisemitismus verschwand nicht einfach mit der Aufklärung und der Moderne, doch ging er in einigen Ländern und bei bestimmten Gruppen allmählich zurück. Die Kirche indes verbreitete ihn weiterhin systematisch, während sich daneben eine neue, abgeleitete, rassistische Form des Antisemitismus zu entwickeln begann.

Die wurde vor allem, wenngleich nicht nur im Deutschland des 19. Jh.s populär, wo die christliche Litanei der emotional wirkungsvollen judenfeindlichen Vorwürfe durch ein neues, pseudowissenschaftliches Rassenprinzip verschärft wurde, ergänzt durch neue, zeitgemäße Bezichtigungen – Bezichtigungen, deren sich übrigens christliche wie rassistische Antisemiten gleichermaßen bedienten.
Der christliche Antisemitismus hatte sich stets der Sprache und den gesellschaftlichen Verhältnissen der Zeit angepasst und mit neuen antisemitischen Vorwürfen auf politische und wirtschaftliche, gesellschaftliche und kulturelle Entwicklungen reagiert.
# Die moderne Welt war das Zeitalter der Nationen, also sagte man den Juden nach, sie unterminierten die Einheit der Nation.
# Es war das Zeitalter des sich industrialisierenden Kapitalismus, also sagte man den Juden nach, sie zögen die Fäden und beuteten ganze Volkswirtschaften aus.
# Es war das Zeitalter der Säkularisierung, also sagte man den Juden nach, sie griffen das Christentum und die Moral im Allgemeinen an.
# Es war das Zeitalter wachsender Forderungen nach politischer und wirtschaftlicher Teilhabe und Gerechtigkeit einschließlich marxistischer Forderungen, also sagte man den Juden nach, sie hetzten die Menschen zu politischer Destabilisierung und Revolution auf.

Die uralte christliche Sicht der Juden als Urheber von allerlei Übeln machten sich rassistische Antisemiten instinktiv zu Eigen, vor allem in Deutschland. Deutschsein wurde verschmolzen mit Christentum, wodurch Jüdischsein zum bösen Anderen wurde, nicht nur für die Christenheit, sondern auch für Germanien. Das Christentum überlieferte den modernen rassistischen Antisemiten eine wirkungsvolle Dämonologie, eine heftige emotionale Abneigung gegen Juden und ein Bild des Juden als des finsteren Anderen, der unaufhörlich das Gute mit Stumpf und Stiel zu zerstören sucht, wobei als Stumpf im Falle Deutschlands das deutsche Volk betrachtet wurde.

Das ganze 19. Jh. hindurch und bis weit ins 20ste hinein, die 30er und 40er Jahre eingeschlossen, verbreitete die katholische Kirche in Veröffentlichungen und Predigten weiterhin antisemitische Lügen und Hassparolen. Es ist daher nicht erstaunlich, dass sie mit dem, was rassistische Antisemiten sagten und forderten, weitgehend übereinstimmen konnte, auch wenn sie gewöhnlich nicht die Ansicht der Rassisten teilte, dass die vermeintliche Bösartigkeit der Juden angeboren sei, denn dann hätten Juden durch Übertritt zum Christentum und Taufe nicht erlöst werden können. Für das gemeine Volk, das kein Ohr für die feinen Nuancen des antisemitischen Schlachtrufs hatte, wiederholten und verstärkten die schrecklichen Vorwürfe und Hassparolen des einen Antisemiten (des religiösen, etwa der katholischen Kirche) nur die schrecklichen Vorwürfe und Hassparolen des anderen Antisemiten (des rassistischen, etwa des Nationalsozialisten). Dass sich die "den Juden" verteufelnden Anschuldigungen der Antisemiten nicht hundertprozentig deckten, sondern – im übertragenen Sinne – nur zu 90 Prozent, machte ihren antisemitischen Anhängern nichts aus.

Mächtige Wissenschaftsmythen brechen zusammen



Daniel Goldhagen 2003: Die Katholische Kirche und der Holocaust

pt 1 & pt 2 & pt 3 & pt 4 & pt 5 & pt 7 & pt 8 & pt 9


S. 95 f.) Das neue Paradigma in der wissenschaftlichen Beschäftigung mit dem Holocaust

Bevor man sich dem Themenkomplex, der sich auf den Antisemitismus der Kirche und den Holocaust bezieht, zuwendet, könnte man fragen: Warum werden diese Fragen in den meisten Darstellungen des Holocaust nicht gestellt, von Darstellungen der Kirche während des Holocaust gar nicht zu reden?
Wie ist es möglich, diese überwältigenden Beweise für Feindseligkeit und antisemitischen Hass und die Tatsache, dass dieser offenkundig eine unerlässliche Voraussetzung für die Entstehung des Holocaust war, zu leugnen?
Verteidiger und sogar viele Kritiker Pius' XII. erörtern den Antisemitismus der Kirche entweder überhaupt nicht oder nur ganz flüchtig und oft in entlastender Weise. Es ist doch seltsam, dass Leute Bücher über Pius XII., die Kirche und den Holocaust schreiben, ohne gründlich auf die lange Geschichte des tief verwurzelten Antisemitismus der Kirche und der kirchlichen Judenverfolgung oder auf die Verbreitung und den Charakter des Antisemitismus innerhalb der Kirche während der NS-Zeit einzugehen. Allerdings ist diese ahistorische Herangehensweise an die Erforschung des Holocaust – ohne jede apologetische Absicht – auch bei akademischen Historikern, die sich mit dem Massenmord befassen, eine dermaßen verbreitete, wenn auch nicht durchgängige Praxis, dass dieses spezielle Versäumnis im Rahmen der allgemeinen Vernachlässigung des Themas gar nicht weiter auffällt.

Der problematische Umgang vieler Historiker mit dem Holocaust, zum Beispiel, dass sie auf eine vollkommen ahistorische Weise darüber schreiben, so als spielte die politische Kultur Deutschlands vor der NS-Zeit einschließlich ihres Antisemitismus keine nennenswerte Rolle, wird diskutiert in Daniel Jonah Goldhagen, "Die Notwendigkeit eines neuen Paradigmas. *) Die Zeugnisse der Opfer, wichtige Beweise und neue Perspektiven in der wissenschaftlichen Beschäftigung mit dem Holocaust", in: Jürgen Elsässer und Andrei S. Markovits (Hg.), "Die Fratze der eigenen Geschichte. Von der Goldhagen-Debatte zum Jugoslawien-Krieg", Berlin 1998, S. 80-102.
Als klassische Beispiele eines solchen Ahistorizismus siehe Browning, "Ganz normale Männer" und Mommsen, "Die Realisierung des Utopischen".

*) In den letzten zwei Jahren hat eine neue Art der wissenschaftlichen Beschäftigung mit dem Holocaust eingesetzt, die sich in der beispiellosen, weitverbreiteten öffentliche Diskussion über verschiedene Aspekte der Judenvernichtung abzeichnet. Das alte Paradigma besteht aus abstrakten, gesichtslosen Strukturen und Institutionen (Bürokratie, der überstrapazierte "Terrorapparat", der vorgeblich gegen die Deutschen gerichtet war, die SS, die NSDAP und die Gaskammern) und aus angeblich unwiderstehlichen Kräften (totalitaristischer Terror, Erfordernisse des Krieges, sozialpsychologischer Druck). Dieses Paradigma löscht die handelnden Menschen aus, leugnet ihre Fähigkeit, sich ein Urteil über ihre Taten zu bilden, spricht ihnen die Fähigkeit ab, moralische Entscheidungen zu treffen. Es ist ahistorisch. Es will glauben machen, dass irgend welche Menschen aus irgend einer geschichtlichen Epoche mit beliebigen Auffassungen von Juden (selbst mit positiven Einstellungen ihnen gegenüber) genauso gehandelt hätten wie die Täter, mit derselben Grausamkeit, derselben Hingabe, demselben mephistophelischen Gelächter. Diese Auffassung wird von der Auffassung in Frage gestellt, dass der Holocaust von Menschen veranstaltet worden ist, die Überzeugungen hatten in Bezug auf das, was sie taten. Überzeugungen, die einem spezifischen historischen Kontext entsprangen. Kurz, diese andere Auffassung geht wohlbegründet davon aus, dass die Menschen, deren Werk der Holocaust war, Entscheidungen darüber trafen, wie sie sich innerhalb der Institutionen verhielten. Der Mensch kommt in der Diskussion endlich zu seinem Recht. Die bis jetzt dominierende Frage "Was zwang ihn dazu, gegen seinen Willen zu handeln," wird ersetzt durch die Frage "Warum hat er sich entschlossen, so zu handeln, wie er es tat."

Mächtige Mythen brechen zusammen: Die falsche Vorstellung, dass die Schweizer und die Schweden so handelten, wie sie es taten, weil sie von Deutschland bedroht waren. Das Trugbild, dass Menschen in den besetzten Ländern nicht mehr getan haben, um den Deutschen entgegenzuarbeiten beziehungsweise sie ihnen nicht weniger bei der Verfolgung der Juden geholfen haben, nur weil sie vor der deutschen Besatzungsmacht Angst hatten. Die offizielle Verlautbarung der alliierten Regierungen, sie hätten bei bestem Willen nicht mehr tun können, um die Opfer zu retten. Das Märchen, dass diejenigen, die sich an jüdischem Eigentum bereicherten, sich in der Regel nicht darüber bewusst waren, was sie taten. Die Falschdarstellung, dass die Täter in der Regel missbilligten, was sie taten und zu verbrecherischem Verhalten gezwungen werden mussten oder dass sie sich äußerem Druck fügen mussten und dann eben so handelten, wie es ihnen dieser äußere Druck gebot.
Und die drei damit verbundenen Legenden: Erstens, dass die Deutschen (trotz Ausnahmen) im Allgemeinen nicht wussten, dass ihre Landsleute Juden in großen Massen umbrachten. Zweitens, dass sie in großer Mehrheit das Naziregime nicht unterstützten. Drittens, dass sie die eliminatorische Verfolgung der Juden nicht befürworteten.

Niemand sollte sich wundern, dass viele Leute, die sich mit derartigen Ansichten getröstet oder die auf der Grundlage solcher Ansichten Karriere gemacht haben und die nun in den mächtigen neuen Infragestellungen gängiger Auffassungen etwas politisch nicht Wünschenswertes oder eine persönliche Bedrohung sehen, von dem Paradigmenwechsel nicht entzückt sind. Ihre Standarderwiderung ist der Angriff, sehr oft auf bissigste und prinzipienloseste Art, auf die Verkünder der unerwünschten Nachrichten – seien es Wissenschaftler oder Institutionen wie das Hamburger Institut für Sozialforschung, das unter Beschuss geriet, weil es die Wanderausstellung über die Verbrechen der Wehrmacht sponserte, oder der Jüdische Weltkongress, weil er das vorenthaltene jüdische Gold Schweizer Banken auf die Agenda setzte, oder seien es Zeugen – genauer gesagt – jüdische Überlebende, deren Aussagen für die Anhängerschaft der Mythen immer eine erschütternde Bedrohung gewesen sind. Es wäre nützlich, wenn bestimmte Elementareinsichten, die bisher von dem jetzt bröckelnden Paradigma verdeckt waren, allgemeine Akzeptanz finden würden.


Wünschenswert wäre ...

Erstens: Die Abschaffung der karikaturhaften Darstellung deutscher Individuen, wonach diese keine Meinung über die Rechtmäßigkeit ihres Tuns und des Tuns ihrer Landsleute hatten – ein Tun, das sich auch auf die Ermordung von Kindern erstreckte. Was wir wissen müssen, ist, wie sich Ansichten unter den Deutschen verbreiteten, wie diese Ansichten separat oder in Interaktion mit andern Faktoren das Handeln der Deutschen während der kritischen Jahre mitbestimmt haben.

Zweitens: Das Verwerfen der Legende, dass die groß angelegte Ausrottung der Juden ohne Wissen der dt. Öffentlichkeit vonstatten ging. Selbst die Deutschen fangen an, aufrichtiger mit dieser Gegebenheit umzugehen:
27 Prozent von denen, die 1945 nicht jünger als 14 Jahre alt waren, geben heute zu, dass sie schon während der Judenvernichtung wussten, was sich abspielte. Umfrageexperten der Deutschen Presseagentur (DPA) vermuten, dass die eigentliche Zahl derer, die von der Judenvernichtung etwas wussten, in Wirklichkeit noch viel größer war. Doch in der Flut von Artikeln, die seitdem über den Holocaust publiziert worden sind, bin ich auf keine Erwähnung der obigen Ergebnisse gestoßen – obwohl die Umfrageergebnisse bekanntgemacht wurden, und auch DPA darüber berichtete. Sie sind wohl trotzdem ignoriert worden, weil es einen zentralen Bestandteil des konventionellen Paradigmas sprengen würde.

Drittens: Das Eingeständnis, dass Deutsche, die nicht Angehörige ganz bestimmter verfolgter Gruppen waren (Juden, Homosexuelle, Sinti und Roma, geistig Behinderte, führende Mitglieder der KPD und SPD), nicht so terrorisiert wurden, wie das Totalitarismus-Modell glauben machen will. Die weit verbreitete Unzufriedenheit und Opposition, die Deutsche in Bezug auf viele Maßnahmen des Regimes zum Ausdruck brachten, und das Maß, in dem das Regime diesem Druck nachgab, geben Anlass zu diesem Schluss. Folglich muss ein neues Verständnis des Verhältnisses zwischen der Staatsmacht, der Politik des Regimes und der öffentlichen Zustimmung erarbeitet werden. Unerlässlich wird die vergleichende Frage, warum Deutsche Unzufriedenheit und Opposition in unterschiedlichem Ausmaß in Bezug auf verschiedene Maßnahmen des Regimes zum Ausdruck brachten, aber keine grundsätzliche Gegnerschaft zu der eliminatorischen Verfolgung der Juden. Insgesamt müssen alle Modelle überdacht werden, die davon ausgehen, dass unwiderstehliche äußere Kräfte Menschen – Deutsche, Franzosen, Polen, Schweizer und die Alliierten – zwangen so zu handeln, wie sie es taten. Wenn die überwältigende Mehrheit der Deutschen es wirklich gewollt hätte, dann hätte Hitler seinen Plan für die radikale eliminatorische Verfolgung der Juden niemals in die Tat umsetzen können.

Viertens: Einführung einer vergleichenden Sichtweise auf das Phänomen Genozid, damit diejenigen, die sich wissenschaftlich mit dem Holocaust beschäftigen, nicht mit Methoden arbeiten und kausale Behauptungen aufstellen, die nicht vereinbar sind mit dem, was sie über analoge Phänomene wissen. Alle verfügbaren Quellen (zeitgenössische Dokumente, die Aussagen der Täter, Opfer und Zuschauer), die im Lichte klar artikulierter standardisierter Kriterien der Sozialwissenschaft nicht fragwürdig erscheinen, müssen herangezogen werden.
Wenn beispielsweise Aussagen jüdischer Überlebender verworfen werden, so muss das aufgrund von wissenschaftlichen Standards erfolgen, die auch im Falle von Zeugen und Opfern aus dem Volk der Tutsi, von Bosniern, Kambodschanern, Armeniern, Opfern des Gulag oder von versklavten Schwarzen der amerikanischen Südstaaten Bestand haben.

Fünftens: Das Eingeständnis, dass der Holocaust sowohl universale als auch einzigartige Element enthält.
Sein universaler Aspekt ist, dass alle Menschen dazu fähig sind, andere Gruppen so sehr zu entmenschlichen, dass der Hass auf die so Ausgegrenzten und Erniedrigten einen Genozid heraufbeschwören kann. Sein besonderer Aspekt, dass derartige Ansichten nicht in jeder Gesellschaft in gleichem Maße und unterschiedslos in Bezug auf jegliche Gruppe entstehen. Sollten sie es aber doch tun, dann hat nicht jede Gesellschaft einen Staat, der seine hasserfüllten Bürger dazu anspornt, eine massenhafte Vernichtung zu veranstalten. Die universale Fähigkeit, Hass zu verspüren, heißt noch lange nicht, dass alle Menschen es zulassen, sich von dieser Leidenschaft beherrschen zu lassen. Oder dass sie alle anderen auf die gleiche Art und Weise hassen oder dass alle Formen des Hasses Menschen dazu bringen können, ihre Hassobjekte auf die gleiche Art und Weise zu behandeln.
Real existierender Hass ist, im Gegensatz zu der Fähigkeit, Hass zu empfinden, ein soziales Konstrukt und von historischer Einzigartigkeit.

Der Holocaust liegt nicht "jenseits des menschlichen Auffassungsvermögens". Im Prinzip ist er so erklärbar wie jeder andere Völkermord. Niemand behauptet, dass der Völkermord in Ruanda oder das gigantische Massaker in Kambodscha unerklärbar seien. Was so viele Leute einfach nicht anerkennen wollen, ist, dass die Opfer des Holocaust uns sehr viel über ihre Peiniger zu erzählen haben (nicht weniger als die Opfer in Ruanda und Bosnien über die ihren) und dass die dt. Täter in gewisser Weise auch so waren wie andere Täter, die in Massenmorden mitgemetzelt haben: In überwältigender Mehrheit waren eben auch sie willige Vollstrecker. Dass Leute diese Fakten bezüglich nicht-jüdischer Opfer von Völkermorden und bezüglich afrikanischer oder asiatischer Täter anstandslos akzeptieren, nicht aber in Bezug auf Juden – beziehungsweise auf "zivilisierte", weiße, christliche Europäer – ist beunruhigend.
Würde jemand auch nur einen Augenblick in Erwägung ziehen, dass türkische, serbische oder Hutu-Täter glaubten, dass das Niedermetzeln von Armeniern, Muslimen oder Tutsi nicht rechtens war? Würde irgend jemand glauben, dass die Aussagen dieser Genozid-Opfer uns keine Auskunft geben könnten über die Beschaffenheit der jeweiligen Völkermorde, die Einstellung der Täter mit eingeschlossen?

Wie immer mehr Deutsche mittlerweile begriffen haben, kann man sich eingestehen, dass viele Deutsche vor und während der Nazizeit bösartige Antisemiten waren, dass viele von ihnen die brutale Verfolgung der Juden unterstützten und dass die Judenmörder aus den Reihen der ganz gewöhnlichen Deutschen kamen, ohne dass das auch eine Anklage jener Deutscher, die sich den üblichen Normen und Handlungsweisen jener widersetzten, oder eine Anklage des heutigen Deutschlands nach sich ziehen muss. Dass scheint so selbstverständlich zu sein, dass nur deshalb darüber geredet werden muss, weil Kommentatoren beharrlich zwei Trugschlüsse ziehen:
Sie tun so, als ob die Beweisführung, wonach die Verbreitung individueller Schuld an Verbrechen in der NS-Zeit viel größer war als zuvor angenommen, einer Kollektivschuld-These gleichkäme. Auch tun sie so, als ob eine ungeschminkte Rede über die Deutschen von damals das heutige Deutschland diffamiere.
Diejenigen, die diesem Irrtum aufsitzen, sind selbst Menschen, denen individuelle Verantwortung fremd ist und die an die unhaltbare Vorstellung eines unveränderlichen "Nationalcharakters" gekettet sind oder sie glauben an eine Art vererbbarer Kollektivschuld. Deutsche der Nazizeit sollten nach denselben juristischen und moralischen Maßstäben beurteilt werden wie Menschen in unserer Gesellschaft. Die Bundesrepublik Dtl. sollte, wie alle anderen Länder auch, im Lichte ihres eigenen Charakters, ihrer eigenen Praktiken, Leistungen und Mängel beurteilt werden und nicht gemäß einer Zeit in Dtl.s Geschichte, die jetzt über 50 Jahre zurückliegt.

Viel von dem, was ich schreibe, findet ein Echo in einem privaten Brief aus dem Jahre 1946, in dem ein Deutscher einem Priester schonungslos seine Meinung sagte:

"Nach meiner Meinung trägt das dt. Volk und tragen die Bischöfe und der Klerus große Schuld an den Vorgängen in den Konzentrationslagern. Richtig ist, dass nachher vielleicht nicht mehr viel zu machen war. Die Schuld liegt früher. Das dt. Volk – auch Bischöfe und Klerus zum großen Teil – sind auf die nationalsozialistische Agitation eingegangen. Es hat sich fast widerstandslos, ja zum Teil mit Begeisterung [...] gleichschalten lassen. Darin liegt seine Schuld. Im Übrigen hat man aber auch gewusst – wenn man auch die Vorgänge in den Lagern nicht in ihrem ganzen Ausmaß gekannt hat – dass die persönliche Freiheit, alle Rechtsgrundsätze mit Füßen getreten wurden, dass in den Konzentrationslagern große Grausamkeiten verübt wurden, dass die Gestapo, unsere SS und zum Teil auch unsere Truppen in Polen und Russland mit beispiellosen Grausamkeiten gegen die Zivilbevölkerung vorgingen. Die Judenpogrome 1933 und 1938 geschahen in aller Öffentlichkeit ..."

Der Verfasser des Briefes war kein Geringerer als Konrad Adenauer, der mehr als irgend einer dazu beitrug, Deutsche in die Gemeinschaft der Völker zurückzuführen. Niemand würde Adenauer unterstellen, jeden Deutschen verdammt zu haben (obwohl er von "den Deutschen" schrieb) oder als Deutschenhasser gesagt zu haben, die Deutschen würden sich nicht ändern, so dass sie ewig Träger jener Ansichten blieben, die sie dazu verführt hatten, sich dem Nationalsozialismus zu verschreiben.
So stellt sich die Frage, warum heute so mancher diejenigen, die Adenauers schonungslose Wahrheit ansprechen, mit einem Verbot belegen möchte und ihnen zuschreibt, was sie und Adenauer niemals gemeint haben.

Jeder, der das heutige Dtl. kennt, das Dtl. Adenauers, weiß, dass dieses neue Dtl. sich auf bemerkenswerte Weise von Nazideutschland unterscheidet. In der Tat, erst dann, wenn man anerkennt, wie tief Dtl. gesunken war, statt sich vorzumachen, es sei unglücklicherweise ganz unverschuldet irgendwie in die Klauen einer brutalen, mörderischen Diktatur geraten, kann man würdigen, was für enorme Leistungen Dtl. nach 1945 vollbracht hat. Wenn wir leugnen, wie Dtl. wirklich war, werden wir nie ganz verstehen, wie sehr sich die Deutschen angestrengt haben und wieviel Gutes nach dem Krieg entstanden ist. Das konventionelle wissenschaftliche Paradigma, das die Entscheidungsfähigkeit der Protagonisten verleugnet und mit dieser Verleugnung die Wahrheit verfälscht, verfälscht auch die Gegenwart.



S. 96) Allzu selten – ob als Deutsche, Christen oder Akademiker

Wer über den Antisemitismus, der früher in Europa – und eben auch bei katholischen Würdenträgern – verbreitet war, schlichte, offenkundige Wahrheiten ausspricht, trifft oft auf heftigen Widerstand. Angesichts dessen aber, dass es in der Welt heute rund zwei Milliarden Christen (darunter über eine Milliarde Katholiken) gibt (darunter die meisten Amerikaner und Europäer) und dass das sichtbarste, geachtetste und mächtigste religiöse Oberhaupt weltweit das Oberhaupt der katholischen Kirche ist, wird über das Christentum und den Antisemitismus und speziell über das Christentum und den Holocaust allzu selten die Wahrheit gesagt. Diejenigen, die sich – ob als Deutsche, Christen oder Akademiker – darauf versteift haben, unhaltbare Positionen zu verteidigen, können wütend werden, wenn jemand die Unrichtigkeit ihrer Behauptungen aufdeckt.
Ihr Vorwurf, das sei deutschfeindlich oder katholikenfeindlich, ist genauso surreal wie etwa der Vorwurf der Weißenfeindlichkeit gegen diejenigen, die die offenkundige Wahrheit aussprechen, dass der Sklaverei und der Rassendiskriminierung in Amerika ein verbreiteter Rassismus zu Grunde lag und dass die Weißen, die die Sklaverei und Rassentrennung betrieben, die Schwarzen für minderwertig und gefährlich hielten.