November 17, 2010

Bischöfliche Judengesetze mit Vorbildfunktion



Daniel Goldhagen 2003: Die Katholische Kirche und der Holocaust

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S. 140-144) Die gemeinsame Überzeugung von Christen und Rassisten

In Slowenien war Bischof Gregor Rozman von Ljubljana, der Hauptstadt des Landes, ein entschiedener Bundesgenosse der Deutschen. Er ließ katholische Streitkräfte aufstellen, die an der Seite der Deutschen und der Italiener kämpfen sollten und in denen katholische Priester bedeutende Funktionen ausübten.
Als Italien im September 1943 kapituliert hatte, half Bischof Rozman den Deutschen, ihrerseits die Kontrolle über Slowenien zu übernehmen. Er leitete außerdem die Schaffung einer slowenischen Heimwehr in die Wege, die sich unter dt. Führung an zahlreichen Verbrechen beteiligte, Massenmord inbegriffen.
Ein erhalten gebliebenes Foto zeigt, wie der Bischof, der örtliche SS-Kommandeur und der faschistische Präsident Sloweniens gemeinsam auf einer Tribüne die Truppenparade abnehmen.
Bischof Rozman rief die Slowenen wiederholt zur Unterstützung der Deutschen auf, so auch in einem Hirtenbrief vom November 1943, als die Deutschen dabei waren, ihre Herrschaft in Slowenien zu festigen.
Weshalb sollten die Slowenen ihr Schicksal an das der Deutschen knüpfen?

Nur "durch diesen unerschrockenen Kampf und fleißige Arbeit für Gott, Volk und Vaterland," erklärte der Bischof, "werden wir unter der Führung Deutschlands unsere Existenz und eine bessere Zukunft sichern, im Kampf gegen die jüdische Verschwörung."
(Siehe Mark Aarons and John Loftus, "Unholy Trinity – How the Vatican's Nazi Networks Betrayed Western Intelligence to the Soviets", New York 1991, S. 128 f.)

Mark Aarons and John Loftus 1998: Unholy Trinity – The Vatican, The Nazis, and The Swiss Banks

In Italien, wo zwei Päpste den Bolschewismus mit Juden gleichsetzten, billigte der Vatikan die judenfeindlichen Gesetze, die die faschistische Regierung in Anlehnung an die NS-Judengesetzgebung 1938 erließ, und sorgte selbst für ihre Verbreitung. Die italienischen Bischöfe griffen diese öffentliche Billigung auf.
(Siehe z.B. Zuccotti, UHVW, New Haven 2000, S. 54 f.)
Im Bulletin seiner Erzdiözese verkündete der Erzbischof von Florenz, einer der führenden Kardinäle Italiens, seinen Priestern und Gläubigen im Frühjahr 1939, die italienischen Rassengesetze stünden nicht im Widerspruch zu göttlichem Recht: Was die Juden angehe, könne "niemand die zerstörerische Arbeit vergessen, die sie häufig nicht nur gegen den Geist der Kirche, sondern auch zum Schaden der bürgerlichen Koexistenz geleistet haben."
Daher, so der Erzbischof, habe die Kirche "das Zusammenleben mit den Juden in jeder Epoche als gefährlich für die Gläubigen sowie für Ruhe und Frieden der Christenheit eingeschätzt." Deshalb hätten "die von der Kirche erlassenen Gesetze seit Jahrhunderten das Ziel verfolgt, die Juden zu isolieren" – Gesetze, die den Gesetzen des faschistischen Italien in vielerlei Hinsicht als Vorbild dienten. (Zitiert nach Kertzer S. 378 f.) [...]
Für den Historiker Guenter Lewy, der sich mit der katho. Kirche der NS-Zeit befasst hat, waren die dt. Katholiken dermaßen antisemitisch, in ihren Ansichten über die Juden von der eigenen Kirche derart vergiftet, dass – wenn die katho. Bischöfe den unwahrscheinlichen Schritt unternommen hätten, die Juden für unschuldig zu erklären – seiner Meinung nach "ihre Gläubigen [...] eine solche Sympathie für die Juden gar nicht verstanden [hätten]."

Die gemeinsame Überzeugung katholischer Geistlicher und Laien von der Schuld der Juden – ganz zu schweigen von dem eliminatorischen Charakter, der diesen Überzeugungen oft gemein ist – wurde wohl nirgendwo so deutlich wie in der ungarischen Stadt Veszprem, wo ein Flugblatt der Pfeilkreuzler, der ungarischen faschistischen Bewegung, nach der Deportation der örtlichen Juden einen Dankgottesdienst ankündigte:

"Mit Hilfe der göttlichen Vorsehung wurde unsere alte Stadt und Provinz von dem Judentum befreit, das unsere Nation besudelte. Es ist dies nicht das erste Mal in unserer tausendjährigen Nationalgeschichte, dass wir von einer Plage, die uns befallen hatte, befreit wurden.
Doch kein bisheriges Ereignis kann sich an Bedeutung mit diesem Ereignis messen, denn keinem bisherigen Feind, der uns mit Gewalt oder mit politischer Machtübernahme bedrohte, war es je gelungen, uns in dem Maße zu übermannen, wie es den Juden gelungen ist mittels ihrer vergifteten Wurzeln, die in unseren Volkskörper eindrangen und sich seiner bemächtigten.

Wir treten in die Fußstapfen unserer Väter, wenn wir uns versammeln, um unserem Gott, der uns aus jeder Not errettet, unseren Dank auszudrücken. Kommt alle zum Dankgottesdienst, der am 25. Juni um 11.30 Uhr in der Franziskanerkirche stattfindet."

Der Priester war bereit, den Gottesdienst in seiner Kirche abzuhalten, die an diesem Tag überfüllt war von ungarischen Katholiken, die ihrer Freude über die Deportation ihrer jüdischen Nachbarn Ausdruck geben wollten. Der zuständige Bischof untersagte den Gottesdienst nicht, zog es aber vor, nicht daran teilzunehmen. Nicht, weil er den Jubel nicht geteilt hätte, sondern weil unter den Deportierten auch einige vom Judentum übergetretene Christen waren. (Herczl S. 214 f.)

Wären die katholische Kirche, ihre nationalen Kirchen und ihre Geistlichen überzeugt gewesen, dass die Juden unschuldig waren, dass sie sich nicht gegen Christentum, Gesellschaft und Gott vergangen hatten, so hätten wir gewiss Kenntnis davon. Sie hätten es verkündet, öffentlich, in ganz Europa, in jedem einzelnen Land.
Stattdessen gab es einen stimmgewaltigen und anhaltenden Chor von Geistlichen, die die Juden verurteilten und zuweilen ihre Ausschaltung regelrecht feierten. Die wenigen vernehmlichen Ausnahmen unter den Kirchenmännern in diesem Verdammung fordernden Chor waren einsame Rufer. [...]

Eben weil die Kirche und ihre Führer der Ansicht waren, die Juden seien schuldig und eine stete Gefahr, kämpften sie im 19. Jh. in ganz Europa gegen deren Emanzipation, und seit die Kirche in diesem Kampf gegen die Juden geschlagen wurde, hat sie nicht aufgehört, ihre Niederlage zu beklagen. Dass kaum ein Kirchenvertreter es als grundsätzlich ungerechte Strafe empfand, als die Deutschen in den 30er Jahren versprachen, diese Emanzipation rückgängig zu machen, und das auch umzusetzen begannen, ist daher keine Überraschung.
Einige wandten sich gegen bestimmte Aspekte, z.B. gegen die gnadenlose Brutalität des tatsächlichen Ausschaltungsprogramms, und natürlich auch gegen die negativen Konsequenzen, die daraus auch für vom Judentum übergetretene oder mit Juden verheiratete Katholiken erwuchsen. Das entsprach aber keineswegs der Überzeugung, dass die Bestrafung an sich dem "Verbrechen" unangemessen sei oder dass die Juden schuldlos wären. Es hat natürlich Ausnahmen gegeben. Die wenigen in Dtl., die wie die dänische und die norwegische Kirche die Juden als unschuldig betrachteten, empfanden den eliminatorischen Angriff auf die Juden von Anfang an und in den späteren Phasen als ungerecht, ja als Verbrechen.



S. 147 f.) Religiöse und rassistische Dämonisierung

Aus dem rassistischen Antisemitismus der Nationalsozialisten und der meisten Deutschen folgte dagegen, dass die Juden unverbesserlich seien, dass ihr Hang zum Bösen vermeintlich angeboren sei und dass die große Bedrohung, die sie angeblich für andere darstellten, demnach so lange fortbestehen würde, wie es Juden gab. Deshalb gaben sich so viele Deutsche bereitwillig zum Massenmord her oder befürworteten ihn als die einzig mögliche "Endlösung" der so genannten Judenfrage, und deshalb erschien ihnen die geschichtlich beispiellose Maßnahme plausibel, die Juden nicht nur in ihrem eigenen Land, sondern weltweit aufzuspüren und zu vernichten.
Aus dem religiös begründeten Antisemitismus der Kirche folgte theoretisch, dass Juden sich ändern konnten. Die Kirche wusste schließlich aus ihrer eigenen Erfahrung mit Übertritten vom Judentum, dass Juden zu Christen geworden waren. Gewiss, die Dämonisierung der Juden durch die Kirche hatte sich im 20. Jh. in Ton und Inhalt an die Dämonisierung durch die rassistischen Antisemiten angeglichen, und es gab namhafte Kleriker, die sich eine rassistische Konzeption des Juden zu eigen machten und sie verbreiteten. Gleichwohl war es ja gerade die Möglichkeit, die Juden zu erlösen, die über Jahrhunderte hinweg die erniedrigende und kränkende, aber streng genommen nicht tödliche eliminatorische Haltung der Kirche gegenüber den Juden geprägt hat, und viele Geistliche in der NS-Zeit kamen möglicherweise deshalb zu dem Schluss, dass die Tötung der Juden weder notwendig noch richtig war.



S. 149 f.) Weshalb die Kleriker die Vollstrecker des Holocaust nicht exkommunizierten

Wenn die Kirche und ihr Klerus von der Schuld der Juden überzeugt waren, ist es in gewissem Sinne nahe liegend und wenig bemerkenswert, dass sie in den 30er Jahren des 20. Jh.s und sogar noch danach die Katholiken lehrten, ja sogar drängten, Antisemiten zu sein, und die nicht tödlichen Ausschaltungsmaßnahmen der Deutschen und ihrer Helfer im Allgemeinen guthießen. Ebenso wenig ist es bei dieser Ansicht bemerkenswert, dass sie sich dazu hergaben, diese offenen Ausschaltungsmaßnahmen auf mancherlei Weise zu unterstützen, z.B. dadurch, dass sie in Dtl. die Abstammungsurkunden zur Verfügung stellten und zuweilen die Maßnahmen ausdrücklich begrüßten. Es ist dann ebenfalls logisch, dass sie weder selbst die Juden verteidigt noch Katholiken dazu aufgefordert haben, nicht im Falle verbaler antisemitischer Attacken, nicht im Falle des rechtlichen und physischen Angriffs.
Auch ist es nicht verwunderlich, dass die katho. Kirche, zwei Päpste und die nationalen Kirchen die Juden nie für unschuldig erklärt haben. Warum hätten sie das tun sollen? Es entsprach nicht ihrer Überzeugung.
Von den nichttödlichen Ausschaltungsmaßnahmen, die zwar gewaltsamer und brutaler waren, im Grunde aber dem Wunsch der Kirche entsprachen, die Emanzipation der Juden rückgängig zu machen, gingen die Deutschen dann zum Massenmord über. Manche ihrer ehemaligen Anhänger im Klerus wandten sich nun von den Verfolgern der Juden ab, weil sie die neue Bestrafung nicht als gerecht betrachteten. Da die Geistlichen aber immer noch der Ansicht waren, die Juden seien schuldig und eine Gefahr, waren sie vermutlich hin- und hergerissen, wie sie sich verhalten sollten. Was sie aus der Sicht eines Nicht-Antisemiten allen hätten sagen müssen, nämlich dass die Juden unschuldig seien, dazu konnten sie sich nicht durchringen. Im Grunde konnten sie jene nicht tadeln, die wie sie selbst von der extremen Schuld der Juden aufrichtig überzeugt waren, die aber, gestützt auf die gemeinsame Überzeugung, bei der Zumessung der Strafe zu weit gingen.
Deshalb unterließ es die Kirche, die Vollstrecker des Holocaust zu exkommunizieren, zu verurteilen oder ihre Bestrafung zu fordern, obwohl sie andererseits sämtliche Kommunisten der Welt auf einen Schlag exkommunizierte, unabhängig davon, ob sie überhaupt Verbrechen begangen hatten.

[...] Ein Großteil der Kirche einschließlich der dt. Kirche war zumindest moralisch tief in den Massenmord verstrickt [...] Den Massenmord zu verurteilen hieß für die Kirchen letztlich, sich selbst zu verurteilen, war doch die Massenvernichtung nur eine logische, wenn auch nicht die einzige logische oder unausweichliche praktische Verlängerung des Antisemitismus, den sie selbst verbreitet hatten, und der vorausgegangenen Ausschaltungsmaßnahmen, die sie unterstützt hatten.
Mochten die Kirchenmänner diese extremste eliminatorische Bestrafung auch missbilligen, so war ihr Antisemitismus doch derart stark, dass sie sich zu Mitleid mit den Juden kaum aufraffen konnten. Die Bedeutung der Kirche und ihre jüngste Geschichte sprachen dagegen, für die Juden einzutreten. Bischöfe und Priester hätten schlagartig und unverzüglich zu Gunsten eines Volkes umschwenken müssen, dem sie starke feindselige Gefühle entgegenbrachten, das in ihren Augen für die Tötung Jesu verantwortlich war und mit dem ihm unterstellten Bolschewismus eine schreckliche Gefahr für den bloßen Bestand der Kirche und die Wohlfahrt der Menschheit darstellte.
[...] viele dieser Geistlichen warteten bis zum letzten Moment, wenn die erwarteten Deportationen unmittelbar bevorstanden, und handelten nicht beharrlich, mit Leidenschaft und Entschlossenheit. Andere handelten erst, als der letzte Moment bereits verstrichen war und die Täter schon Juden in enormer Zahl umgebracht hatten. Pius XII. intervenierte mit seinem Telegramm an Horthy zu spät, erst nachdem die kurz darauf siegreichen Alliierten ihn heftig dazu gedrängt hatten. Auch in der Slowakei intervenierte der Vatikan zu spät und in erster Linie aus Sorge um das Ansehen der Kirche in der Nachkriegszeit, wie sein eigener Vertreter zugab.



S. 151 f.) Die Idee hinter dem Massenmord

Wir sollten nicht den Fehler machen zu glauben, wie es die Kirche und ihre Verteidiger uns offenbar glauben machen wollen, dass es angesichts eines so ungeheuren, sich über einen langen Zeitraum entfaltenden Übels genügt hätte, einmal und dann nie wieder gegen einen Aspekt des Ausschaltungsprogramms der Deutschen Einspruch zu erheben oder sich allenfalls auf kritische Anspielungen auf das massenhafte Morden zu beschränken. Wir sollten nicht den Fehler machen zu glauben, als ließe sich die Zeit völligen Schweigens nachträglich dadurch bemänteln, dass man seine Stimme erhob, als das Töten längst begonnen hatte, als schon Millionen umgekommen waren. Mit einer einzigen, verspäteten Äußerung haben sich in der Regel jene Kirchenmänner begnügt, die tatsächlich an den Ausrottungsmaßnahmen Kritik geübt haben, wie z.B. fast alle französischen Bischöfe. Wer – insbesondere als politischer oder religiöser Führer – Taten verurteilt, die er als große Verbrechen betrachtet, wird sich in der Regel nicht mit einer einmaligen, kurzen und zudem späten Äußerung seines Missfallens begnügen, besonders dann nicht, wenn diese Verbrechen in seinem Namen verübt werden. Er wird unverzüglich und dann immer wieder energisch protestieren. Das ist hier jedoch nicht geschehen.

Und es trifft jedenfalls nicht für Pius XII. zu, der wenig mehr vorzuweisen hat als seine beiden kurzen und verspäteten öffentlichen Hinweise auf Menschen, die wegen ihrer Nationalität oder ihrer Abstammung umgebracht wurden, und seinen sehr späten Appell an Horthy. Während die Deutschen und ihre Helfer Millionen umbrachten, blieb Pius XII. mehr als ein Jahr lang vollkommen stumm. Er protestierte erst, als mit einem Sieg der Deutschen nicht mehr zu rechnen und er von den Alliierten stark unter Druck gesetzt worden war. Er beließ es in seiner Weihnachtsbotschaft 1942 bei einer vagen Bemerkung, die am Ende einer langen Ansprache in einer langen Liste anderer Punkte versteckt war. Er nannte weder die Täter (Deutsche) noch die Opfer (Juden) beim Namen, und er erwähnte mit keinem Wort die Idee, die hinter dem Massenmord steckte: den Antisemitismus. Er vermittelte weder ausführliche, ausreichende Information über den Massenmord, noch bot er Katholiken wie Nicht-Katholiken hinsichtlich der Notwendigkeit, etwas für die Juden zu tun, moralische Führung an. Dass er mit diesen matten, unvollständigen, ausweichenden Äußerungen in bewegender, leidenschaftlicher Weise für die Juden eingetreten wäre, ein Volk, das damals seiner totalen Ausrottung in Europa entgegenging, und dass diese Äußerungen ihn, Pius XII., als einen engagierten Verteidiger der Juden ausweisen sollen, ist schon auf den ersten Blick nicht glaubhaft.



S. 153 f.) Gefangene einer bösartigen Lehre:
Zu viel hätte ungeschehen gemacht werden müssen

Für die Juden einzutreten bedeutete auch, dass der Papst und die Bischöfe zumindest stillschweigend hätten anerkennen müssen, dass das, was sie ihre Gläubigen über die Juden gelehrt hatten, bösartig war. Damit hätten sie ihre religiöse Glaubwürdigkeit und Autorität aufs Spiel gesetzt. Und sie hätten so viel ungeschehen machen müssen. Lewy behauptet, dass ein Protest ihrer Bischöfe zu Gunsten der Juden bei der antisemitischen deutschen Bevölkerung wahrscheinlich auf taube Ohren gestoßen wäre, "denn die Kirche hatte ja jahrelang behauptet, dass die Juden dem Deutschtum schadeten. [...] Selbst wenn die Bischöfe vielleicht bereit gewesen wären, gegen die unmenschliche Behandlung der Juden zu protestieren, hätten sie feststellen müssen, dass sie Gefangene ihrer eigenen antisemitischen Lehren waren."
[...] Wer protestiert, wird ja unvermeidlich zum Fürsprecher desjenigen, den er für einen schurkischen Verbrecher hält, er identifiziert sich mit ihm, und was vielleicht psychologisch noch wichtiger ist, er wird oft von anderen mit ihm identifiziert. [...]
Wie schwer muss es der Kirche und ihrem Klerus psychologisch gefallen sein, nachdem sie ihre Gläubigen all die Jahre hindurch vor den ernsten Gefahren gewarnt hatten, die die Juden darstellten, nun auf einmal öffentlich für eben diese Menschen eintreten zu müssen. Deshalb haben sich z.B. so viele slowakische Priester geweigert, einen verspäteten Protest ihrer Bischöfe gegen die Deportation der Juden auch nur zu verlesen, obwohl der Protest durch seine Abfassung in lateinischer Sprache ohnehin nur noch eine Alibiveranstaltung war. [...] Für Menschen einzutreten, gegen die man feindselige Gefühle hegt, von denen man sich bedroht fühlt oder die man hasst, ist moralisch-psychologisch nicht einfach: Der innere Widerstand lässt sich nur schwer überwinden.
Die protestantischen Kirchen in Norwegen und Dänemark konnten gerade deshalb, weil die Juden in ihren Augen eindeutig unschuldig waren, ohne Schwierigkeiten und mit Leidenschaft für sie eintreten. Für die Juden als Menschen und nicht bloß als Objekte einer ungerechten Bestrafung. In Skandinavien haben die Juden "denselben menschlichen Wert und damit dieselben Menschenrechte wie alle Menschen".
(Zitiert in Carol Rittner, Stephen D. Smith und Irena Steinfeldt, "The Holocaust and the Christian World – Reflections of the Past, Challenges for the Future", New York 2000, S. 242.)

Über die paradoxen Folgen der kirchlichen Haltung gegenüber den Juden sollte man nicht einfach hinweggehen. Wohl stärker als jede andere große nicht-nationalsozialistische Institution in Europa lehrte die Kirche ihre Gläubigen ein hasserfülltes, entmenschlichtes und auf Ausschaltung zielendes Bild der Juden – sie seien ein schuldbeladenes und schädliches Volk – das viele ihrer Anhänger dazu brachte, die Verfolgung der Juden zu unterstützen und vielfach willentlich daran teilzunehmen. Manche Geistliche beteiligten sich sogar an der Vernichtung der Juden.

Jüdisches Überwuchern + strenge Gewissenspflicht



Daniel Goldhagen 2003: Die Katholische Kirche und der Holocaust

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S. 134-140) Vorsätzlich, aktiv und konsequent (Schuld und Strafe)

Die Handlungsmuster der katholischen Kirche müssen erfasst und erklärt werden. [...] Wir müssen daher auch die schlechte Gewohnheit meiden, immer wieder von Fall zu Fall Anekdoten aufzutischen, die als Erklärungen durchgehen sollen, etwa die zumeist ohne Beweis vorgetragene Behauptung, bei dieser schlechten Handlung habe jemand Angst vor den Deutschen gehabt oder bei jener schlechten Handlung habe jemand nicht gewusst, was er tut. Diese Erklärungen werden dann [...] von den offensichtlich auf einen gegebenen Einzelfall bezogenen Tatsachen ausgehend, auf andere Handlungen derselben Person oder auf andere Akteure in derselben Situation übertragen. Da die Entscheidungen und Handlungen der Menschen sich aber in allgemeine Muster mit erkennbaren Konturen einfügen, müssen wir vielmehr nach einer allgemeinen Erklärung für diese Muster suchen, wobei es natürlich immer einzigartige Aspekte und deshalb auch Ausnahmen von der Regel gibt.
Um zu erfassen, was die Menschen – auch gewöhnliche Deutsche – in der NS-Zeit hinsichtlich der eliminatorischen Verfolgung der Juden durch die Deutschen gedacht und getan haben, lassen sich ihre Ansichten, die bisher durchgängig und in verwirrender Weise zusammengeworfen worden sind, nach zwei Dimensionen unterscheiden, und jede dieser Dimensionen lässt sich systematisch untersuchen:
1. Ansichten über die Schuld oder Unschuld von Juden und
2. Ansichten über die Angemessenheit einer bestimmten Bestrafung.

Mit dieser Unterscheidung im Hinterkopf können wir auch das Verhalten der katholischen Kirche, ihrer nationalen Kirchen und ihrer Geistlichen in jenen Jahren besser verstehen.
Und sie kann uns helfen, dieses Verhalten im Vergleich zu verstehen, und zwar in zweierlei Hinsicht:
1. gemessen an der Haltung der Kirche gegenüber anderen verbrecherischen Handlungen der Deutschen und
2. gemessen an den Reaktionen anderer Akteure, beispielsweise der Dänisch-Lutherischen Staatskirche und ihrer Geistlichkeit, auf die eliminatorische Verfolgung der Juden.
Zum ersten Thema hier nur eine vorläufige Feststellung. Die katholische Kirche hat es in der NS-Zeit auch gegenüber anderen Völkern und in vielfältiger sonstiger Weise versäumt, gut zu handeln. Doch allein den Juden – und keiner anderen Gruppe – hat die Kirche vorsätzlich, aktiv und konsequent Schaden zugefügt und ihrem Leiden Vorschub geleistet, vom ungeheuren Ausmaß des Unrechts und Leidens ganz zu schweigen.
Diese wesentliche Tatsache muss man im Blick behalten – sie bedarf der Erklärung.


Zweifellos hatten die meisten Deutschen – Urheber, Organisatoren und Haupttäter (wenn auch nicht die einzigen) des europaweiten eliminatorischen Angriffs auf die Juden – eine Vorstellung von den Juden, deren Grundzug ungeachtet aller mannigfaltigen Besonderheiten darin bestand, dass die Juden der größten Verbrechen und der verheerendsten Vergehen gegen Dtl. und die Menschheit schuldig waren und eine beständige Gefahr für die Wohlfahrt und die Existenz Dtl.s darstellten. *)
Die Frage, die sich für alle Geistlichen aller Länder stellt, vom kleinsten Gemeindepfarrer bis hin zum Papst – und die von denen, die über diese Probleme schreiben, fast durchweg ignoriert wird –
ist folgende:

Hielten diese Männer die Juden der Dinge, die ihnen vorgeworfen wurden, für schuldig oder für unschuldig?
Hielten sie, anders gesagt, die außergerichtliche, de facto strafrechtliche Verurteilung der Juden durch die Deutschen, Slowaken, Kroaten und andere für gerechtfertigt oder nicht?
Wenn sie die Juden für schuldig hielten, großes Unglück über Nichtjuden gebracht zu haben, wenn sie glaubten, man mache die Juden zu Recht für große Übel verantwortlich, stellt sich eine zweite Frage:
Betrachteten die katholischen Geistlichen die Strafen, die die Deutschen und ihre Helfer den Juden zumaßen und die sich mit der Zeit änderten, als dem Verbrechen angemessen?
Hielten die Geistlichen die wechselnden Strafen für gerecht oder ungerecht?

*) Siehe "Hitlers willige Vollstrecker. Ganz gewöhnliche Deutsche und der Holocaust", Berlin 1996.
Inzwischen haben meine diversen Feststellungen reichlich Bestätigung erfahren (sogar von jenen, die das Buch mit dem Hinweis auf Ausnahmen angegriffen oder fälschlich behauptet haben, sie hätten das schon immer gesagt). Siehe Marion A. Kaplan, "Der Mut zum Überleben. Jüdische Frauen und ihre Familien in Nazideutschland", Berlin 2001, die ihre zentralen analytischen Konzepte, den "sozialen Tod" und die Tatsache, dass die Deutschen wünschten, die Juden würden "verschwinden", formulierte, unmittelbar nachdem ich diese Begriffe (ich sprach im letzteren Fall von "ausschalten") in die Holocaustforschung eingeführt hatte. Zu einigen aus einer Vielzahl weiterer Beispiele siehe Christiane Kohl, "Der Jude und das Mädchen. Eine verbotene Freundschaft in Nazideutschland", Hamburg 1997, und Thomas Sandkühler, "'Endlösung' in Galizien. Der Judenmord in Ostpolen und die Rettungsinitiativen von Berthold Beitz, 1941-1944", Bonn 1996.
("Die Bezeichnung 'Oberjuden' ist auch als Ausdruck christlicher Judenfeindlichkeit belegt, so in einer Ostermontagspredigt aus dem Jahr 1836, wo die 'Hohepriester und Ältesten', Matthäus 27:20, die gemäß den Evangelien die Juden dazu bewogen haben sollen, die Kreuzigung Jesus zu fordern, als 'Oberjuden' bezeichnet werden. Auch die KPD verwendet anfangs der 1930er Jahre den Ausdruck 'Oberjuden' in einer Publikation, mit der die mit der NSDAP sympathisierenden Arbeiter angesprochen werden sollten.")
[...] wo die Ausstellung der nordelbischen evange. Landeskirche in Dtl. mit ihrem Bekenntnis: "Die Mehrheit der Kirche [...] unterstützte die Verfolgung der Juden" erörtert wird. Diejenigen, die die Ereignisse selbst miterlebt haben, die Augenzeugen, haben ebenfalls scharenweise mündlich und schriftlich ihre Zustimmung bekundet.
Zu ausgewählten Beispielen siehe "Briefe an Goldhagen", Berlin 1997.

("News about Hitler's Willing Executioners: Front page article in the 'New York Times' on October 15 2010 announces that the revolution in understanding that Hitler's Willing Executioners produced about the Holocaust has unequivocally become, just fifteen years after the book's publication, the consensus view in Germany. The establishment German Historical Museum in Berlin has opened a major exhibition that confirms and builds upon the conclusions of Hitler's Willing Executioners: 'This exhibition is about Hitler and the Germans – meaning the social and political and individual processes by which much of the German people became enablers, colluders, co-criminals in the Holocaust,' said the authoritative Constanze Stelzenmüller, until recently the director of the German Marshall Fund Berlin Office [and McCloy-Rhodes-Scholar]. 'That this was so is now a mainstream view, rejected only by a small minority of very elderly and deluded people, or the German extreme right-wing fringe. But it took us a while to get there.'" [emphasis Goldhagen] "The household items had Nazi logos and colors. The tapestry, a tribute to the union of church, state and party, was woven by a church congregation at the behest of their priest. [...] Instead, the show focuses on the society that nurtured and empowered him. It is not the first time historians have argued that Hitler did not corral the Germans as much as the Germans elevated Hitler. [...] 'The Nazis were members of high society. This was the dangerous moment.'")


Eine unbestreitbare Feststellung


Betrachten wir zunächst die der systematischen Ausrottung vorausgehende Phase der Judenverfolgung durch die Deutschen, mit all den Maßnahmen, die die Juden entmenschlichten und darauf gerichtet waren, sie und ihren Einfluss in einem Land nach dem anderen auszuschalten, so drängt sich die unbestreitbare Feststellung auf, dass praktisch der gesamte katholische Klerus und ein großer Teil seiner Gemeindeglieder die Juden schwerer Verbrechen und Vergehen für schuldig hielten. Die Schuld der Juden, aller Juden, kollektiv und generationenübergreifend, wird in der christlichen Bibel verkündet ("Da rief das ganze [jüdische] Volk: Sein [Jesu] Blut komme über uns und unsere Kinder!" Mt. 27:25). Diese dem jüdischen Volk als Volk zugeschriebene Kollektivschuld war eine zentrale Lehre der katholischen Kirche, und die Kirche hatte sie jahrhundertelang emsig verbreitet. Außerdem waren die Kirche sowie ein Großteil der katholischen Geistlichen und Laien, vor allem in Mittel- und Osteuropa, unangefochten der aus ihrer Religion abgeleiteten Meinung, die Juden hätten einen einzigartigen Hang dazu, Böses zu tun, seien die Urheber ungeheurer gesellschaftlicher und politischer Schäden, die sie ihren Gastländern zufügten, und sie seien die Schöpfer oder Lenker des kommunistischen Ungeheuers.


Donnernde Parolen der Bischöfe


Überall in Europa waren katho. Bischöfe und Priester bestrebt, die Katholiken wissen zu lassen, dass sie die Juden nicht für unschuldig hielten, und verbreiteten sich mit Leidenschaft mündlich und schriftlich über die Schuld der Juden. Hier ein paar führende Stimmen.
Auf dem Höhepunkt des Massenmords schrieb Adolf Kardinal Bertram, vielleicht der maßgebende Kardinal der dt. katho. Kirche, in einer offiziellen Eingabe über "die schädlichen Einflüsse eines Überwucherns jüdischer Einflüsse gegenüber deutscher Kultur und vaterländischer Interessen."
Ein führender österreichischer Bischof, Johannes Maria Gföllner aus Linz, veröffentlichte kurz vor Hitlers Machtübernahme einen Hirtenbrief, der den internationalen Kapitalismus, den Sozialismus und den Kommunismus – die Hauptgefahren für das Wohl der Menschheit – den Juden anlastete. Er erklärte:

"Vom jüdischen Volkstum und von der jüdischen Religion verschieden sei der jüdische, internationale Weltgeist. Zweifellos üben viele gottentfremdete Juden einen überaus schädlichen Einfluss auf fast allen Gebieten des modernen Kulturlebens aus. Presse, Theater und Kino – vorwiegend von Juden genährt – vergifteten mit zynischen Tendenzen die christliche Volksseele. Wirtschaft und Handel [...] Advokatur und Heilpraxis, soziale und politische Umwälzungen sind vielfach durchsetzt und zersetzt von materialistischen und liberalen Grundsätzen, die vorwiegend vom Judaismus stammen."

Wie sollte man darauf reagieren? Der Bischof meinte,

"diesen schädlichen Einfluss des Judentums zu bekämpfen und zu brechen", sei "nicht nur gutes Recht, sondern strenge Gewissenspflicht eines jeden überzeugten Christen."
Man könne nur hoffen, "dass auf arischer und christlicher Seite diese Gefahren und Schädigungen durch den jüdischen Geist noch mehr gewürdigt, noch nachhaltiger bekämpft" würden.
(Kardinal Bertram ist zitiert nach "Akten dt. Bischöfe über die Lage der Kirche 1933-45" Bd. 5, Mainz 1983, S. 944. Zu den anderen Zitaten siehe Kertzer, "Die Päpste gegen die Juden. Der Vatikan und die Entstehung des modernen Antisemitismus", Berlin/München 2001, S. 634 f.)

Nicht nur Österreicher, sondern auch Katholiken anderer Länder erfuhren von den Ansichten Bischof Gföllners, denn sein Brief wurde überall in Europa in der katholischen Presse abgedruckt. Kardinal August Hlond, der Primas von Polen, veröffentlichte im Februar 1936 einen Hirtenbrief "Über die Grundsätze der katholischen Moral":

"Solange wie Juden Juden bleiben, gibt es eine Judenfrage und wird es sie auch weiterhin geben [...]
Es ist eine Tatsache, dass Juden Krieg gegen die katholische Kirche führen und dass sie eingefleischte Freidenker sind und die Vorhut des Atheismus, der bolschewistischen Bewegung und revolutionärer Umtriebe bilden.
Es ist eine Tatsache, dass Juden einen verderblichen Einfluss auf die Moral haben und dass ihre Verlage Pornographie verbreiten.
Es ist wahr, dass Juden Betrug begehen, Wucher treiben und mit der Prostitution Geschäfte machen.
Es ist wahr, dass die jüdische Jugend in unseren Schulen einen unter religiösem und ethischem Gesichtspunkt negativen Einfluss auf die katholische Jugend hat."

[...] Im Unterschied zu den Rassisten räumte Kardinal Hlond außerdem mit Nachdruck ein, dass es viele Ausnahmen von der Regel gebe, "anständige, gerechte, freundliche und philanthropische" Juden. Gewalt gegen Juden lehnte er entschieden ab. Seine Hauptbotschaft, dass die Juden den Polen riesigen Schaden zufügten und immer zufügen würden, und seinen Aufruf zu judenfeindlichen Maßnahmen milderte Kardinal Hlond also durch seinen Appell an christliche Grundsätze wie Liebe und letztlich eine gewisse Toleranz, was im polnischen Kontext bedeutete, dass er nicht forderte, sie aus Polen zu entfernen. Der Mehrheit der polnischen Kirche galt er deshalb als zu gemäßigt, andere Kirchenführer und Publikationen forderten regelmäßig, die Juden aus Polen zu entfernen, nicht selten in Form von Vertreibung.
Die Broschüre eines polnischen Jesuiten formulierte kurz und bündig:

"Man muss die Juden aus christlichen Gesellschaften verbannen."
Die Juden sollten gehen, "damit das polnische Volk normal leben und sich normal entwickeln kann". (Celia S. Heller, "On the Edge of Destruction: Jews of Poland Between the Two World Wars", Detroit 1994, S. 109-114)

Der Erzbischof von Zagreb, Aloisius Stepinac, Oberhaupt der kroatischen katholischen Kirche und gewiss keiner der Radikalen unter den kroatischen Kirchenführern, war der Ansicht, dass die Juden ebenso wie die Serben aus dem gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Leben Kroatiens entfernt werden sollten, dass Juden Pornographen und es hauptsächlich ihre Ärzte seien, die das "Übel" Abtreibung vornahmen.
(Zitiert in Menachem Shelah, "The Catholic Church in Croatia, the Vatican and the Murder of the Croatian Jews", in: "Remembering for the Future: Working Papers and Addenda", Bd. 1, Oxford 1989, S. 270, 276.)
Nicht ganz so "gemäßigt" war sein Kollege, Bischof Ivan Saric von Sarajevo. Im Mai 1941 erschien in dessen Diözesanblatt ein Artikel mit dem Titel "Warum werden die Juden verfolgt?", in dem es hieß:

"Die Nachkommen derer, die Jesus hassten, ihn bis in den Tod verfolgten, ihn kreuzigten und seine Jünger verfolgten, sind größerer Sünden schuldig als ihre Vorfahren. Die jüdische Habgier wächst. Die Juden haben Europa und die Welt in die Katastrophe geführt, die moralische und wirtschaftliche Katastrophe. Ihr Appetit wird so lange wachsen, bis allein die Weltherrschaft ihn stillen wird [...]
Der Satan half ihnen bei der Erfindung des Sozialismus und des Kommunismus.
Es gibt Grenzen der Liebe. Die Bewegung zur Befreiung der Welt von den Juden ist eine Bewegung zur Erneuerung der Menschenwürde.
Der allwissende und allmächtige Gott steht hinter dieser Bewegung."
(Shelah, S. 269)

Wie hier wurde das auf die Bibel zurückgehende antisemitische Motiv des Christusmords oft nahtlos mit der von kirchlichen und weltlichen modernen Antisemiten gemeinsam benutzten Parole vermengt, die Juden würden die Welt gesellschaftlich und politisch ausplündern.
Die donnernden Parolen des Bischofs hätten problemlos in einer Veröffentlichung jener "Bewegung zur Befreiung der Welt von den Juden" erscheinen können, der er göttlichen Zuspruch verhieß: des Nationalsozialismus.
In der Slowakei wandten sich die katholischen Bischöfe mit einem Hirtenbrief an die ganze Nation und rechtfertigten die Deportation der Juden in den Tod. Die Bischöfe erklärten:

"Der Einfluss der Juden war verderblich. Sie haben zum Schaden unseres Volkes in kurzer Zeit fast das ganze Wirtschafts- und Finanzwesen unseres Landes an sich gerissen. Nicht nur wirtschaftlich, auch in kultureller und moralischer Hinsicht haben sie unserem Volk geschadet. Deshalb kann die Kirche nicht dagegen sein, wenn der Staat den gefährlichen Einfluss der Juden mit gesetzlichen Regelungen eindämmt."

[...] Als es in Ungarn darum ging, ob die Kirche gegen die Deportation der Juden in ihren sicheren Tod in Auschwitz Einspruch erheben sollte, riet der zweite Mann in der kirchlichen Hierarchie des Landes, Erzbischof Gyula Czapik, als Wortführer der Mehrheit seiner Kollegen ihrem Kirchenoberhaupt, Kardinalprimas Justinian Serédi, zur Zurückhaltung, weil viele Juden "sich gegen die ungarische Christenheit versündigt haben, ohne dass je einer von ihnen dafür gerügt worden wäre." Kardinalprimas Serédi beschloss trotzdem, dass die Kirche sich gegen den Massenmord erklären müsse, doch die Art, wie er es tat, konnte den ohnehin schon starken Antisemitismus in Ungarn nur anfachen:

"Wir leugnen nicht, dass zahlreiche Juden auf Ungarns Wirtschaft, Gesellschaft und Moral einen zersetzenden Einfluss ausgeübt haben. Ebenso ist es wahr, dass die übrigen nicht gegen die Taten ihrer Glaubensgenossen protestierten. Wir zweifeln nicht daran, dass die Judenfrage auf legale und gerechte Weise geregelt werden muss.
Deshalb haben wir gegen die getroffenen Maßnahmen nichts einzuwenden, sofern das Finanzsystem des Staates in Frage steht. Ferner protestieren wir nicht gegen die Beseitigung des schädlichen Einflusses der Juden. Im Gegenteil, wir wünschen, dass er verschwindet."

Mit diesem "Hirtenbrief", der in allen Gemeinden verlesen werden sollte, rechtfertigte die ungarische Bischofssynode insgesamt die Vorstellung, dass alle Juden schuldig seien, weil sie entweder nichtjüdischen Ungarn großen Schaden zugefügt oder andere Juden nicht daran gehindert hatten. Dass sämtliche verbrecherischen Maßnahmen, die die ungarische Regierung vor der Deportation gegen die Juden ergriffen hatte (Vertreibung aus
ihren Häusern, ihren Arbeitsstellen etc.), zu unterstützen seien und dass der Einfluss der Juden (in Wahrheit die Juden selbst) aus der ungarischen Gesellschaft entfernt werden solle. (Im Gegensatz zu den katho. Bischöfen verfassten die Bischöfe der beiden protesta. Kirchen ihren eigenen Hirtenbrief, in dem, ungeachtet seiner Probleme und des ansonsten kläglichen Verhaltens der protesta. Führung, gefordert wurde, die Gewalt gegen Juden und deren Deportation ohne Einschränkung einzustellen. Kardinal Serédi hatte mehrfache Bitten der Protestanten, angesichts des Schicksals der Juden eine Einheitsfront zu bilden, abgelehnt. Siehe Moshe Herczl, "Christianity and the Holocaust of Hungarian Jewry", New York 1993, S. 205-216.) Die katho. Bischöfe erließen diesen Brief Ende Juni 1944, als die Deportationen der ungarischen Juden in den Tod ihren Höhepunkt erreichten.

Mystici Corporis – Urknall für Katholikenglasnost



Daniel Goldhagen 2003: Die Katholische Kirche und der Holocaust

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S. 122 ff.) Im Interpretationslabyrinth einer kampfbereiten spirituell-politischen Weltinstitution

Die Verteidiger der Kirche behaupten, sie habe sich mit Ausbruch des ZWK umzingelt und in ihrer Existenz bedroht gefühlt. Sogar jemand, der nicht gerade zu den Verteidigern der Kirche zählt, kann mit einem gewissen Verständnis in diesem Sinne schreiben:

"Nie schien der Ausdruck 'Festung Kirche' treffender. Viele Vertreter des Vatikans wurden unter diesen Umständen noch argwöhnischer, furchtsamer und unbeweglicher als sonst. Ihr Handeln, jetzt nur noch auf Abwehr beschränkt, war ausschließlich auf die eigene Klientel ausgerichtet. Es blieb wenig Spielraum, sich um die Armut oder Unterdrückung von Nicht-Katholiken zu kümmern, die in ihren Menschenrechten verletzt, aber per definitionem Feinde der Kirche waren." (Zuccotti, UHVW, S. 24)

Vielleicht hätte die Kirche sich mehr um das Geschehen draußen kümmern sollen, sagen ihre Verteidiger, aber ihre Reaktion ist sowohl verständlich als auch letztlich gerechtfertigt angesichts der realen Gefahr, die ihr von Seiten des Nationalsozialismus drohte, der, wie sie zu Recht sagen, zutiefst antichristlich war. Allerdings kaschierten die Nationalsozialisten ihre Feindschaft so gut, dass die meisten Deutschen und selbst dt. Geistliche das nicht begriffen. Wenn sie sich wirklich durch den Nationalsozialismus tödlich bedroht geglaubt hätten, hätten die dt. katho. Bischöfe und der Papst sich dann gewünscht, dass Dtl. die Sowjetunion besiegte, was den Nationalsozialismus unermesslich gestärkt und seine Herrschaft über Europa gefestigt hätte? Wie groß kann die Angst der Kirchenführung vor dem Nationalsozialismus tatsächlich gewesen sein?

Man verlangt von uns Verständnis für diese kampfbereite politische Institution, die über einen unabhängigen, souveränen Staat, Vatikanstadt, mit einem absoluten Herrscher, dem Papst, verfügte und diplomatische Beziehungen zu anderen Staaten unterhielt. Doch warum sollten wir die Lage der Kirche im Angesicht der Deutschen so grundlegend anders beurteilen als die aller anderen Länder und Völker, und warum sollten die schwierigen Umstände, vor denen alle in Europa standen (und die sich für viele weit schrecklicher gestalteten als für die Kirche), das Tun und Lassen nur dieser politischen Institution und ihrer politischen Führer so ohne weiteres entschuldigen oder in einem milderen Lichte erscheinen lassen?
Viele Menschen in ganz Europa wurden sich politisch und ideologisch mit den Deutschen einig und unterstützten sie in mindestens einigen ihrer wichtigen politischen Ziele, auch wenn sie behaupteten, damit nur ihr Volk schützen und einen Schein von Unabhängigkeit für ihr Land wahren zu wollen. Zu ihnen zählen Quisling in Norwegen sowie Marschall Pétain und Pierre Laval in Vichy, und man bezeichnet sie vielfach als Kollaborateure und ihre Regime als Kollaborationsregime. Nimmt man sie als Bezugsrahmen für die Bewertung, könnte man zu dem Schluss kommen, dass auch Pius XII. als Kollaborateur der Nationalsozialisten einzustufen ist, selbst wenn man die allzu schroffe Einschätzung, er sei "Hitlers Papst" *) gewesen, nicht teilt.

kreuz.net-"Christus vincit") Die Gedanken von Mary Ball-Martinez ("Die Unterminierung der Katholischen Kirche") sind in der Tat ungewöhnlich und man muss das Buch mehrmals lesen, um alles zu verstehen!
Aus der betreffenden Passage über "Mystici Corporis" (S. 16-17): "Es war lange vor dem Konzil, dass ein neuer Geist in der Kirche geboren wurde [...] Jesuiten-Theologen verweisen auf den 29. Juni 1943 als den Tag des 'Urknalls' [...] Virgilio Rotondi SJ sagte mit Nachdruck: Alle ehrenhaften Menschen [...] anerkennen, dass die Revolution mit der Veröffentlichung der Enzyklika Mystici Corporis von Papst Pius XII. stattfand. Damals war es, dass das Fundament für 'die neue Zeit' gelegt wurde, aus der das ZVK auftauchen würde.
Der Jesuit Avery Dulles erklärt die Natur der Explosion: Bis zum Juni 1943 war das juridische und gesellschaftliche Modell der Kirche unangefochten, aber dann wurde es plötzlich durch das Konzept des Mystischen Leibes ersetzt.
Die Bezeichnung war nicht neu. Sie war siebzig Jahre zuvor von den Vätern des EVK vorgelegt worden. Sie hatten sie zurückgewiesen mit der Begründung, sie sei 'verwirrend, doppeldeutig, vage und unangemessen biologisch' [...]
Die Bischöfe von 1870 unterbreiteten ihr Urteil über die Natur der Kirche mit klaren Worten:

Wir lehren und erklären, dass die Kirche alle Merkmale einer echten Gesellschaft besitzt [...]
Die Kirche ist nicht Bestandteil oder Mitglied irgendeiner anderen Gesellschaft. Sie ist so in sich selbst vollendet, dass sie sich von allen anderen Gesellschaften unterscheidet und weit über ihnen steht."

Analytische Exaktheit und moralische Redlichkeit verlangen, dass man über diesen Vergleich nachdenkt. Wenn im Zusammenhang mit Pius XII. und der katholischen Kirche (bzw. ihren nationalen Kirchen, Bischöfen etc.) nicht oft von Kollaboration zu hören ist, ist das ein Symptom für das Versagen von Autoren und Kommentatoren in unseren christlichen Gesellschaften, offen und ehrlich über dieses herausragendste christliche Oberhaupt und diese Institution zu sprechen. Dieses Versagen wird umso eklatanter, wenn man nach Frankreich blickt, auf das Land, dem wir den Begriff des "Kollaborateurs" verdanken: Monsignore Beaussart, der als Vertreter des Pariser Kardinals Emmanuel Suhard Verbindungsmann der Versammlung der Kardinäle und Erzbischöfe bei den Deutschen war, erklärte im November 1941, dass "Zusammenarbeit (Kollaboration) der einzige vernünftige Kurs für Frankreich und die Kirche ist". (Philippe Burrin, "France Under the Germans", S. 221) Charles de Gaulle wünschte nach dem Krieg mindestens siebenundzwanzig Bischöfe ihres Amtes enthoben zu sehen, weil sie mit Vichy kollaboriert hatten, und Frankreich erklärte die Kollaboration zu einem strafrechtlichen Delikt, dessen Kriterien sicherlich auf die katholische Kirche und viele ihrer Geistlichen inner- und außerhalb Frankreichs zutreffen würden.

Schließlich war die katholische Kirche die erste internationale politische Institution, die ein wichtiges Abkommen mit Hitler unterzeichnete und verkündete, und sie tat es, um ihre weltliche Macht aufrechtzuerhalten. Indem sie sich selbst als moralische Institution darstellte, verlieh sie seinem Regime de facto moralische Legitimität. Indem sie dem Regime bereitwillig ihre Kirchenbücher zur Verfügung stellte, leistete sie Beihilfe zur Verfolgung der dt. Juden. Zusammen mit dem Regime prangerte sie die Juden an und schaute dann so gut wie schweigend zu, als die Deutschen und ihre Helfer Völkermord begingen. Sie gestattete ihren dt. Geistlichen, den Soldaten in diesem apokalyptischen, mit Massenmord einhergehenden Krieg Beistand zu leisten. In der Slowakei verbündeten sich führende Geistliche zum Zwecke des Völkermords mit den Deutschen. In Kroatien begingen Geistliche selbst in nennenswerter Zahl Massenmord. Während das Vichy-Regime vorgeblich Frankreich schützte, schützte die Kirche ihr materielles und geistliches Herrschaftsgebiet, nämlich sich selbst.


S. 126-131) Die Konsequenz der Machtübernahme des Jesuitismus in Rom
Wenn die Verteidiger der Kirche meinen, dass bloße Vermutungen wie diese als Maßstab ausreichen, um Millionen von Menschen mit Recht dem Tod preiszugeben, dann sollten sie es offen sagen. Sie sollten ferner angeben, wie eine akzeptable moralische Abwägung ausgesehen hätte: Wieviele jüdische Menschenleben hätte die Kirche opfern dürfen, um wieviel Macht zu bewahren (die Gefahr der Machteinbuße war hypothetisch) oder um wieviele ihrer dt. Katholiken davon abzuhalten, den Schoß der Kirche zu verlassen? (Auch diese Gefahr war nur hypothetisch.) Wie hoch würden die Verteidiger der Kirche gehen? Würden sie sagen, dass die Kirche berechtigt war, beim Massenmord an acht, zehn, fünfzehn Millionen, beim Massenmord am gesamten jüdischen Volk ruhig zuzusehen? Wo ist die Grenze? Solange jemand, der das Verhalten des Papstes und der Kirche während des Holocaust verteidigt, solche Fragen nicht beantwortet, hat er sich nicht ehrlich bemüht, auf die eigentlichen Probleme einzugehen.
Aber selbst wenn die Verteidiger der Kirche bereit wären, eine solche Abwägung zu skizzieren, wäre das Problem noch nicht geklärt. Um behaupten zu können, dass die Untätigkeit der Kirche nichts mit der Identität der Opfer, oder anders gesagt, nichts mit den Ansichten der Kirchenführer über die Juden zu tun hatte und dass die Kirche berechtigt war, sich so vorsichtig zu verhalten, wie sie es getan hat, müssten die Verteidiger auch folgendes vertreten können: dass, gesetzt den Fall, die Nationalsozialisten hätten sich vorgenommen, elf Millionen Katholiken in Dtl. oder Italien oder auch elf Millionen Protestanten in Dtl. systematisch auszurotten (die auf der Wannseekonferenz vorgesehene Zahl der zur Ausrottung bestimmten Juden), und zwar einzig und allein deshalb, weil die Opfer katholisch oder christlich waren, und gesetzt den Fall, die Deutschen hätten die Massenvernichtung fast vier Jahre lang betrieben, bis sechs Millionen christliche Märtyrer vernichtet gewesen wären – dass die Kirche in diesem Fall dieselbe moralische Abwägung getroffen und ebenso wenig getan hätte, um diesen Opfern zu helfen, wie sie getan hat, um den Juden zu helfen. Sie müssten darlegen können, dass Pius XII. niemals ausdrücklich und öffentlich gegen den Massenmord protestiert hätte, dass die Bischöfe etwa der dt. katho. Kirche stumm geblieben wären und dass der Papst und die Kirche das Regime weiterhin legitimiert und auf vielerlei Weise unterstützt hätten, so wie sie es getan haben, auch dadurch, dass sie sich an das Konkordat hielten.
[...] Sollten die Verteidiger der Kirche aber zu genau dieser Behauptung nicht bereit sein, wäre dies das faktische Eingeständnis, dass die Kirche sich in ihrer Reaktion auf den Holocaust nicht auf vertretbare moralische Grundsätze stützte und dass es tatsächlich der Antisemitismus war, der ihre Reaktion nachteilig beeinflusste. Tut es der Legitimität der Kirche etwa weniger Abbruch, wenn die Opfer ihrer ungerechten Handlungen und Unterlassungen Juden waren? [...]

Wenn es einen Menschen oder eine Institution gibt, an die man den höchsten moralischen Maßstab anlegen darf, dann ist dieser Mensch der Papst, und die entsprechende Institution ist die katholische Kirche. Man kann überdies mit gutem Grund vorbringen, dass der Papst, die Kirche und die nationalen Kirchen – speziell die dt. Bischöfe und Priester, deren Land die Vernichtung in Gang setzte, organisierte und vorantrieb – stärker als andere Menschen und Institutionen verpflichtet waren, die Juden zu schützen. Die Kirche und die nationalen Kirchen hatten sich in hohem Maße schuldig gemacht, denn sie hatten die Ansichten verbreitet, die viele Deutsche, Polen, Franzosen und andere dazu brachten, einen eliminatorischen Angriff auf die Juden zu unterstützen. Aber man braucht gar nicht zu den starken Argumenten zu greifen, die für eine höhere Verantwortung der Kirche und ihrer Oberhäupter zur Rettung der Juden sprechen. Man kann ganz normale, von vielen Menschen geteilte moralische Maßstäbe an sie anlegen. Und man kann sogar einstweilen vom Prinzip absehen und sich damit begnügen, das Verhalten der Kirche und ihrer Führung auf praktischer Ebene mit dem der Dänen zu vergleichen. Die Dänen sind energisch und lautstark für ihre jüdischen Landsleute eingetreten und haben gegenüber der dt. Besatzung darauf bestanden, dass die dänischen Juden nicht diskriminiert oder gedemütigt werden, dass sie ungehindert arbeiten und mit allen anderen Dänen verkehren und in ihren Synagogen ungestört ihre Religion ausüben dürfen. Die Deutschen haben das akzeptiert. Und als die Deutschen – erst nach jahrelanger Besatzung – darangingen, die dänischen Juden in den Tod zu deportieren, haben die Dänen, ermutigt von der Dänisch-Lutherischen Staatskirche, nahezu alle gerettet und sie mit Schiffen nach Schweden in Sicherheit gebracht. Das war ein praktisches Beispiel dafür, was man tun konnte. Wer vom Papst, der Kirche und den nationalen katholischen Kirchen eine wirkliche Anstrengung zur Rettung der Juden erwartet, erwartet von ihnen folglich nicht mehr als von anderen, die tatsächlich eine solche Anstrengung unternommen haben. Er lässt nur nicht die heuchlerischen Ausreden gelten, mit denen sie zu begründen suchen, warum sie als Einzelne und als Institution so viel weniger Gutes und so viel mehr Schlechtes getan haben als andere.

Welchen moralischen Maßstab soll man nun anwenden? Die Lehren der Kirche selbst, zu denen der Universalismus des Christentums gehört? Einen Kant'schen Universalismus? Einen liberalen Utilitarismus? Ganz gleich, welchen dieser Maßstäbe man anlegt – am Ende steht ein vernichtendes Urteil über das Schweigen und die relative Untätigkeit des Papstes und der Kirche. Das Urteil ist ebenfalls klar, wenn wir uns auf die Lehre stützen, welche die Kirche selbst aus dem fünften Gebot ableitet: "Das sittliche Gesetz verbietet, jemanden ohne schwerwiegenden Grund einer tödlichen Gefahr auszusetzen, ebenso wie die Weigerung, einem Menschen in Lebensgefahr zu Hilfe zu kommen." Das wohl berühmteste Gleichnis der christlichen Bibel, das vom barmherzigen Samariter – das die angebliche Überlegenheit der christlichen gegenüber der jüdischen Moral verkündet – unterstreicht eindrucksvoll diese christliche Pflicht, Menschen in Not zu helfen. Ließe sich zur Verteidigung der Kirche vielleicht ihr Status als politische Institution anführen, für die die Wahrung und Förderung ihrer Macht höchste Priorität hat? Das hieße doch, der Kirche mit einem Schlag ihre Legitimation als moralische Institution zu entziehen – eine solche Position käme fast einem Eingeständnis der Kollaboration gleich. Man könnte jeden dieser Bewertungsmaßstäbe (oder auch andere) anlegen, doch die Verteidiger des Papstes verschmähen sie alle (oder legen sie, soweit es um die politische Rechtfertigung geht, zumindest nicht offen an), weil in jedem Fall am Ende eine Verurteilung der Kirche stünde.

Letztlich versuchen die Verteidiger der Kirche deren Versagen mit der schon erwähnten Mischung zu rechtfertigen: Der selektive, bizarre moralische Konsequentialismus einer politischen Institution wird damit bemäntelt, dass man die Kirche so darstellt, als sei sie eine moralische Institution gewesen. Die Verteidiger stellen ungewisse, hypothetische Konsequenzen so dar, als seien sie beinahe Gewissheiten oder Tatsachen gewesen. Diese "Tatsachen" benutzen sie dann als Rechtfertigung dafür, dass die Kirche nicht das getan hat, was unbestreitbar rechtens und moralisch geboten gewesen wäre. Die Absichten der Kirche, so das Argument ihrer Verteidiger, seien untadelig gewesen, doch habe sie nicht mehr tun können, um den Juden zu helfen (und damit der moralischen Verantwortung entsagt), weil sie sich um ihr eigenes, angeblich bedrohtes Überleben kümmern musste (die dürftige Hypothese des Konsequentialismus), und in ihrer Sorge um die Juden (hier wird fälschlich behauptet, die Kirche habe sich von moralischen Überlegungen leiten lassen) habe sie erkannt, dass die einzige Möglichkeit, ihnen zu helfen, darin bestanden habe, ihnen nicht zu helfen (ein bizarrer, noch bedürftigerer Konsequentialismus).
Dass Katholiken im Einklang mit theologischen oder moralischen Prinzipien einen solchen Konsequentialismus rechtfertigen, ist schwer vorstellbar. Besonders da die Kirche in ihrer Lehre einen solchen Grundsatz und eine derartige Praxis ausdrücklich verwirft:

"Es ist nicht erlaubt, etwas Schlechtes zu tun, damit etwas Gutes daraus entsteht."

Die Kirche und ihre Verteidiger bedienen sich bei der Erörterung des Holocaust so lange eines solchen moralischen Konsequentialismus, wie er sich einschmuggeln lässt, ohne dass die vielen Menschen, die geneigt sind, zunächst einmal die moralische Legitimität und den guten Willen der Kirche anzuerkennen, etwas davon merken. Man würde sich jedoch schwer tun, ihn offen einzugestehen. Zudem ist der moralische Konsequentialismus eine offenkundige Heuchelei, denn niemand kann glauben, dass die Kirche ihn konsequent angewendet hätte, wenn es um eine erklärte Massenvernichtung von Katholiken – nur weil sie Katholiken waren – gegangen wäre.

In Wirklichkeit hat die katholische Kirche nicht als moralische sondern als politische Institution gehandelt. Wir sollten das begreifen. Wir sollten die Folgen dessen akzeptieren, darunter auch die, dass die Vorstellung, man dürfe die Lehre und die Handlungen der katholischen Kirche nicht kritisieren, Unsinn ist. Außenstehende sind berechtigt, an der Kirche Kritik zu üben wie an anderen politischen Institutionen auch. Die Kirche verfügt über einen Staat, riesige materielle Besitzungen, einen regelrechten diplomatischen Dienst, sie schließt Abkommen über Zusammenarbeit und hat mehr als eine Milliarde Anhänger. Ihre Lehre ist wie die Ideologie eines Staates politisch, und sie hat Folgen für Menschen, die keine Katholiken sind. Analog zu einem aggressiven Nationalismus predigte die Kirche in ihrer langen Geschichte einen auf Eroberung ausgerichteten Imperialismus der Seele sowie Verachtung für und Hass auf andere, besonders Juden. Andere Institutionen, Staaten eingeschlossen, die eines oder mehrere dieser Merkmale aufweisen, werden von Nicht-Mitgliedern mit Recht dazu aufgefordert, sich zu ändern. Warum sollte die katholische Kirche Immunität genießen? Alles, was die Kirche tut und was politische Folgen oder Implikationen für Nicht-Katholiken hat, sollte von Außenstehenden wie von Katholiken einer kritischen, das heißt fairen Prüfung und Bewertung unterzogen werden, und notfalls sollten sie Veränderungen fordern.
Die Ablenkungsstrategien – Reinwaschung Pius' XII., taktischer Wechsel zu vorteilhaften Themen, der Eiertanz um den Antisemitismus und das Verschleiern der Tatsache, dass die Kirche eine politische Institution war und als solche bewertet werden sollte – funktionieren nicht mehr. [...] Kaum etwas vermag die Kirche, Pius XII. und zahlreiche Bischöfe und Priester von ihren vielen unleugbar schädlichen Handlungen und Unterlassungen und letztlich von ihrer drückenden moralischen Verantwortung für den von den Deutschen und ihren Helfern begangenen Mord an den Juden zu entlasten.

November 2, 2010

Sein Blut komme über uns und unsere Kinder



Daniel Goldhagen 2003: Die Katholische Kirche und der Holocaust

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S. 113-122) Faschistisch-sozialistisches SS-Regime trifft uralten Wunsch
christlicher Glaubenshüter

Dass ein solcher Antisemitismus in Civiltà cattolica in Erscheinung trat, war von ungeheurer Bedeutung. Es war innerhalb und außerhalb der Kirche bekannt, dass Civiltà cattolica die Auffassung des Heiligen Stuhls wiedergab. Pius IX. hatte das Blatt, das von einer Gruppe von Jesuiten unter der Leitung eines vom Papst ernannten Direktors gemacht wurde, im Jahr 1850 gegründet, und zwar zu dem Zweck, die Ansichten des Papstes darzustellen. Daraus erwuchs der Zeitschrift zwangsläufig großer Einfluss auf die Geistlichkeit und letztlich auch auf die katholischen Laien.
Seine herausragende autoritative Stellung rührte daher, dass es der direkten Aufsicht des vatikanischen Staatssekretärs – das war in den 30er Jahren Pacelli – und des Papstes – das war während der NS-Zeit zunächst Pius XI. und anschließend Pacelli, nunmehr Pius XII. – unterstand. Jede Ausgabe von Civiltà cattolica wurde vor Erscheinen vom Staatssekretär und oft auch vom Papst persönlich daraufhin geprüft, ob sie die Lehren der Kirche sowie die Ansichten und Interessen des Papstes korrekt darstellte. Wenn Civiltà cattolica einen schädlichen und aufwieglerischen Antisemitismus vertrat, von dem wir hier nur eine Auswahl zeigen, dann geschah das folglich mit dem Wissen und der Billigung Pacellis. Er war offenbar der Ansicht, dass die antisemitischen Anschuldigungen und Hetzreden die Ansichten der Kirche korrekt wiedergaben, und er glaubte offensichtlich, dass ihre Veröffentlichung den Interessen der Kirche dienlich sei. Andernfalls wären sie nicht veröffentlicht worden. Hätte ein Diener Gottes, der diesen Antisemitismus, solche herabsetzenden und kränkenden Ansichten nicht teilte, deren Veröffentlichung in einem der wichtigsten Organe seiner Religion wiederholt gutgeheißen? (Kertzer S. 180 f.) [...]

Wie groß muss der Antisemitismus der Kirche gewesen sein, wie teuflisch und gespenstisch muss ihr Bild von den Juden gewesen sein, dass ein namhaftes Mitglied der Kirche eine solche Idee schon 1937 ausdrücklich erörtern konnte und die einflussreichste vatikanische Zeitschrift sich mit Erlaubnis Pacellis entschied, das abzudrucken.
In den Vorstellungen der Kirche waren die Juden schlimmer als die schlimmsten Verbrecher.
Ließ sich angesichts der offiziellen kirchlichen Billigung der Todesstrafe aus der Feindschaft der Kirche gegen die Juden, aus den großen Verbrechen, derer sie die Juden für schuldig hielt, nicht ableiten, dass sie die Todesstrafe für angemessen hielt? Civiltà cattolica selbst räumte das ein. Ein solch tödliches Vorgehen gelte dann nicht als Mord, sondern als gerechte Hinrichtung – selbst wenn die Kirche eigentlich die Position vertrat, dass man die Juden am Leben lassen, aber strengen Einschränkungen und Benachteiligungen unterwerfen solle, als warnendes Beispiel für andere, die daran denken mochten, Jesus nicht als ihren Erlöser anzuerkennen.
Nur deshalb propagierte oder akzeptierte die Kirche diese Folgerung nicht offiziell als Handlungsanleitung.
Es war ein eher formales Hindernis.

Als der Entwurf der Enzyklika bei Pater Rosa einging, hatte er gerade seinen eigenen Artikel über die Frage publiziert, wie mit den Juden zu verfahren sei. Zwei Wochen zuvor hatte Italien mit dem ersten antisemitischen Dekret vom September 1938 die Ausweisung ausländischer Juden verfügt. In seinem Artikel nahm er zwar zustimmend Bezug auf eine 1890 in Civiltà cattolica erschienene Artikelserie, in der die jüdischen Ausnahmen von der jüdischen Regel verteidigt wurden: "Nicht alle Juden sind Diebe, Hetzer, Betrüger, Wucherer, Freimaurer, Schwindler und Verderber der Moral. Überall gibt es eine gewisse Zahl von ihnen, die sich an den üblen Handlungen der anderen nicht beteiligt." (Sogar für Hitler hatte es einen guten Juden gegeben. Er war Antisemit gewesen und hatte Selbstmord begangen. Siehe Henry Picker, "Hitlers Tischgespräche im Führerhauptquartier 1941-42", Bonn 1951, S. 346.) Aber lt. Enrico Rosa SJ zeigte die Erfahrung, dass der Polemiker im Jahr 1890 auch mit seiner Feststellung Recht hatte, die bürgerliche Gleichstellung der Juden habe

"die Folge gehabt, dass Judentum und Freimaurerei sich zusammentaten, um die katholische Kirche zu verfolgen und die jüdische Rasse über Christen zu stellen, sowohl hinsichtlich heimlicher Macht wie hinsichtlich sichtbaren Reichtums."

Die Ansichten Rosas kamen fast offiziellen Erklärungen der Kirche gleich, und in der ganzen katholischen Welt wurden sie auch als solche aufgefasst, wie der Nachruf auf ihn in der Zeitschrift der Jesuiten deutlich macht:

"Es ist nicht übertrieben zu sagen, dass Enrico Rosa dreißig Jahre lang als Interpret und unerschrockener Verfechter der Direktiven des Heiligen Stuhls an der Spitze des italienischen katholischen Journalismus stand." (Kertzer S. 358)

Selbst die antirassistische Enzyklika, diese von Pius XII. verworfene Verteidigung der Juden, fordert, die "eigentliche Grundlage der gesellschaftlichen Sonderstellung der Juden gegenüber der übrigen Menschheit" zu verstehen, nämlich die Religion, was dem Verfasser Gelegenheit gibt, bösartige antisemitische Vorstellungen vorzutragen. Die Enzyklika beschwört das Bild von Christusmördern – "die Tat, mit der das jüdische Volk seinen Erlöser und König tötete" – die "den göttlichen Fluch auf ihre eigenen Häupter herabbeschworen [...] wie es scheint, dazu verurteilt [...] ewig über die Erde zu irren", und getroffen vom "Zorn Gottes [...] weil es [Israel] das Evangelium zurückgewiesen hat." Sie warnt vor "den spirituellen Gefahren [...] denen der Kontakt mit den Juden die Seelen aussetzen kann," und – ganz im antisemitischen Jargon der Zeit – davor, dass Juden "revolutionäre Bewegungen [...] unterstützen [...] die auf nichts anderes abzielen, als die gesellschaftliche Ordnung umzustürzen und den Seelen die Kenntnis, den Respekt und die Liebe Gottes zu entreißen." (Passelecq und Suchecky S. 265-270)

Das war es, was Juden von ihren "Freunden" innerhalb der Kirche erhoffen konnten: eine Verurteilung von Gewalt und rassistischer Verfolgung, die im nächsten Atemzug von dem anscheinend nicht zu unterdrückenden, uralten Wunsch kirchlicher Oberhäupter untergraben wird, deutlich zu machen, dass die Juden tatsächlich von Übel seien. Damit aber wird das weltanschauliche Fundament des eliminatorischen Angriffs auf die Juden faktisch bestätigt.

Die nationalen Kirchen (Polens, der Slowakei, Frankreichs und anderer Länder) waren nicht besser und zum Teil noch schlimmer. Überall in Europa und besonders in Dtl. verbreiteten katholische Publikationen vor und während der NS-Zeit und auch dann noch, als der Massenmord an den Juden im Gange war, antisemitisches Gift, das von dem der Nationalsozialisten oft nicht zu unterscheiden war.
In Dtl. rechtfertigten sie die Entfernung der jüdischen "Fremdkörper" aus dem Land häufig mit rassistischen Begründungen. Antisemitische Aktionen waren den dt. katho. Publikationen zufolge "gerechtfertigte Notwehr, [um] schädliche Eigenarten und Einflüsse der jüdischen Rasse zu verhindern."
(Zitiert in Bernd Nellessen, "Die schweigende Kirche: Katholiken und Judenverfolgung",
in: Ursula Büttner, "Die Deutschen und die Judenverfolgung im Dritten Reich", Hamburg 1992, S. 265)
Erzbischof Conrad Gröber veröffentlichte im März 1941 einen antisemitischen Hirtenbrief, in dem er den Juden vorwarf, am Tod Jesu schuld zu sein, und gab unter Berufung auf das Matthäus-Evangelium zu verstehen, dass die damaligen Ausschaltungsmaßnahmen der Deutschen gerechtfertigt seien:

"Über Jerusalem gellt indessen der wahnsinnige, aber wahre Selbstfluch der Juden: 'Sein Blut komme über uns und unsere Kinder!' Der Fluch hat sich furchtbar erfüllt. Bis auf den heute laufenden Tag." (Lewy, "Die katholische Kirche und das dritte Reich", S. 322)

Warum wurde dieser dt. Bischof nicht von den anderen dt. Bischöfen zurechtgewiesen?
Warum nicht von Pius XII.?
Das wird vielleicht verständlicher, wenn wir berücksichtigen, was der antisemitische Pius XII. der Civiltà cattolica alles zu veröffentlichen erlaubte und dass er es für nötig erachtete, im Juni 1943, auf dem Höhepunkt des Massenmords, in seiner Enzyklika Mystici corporis den Gottesmord-Vorwurf erneut heraufzubeschwören und das "alte Gesetz" als "todbringend" anzufechten.

Wir sollten uns vielleicht überlegen, wie sich die antisemitischen Lehren der Kirche auf die Bereitschaft gewöhnlicher Deutscher, Polen etc. ausgewirkt haben mag, die gewaltsame Ausschaltung der Juden zu unterstützen. Stellen wir uns einen Menschen vor, der an die dämonisierenden Vorstellungen glaubte, die Juden seien Christusmörder, Werkzeuge des Teufels, sie bedrohten das dt., litauische oder slowakische Volk, sie seien für den Bolschewismus verantwortlich, sie verursachten Wirtschaftskrisen wie die Weltwirtschaftskrise der 30er Jahre, sie unterminierten die Moral und dergleichen mehr. Was würde dieser Mensch tun, wenn führende Politiker sagten: Wir müssen diese bösen Menschen ausschalten, die Ihnen, Ihrer Familie und Ihren Landsleuten so viel Leid zufügen. Würde er sich dem Vorhaben, diejenigen loszuwerden, von denen er so etwas glaubt, widersetzen, nur weil er möglicherweise auch glaubt, die Ursache ihrer Frevelhaftigkeit sei ihre Religion (was die Kirche in jenen Jahren eindeutig nicht in den Vordergrund stellte), zumal wenn er wüsste, dass eine Massenbekehrung nicht einmal eine entfernte Möglichkeit war? Und würde ihm auffallen, dass die Kirche ihn zwar zusammen mit anderen auf die extreme Gefahr aufmerksam gemacht haben mag, die von den teuflischen Juden ausgeht, dass aber nicht die Kirche, sondern die Regierung praktische Lösungen für politische Probleme – und so wurde die bedrohliche "Judenfrage" in ganz Europa letztlich verstanden – erarbeitet und verwirklicht?

Die kirchlichen Autoren waren überraschend unfähig, eine praktikable nichteliminatorische politische Lösung für das vermeintlich weltgeschichtliche "Judenproblem" vorzuschlagen, das sie doch immer wieder als so schwerwiegend dargestellt hatten. Wohl deshalb waren ihre Anhänger und sogar die Geistlichen selbst so empfänglich für die praktischen, teils sogar "endgültigen" eliminatorischen Maßnahmen der Deutschen: Die dt. katho. Kirche beliebte aktiv mit der Regierung zusammenzuarbeiten, um die eliminatorischen Rassengesetze durchzusetzen, slowakische und kroatische Geistliche gaben sich zum Massenmord her.


Was war los mit den Moralaposteln?


Diskutiert man die Rolle der katholischen Kirche bei der Vernichtung der europäischen Judenheit, trifft man oft auf eine dritte Ablenkungsstrategie: Mal wird die Kirche als moralische, mal als politische Institution präsentiert, aber ohne dass man auf ihren politischen Charakter oder auf die veränderte Diskussionsgrundlage eingeht.
Legitimiert wird die Kirche als eine moralische Institution, doch bei der Verteidigung ihrer Fehler beruft man sich auf die realen oder erfundenen Zwänge, mit denen sie als politische Institution konfrontiert war. [...]
Will die katholische Kirche ihrem Sonderstatus als universale moralische Institution gerecht werden – den sie ausdrücklich beansprucht, schließlich bedeutet katholisch allumfassend – muss sie sich wirklich in erster Linie um die Seelen und den sittlichen Lebenswandel kümmern und ihr Augenmerk auf das Wohl aller Menschen richten. [...] Wenn wir die Selbstdarstellung der Kirche ernst nehmen und sie nicht als politische, sondern als moralische Institution und ihre Führer nicht als politische, sondern als moralische Akteure beurteilen, dann müssen wir uns einigen beunruhigenden Problemen stellen.
Was war los mit dieser moralischen Institution und ihren moralischen Führern, dass sie nicht erkannten, dass der Nationalsozialismus von unübertroffenem Übel war? Schon 1933 präsentierte Hitler als Blaupause für die Veränderung der Welt eine rassistische, tödliche Auffassung von der menschlichen Natur, die für Geistliche in der Nachfolge Jesu ein Gräuel sein musste. Hitler predigte einen glühenden Hass auf die Juden und forderte schon 1920, praktisch vom Beginn seiner Politikerlaufbahn an, ausdrücklich ihre Ausschaltung.
Bereits damals machte er deutlich, dass die von ihm bevorzugte Form der Ausschaltung die Ausrottung war.

"Es beseelt uns die unerbittliche Entschlossenheit," erklärte er, "das Übel [die Juden] an der Wurzel zu packen und mit Stumpf und Stiel auszurotten [...] Um unser Ziel zu erreichen, muss uns jedes Mittel recht sein, selbst wenn wir uns mit dem Teufel verbinden müssten." (Hitler, "Sämtliche Aufzeichnungen 1905-24", hgg.v. E. Jäckel, A. Kuhn, Stuttgart 1980, S. 119 f.)

Er verherrlichte den Krieg. Er war auf die Eroberung anderer Länder aus. 1939, gar nicht zu reden von 1941, praktizierte Hitler unbestreitbar das, was er stolz und unablässig gepredigt hatte. Katholiken sollten so gut wie alle anderen wissen, dass man mit dem Teufel – oder mit dem, der ihm auf weltlicher Seite am nächsten kommt – keinen Pakt eingeht. Doch genau das tat die Kirche mit ihrem Konkordat, und sie, Pius XII. und die dt. nationale Kirche hielten sich trotz des ungeheuren Massenmords der Deutschen während des ganzen Krieges daran.

Warum lenkten diese moralische Institution und ihre moralischen Führer nicht wenigstens einen Hauch des Zorns, mit dem sie in diesen Jahren die unschuldigen und harmlosen Juden überschütteten, gegen Hitler und die Nationalsozialisten? Warum sprachen diese moralische Institution und ihre moralischen Führer trotz des unter seiner Ägide verübten Massenmords relativ maßvoll über den Nationalsozialismus, während sie die Sowjetunion mit den gehässigsten Beschimpfungen attackierten? Während die Kirche 1937 in der Enzyklika Mit brennender Sorge am Nationalsozialismus selbst nur behutsam Kritik übte (dabei aber einige gegen die Religion gerichtete Maßnahmen in Dtl. lauthals verurteilte), war die aus demselben Jahr stammende antikommunistische Enzyklika Divini Redemptoris Pius' XI. im Vergleich dazu ein donnerndes, kompromissloses Verdammungsurteil: Der Kommunismus zerstört das Christentum und die Christen "mit einem Hass, einer Barbarei und einer Grausamkeit, wie man sie in unserm Jahrhundert vorher nicht für möglich gehalten hätte."
Er ist eine "satanische Geißel", eine "falsche Erlösungsidee" und die "verheerende Seuche, die das Mark der menschlichen Gesellschaft auffrisst und sie völlig zersetzt."
Er erzeugt "Gehässigkeit und Zerstörungswut" und glaubt, dass alle, "die sich diesen systematisch geübten Gewalttätigkeiten widersetzen, als Feinde des Menschengeschlechtes vernichtet werden müssen." (Siehe auch Zuccotti S. 23.)
Warum – und diese Frage zielt auf Pius XII. selbst – war der vatikanische Staatssekretär Pacelli in den 30er Jahren so emsig bemüht, die von Kirchenvertretern geäußerte Kritik am Nationalsozialismus oder an Deutschland abzumildern? (Passelecq und Suchecky S. 131 f.)

Welche Prinzipien galten, als diese moralische Institution aus Eigennutz, nämlich um ihrer Macht willen, die Moral aufs Spiel setzte? Nehmen wir zum Beispiel die 30er Jahre, als die Nationalsozialisten die Juden einem massiven, gewalttätigen, eliminatorischen Angriff aussetzten, Konzentrationslager schufen (in die sie anfangs Kommunisten und Sozialisten sperrten, die sowohl das Regime als auch die Kirche bekämpften) und die Folter zur gängigen Praxis des Regimes machten. Von einer Existenzgefährdung der Kirche konnte nicht im Entferntesten die Rede sein, und doch blieb sie stumm, ja in manchen Gegenden gewährte sie dem Regime sogar stillschweigende oder tätige Unterstützung.

In der Diskussion der moralischen Versäumnisse der Kirche geht nicht nur ihre Pflicht gegenüber den Opfern, sondern auch, ja, ihre Pflicht gegenüber den Tätern unter. Ihre vorrangige Verantwortung gilt ja nach ihrem eigenen Selbstverständnis nicht dem Leib, sondern der Seele. Warum hat sie es dann völlig versäumt, sich um die Seelen der Massenmörder und all derer, die Juden verfolgten, zu kümmern? Warum hat sie sie nicht gewarnt, sie darüber aufgeklärt, dass die Todsünden, die sie begingen, ihr Seelenheil gefährdeten? (Katechismus §§ 1852-61)
Es machte dieser moralischen Institution nichts aus, ihre Herde in jenen Jahren vor allen möglichen geringeren Gefahren und lässlichen Sünden zu warnen, einschließlich der vermeintlichen Gefährdung christlicher Seelen durch eine herbeifantasierte jüdische Unterwanderung.
Warum wies diese moralische Institution nicht mit lauter Stimme, mehr noch, mit Pauken und Trompeten auf die Gefahr der Verdammnis hin, in die sich die willigen Vollstrecker stürzten, um einige von ihnen von der Sünde abzuhalten oder, wenn sie schon gesündigt hatten, damit sie sich um tätige Wiedergutmachung bemühten, zunächst, indem sie sich weigerten zu morden (was das NS-Regime ihnen erlaubte), und dann, indem sie den Juden in jeder erdenklichen Weise halfen? Warum predigte diese moralische Institution den Katholiken nicht mit aller Eindringlichkeit: Ihr sollt Juden nicht hassen. Ihr sollt sie nicht verfolgen. Ihr sollt nicht Massenmord begehen. Ihr sollt euch mit all eurer Kraft den Mördern widersetzen.

Eine Beurteilung der katholischen Kirche als moralische Institution muss vor allem berücksichtigen, dass die Kirche de facto Hitler diente – denn nicht zu entscheiden ist auch eine Entscheidung – dem Menschen, der dem Antichristen auf Erden am ehesten entsprach, und dass sie stillschweigend und gelegentlich auch tätig Beihilfe zum Massenmord leistete.
Es gab rechtschaffene Menschen in der Kirche.
Es gab Bischöfe, Priester, Nonnen und Laien, die Protest erhoben und halfen, Juden zu verstecken.
Sie werden in der israelischen Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem als "Gerechte unter den Völkern" geehrt. Viele von ihnen, so etwa einige Mitglieder der überwiegend katholischen polnischen Organisation Zegota, wurden (auch wenn sie gleichzeitig Antisemiten waren) durch ihre religiöse Überzeugung dazu veranlasst, Juden zu retten. Aber sie handelten aus eigener Verantwortung, in deutlichem Gegensatz zur offiziellen Linie der Kirche.
Es fällt schwer, die Kirche jener Jahre als moralische Institution zu verteidigen, zumindest was den Nationalsozialismus und den Holocaust angeht. Ihre Verteidiger versuchen es denn auch kaum. Sie suchen ihre Zuflucht stattdessen darin, die Kirche als politische Institution zu verteidigen. Sie sagen, die Kirche habe diplomatische Rücksichten nehmen müssen, sie habe im Krieg neutral bleiben müssen, weil sie sich sonst selbst gefährdet hätte, sie sei überzeugt gewesen, den Kampf gegen den Kommunismus unterstützen zu müssen.
(Siehe Rychlak, HWAP, und Blet, PZWK. Selbst einige Kritiker der Kirche übernehmen diese Argumentation. Siehe Zuccotti, UHVW, S. 167 f., 313-316.) Wie steht die Kirche also da, wenn wir bei ihrer Beurteilung den Maßstab anlegen, der ihrem wahren politischen Charakter entspricht?

Tatsächlich ist die Kirche fast von Anfang an eine politische Institution gewesen, die um diesseitige Macht mindestens ebenso sehr wetteiferte, wie sie sich um jenseitige Dinge kümmerte. Im 19. Jh. vollzog die Kirche eine verhängnisvolle politische Wendung: Sie verwarf Liberalismus, Demokratie und Kapitalismus und damit die Moderne schlechthin.
In einer der bedeutendsten Enzykliken ihrer Geschichte, der Enzyklika Quanta cura von Papst Pius IX., erklärte die Kirche 1864 ausdrücklich die Vorstellung, "[d]er römische Papst kann und muss sich mit dem Fortschritt, dem Liberalismus und der modernen Zivilisation versöhnen und vergleichen," zur "Irrlehre". (Kertzer S. 170)
Es lag nahe, dass die Kirche in ihrem Kampf gegen die Moderne reflexartig zum Antisemitismus griff.
Die Juden waren in ihren Augen für die Moderne verantwortlich, ihnen lastete sie die verhassten politischen, gesellschaftlichen, wirtschaftlichen und kulturellen Veränderungen an, welche die Kirche und ihren Einfluss auf ihre Gläubigen bedrohten. So heißt es in der Enzyklika:

"Durch sie [die Sekten] gewinnt des Satans Synagoge, die ihre Heerscharen gegen die Kirche Christi um sich schart, ihre Kraft."

Diese Enzyklika, schreibt Kertzer, sollte "das kirchliche Selbstverständnis für die folgenden Jahrzehnte prägen", insbesondere ihre Berufung auf "Satans Synagoge" – so wird das jüdische Gotteshaus in der christlichen Bibel genannt – als Quelle des Übels Moderne.
(S. 169 f. In der amerikanischen Einheitsübersetzung heißt es mittlerweile "Versammlung des Satans".
Die dt. Einheitsübersetzung spricht weiterhin von "Satans Synagoge".)

Sich an alle Menschen wendend, die an umkämpften Institutionen, Gebräuchen und Traditionen festhalten wollten, versuchte die Kirche das enorme Reservoir des europäischen Antisemitismus für ihre politische Schlacht gegen die Moderne zu mobilisieren. Und so griff sie Juden unbarmherzig an. Die politische Taktik, die zumal der echten Überzeugung der Kirchenmänner entsprach, war klar. Wenn man die Moderne mit den Juden gleichsetzen konnte, war die Schlacht schon halb gewonnen.
Die Kirche bediente sich einer alltäglichen, altehrwürdigen, gesamteuropäischen politischen Strategie, die ebenso der Überzeugung wie dem zweckgerichteten Kalkül entsprang: Institutionen dadurch anzugreifen, dass man sie mit Juden gleichsetzte. Den größten Erfolg hatte sie damit natürlich in Dtl., wo rassistische Antisemiten die Juden zum zentralen Symbol für jede vermeintliche Fehlentwicklung in Deutschland und in der Moderne gemacht hatten.
(Die Rolle der Kirche bei der Entstehung des antimodernen, antidemokratischen kulturellen und politischen Klimas, das zum Aufstieg des Nationalsozialismus, des Faschismus und anderer antidemokratischer, antimoderner Institutionen im 20. Jh. führte, wird – auch jenseits von Antisemitismus und Holocaust – vielfach unterschätzt und müsste bei einer umfassenden Beurteilung der Kirche ebenfalls thematisiert werden.)

November 1, 2010

Identische Hasspropaganda der Civiltà Cattolica



Daniel Goldhagen 2003: Die Katholische Kirche und der Holocaust

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S. 105-113) Das Deutschland-Konkordat

In den 30er Jahren, als Hitlers Stellung noch ungefestigt und die Kirche unbestreitbar nicht in Gefahr war, bewerkstelligte Pacelli, damals vatikanischer Staatssekretär, die Legitimierung der NS-Diktatur seitens des Katholizismus durch ein Abkommen, das schon erwähnte Konkordat, das die deutsche NS-Führung der Loyalität der deutschen Kirche versicherte (auf Geheiß der Kirche Pius' XI. und Pacellis legten die katholischen Bischöfe einen Treueid auf den NS-Staat ab) und der Kirche jede politische Betätigung untersagte. Das Konkordat gestand dem Regime praktisch das Recht zu, seine unverhüllt militaristischen, imperialistischen und rassistischen Ziele zu verfolgen, ohne von der Kirche Kritik oder Widerstand gewärtigen zu müssen. Pacelli stimmte sogar einem späteren "geheimen Zusatz" zum Konkordat zu, der letztlich die kirchliche Billigung der dt. Wiederbewaffnung bedeutete, die nach dem Versailler Vertrag noch immer verboten war. (Ernst Helmreich, "The German Churches Under Hitler", S. 249)
Hitlers wesentliches, zentrales, laut ausposauntes, wenn auch im Detail noch unbestimmtes Vorhaben zur Ausschaltung der Juden war der katholischen Kirche wohlbekannt. [...]
Mit dem Konkordat erreichte die katholische Kirche, dass ihr in Dtl., wo ihre Zeitungen und Organisationen seitens des Regimes unter Druck gerieten, religiöse und kulturelle Immunität zugestanden wurde.
Pacellis politisches Geschäft mit Hitler wäre vielleicht weniger zu tadeln, hätte die Kirche es schweren Herzens geschlossen, erfüllt von äußerstem Abscheu vor dem in Dtl. herrschenden eliminatorischen Antisemitismus und fest entschlossen, ihn wo immer möglich zu bekämpfen. Doch das war nicht der Fall. In einer der dt. Regierung zum Zeitpunkt der Ratifikation des Konkordats übermittelten Note, die die Ansichten der obersten Würdenträger der dt. katho. Kirche widerspiegelte, bekundete Pacelli die Absicht der Kirche, den Deutschen im Hinblick auf die Juden freie Hand zu lassen, es sei denn, es handelte sich um Katholiken, die als Juden geboren waren.
"Es liege dem Hl. Stuhl fern, sich in innerdeutsche staatliche Verhältnisse einmischen zu wollen," hatte Eugen Klee, der Vertreter der dt. Regierung, Pacelli diktiert, um die Nichteinmischung der Kirche in die Judenpolitik der Deutschen unmissverständlich zu formulieren.

Im Vatikan wie in Dtl. selbst verbreitete die katholische Kirche weiterhin Antisemitismus, und sie stand den eliminatorischen Impulsen der Deutschen, von einigen Ausnahmen abgesehen, nach wie vor sehr wohlwollend gegenüber – auch wenn einige Geistliche sich an der Gewalt stießen, die sich zum Beispiel in der "Kristallnacht" vom 9. auf den 10. November 1938 Bahn brach, dem umfassenden Angriff auf die jüdische Gemeinschaft und ihr Eigentum, der den Völkermord bereits ankündigte. Anders ist das Versäumnis der katholischen Kirche, ihrer Päpste Pius XI. und Pius XII. sowie ihrer jeweiligen Bischöfe, gegen die entmenschlichenden, dem Wesen nach eliminatorischen antisemitischen Gesetze Widerspruch einzulegen, die Dtl., Italien und etliche weitere Länder in den 30er und 40er Jahren erließen, nicht zu erklären.
Es gibt keinen Anhaltspunkt dafür, dass sich hinter kirchlichen Äußerungen der Billigung oder kirchlichem Stillschweigen zu diesen Maßnahmen eigentlich eine innere Opposition verborgen hätte, entsprungen der Überzeugung, dass die Juden unschuldig seien. Lägen in den kirchlichen Archiven Beweise für eine solche Opposition, würde die Kirche, so verzweifelt bemüht, Pius XII. und sich selbst reinzuwaschen, wohl kaum darauf beharren, sie der Öffentlichkeit vorzuenthalten.

Der kirchliche Antisemitismus bot dem modernen europäischen Antisemitismus, der sich von ihm abgezweigt hatte, gleichsam als Stamm unaufhörlich Nahrung. Das ist eine unbestreitbare Tatsache. Schon ein nur flüchtiger Blick auf das, was die Kirche seit der zweiten Hälfte des 19. Jh.s bis in die NS-Zeit über die Juden predigte, zeigt, dass die Behauptung, zwischen dem "Antijudaismus" der Kirche und ihrem Ableger, dem europäischen "Antisemitismus", bestünde eine unüberbrückbare Kluft, unhaltbar ist. Diejenigen, die diese Kluft als Faktum hinstellen, tun nicht das Mindeste, um sie zu beweisen. Weder erörtern sie ernsthaft das Wesen des Antisemitismus und seiner Spielarten, noch vergleichen sie die beiden Arten von Antisemitismus anhand klarer Bewertungsmaßstäbe, um über das Verhältnis zwischen ihnen Klarheit zu gewinnen. Auch gehen sie nicht auf den tatsächlichen historischen Zusammenhang zwischen dem kirchlichen Antisemitismus und dem modernen europäischen Antisemitismus ein.
Dass ein solcher Zusammenhang nicht inexistent ist, wie Papst Johannes Paul II. und andere Apologeten uns glauben machen wollen, steht jedenfalls fest. (Siehe "Hitlers willige Vollstrecker", S. 45-105, bes. S. 90 ff.)

Hitlers Sprache war vertraut


Walter Zwi-Bacharach, "Anti-Jewish Prejudices in German Catholic Sermons", Lewiston, N.Y., 1993, kommt zu dem Schluss:

"Die judenfeindlichen Äußerungen in katho. Kirchen und die aufwieglerischen Aussagen in der katechetischen Literatur wurden den Kirchengängern mit Nachdruck und Überzeugung als göttliches Edikt präsentiert. Und da sie als absolute, dem göttlichen Willen entsprungene Aussagen galten, wurden sie von der Allgemeinheit als unanfechtbare Wahrheiten aufgenommen.
Als die Nationalsozialisten an die Macht kamen, wiesen sie dem Judenhass eine zentrale Rolle in ihrer Ideologie zu. Der Antisemitismus der Nationalsozialisten aktivierte die schon vorhandene christliche Judenfeindschaft und sprach Katholiken wie Protestanten in einer vertrauten, gemeinsamen Sprache an."

Bacharachs Untersuchung zeigt, dass "das katholischchristliche Vorurteil die Juden von der übrigen Menschheit absonderte und die Seelen von Millionen Deutschen vergiftete." Dies, sagt er, "erleichterte Hitlers Plan, wie er Anhänger gewinnen wollte, denn seine Sprache war vertraut" (S. 138 f.).

Doch selbst wenn sie die verschiedenen Antisemitismen, so wie sie sie darzustellen belieben, auf angemessene Weise miteinander verglichen, kämen sie damit nicht weit, denn die Unterscheidung zwischen Antijudaismus und Antisemitismus beruht auf einer Fiktion, einer beschönigten Darstellung des so genannten Antijudaismus der Kirche. Der Antisemitismus der Kirche war jedenfalls seit dem Ende des 19. Jh.s und bis in die NS-Zeit weitaus "moderner" und stand dem Antisemitismus der Nationalsozialisten in Lehre und Praxis weitaus näher, als man zugegeben hat. David Kertzer schreibt der katholischen Kirche sogar die Verantwortung für die Entstehung des modernen Antisemitismus zu, der in Deutschland und anderen Ländern schließlich die Oberhand gewann, und nennt sie "einen seiner wichtigsten Architekten".
(Kertzer, " Die Päpste gegen die Juden", S. 16. Kertzer bringt eine Fülle von Belegen für den "modernen" Charakter des kirchlichen Antisemitismus.)

Die Civiltà Cattolica der Gefährten Jesu


Kertzer konzentriert sich weniger auf die unterschiedlichen Grundlagen – formal, religiös für den kirchlichen Antisemitismus und rassistisch für den modernen europäischen Antisemitismus – als vielmehr auf die großen Ähnlichkeiten in Inhalt und Dämonologie dieser verwandten, auf Vorurteilen beruhenden Ideologien.
Selbst bei katho. Autoren ließ sich plötzlich die Tendenz beobachten, die Juden als Rasse zu definieren.
Die von Jesuiten geführte, 14-tägig erscheinende Civiltà cattolica, die offizielle, maßgebende und bedeutendste vatikanische Publikation, erklärte 1880:

"Oh, wie sehr täuschen sich jene, die meinen, das Judentum sei nur eine Religion, wie Katholizismus, Paganismus und Protestantismus, und nicht vielmehr eine Rasse, ein Volk und eine Nation!" (S. 184)

Noch emphatischer schrieb Civiltà cattolica im Jahr 1897:

"Der Jude bleibt immer und überall unveränderlich ein Jude. Seine Nationalität gründet nicht in dem Boden, auf dem er geboren ist, noch in der Sprache, die er spricht, sondern in seinem Samen."

Die antisemitische Dämonologie der Kirche war eindeutig modern, unabhängig davon, ob bestimmte Geistliche formal an der religiösen Erklärung der vermeintlichen Frevelhaftigkeit der Juden festhielten oder ob sie die neue rassistische Erklärung verbreiteten. "Als Ende des 19. Jh.s die modernen antisemitischen Bewegungen entstanden," bemerkt Kertzer, "gehörte die katholische Kirche, die ständig vor einer wachsenden jüdischen Gefahr warnte, zu den bedeutenden Akteuren." (S. 12)
Bezeichnend dafür ist ein Artikel in Civiltà cattolica aus dem Jahr 1893 mit dem Titel "Die jüdische Moral":

"'Die jüdische Nation [...] arbeitet nicht, sondern wächst und gedeiht im Glanze des Wohlstands und Fleißes der Nationen, die ihnen Zuflucht geben.' Sie sei 'ein riesiger Krake, der mit seinen übergroßen Tentakeln alles ergreift. Sein Bauch sind die Banken [...] und die Saugnäpfe sind überall: in Verträgen und Monopolen, in Kreditvereinen und Banken, in Postdiensten und Telegrafengesellschaften, in Schifffahrt und Eisenbahn, in Stadtsäckeln und Staatsfinanzen.'
Die jüdische Nation verkörpere 'das Königreich des Kapitals', 'die Aristokratie des Goldes' und regiere unangefochten." (Kertzer S. 194 f.)

Oft waren die kirchlichen Anschuldigungen gegen Juden im Grunde nicht von denen der rassistischen Antisemiten zu unterscheiden. *) Selbst die unterschlagene Enzyklika Pius' XI, die sich gegen den Rassismus wandte, steckt voller moderner antisemitischer Vorwürfe, die man als milde nationalsozialistisch bezeichnen könnte.

*) Kertzer bemerkt: "Die Kirche griff die Juden nicht nur als Feinde der Kirche an, sondern auch als Feinde der Nation. Sie betrachtete sie nicht nur als Bedrohung der christlichen Religion, sondern auch als Gefahr für die christlichen Völker. Indem er diese neue Kategorie einführt, bringt er [Pater de Rosa (Ex-Pater Peter de Rosa)] das ganze sorgfältig konstruierte Theoriegebäude vom Unterschied zwischen Antijudaismus und Antisemitismus zum Einsturz." (Die Päpste gegen die Juden S. 15)
Nach Kertzers Untersuchung sollte Schluss sein mit der Vorstellung, die Kirche könne sich von jeglicher Verantwortung für den modernen europäischen Antisemitismus dadurch freisprechen, dass sie sich auf diese irreführende Unterscheidung zwischen "Antijudaismus" und Antisemitismus versteift.

Das ist nicht erstaunlich, war Pius XI. doch seit langem ein engagierter Antisemit. 1918 – unmittelbar nach Ende des Ersten Weltkrieges (EWK) und weniger als vier Jahre, bevor Achille Ratti als Pius XI. das päpstliche Amt übernahm – hatte Papst Benedikt XV. ihn als seinen Vertreter nach Polen geschickt. Dort sollte er ich für die Juden einsetzen, die sich heftigen Verfolgungen durch katholische Polen ausgesetzt sahen. Es war sogar zu Pogromen gekommen. Kertzer kommt zu dem Schluss:

"[Ratti] unternahm alles, um Aktionen des Vatikans zu Gunsten der Juden zu torpedieren und eine Intervention des Heiligen Stuhls zu verhindern [...] Ratti [hatte] begonnen [...] eigene Berichte über die Lage der Juden in Polen nach Rom zu senden, in denen er keineswegs vor deren Verfolgern warnte, sondern stattdessen versuchte, den Vatikan auf die Gefahren aufmerksam zu machen, die sie selbst in seinen Augen darstellten."

Warum hat er die Anweisung seines Papstes nicht befolgt? Wegen seines Antisemitismus.
Nicht nur schrieb Ratti nach Rom, dass die Juden in den polnischen Großstädten "sich durch kleine Geschäfte, die Schmuggel, Betrug und Wucher umfassen, ernähren," in seinem Bericht erklärte er außerdem:

"Eine der übelsten und stärksten Kräfte, die man hier antrifft, vielleicht die übelste und stärkste überhaupt, sind die Juden." (S. 331 ff.)

Wie sein Nachfolger Pius XII. folgte er der Dämonologie des modernen Antisemitismus, die den Bolschewismus mit Juden gleichsetzte, als er in seinem Bericht an den Vatikan behauptete, dass "die Hauptkraft [des Bolschewismus] in Polen die Juden sind". (S. 345)

1932 gestand er sogar gegenüber Mussolini seine tiefe Abneigung gegen Juden ein, eine Abneigung, die er zumindest die längste Zeit seines Pontifikats nicht ablegte. Die Verfolgung der Kirche in aller Welt, meinte Pius XI., sei u.a. auch auf "die Abneigung des Judaismus gegen das Christentum" zurückzuführen, und anders als die italienischen Juden seien v.a. die Juden Mittel- und Osteuropas eine Gefahr für die christliche Gesellschaft, wie er angeblich aus eigener Anschauung in Warschau erfahren hatte: "Als ich in Warschau war [...] sah ich, dass die [bolschewistischen] Kommissare [...] allesamt Juden waren." (S. 349) Wenn Pius XI. und Pius XII. mit solchen Ansichten und speziell der ihnen gemeinsamen falschen Gleichsetzung der Juden mit dem Kommunismus – und der ebenso falschen Annahme, alle kommunistischen Führer seien Juden – die Kirche führten, nimmt es nicht wunder, dass Mussolini und Hitler überzeugt waren, die Kirche werde ihnen bezüglich der Juden nicht in den Arm fallen. (Verwunderlich ist vielmehr, dass die Kirche Pius XI. ebenso wie Pius XII. in "Wir erinnern" als einen reinen Anti-Antisemiten präsentiert.) [...]

Weil er dem antisemitischen Establishment des Vatikans und wohl auch Pacelli selbst misstraute – vor dem er seine Absicht verbarg – wandte er sich an einen Außenstehenden, einen amerikanischen Jesuiten namens John LaFarge, der die Jesuitenzeitschrift America herausgab und ein antirassistisches Buch geschrieben hatte, das sich gegen die Rassentrennung in den amerikanischen Südstaaten wandte. LaFarge informierte den General der Gesellschaft Jesu, Wladimir Ledochowski, der bei früheren Enzykliken eng mit dem Papst zusammengearbeitet hatte, vor dem der Papst diesen neuen Schritt jedoch wegen dessen Ansichten über die Juden geheim halten wollte.
Als LaFarge Ledochowski schließlich seinen Entwurf schickte, legte der ihn listigerweise einem anderen Priester zur Beurteilung vor: Enrico Rosa, dem vormaligen langjährigen Chefredakteur und notorisch antisemitischen Polemiker der autoritativen vatikanischen Zeitschrift Civiltà cattolica. (Zur Auftragsvergabe und zum Schicksal der Enzyklika siehe Passelecq und Suchecky, "Die unterschlagene Enzyklika", S. 61-123.)

In "Civiltà cattolica" scheint die Grenze zwischen dem kirchlichen "Antijudaismus" und dem "gewöhnlichen" Antisemitismus der damaligen Zeit "sehr fließend" gewesen zu sein. Eine Stichprobe aus in den 20er und 30er Jahren in Civiltà cattolica erschienenen, hasserfüllten Angriffen auf die Juden mag genügen, um zu zeigen, dass sie sich von denen der Nationalsozialisten in nichts unterschieden. 1922 hieß es z.B.: "Die Welt ist krank [...] Überall werden Völker von unerklärlichen Krämpfen geschüttelt [...]" Wer ist daran schuld? "Die Synagoge." "Jüdische Eindringlinge" steckten hinter Russland und der Kommunistischen Internationale, der größten Gefahr für die Weltordnung. 1936 – die Nürnberger Gesetze waren erlassen, und die Juden in Deutschland standen seit Jahren unter Beschuss – griff Civiltà cattolica auf gängige antisemitische Floskeln der NS-Propaganda zurück und warf den Juden vor, sie seien "einzig und allein mit den Eigenschaften von Parasiten und Zerstörern versehen" und zögen im Kapitalismus wie im Kommunismus die Fäden, um durch einen Zangenangriff die Weltherrschaft an sich zu reißen. 1938 erinnerte sie an "die anhaltenden Verfolgungen der Christen, insbesondere der katholischen Kirche, durch die Juden und an ihre Allianz mit den Freimaurern, den Sozialisten und anderen antichristlichen Parteien."

Ein Jahr zuvor verbreitete dieses Sprachrohr des Vatikans es als

"eine offensichtliche Tatsache, dass die Juden auf Grund ihres Herrschaftsgeistes und ihrer revolutionären Übermacht ein störendes Element sind. Das Judentum ist [...] ein Fremdkörper, ein Entzündungsherd, der Reaktionen jenes Organismus hervorruft, den er befallen hat."

Anschließend erörterte die Zeitschrift ohne eindeutige Tendenz verschiedene Formen der "Eliminierung", als funktional gleichwertig. Sie gab damit zu erkennen, dass die einzelnen Lösungen grundsätzlich ihrer Einschätzung der Frevelhaftigkeit der Juden und der von ihnen ausgehenden Gefahr für die christliche Gesellschaft entsprachen. Zusätzlich zur "Absonderung" (die sie nicht als "Eliminierung" einstufte) diskutierte Civiltà cattolica die "Vertreibung" der Juden. Außerdem schlug sie eine noch extremere Lösung der vermeintlichen Judenfrage vor, in eigenen Worten: "drastisch feindselig" durch "Vernichtung". Diese autoritative vatikanische Zeitschrift machte also im Jahr 1937 – nach den Nürnberger Gesetzen, als die Deutschen die Juden fester in die Zange nahmen – unmissverständlich klar, dass ihr Antisemitismus (auch wenn sie den Begriff ablehnte) auf Ausschaltung zielte, und obendrein erörterte sie die Vernichtung der Juden als eine tatsächlich denkbare Möglichkeit.

Typisch jesuitisch


Diese maßgebliche Zeitschrift des Vatikans verrät uns, wie schrecklich die dämonischen Vorstellungen der Kirche von den Juden waren – so schrecklich, dass dieses Kirchenorgan es logisch fand, eliminatorische Lösungen zu wählen, so schrecklich, dass Vertreibung und Massenvernichtung sich als selbstverständliche Folgerungen aus ihrer Vorstellung von den Juden ergaben. Sie ging davon aus, dass ihre Leser (Geistliche, Redakteure katholischer Zeitungen und Zeitschriften auf der ganzen Welt) auch ohne umständliche Erläuterung verstanden, warum man die Vernichtung der Juden als notwendig betrachtete und sie als geeignete Lösung erachten konnte – und warum die vatikanische Zeitschrift, die den Ansichten des Papstes und seines Staatssekretärs entsprechen musste, sie als solche präsentierte, auch wenn sie am Ende solche Lösungen als unchristlich verwarf. Stattdessen rief sie ihre Leser auf, den Juden gegenüber christliche Nächstenliebe zu beweisen, in der Hoffnung, dass diese sich besserten.
Nun hatten Civiltà cattolica und die Kirche jedoch die Juden seit Jahrzehnten beharrlich als unverbesserliche Gefahr für das Wohl der Welt dargestellt. Warum hätte ein Katholik, der die Juden für so gefährlich hielt, in diesen Worten christlicher Nächstenliebe ein wirksames Rezept sehen sollen? Warum hätte er sich für etwas anderes als eine der eliminatorischen Lösungen entscheiden sollen?

Die Verwandtschaft zwischen dem Antisemitismus der katholischen Kirche und dem modernen Antisemitismus, ja sogar dem Antisemitismus der Nationalsozialisten blieb auch von den Antisemiten übelster Prägung nicht unbemerkt. Das NS-Blatt Der Stürmer und Il Regime fascista, die Zeitung der italienischen Faschisten, lobten Civiltà cattolica als antisemitisches Vorbild. Il Regime fascista meinte 1938, alle Länder, auch Italien und Dtl., hätten "von den Patres der Gesellschaft Jesu noch viel zu lernen".